März 2016 / Iris Czák & Marei Wenzel / Locationscouts / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Iris Czák & Marei Wenzel - 1

Wie beschreibt ihr jemanden euren Beruf, der nichts mit Medien zu tun hat und der so gut wie nie ins Kino geht?
Marei: Wenn du einen Spielfilm anschaust, siehst du Zweierlei: die Schauspieler und die Schauplätze.
Locationscouts sind für das Finden der Schauplätze zuständig. Wir bekommen das Drehbuch des Filmes und fangen an, uns Gedanken darüber zu machen, wo dieser Film spielen könnte. Wir recherchieren, suchen und fotografieren Orte, an denen wir uns die Umsetzung der einzelnen Filmszenen vorstellen können. Durch unsere Fotos wird ein Drehbuch also zum ersten Mal visualisiert. Das ist der Anfang des ganzen kreativen Prozesses des Filmemachens.

Iris: Im Austausch mit den Kollegen aus Regie und Szenenbild suchen wir gemeinsam nach der stimmigen, gewünschten Atmosphäre für den Film, einem roten Faden', der sich durchzieht und die Wahl der Orte widerspiegelt.

Was macht es für euch so angenehm, die Locationscout-Arbeit zu zweit zu bestreiten?
Marei: Iris und ich haben uns ja in einer Fotoschule kennengelernt, und uns verband von Anfang an das Interesse an besonderen Orten. Eigentlich war der erste gemeinsame Auftrag ein Eigenauftrag zu Fotoschulzeiten: Wir haben die ehemaligen Tagebaugebiete der Oberlausitz bereist und monatelang fotografiert. Iris hat sich auf Landschaften konzentriert, und ich habe nach Vorlagen aus Westernfilmen Menschen und Orte inszeniert.

Wir haben in einer kleinen Landpension gewohnt. Iris ist mit einem klapprigen Fahrrad losgezogen und ich mit einem alten Mercedes. Abends haben wir uns in leeren Dorfkneipen erzählt, was wir gesehen haben. In diesen lauen Sommerabenden mit abgestandenem Bier in den Kneipen von Ortrand, Lauchhammer, Calau und Annahütte entstand die Überzeugung, dass wir ein gutes Team sind.

Mittlerweile arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren zusammen. Wir werden zwar in der Regel nicht für die selben Filme beauftragt, können uns aber natürlich dennoch über unsere Projekte austauschen und uns unterstützen. Wir haben ein gemeinsames Büro und ein gemeinsames Archiv. Es tut gut, dass wir nach Arbeitstagen, an denen wir immer alleine unterwegs waren, unsere Erfahrungen teilen können. Zudem ist die Auswahl in unserem Locationarchiv natürlich vielfältiger und bunter durch unser beider Dazutun.

Iris: Mir ist besonders wohl, mit Marei zu arbeiten und über Motive zu sprechen, da ich weiß, dass sie ein tieferes Gespür für das Wesen bzw. die Seele von Orten hat, und nicht nur einfach die Oberfläche sieht.

Könnt ihr euch an das erste Mal erinnern, als ihr losfuhrt und was finden musstet? Wie war diese Erfahrung, und was habt ihr gefunden? Waren die Auftraggeber zufrieden?
Marei: Der erste gemeinsame Auftrag von Iris und mir – und mein erster Job als Locationscout überhaupt – war ein Kindermärchenfilm, für den wir eine besondere Lichtung und Teiche im Thüringer Wald suchen sollten. Ich erinnere mich, dass wir mit Thüringer Forstangestellten Termine gemacht hatten – es war auch eine Frau Reh dabei – und diese zeigten uns dann großzügigerweise die schönsten Flecken ihres Revieres.
Und dann, schwierige Situation: Es war April, und es hatte nochmal einen späten, aber umso tieferen Schnee gegeben. Der Film sollte jedoch im Hochsommer gedreht werden, in einem Wald mit möglichst viel Unterholz, es gab viele Versteckszenen...
Unsere Imagination war gefragt. Iris hat kleine Videos gedreht, und ich habe fotografiert – damals noch analog. Die zufriedenen Auftraggeber entschieden sich am Ende für eine schneearme Gegend am Fuße des Thüringer Waldes.
Ich fand diese Reise großartig und wollte mehr davon... und habe seitdem tatsächlich auch schon einige Filme in Thüringen betreut. Als Reminiszenz an die Anfänge war mein intensivstes Thüringer Projekt dann ein Winterfilm – der "Werther" von Uwe Janson.

Iris: Oja, das war lustig. Wir waren kniehoch im Schnee, alles war kahl, und wir mussten uns einen üppigen, verwunschenen Dschungelwald vorstellen....sehr surreal! (lacht).

