September 2016 / Imke Trostbach / Illustratorin / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Imke Trostbach - 1

Wir leben in einer Zeit, in der Kunst ein hohes Ansehen genießt. Viele Menschen sind an Kunst interessiert. Profitieren davon auch die Illustratoren?
Ich bewege mich in einem Umfeld, in dem viele sich im weitesten Sinn mit irgendeiner Kunstform beschäftigen: entweder selber ausführen, vermitteln, sammeln, Kunst als Brückenfunktion ausüben, sie im therapeutischen Kontext verwenden oder Kunst als reine Wertanlage betrachten. Mir scheint jedoch, dass wir gerade in Berlin in einer Blase leben und außerhalb dieser für andere Leute ganz andere Dinge Priorität haben.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Ausstellungsflyer in der Hand, auf dem der Satz stand "Most art says nothing to most people." Ich befürchte leider, dass an diesem Satz einiges dran ist.

Illustration erscheint mir im Verhältnis zugänglicher, da sie in der Regel "lesbarer", weniger abstrakt ist. Die Zeiten, in denen Illustration z.B. ausschließlich mit Kinderbüchern in Verbindung gebracht wurde, sind jedoch vorbei. Und nichts gegen Kinderbücher! Im Gegenteil. Als ich begann, mich mit Illustration zu beschäftigen, schienen sie die kleinen Schwestern der Kunst zu sein. Oft wurde von "Bildchen" gesprochen.

Die Verwendung von Illustration hat über Printmedien hinaus Einzug in viele Bereiche gehalten wie z.B. Packaging, Produktdesign, Werbung, Bühnenbild und sich vom Angewandten ins Freiere gelöst. Die Übergänge sind fließender geworden. Ihren künstlerischen Wert würde inzwischen ein seriöser Kritiker nicht mehr in Frage stellen, was natürlich auch davon abhängt, welche Illustratorin/Illustrator man ins Feld führt. Als großer Wegbereiter für Illustration fällt mir Armin Abmeier ein, der z.B. die Buchkunst sehr gefördert hat.

Wie unterscheidet man Illustration von Cartoons oder Comics? Gibt es da eine klare Trennung? Als Laie ist die Trennung manchmal gar nicht so einfach zu ziehen.
Zwischen Cartoon, Comic und Illustration gibt es viele Mischformen. Eine Illustration bezieht sich zunächst auf einen Text oder einen Begriff, der verbildlicht oder "erleuchtet“ wird. Das Bild wächst aus dem Wort.
Unter Cartoon verstehe ich ein Einzelbild, mit oder ohne Text, das einen Bildwitz transportieren soll. Die Schärfe des Humors kann dabei sehr breit gefächert sein. Ich finde z.B. Gary Larson recht unterhaltsam.

Beim Comic müssen mindestens zwei Bild-Sequenzen vorhanden sein, die eine Geschichte erzählen, mit oder ohne Text. Sehr gut erklärt ist die Definition in Scott McCloud's "Comics richtig lesen“. Übrigens ein super Comic über Comics! Vom Comicstrip bis hin zur inzwischen hoch geschätzten Graphic Novel gibt es ein sehr breites Spektrum an Genres. Ich kenne viele Illustratorinnen und Illustratoren, die vom Illustrieren zum Comic-Zeichnen gekommen sind, und kann mich da einreihen. Diese Entwicklung ergibt sich zwangsläufig, sobald man eine Geschichte erzählen will.

Hast du schon mal daran gedacht, deine Illustrationen zu animieren?
Während des Studiums hatte ich mal einen Trickfilm und auch Daumenkinos gemacht, habe aber diese Spur nicht weiter vertieft. Näher liegt für mich das Comic-Zeichnen. Man muss dabei ebenso szenisch denken und einzelne Bilder dramaturgisch so anordnen, dass beim Lesen ein innerer Film entsteht.

