Juni 2016 / Linus Foerster / Drehbuchautor / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Linus Foerster - 1

Wie hat es angefangen, dass du dich für das Medium Film begeistert hast?
Angefangen hat alles – ich war ungefähr zehn – mit Truffauts Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?". Mein Cousin hatte alle Hitchcock-Filme auf Video, die habe ich mir nacheinander mit dem Buch auf dem Schoß angesehen. Die religiösen und sexuellen Anspielungen habe ich damals natürlich nicht verstanden. Aber Truffauts Begeisterung und Hitchcocks Lust am Ausprobieren und seine Virtuosität – die Kamerafahrt zur Decke hoch, wenn Norman Bates seine Mutter in den Keller trägt, – das fand ich toll. Das wollte ich auch machen.

Was hat dich dazu gebracht, Drehbuchautor zu werden?
Im Grunde war es die Entscheidung, nicht Regisseur zu werden. Ich finde auch heute noch, dass man entweder ein guter Regisseur oder ein guter Drehbuchautor ist. Wenige Ausnahmen wie Fatih Akin oder Maren Ade bestätigen die Regel. Autorenfilmer, also: schreibende Regisseure, sind als – leider oft – minderbegabte Autoren mitverantwortlich dafür, dass der deutsche Film seit Jahrzehnten so unglaublich langweilig ist. Ich selbst habe anfangs an der Regie-Idee festgehalten, weil ich es nicht übers Herz brachte, meine Drehbücher anderen Regisseuren anzuvertrauen. Das änderte sich witzigerweise, nachdem ich das Making-of von "Der weiße Hai" gesehen hatte. Danach hatte ich das Gefühl, dass ein Drehbuch in den Händen eines guten Regisseurs sogar besser werden kann. Kurz darauf wurde ich in Rainer Bergs Drehbuchklasse am Filmstudium Hamburg, der heutigen Hamburg Media School, aufgenommen.

Die Regie hat dich also zuerst fasziniert?
Das Medium Kinofilm präsentiert sich ja gern über die Regisseure, wie der unsägliche "Ein Film von..."-Credit illustriert. Beim Fernsehen ist das anders: In den vielgelobten amerikanischen Serien bestimmt der Drehbuchautor, wo es langgeht. Die Regisseure setzen seine Vision um. Aber wenn man wie ich als Jugendlicher Kino machen will, muss man Regisseur werden. Dachte ich jedenfalls, bis ich las, dass für Hitchcock der aufregendste Moment des Filmemachens die visuelle Konzeption des Films in seinem Kopf war. Der tatsächliche Dreh war für ihn nur lästige Pflicht. Der Drehbuchautor fühlt und sieht den Film als Erster.

Wie hat sich deine Laufbahn als Drehbuchautor bis jetzt entwickelt?
Mit dem Gewinn des Internationalen Studenten-Oscars für meinen Abschlussfilm "Ausreißer" (Regie: Ulrike Grote) hatte ich 2005 den bestmöglichen Start. Sollte man meinen. Ich staune im Rückblick immer noch über das Desinteresse und die latente Feindseligkeit, auf die ich danach teilweise bei Produzenten gestoßen bin. Wahrscheinlich galt der Oscar in der hysterisch zwischen E und U unterscheidenden deutschen Filmbranche einfach als zu kommerziell. Die große Ausnahme war München. Da wurde man als Oscar-Gewinner auch mal neugierig auf einen Drink eingeladen. Ich hatte trotzdem Großes vor. Ich wollte deutsche Filme und Serien machen, die ich mir selbst ansehen würde. Es hat Jahre gedauert, bis mir klar wurde, dass Leute wie ich bereits damals überhaupt keine deutschen Filme und Serien mehr geguckt haben. Wir waren als Publikum längst verloren. Typisches Party-Gespräch: “Du bist Drehbuchautor? Cool, was schreibst du? Oh, ich schaue mir gar keine deutschen Sachen an”. In der Zeit habe ich trotzdem viel und auch gelegentlich gegen Bezahlung geschrieben. Umgesetzt wurde davon fast nichts.