Mein erster Auftrag war die Suche nach der Wohnung einer alten Dame in einem heruntergekommenen Plattenbaugebiet am Berliner Stadtrand. Das war für den Kinofilm „Die Unberührbare“ von Oskar Roehler im Jahr 2000. Die Wohnung sollte unrenoviert sein, mit altmodischen Tapeten an den Wänden, einer melancholisch, verlorenen Grundstimmung und großzügig vom Schnitt. Ich weiß noch, wie ich anfangs recht schüchtern war und mich überwinden musste, an fremden Türen zu klingeln.

Es war das klassische 'Learning-by-doing' – auf alte Namensschilder zu achten oder vergilbte Vorhänge vor den Fenstern, den Hausmeister um Rat fragen, mit den Nachbarn sprechen, Vertrauen gewinnen.
Das mit der Scheu ist ziemlich schnell weggegangen und mir ist klargeworden, dass der Auftrag Motive für Filme zu suchen ein ideales, unkompliziertes "Eintrittsticket" in die unterschiedlichsten Lebenswelten bedeutend. Das fand ich damals wie heute immer wieder sehr inspirierend, auch in Bezug auf eigene Fotoprojekte.

Auf welche Aspekte achtet ihr bei der Locationsuche? Gibt es generelle Aspekte diesbezüglich? Was muss alles zusammenpassen, damit ein Ort für euch in Frage kommt?
Iris: Hmm, das ist schwierig so allgemein zu sagen. Es gibt inhaltlich und atmosphärisch gesehen immer wieder neue Anforderungen, die ein gewünschtes Motiv erfüllen sollen. Generelle Aspekte gibt es eher im pragmatisch/logistischem Bereich: Lage, Größe, Budget.

Zum Beispiel werden Wohnungen als Drehorte in der Regel bevorzugt, die im Erdgeschoss oder im ersten Stock liegen, ganz einfach weil diese leichter zu leuchten sind. Falls die Wohnung deutlich höher liegt, muss es unbedingt einen Aufzug geben, sonst müsste die arme Crew jedes einzelne Stativ zu Fuß hochschleppen, nicht gut für die Stimmung. Ungünstig für die Stimmung sind des Weiteren lange Autofahrten und schlechte Parkplatzsituation. Wir achten darauf, dass die Drehorte in einer vernünftigen Entfernung vom Produktionsbüro liegen, bei ländlichen Motiven ist die Regel nicht länger als eine Stunde Fahrtzeit.

Generell sind größere Räume angenehmer als kleine – und doch kann für einen ganz bestimmten Film die "Enge" eines Motivs genau richtig sein. Ich erinnere mich an ein WIRKLICH kleines, aber sehr charmantes Reihenhaus, das als Hauptmotiv für einen TV-Film über eine Patchworkfamilie ausgewählt wurde ("In der Familie", Regie: Stefan Krohmer, 2015). Das Drehteam hat dort insgesamt zwei Monate gedreht, alle mussten auf Socken laufen, flüstern, keine ruckartigen Bewegungen machen, ausgesprochen höflich zu den Nachbarn sein, und sich insgesamt so achtsam wie nur irgendwie möglich verhalten. Die Produktionsfirma war anfänglich ENTSETZT und wollte die Wahl des Motives unbedingt abwenden, konnte aber letztendlich von der kreativen Abteilung überzeugt werden. Am Ende waren alle glücklich über die "Authentizität" der gewählten Location.

Marei: Ja, unsere Suche ist zunächst immer eine Visuelle. Die Orte sollten die Geschichte und die Atmosphäre des Films transportieren, und die jeweilige Szene muss in ihnen umsetzbar sein. Aber die technischen und logistischen Anforderungen, die ein Filmdreh erfordert, muss ein Ort eben auch erfüllen können, sonst kann er kein Drehort werden.

Was fordert eure Kreativität heraus, wenn es um die Geschichte und die Atmosphäre des Films geht, ausgenommen der pragmatischen und logistischen Aspekten?
Iris: Motive zu suchen, ist dann ganz besonders herausfordernd, wenn wir es mit einem Drehbuch zu tun haben, das nicht alles auserzählt - wenn es darum geht, Orte zu finden, die das ungesagte 'zwischen den Zeilen' fühlbar machen. Im Genre des Autorenkinos finden wir das oft, die Suche nach 'Seelenlandschaften'.

Im Kinofilm "Die Vermissten" (Regie: Jan Speckenbach, 2012) beispielsweise geht es um die Suche eines Vaters nach seiner verschwundenen Tochter. Im Zuge dieser Suche über Stadt und Land stellt sich heraus, dass immer mehr Kinder und Jugendliche auf unerklärliche Art verschwinden. Die Reise endet in einem düsteren, mysteriösen Endzeitszenario.