Wo siehst du zukünftig noch für die Illustration neue Felder (z.B. Alltag, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc.), in die sie bisher noch keinen Einzug gehalten hat?
In diesen Bereichen sind bereits überall Illustrationen vorhanden, natürlich nicht vordergründig, aber ergänzend zu Texten, Filmen oder Vorträgen. Ein neues Feld könnte vielleicht die Verwendung von Illustration in Behörden sein. Graue Antrags-Formulare oder (Verbots-)Schilder würden möglicherweise etwas ansprechender erscheinen. Oder jedes Amt bekäme seinen (Comic-)Character verpasst. Die Bahn hat z.B. ihren Maulwurf, der unter anderem unangenehme Nachrichten auf sympathische Weise transportiert. Warum sollte das im öffentlichen Dienst nicht auch funktionieren?

Fertigst du deine Illustrationen per Hand oder mit dem Computer an?
Sowohl als auch. Je nachdem, welche Technik ich verwende. Ich zeichne meistens eine Bleistiftlinie vor und ziehe diese mit einer schwarzen Outline nach. Für die Flächen verwende ich gerne selbst hergestellte Strukturen, z.B. Frottagen, Stempel-Abdrücke, Stoffe oder gemusterte Papiere. Alles Weitere entsteht nach dem Scannen von Linien und Flächen anschließend am Computer. Das 'Problem' dabei ist, dass man im herkömmlichen Sinn kein Original hat und deshalb male ich hin und wieder eine Illustration mit 'echten' Farben.

Was kannst du mit dem Computer besser als mit der Hand?
Für mich ist das Arbeiten am Rechner insofern einfacher, als dass man viel schneller Testversionen von einem Bild erstellen kann. Die gestalterischen Möglichkeiten fühlen sich grenzenloser an. Meine Gewohnheit, meine analogen Zeichnungen digital weiterzubearbeiten, verschafft mir zwar so etwas wie Sicherheit. Sobald ich aber ausschließlich einen Bleistift oder einen Pinsel verwende, ist der Arbeitsprozess ein ganz anderes sinnliches Erlebnis. Nach einer längeren Arbeitsphase am Computer ist z.B. eine Illustration in Acryl zu malen sehr wohltuend.

Wolltest du schon immer Illustratorin werden?
Nein, nicht in dieser konkreten Form. Ich wollte eher Grafikerin werden oder Kunstlehrerin. Inzwischen mache ich, nachdem ich nach meiner ersten Ausbildung in Visueller Kommunikationan der UdK noch "Kunst im Kontext" studiert habe, von allem etwas. Neben der Illustration arbeite ich unter anderem in kunstvermittelnden Projekten z.B. mit Menschen mit einer autistischen Behinderung, mit dementen Seniorinnen oder an Schulen.

Gerade in interdisziplinären Projekten ergänzen sich konzeptionelle Ideen, mein Sinn für Grafisches, Zeichnung und Kunstvermittlung ziemlich gut.

Welches war dein bisher spannendstes Projekt?
Das fortlaufende Projekt mit Autisten. Bis heute arbeite ich gemeinsam mit der Kunsttherapeutin Sabine Olearius mit einer kleinen Gruppe autistischer Künstler.

Bei unseren Projekt-Teilnehmern setzen wir immer ein Potential voraus, das wir mit unseren eigenen künstlerischen und vermittelnden Fähigkeiten fördern. Wir sind immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie sich Autisten auf der Bildebene künstlerisch interessant mitteilen und entwickeln können.

Der Anfang war jedoch sehr schwierig, was mit ihrer eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit und den stereotypischen Verhaltensweisen zusammenhängt. Eine tragfähige Beziehung aufzubauen, kann deshalb sehr lange dauern. Bis dahin hat man einige brenzlige Situationen mit durch den Raum fliegenden Pinseln hinter sich.

Umso schöner ist es zu sehen, wie sich unsere Impulse und Geduld auf vielen Ebenen für alle auszahlen. Einer unserer Teilnehmer schreibt z.B. seine Bilder mit einem unbeirrbaren Selbstverständnis, bei denen Schrift-Überlagerungen entstehen, die irgendwann zu einem Wörterschwarm anwachsen. Mich beeindruckt dabei die Absichtslosigkeit des Handelns im Verhältnis zum Ausdruck des Bildes.

