Mai 2016 / Ingeborg Heinemann / Filmausstatterin / Berlin-Schöneberg

Coco Berliner - Ingeborg Heinemann - 1

Wir sind auf dich aufmerksam geworden, weil ich den Kinofilm "Alone in Berlin" von Vincent Perez mit Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl auf der diesjährigen Berlinale gesehen habe und mir die ungewöhnliche Ausstattung des Film besonders aufgefallen ist. Für einen Film, der in der Nazizeit spielt, sind wenige übergroße Symbole des damaligen Regimes zu sehen. Alles ist sehr reduziert und wirkt authentischer. Hattest du für die Produktion besonders viele Freiheiten oder wurde diese Optik vom Regisseur so vorgegeben?
Ein Film über die Nazizeit kommt natürlich nicht ohne Hakenkreuz-Fahnen aus, aber wir haben uns im wesentlichen auf die Siegesfeier nach der Besetzung Frankreichs und auf das Gestapo-Hauptquartier konzentriert. Tatsächlich war ja im Alltag in Berlin damals nicht ununterbrochen geflaggt. Und im Grunde erfüllt auch ein kleines geschnitztes Hakenkreuz auf einer Holztäfelung im Gerichtssaal seinen Zweck. Es hängt dort klein und bescheiden über der Justizia und wirkt bedrohlich, weil wir wissen, welch unglaubliche Macht es repräsentiert. Ein Hakenkreuz hat einfach eine magnetische Wirkung. Man sieht es immer sofort, egal wie groß es ist.

Der Regisseur Vincent Perez und der Produktions-Designer Jean-Vincent Puzos kannten sich schon lange, und sie waren sich einig, dass man durchaus von den üblichen Bildern abweichen kann. Sie haben uns ermutigt, ungewöhnliche Dekorationen zu verwenden, und das hat großen Spaß gemacht.

Tatsächlich war der Geschmack in der Nazizeit ziemlich spießig, aber immerhin war man in Berlin und hatte die zwanziger und dreißiger Jahre mit Art Deco, Kokain und Frivolitäten erlebt. Das ist ja nicht spurlos verschwunden. Es war ein großes Vergnügen, gegen die erwartbare Ästhetik zu arbeiten und trotzdem historisch korrekt zu bleiben.

Was für ungewöhnliche Dekorationen sind das zum Beispiel?
Das ist für den Zuschauer wahrscheinlich kaum wahrnehmbar, wenn man gegen ein paar ungeschriebene Gesetze verstößt. So wie im Büro von Standartenführer Prall bei der Gestapo: Es ist tiefblau-violett gestrichen statt des üblichen grau/grün/beige – ein Wunsch von Jean-Vincent Puzos –, und wir haben über dem langen Sofa nicht den großen Historienschinken in die Mitte gehängt, sondern ein kleines Bild mit zwei fliegenden Enten über die linke Seite. Das sah schick aus und gleichzeitig etwas lächerlich, genau wie die SS-Offiziere, die dann auf dem Sofa saßen. Auf dem Sims stand ein Phallus Teufel ganz selbstverständlich neben der obligaten Deckelvase.

Wir haben dekorierte Fensterkästen an einen langweiligen Bretterzaun gehängt, der einen Spielplatz verdeckt, und in die winzige Dachwohnung der Jüdin, die ihr Geschäft und ihre große Wohnung verloren hatte, 70 große Holzkisten mit dem Hausrat aus ihrem früheren Leben zwischen die zu großen Möbel gequetscht -– ebenso absurd wie die Situation der Frau.

Es können immer nur Kleinigkeiten sein, die etwas neben der Erwartung liegen, denn es soll ja nicht vom Film ablenken. Aber in der Summe ergibt sich eine angenehme Lebendigkeit, auch während der Arbeit daran.

Was waren deine Inspirationsquellen für den Film?
Meistens ist eine gründliche Recherche der beste Anfang. Oft finden sich erstaunliche Fotos oder Geschichten, die dann ganz schnell die Fantasie in Gang setzen.

Es gibt herrliche Fotobücher aus der Zeit. Und natürlich sind die großen digitalen Bildarchive (Ullstein, Bundesarchiv, Getty) wunderbare Quellen. Im Netz findet man aber auch unglaubliche private Webseiten von Sammlern, Vereinen und Bloggern zu absolut jedem Thema.

Das Drehbuch und die Möglichkeiten am Motiv oder im Studio stecken dann die Grenzen ab, in denen man sich bewegt.

Wenn dann der Blick für die Zeit geschärft ist, stelle ich mir die Menschen vor, die in unserem Film leben. Nicht nur die Hauptpersonen, sondern alle möglichen, die hinter den Fenstern wohnen, die wir in einer Straße sehen.