Die Motivsuche war ein außergewöhnlicher und intensiver Prozess. Es gab keine klaren örtlichen Vorgaben, wo dieser Film spielen sollte: irgendwo in Westdeutschland, beiläufig, am Rand. Wochenlang bin ich quer durch die westdeutsche Peripherie gereist: Hannover, Peine, Lehrte, Braunschweig, Wolfsburg. Die Schauplätze waren Stadträume und Landschaften, in denen Spuren menschlicher Veränderung und Bewegung sichtbar geworden sind - "Übergangsszenarien" - inspiriert durch die "Transit" Fotografien des kanadischen Fotografen Jeff Wall. Nach jeder Reise haben wir uns mit Regie, Kamera und Szenenbild zusammengesetzt und stundenlang über die Motivfotos geredet. Die Erkenntnisse dieser Gespräche haben die weitere Suche beeinflusst usw.

Marei: Je früher wir in den Entstehungsprozess eines Filmes einbezogen werden, desto spannender ist es natürlich für uns. Bei „Frantz“ war es im letzten Jahr zum Beispiel so, dass Regisseur François Ozon mich angerufen hat, um zu fragen, ob er mir sein neues Drehbuch schicken kann und ob ich ihm sagen würde, was ich davon halte. Die Geschichte spielt nach dem ersten Weltkrieg sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, und ihre Charaktere sind sehr uneindeutig und interpretationsoffen angelegt. François Ozon war neugierig, wie ich sie deuten würde und wo ich den Film verorten würde. Wir sprachen zum Beispiel darüber, was „typisch deutsch“ heißen könnte, von französischer wie von deutscher Seite aus betrachtet, und ob es einen Ort gibt, der für beide Seiten so etwas symbolisieren könnte.
Dabei ging es weniger nur um Außenwelten, als vielmehr darum, was traditionelle Werte sein können und wie sich diese manifestieren.

Was sind für euch gute Locations? Schauplätze, die die Geschichte des Filmes stützen oder die auch mal als besonderer Ort im Film hervortreten?
Iris: Vielleicht ist das, was ein 'guter' Schauplatz in einem Film sein könnte, ähnlich zu verstehen wie ein 'gutes' Foto in einem Zeitschriftenartikel. Er illustriert nicht lediglich den Text/Inhalt einer Geschichte, sondern bietet eine eigenständige Dimension zur Interpretation.

Marei: Genau. Ein guter Schauplatz sollte hintergründig sein, nicht nur Hintergrund.

Wie lange gibt es den Beruf des Locationscouts schon? Solange schon Filme gedreht werden, oder kristallisierte der Beruf sich erst später heraus?
Marei: Der Beruf des Locationscouts hat sich erst in den 90er Jahren in Deutschland etabliert. In Amerika gab es dieses Berufsfeld bereits viel früher. Ursprünglich war das Locationscouting Teil des Berufsbildes eines Szenenbildners. Diese hatten früher für jeden Film aber auch eine entsprechend längere Vorbereitungszeit als heutzutage. Durch das Straffen der Zeitpensen wurde eine Auslagerung der Locationsuche nötig, und diese Spezialisierung und Professionalisierung trug auch sehr bald ihre Früchte. Heute will kaum noch ein Szenenbildner, ein Regisseur und auch nur noch sehr selten eine Produktion auf die Zusammenarbeit mit einem professionellen Locationscout verzichten.

Kann man davon leben?
Iris: Ja, es geht sich aus! (lacht).

Vielen Dank für diesen tiefen Einblicke in eure Arbeit.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Iris Czák ist 1970 in Wien geboren. Mit einem Soziologie-Studium in Wien und den USA verschlägt es sie 1995 nach Berlin. In der Spreemetropole macht sie ihren Abschluss an der Humboldt Universität Berlin. Danach absolviert sie eine Ausbildung zur Fotografin in der Schule "Fotografie am Schiffbauerdamm" von Arno Fischer und Jörn Vanhöfen. Im Anschluss macht sie ein Praktikum bei "Berlin location", eine der allerersten Locationagenturen, die es in Berlin gab. Sie findet so sehr Gefallen daran, dass sie sich als Locationscout selbstständig macht. U.a. hat sie Schauplätze für mehrere Kinofilme wie z.B "Der Vorleser", "Amour fou" oder die US-Serie "Homeland" gesucht und gefunden.

Marei Wenzel ist 1974 in Frankfurt am Main geboren und später in Karlsruhe aufgewachsen. Auch sie verschlägt es 1995 nach Berlin in die Fotoschule von Jörn Vanhöfen. Dort lernt sie Iris Czák kennen, mit der sie "czak,wenzel location" gründet. Die Schauplätze z.B. in den Filmen "Berlin Syndrome", "Als wir träumten" und "Der Fall Bruckner" gehen auf die Arbeit von Marei Wenzel zurück.

Zusammen bringen sie 2007 den Fotoband "Schauplatz Berlin" (Peperoni Verlag) heraus, der unzählige Berliner Wohnungen, Plätze, Freiflächen und Häuser aufzeigt www.czakwenzel-location.de

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