Künstlerisches Arbeiten bietet Autisten eine weitere Möglichkeit der Kommunikation und bildet eine Brücke zur Außenwelt. Wir beobachten immer wieder mit Freude, wie sie über ihre Bilder innerhalb einer Ausstellung Kontakt zu den Betrachtern aufnehmen und Anerkennung bekommen.

Einige Bilder der Gruppe wurden bereits in der Documenta-Halle ausgestellt. Im Rahmen von Anke Beckers Konzept „Anonyme Zeichner“ werden sie außerdem regelmäßig in Berliner Galerien gezeigt. Diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit macht die Teilnehmer, ihre Angehörigen und uns natürlich sehr stolz.

Du hast deine Abschlussarbeit im Studium über das Thema "Heimat" realisiert. Wie hast du das Thema umgesetzt? Was war dir wichtig?
Mir war wichtig, den Staub von dem Begriff „Heimat“ zu pusten. Damals war das noch ein ziemlich kontroverses Thema, was im historischen Kontext nur allzu verständlich ist. Für mich hat Heimat jedoch nichts mit einem Ort zu tun, an dem sich Generationen verwurzeln, sondern ist eher etwas, das Fragen nach Identität aufwirft.

Nach einigen Auslandsaufenthalten und einer gefühlten geografischen Heimatlosigkeit fand ich es interessant herauszufinden, was Heimat eigentlich ist oder sein kann. Dabei stellte ich fest, dass in meinem Gefühl von Heimat viel Bewegung drin ist. Es hat vor allem mit Freunden und Familie zu tun. Meine Abschlussarbeit besteht aus einem Koffer, auf dem eine Blindprägung des Wortes „Heimat“ zu lesen ist. Im Koffer selbst sind Objekte enthalten, die auf spielerische Weise die Position zu meinem Begriff von Heimat widerspiegelt, wie z.B. in Form eines Memory-Spiels aus Kindheitserinnerungen, eines Erste-Hilfe-Sets gegen Heimweh mit abschreckenden Bildern von deutschen Klischees sowie vier großen Ansichtskarten mit persönlichen Motiven von Orten, an denen ich mich zuhause gefühlt habe. Die Anzahl dieser Ansichtskarten könnte ich inzwischen erweitern.

Wie schneidet dein jetziger Wohnort Berlin in deinem persönlichen Heimatgefüge ab?
Inzwischen habe ich hier Wurzeln geschlagen, auch wenn ich dennoch nicht von mir behaupten werde, Berlinerin zu sein. Ich glaube, dass es vielen ähnlich geht, die kurz nach der Wende aus anderen Bundesländern hierher gezogen sind. Man ist mit dem unfertigen Berlin mitgewachsen, hat sich neu eingerichtet, die Stadt vielleicht ein bisschen mitgeformt und ist hier hängen geblieben. Fast mein gesamter Freundeskreis wohnt immer noch in den Kiezen aus der Studentenzeit, mittlerweile mit Familie. Früher war mein Bedürfnis nach Großstadt stärker, inzwischen fände ich einen Wald vor der Haustür auch nicht schlecht.

Hinweis: Imke Trostbach und ihre Arbeiten kann man live in "Die Lange Nacht der Illustration" am 30. September von 17 - 24 Uhr erleben. Standort: Fehrbelliner Str. 6 in Berlin-Mitte

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Imke Trostbach ist 1973 in Göttingen geboren. Sie studiert Visuelle Kommunikation und Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin. Während des ersten Studiums geht sie ein halbes Jahr ans Vital Tel-Aviv Center for Design-Studies in Israel, wo sie vor allem ihren eigenen Illustrationsstil findet. Mit dem Diplom der UdK in der Tasche macht sie sich selbständig und illustriert seit 2001 für Verlage, Zeitungen, Magazine und Werbekunden. Zu ihren Kunden gehören Der Tagesspiegel, Die Zeit, Strapazin, chrismon, Senkenberg-Naturmuseum, Rowohlt und die Sparkasse. Ihre Arbeiten haben in Form von Auszeichnungen schon viel Anerkennung bekommen, u.a. 2002 mit dem Art-Directors-Club-Award in Silber und 2008 mit dem European Newspaper Award. www.trostbach.de

 

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