In "Alone in Berlin“ versteckt zum Beispiel der alleinstehende pensionierte Richter die jüdische Dame im Zimmer seiner verstorbenen Tochter. Wir kennen das Mädchen nicht und wissen nicht, woran sie gestorben ist. Es hätte ein Unfall sein können, aber ich habe mir immer ein blasses, scheues, hüstelndes Kind vorgestellt, das zerbrechlich und kränkelnd dahinwelkte. Das Zimmer haben wir in hellblauen und blass grünen Himmelsfarben eingerichtet, verblichen, durchsichtig und zart wie Blütenblätter. Das ergibt sich, wenn man die Geschichten im Drehbuch weiterspinnt.

Du hast schon an vielen Kinofilmen mitgewirkt, die im Zweiten Weltkrieg spielen. Bestimmt hast du mittlerweile ein großes Grundwissen über diese Zeit. Musst du trotzdem – wie jetzt für "Alone in Berlin" – nochmal neu recherchieren, oder kannst du alles aus deinem Archiv zaubern?
Das ist verrückt. Ich denke oft, ich habe doch nun alles zum Dritten Reich gelesen und jedes Foto gesehen, aber dann bringen uns die Drehbücher immer zu anderen Ausgangspunkten und eröffnen eine andere Perspektive, und man ist auf einer neuen Fährte. Das ist jedes mal wieder spannend.

Das eigene Archiv ist aber sehr hilfreich, wenn es um die praktische Arbeit geht. Wenn man ganze Straßenzüge historisch einrichten muss, dann greift man oft zu bewährten Mitteln, um die modernen Elemente zu verstecken. Es gibt ja unzählige Werbungen, Parkschein-Automaten, Elektrokästen und Fahrradständer, die nicht ins Bild passen und die sich nicht entfernen lassen. Da hilft dann die Sammlung zeitgenössischer Fotos, und von der Litfaßsäule bis zum Ballonverkäufer mit 100 Luftballons wird alles eingesetzt, um unpassende Ecken zu verdecken.

Wie groß war dein Team beim Film "Alone in Berlin"?
Am Anfang der Vorbereitungszeit waren wir zu dritt in der Set-Dec-Abteilung. Das wuchs dann bis zum Drehbeginn auf circa 20 Leute an. Bei "Alone in Berlin" hatte ich Glück, dass die besten Leute Zeit hatten und mitgemacht haben.

Du kannst noch so viel planen, aber es kommt bestimmt vor, dass der Regisseur beim Drehen kurzfristig etwas umstellt und du mit deinem Team improvisieren musst. Gab es solche Momente in Görlitz, dem Drehort von "Alone in Berlin"?
Oh ja, diese Momente gibt es immer mal. Manchmal stellt der Regisseur oder der Kameramann bei der ersten Probe fest, dass eine Einrichtung doch nicht richtig funktioniert und man muss ein paar Möbel verschieben. Das ist kein Problem. Wenn sich aber in aufwändigen Außenbildern die Kameraposition ändert, dann heißt es "all hands on deck!".

In Görlitz hatten wir einen Platz eingerichtet, der zwei verschiedene Orte darstellte. Man sah also einen Blumenladen und einen Buchladen in Straße A und gegenüber war ein Schreibwarenladen, ein Schuster usw. in Straße B. Dann wurde für eine Szene spontan die Einstellung vor dem Schreibwarenladen so geändert, dass der Blumenladen und der Buchladen von gegenüber im Bild waren, also Straße A und B gleichzeitig. Wir hatten 20 Minuten, um die andere Straßenseite unkenntlich zu machen.

In dem vollen Blumenfenster haben wir dann Wolkenstores runtergelassen und links und rechts einen kleinen Efeu ins Fenster gestellt wie bei einem Beerdigungsinstitut, Markise hoch, Außendeko abräumen. Fertig. Im Buchladen die Deko raus, ein Fahrrad ins Fenster, ein Fahrrad umgedreht davor mit einem Schemel und einem Komparsen, der es repariert. Zack. Drehfertig.

Ohne ein gutes Team ist man in solchen Momenten aufgeschmissen. Aber alle denken mit, haben Ideen und sind findig. Das war wirklich ein großes Vergnügen.

Wie bist du zu deinem spannenden Beruf gekommen?
Als nach der Wende die ersten internationalen Filmproduktionen nach Berlin bzw. Babelsberg kamen, waren die Schlüsselpositionen noch ausschließlich von Amerikanern oder Engländern besetzt, und die brachten auch gleich ihre Assistenten mit. Ich habe damals als Koordinator im Art Department gearbeitet. An dieser Stelle braucht man Einheimische. Und so hat das angefangen.

Das Filmgeschäft ist seit dem ja ständig gewachsen, und ich bin mit der Branche "mitgewachsen" sozusagen und bin bald in die Deko-Abteilung gewechselt. Ich hatte das Glück, dass ich von erfahrenen Ausstattern wie zum Beispiel Sandy Wasco bei "Inglourious Basterds" lernen konnte. Und natürlich von Bernhard Henrich, der in diesem Jahr als erster deutscher Set Decorateur für den Oscar (für "Bridge of Spies" von Steven Spielberg, Anm. d. Red.) nominiert war. Es gab eine Menge Leute, die mir weitergeholfen und die mir vertraut haben. Ich hatte echt Glück.

