Oktober 2016 / Daniel Becker / Designer / Berlin-Mitte

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Was ist dir am wichtigsten: Schönheit, Funktionalität oder Ergonomie?
Eine gewisse Funktionalität ist letztlich die Grundlage jedes Produkts. Wenn Dinge nicht funktionieren, hat niemand Freude daran.

In meinem Design spielt Atmosphäre eine große Rolle. Dadurch, dass ich viele Leuchten gestalte, ist das ein ganz zentraler Punkt. Mich beschäftigen dabei die Fragen: Welche Stimmung erzeugt das Produkt im Raum, und wie kann man Räume auch über den Einsatz von Lampen über das natürliche Licht hinaus verändern bzw. verbessern?

Die Frage für mich ist daher: Ist Funktionalität nur das, was wir in Deutschland unter Funktionalität verstehen – im Sinne einer Maschine, die vernünftig läuft, die zuverlässig und harmonisch funktioniert –, oder ist beispielsweise auch Atmosphäre ein funktionaler Aspekt? Das heißt, funktioniert der Raum, die Wohnung, das Haus? Fühlt man sich darin wohl, kann man dort gut schlafen, leben, kochen, vielleicht arbeiten? Und hat das vielleicht auch etwas mit gutem Licht darin zu tun? Das ist auch ein Aspekt der Funktionalität, der aber hierzulande nicht unbedingt gelehrt wird.

Wo wird er gelehrt? In Skandinavien?
Tendenziell eher dort. Das traditionelle deutsche Design ist recht dogmatisch. Es öffnet sich langsam, ist aber leider häufig immer noch etwas eindimensional. Wenn man früher nach Italien geschaut hat und heute nach Holland, Großbritannien und Skandinavien, dann sieht man, dass dort auch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie etwa: Es muss eine gewisse Wärme ausstrahlen oder besonders innovativ oder luxuriös sein. Stellenweise muss es auch einen gewissen Unterhaltungswert besitzen. Aber jede Nation hat letztlich ihre Vorlieben, und ich freue mich andererseits auch darüber, dass wir alle nicht die gleichen Ideale vertreten.

Was sind deine Maxime als Designer?
Ich entwerfe definitiv nicht so, dass jeder damit einverstanden ist. Ich höre immer mal wieder, dass meine Objekte eigenwillig seien. Ich bin der Überzeugung, dass Gestaltung Charakter braucht und auch anecken muss. Nicht alles kann und sollte jedem gleich gut gefallen. Mir ist völlig bewusst, dass nicht jedes Möbel, jede Leuchte in jeden Raum passt. Ich finde, mit diesem Anspruch sollte man auch nur selten an Design herangehen. Es ist dann entscheidend, wenn man ein Produkt entwirft, das eine große Anzahl unterschiedlichster Menschen gleich gut benutzen können muss. Das Smartphone ist solch ein modernes Beispiel. Es gibt natürlich eine gewisse Vielfalt an Smartphones auf dem Markt, aber letztlich hat sich über die Jahre eine Form und ein Bedienungskonzept herauskristallisiert, das bei allen im Grundsatz relativ ähnlich ist.

Was sind für dich die Herausforderungen in deinem Beruf?
Die sind von Projekt zu Projekt ganz unterschiedlich. Ich habe beispielsweise jüngst an einer Leuchte für den Hotelbereich gearbeitet. Mein Kunde suchte nach einer neuen Leuchte, die als Familie funktioniert – von einer Nachtischlampe über einer Wand- und Decken- hin zu einer Stehleuchte. Im Endeffekt suchte er also einen Lampenschirm, der produktionstechnisch leicht abwandelbar sein sollte. Die Lampe sollte natürlich auch möglichst neu sein, keine Wiederholung von etwas, was schon auf dem Markt existiert und trotzdem leicht und günstig zu produzieren sein.
Man stelle sich vor, ein Hotel mit 500 Zimmern wird gebaut, und in jedem Zimmer sind zwei Tischleuchten. Das sind für ein einziges Hotel 1.000 Leuchten, was für die Firma, mit der ich arbeitete, eine große Zahl ist. Zehn Euro Mehrkosten in der Fertigung machen dann schon einen großen Unterschied. Da muss das Thema Effizienz in der Produktion sehr wichtig sein. In diesem Fall gab es also eine recht strenge Liste an Parametern, an denen ich mich entlangarbeiten konnte bzw. musste.
Ein anderes Beispiel ist ein persönlicher Entwurf, an dem ich zuletzt gearbeitet habe. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Es handelt sich aber um ein modulares System, das formal und technisch sehr innovativ sein soll. Der grundsätzliche Ansatz ist gemacht. Allerdings ist die Technik, die dort idealerweise eingesetzt werden soll, noch nicht weit genug. Man könnte einen vergleichbaren Effekt zwar mit bereits vorhandener Technik hinbekommen, aber die Frage ist: Sollte man mit diesem Entwurf jetzt schon in die Welt hinausgehen oder sollte man lieber warten, bis sich die Lichttechnik weiterentwickelt hat, um das Ganze dann in einer idealen Form zu präsentieren?

Hast du schon mal von einem Design geträumt und es dann real umgesetzt?
Ja, in Tagträumen. Das sind meistens Träume von Formen oder Momenten. Momente, die eine gewisse Stimmung haben, die ich dann in einem Objekt einzufangen versuche.

Was inspiriert dich?
Inspirierend sind für mich immer Ausstellungen, Musik und Filme. Wenn ein Regisseur in einer Szene eine ganz dichte Atmosphäre geschaffen hat und eine Emotion entsteht. Das hat ganz oft mit Licht und Farben zu tun. Solche Momente versuche ich dann in meine Produkte zu übertragen.

In letzter Zeit habe ich mit Ausstellungsdesign angefangen. Wenn es z.B. um ein historisches Thema geht, ist der Aspekt Atmosphäre auch wieder sehr wichtig. Wie kann man Menschen ein Thema nicht nur auf eine sachliche Art vermitteln, sondern sie auch emotional mitnehmen? Die Meinungen gehen auch hier wieder auseinander. Einerseits kann man sich mit einer emotionalen Gestaltung möglicherweise besser in die Zeit hineinfühlen. Andererseits könnte man auch anmerken, dass man eine gewisse Distanz behalten muss, um eben nicht zu sehr beeinflusst zu werden.

Wenn man eine Ausstellung mit einem sehr starken Charakter gestaltet, gibt man natürlich auch etwas vor. Das ist aber manchmal nicht unbedingt erwünscht. Historiker würden anmerken, dass man nicht vorschnell bewerten soll, sondern stattdessen sämtliche Parameter betrachten muss. Andernfalls läuft man Gefahr, tendenziös zu werden. Wenn man beispielsweise einen bestimmten Aspekt zu sehr hervorhebt, z.B. das Leid einer Bevölkerungsgruppe in einem kriegerischen Konflikt, verkennt man eventuell auch die andere Seite. Das ist natürlich ein Extrembeispiel. Ich will damit aber ausdrücken, dass Gestaltung auch Einfluss auf den Inhalt nehmen kann.

Was machst du mit Ideen, die du nicht umsetzt? Kommen die auf eine Liste oder verschwinden die wieder aus deinem Gedächtnis?
Das kommt darauf an. Es gibt gewisse Stadien. Ich habe viele Skizzen von groben Ideen sozusagen "in der Schublade". Manche bleiben eine Skizze, andere entwickle ich ständig weiter. Ich habe einige fast fertige Entwürfe, die man mit wenig Aufwand sofort produzieren könnte. Dazu brauche ich aber auch den entsprechenden Partner. Ich müsste z.B. einen Lampenhersteller finden, der das Ganze umsetzen möchte.
Letztlich ist das eine Budgetfrage. Man müsste einen Prototyp anfertigen, sich auf Messen präsentieren. Wenn man eine nicht versiegende Geldquelle auftun könnte, könnte man alle Ideen schnell umsetzen, unabhängig von deren (kommerziellem) Erfolg. Wenn dem aber nicht so ist, muss man sich genau überlegen, welcher Entwurf das größte Potenzial haben könnte und die Entwicklungskosten wieder reinbringt.

Wann bist du am kreativsten?
Ideen kommen tatsächlich relativ spontan. Der berühmte Gedanke beim "unter der Dusche stehen" entspricht schon meiner Erfahrung. Plötzlich hat man eine Idee, die man dann aber noch nicht ganz konkret denkt.
Manchmal funktioniert es auch, sich hinzusetzen, sich abzuschotten und konzentriert stundenlang in ein Thema einzuarbeiten, um dann eine Idee zu erarbeiten. Das ist insbesondere dann sinnvoll, wenn das Grundkonzept für ein Objekt schon da ist, und man nur noch eine bestimmte Lösung für die Form oder für Details finden muss. Das würde ich jetzt aber nicht unbedingt als kreatives Arbeiten bezeichnen. Das ist eher ein Ausarbeiten. Die guten Ideen kommen einfach, glücklicherweise. Meiner Meinung nach hat das aber sehr viel mit dem Input zu tun, den man als kreativ arbeitende Person ständig sucht. Dadurch, dass man sich ständig Kunst, Design, Kultur und anderem aussetzt, bauen sich natürlich Bilder im Kopf auf, die dann irgendwann in einer Idee münden.

Welche Erfindung wäre eine Bereicherung für dich?
Der perfekte 3D-Drucker, so dass der Kunde sich das Objekt direkt ausdrucken kann. Der Kunde kauft das Produkt, und es entsteht bei ihm zu Hause. Das wird kommen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Daniel Becker ist 1983 in Frankfurt/Main geboren. und in Offenbach aufgewachsen. Nach der Schule entschließt er sich für ein Studium zum Industriedesigner an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mit dem Diplom in der Tasche führt ihn sein Weg 2010 nach Berlin, wo er sein eigenes Designstudio gründet. Zu seinen Kunden gehören u.a. Google UK, Samsung Germany, Citibank Singapur, Kimidori Berlin und die Keramikmanufaktur Hedwig Bollhagen. Seine Entwürfe haben ihn schon einige Designpreis-Nominierungen und -preise eingebracht. 2016 ist er für den German Design Award für seine Möbelserie "Kimidori Berlin" ausgezeichnet worden. Im Oktober 2016 ist er zum ersten Mal auf der drittwichtigsten Designermesse Europas nach Mailand und Köln in Kortrijk/Belgien vertreten. www.danielbecker.eu

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