Wofür liebst du deine Arbeit?
Das Schöne an der Arbeit ist grundsätzlich die Abwechslung, dass man nicht weiß, was man nächstes Jahr um diese Zeit macht. Man betritt dann bei jedem Projekt eine neue Welt, denkt sich etwas aus und darf es umsetzen. Man bekommt das Geld und die Infrastruktur für eine tolle Crew und kann zusammen die verschiedensten Orte herrichten und manchmal komplett verändern. Dabei dreht man in Schlössern, im Wald oder in leerstehenden Gefängnissen. Man darf in die Keller, auf die Dachböden und in die Hinterzimmer. Das ist wunderbar.

Zwischendurch verliert man die ganze Herrlichkeit bei der Hektik und Arbeit und dem notorischen Geldmangel auch aus den Augen, und man flucht und rennt im Kreis. Aber wenn ein Set dann fertig und gelungen ist, und man ein paar Augenblicke hat, bevor Beleuchter und Kameraleute den Laden stürmen, das ist sehr befriedigend.

Wann ist ein Set für dich ein gelungenes ausgestattetes Filmset?
Allgemein gilt ja, dass die Ausstattung dann gelungen ist, wenn man sie nicht wahrnimmt. Das heißt, dass man sie einfach glaubt und sie also zum Film passt. Dabei muss sie zum Beispiel in einer Wohnung den Charakter der Bewohner widerspiegeln und unterstreichen. Einfach gesagt: Liegen auf dem Nachttisch Tabletten und ein Blutdruckmessgerät oder steht da das Nagellackfläschchen neben der Pralinenschachtel?

Das ist sozusagen der Pflichtteil.

Idealerweise hat man manchmal die Gelegenheit, die Zeit und das Geld für eine Kür, und man kann wirklich ins Detail gehen. Wenn man dann ein Restaurant eingerichtet hat, stehen plötzlich Passanten da und fragen, ob ein Tisch frei ist.

In Görlitz war in einem seelenlosen leerstehenden Laden mit weißer Raufasertapete und grauem Nadelfilz eine Alt-Berliner Kneipe geplant. Es gab keine Handlung in dieser Kneipe, aber die Fenster sollten offen stehen und die Kamera blieb draußen und sah hinein... nur eine langsame Vorbeifahrt. Wir haben also Kneipenmobiliar gemietet: Tresen, Buffet, Vertäfelungen. Es wurde gehämmert und gestrichen und eingerichtet. Schön. Aber dann hatten wir tatsächlich noch etwas Zeit und konnten einfach nicht aufhören. Obwohl nur ein Nebenset, war am Ende doch Leben drin: von Soleiern und sauren Gurken bis zu handgeschriebenen Garderobenschildern und fettigen Spielkarten. Vielleicht sieht es niemand, aber vielleicht ja doch. Wenn man meint, den Zigarrenqualm im Kneipenset zu riechen, dann ist es gelungen.

Hast du eine Lieblingsgeschichte (Roman, Theaterstück etc.), die du liebend gern auf der Leinwand sehen möchtest und für du dich sehr gerne als Ausstatterin ins Zeug legen möchtest?
Hm, das ist schwierig. Ich denke automatisch an historische Themen, in denen verschiedene Welten aufeinandertreffen. Die Romane, die mir spontan eingefallen sind, wurden alle schon verfilmt, zum Beispiel "The Go-Between" von Leslie Poles Hartley. Da steht es schon im Titel: Jahrhundertwende in England. Der Protagonist transportiert heimliche Botschaften zwischen der Lady aus dem Herrenhaus und dem Pächter. Eine tolle Aufgabe für einen Ausstatter - go between aristokratischer Opulenz im Salon und praktischer Schlichtheit im Dorf. Aber das ist Joseph Losey schon vor fast 50 Jahren aufgefallen...

Nichtsdestotrotz wünschen wir dir für die Zukunft noch ganz viele spannende historische Stoffe, die dich als Filmausstatterin begeistern und die du mit deinem kreativen Know-how prägen wirst.

Hinweis: Der Kinofilm "Alone in Berlin" startet am 17. November 2016 in Deutschland.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Ingeborg Heinemann ist 1954 in Delmenhorst geboren und wächst dort auf. Ihre Eltern betreiben ein Ladengeschäft für Mode und Berufsbekleidung. Sie beginnt ein Mathematikstudium in Bremen und zieht 1981 nach Berlin, wo sie zu Slawistik und Osteuropäischer Geschichte wechselt.
Für die in Berlin gedrehten Hollywoodfilme "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" (2008), "Inglourious Basterds" (2009), "Cloud Atlas" (2011) und "Monuments Men" (2013) ist sie als Ausstattungsassistentin tätig. Als Filmausstatterin hat sie u.a. die Filme "Elly Beinhorn - Alleinflug" (2013), "Zeit für Legenden" (2014) und "Alone in Berlin" (2015) eingerichtet.

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