Als sich mir die Chance bot, für eine Telenovela zu arbeiten, habe ich zugesagt. Es stimmt, bei der täglichen Serie wird gut und pünktlich gezahlt, stressig kann es sein, muss es aber nicht, wenn das Autoren-Team die Lage im Griff hat. Ich habe mich mehrmals dabei ertappt, wie ich morgens fröhlich pfeifend aufs Studiogelände fuhr. Die Organisation des Story-Teams kommt der Idee des "Writer’s Room" ziemlich nahe. Oben haben wir uns die Geschichten ausgedacht, unten im Studio wurde gedreht. Nach ein paar Wochen wurde ich von der tollen Chefautorin Petra Kolle zum Junior Editor befördert. Das ist eigentlich ein unbeliebter Job, den ich aber super fand. Acht Wochen nachdem wir uns die Stories ausgedacht hatten, konnten wir den Rohschnitt sehen; 14 Wochen später liefen sie schon im Fernsehen. Ich habe bei der Daily extrem talentierte Menschen getroffen und eine Menge über serielles Arbeiten gelernt. Während ich mich danach langsam auf Fernsehserien konzentrierte, wollte ich mir parallel ein zweites Standbein aufbauen: ein online Videopitch-Portal, über das Drehbuchautoren im ganzen deutschsprachigen Raum die passenden Partner für ihre Projekte finden. Geld habe ich mit "Screen Pitch" nie verdient, und für ein Hobby hat es irgendwann einfach zu viel Arbeitszeit gefressen. Trotzdem: Es hat viel Spaß gemacht, ist in gute Hände übergeben und seine erste Kapitalgesellschaft vergisst man nicht.

Vor knapp drei Jahren kam ich dann aus einem Seminar der Fernsehserien-Koryphäe Pamela Douglas, die Serien-Schreiben an der USC (School of Cinematic Arts of the University of Southern California in Los Angeles, Anm. d. Red.) unterrichtet. Durch ihre Klassen sind viele der heutigen Showrunner gegangen. Seitdem bin ich von Kopf bis Fuß auf Serie eingestellt, schreibe für bestehende Formate und entwickle meine eigenen Serien-Ideen. Auch wenn es für andere Autoren manchmal komisch klingt, mir macht es Spaß, mich auf bestehende Serienformate einzulassen, mich mit der Welt und den Figuren auseinanderzusetzen und innerhalb der seriellen Parameter meine eigenen Geschichten zu entwickeln.

Welche Talente bringst du als Drehbuchautor mit?
Talent ist natürlich grundsätzlich hilfreich. Aber genauso wichtig sind für Drehbuchautoren gewisse Sekundärtugenden. Gerade beim Entwickeln eigener Ideen, wo ich mir selbst die Deadlines setze, bewahrheitet sich der Satz, dass Schreiben zu zehn Prozent aus Inspiration und zu 90 Prozent aus Handwerk besteht. Auch an uninspirierten Tagen kann man eine Menge schaffen. Und sobald dann der Vertrag unterschrieben ist, bin ich weisungsgebunden. Das heißt, ich muss mich gewissenhaft mit den Anmerkungen meiner Auftraggeber auseinandersetzen und werde leider immer wieder kreativ überstimmt. Das ist nie schön, manchmal ärgerlich, weil ich als derjenige, der das Drehbuch schreibt, natürlich das Gefühl habe, meine Geschichte am besten zu kennen. Nach stundenlangen Drehbuchbesprechungen ist meine Geschichte oft nur noch ein Trümmerfeld. Dann brauche ich ein bis zwei Tage, um mich zu beruhigen. Und dann kommt der Trotz: Ich schreibe euch TROTZDEM ein super Buch, ob ihr wollt oder nicht!

Abgesehen von diesen äußeren Einflüssen, die für jeden Drehbuchautoren schrecklich sein müssen: Welches Talent hast du und worauf achtest du beim Schreiben, wenn dir keiner reinredet?
Wenn mit Talent das gemeint ist, was quasi von selbst passiert und auch beim kritischen Blick nach dem ersten Rausch des Dichtens noch Bestand hat, dann würde ich sagen, ich lasse mich beim Schreiben intuitiv in emotionale Abgründe fallen. Das war schon im Filmstudium ein Schlachtruf: Wir haben keine Angst vor Gefühlen, auch wenn sie wehtun. Das finde ich ganz wichtig. Im Drama geht es um emotionale und psychologische Konflikte. Für mich besteht die Legitimation des Geschichten-Erzählens darin, sich in Grenzbereiche zwischenmenschlichen Verhaltens vorzuwagen. Der Mensch ist noch nicht zu Ende erzählt. Vielleicht wird er es niemals sein. Es gibt noch Stoff für viele Folgen, wenn man sich an das Thema herantraut. In Deutschland gehen wir oft viel zu rücksichtsvoll mit unseren Figuren um, packen sie in Watte. Wahre Heldinnen und Helden muss man aber durch die Hölle schicken.

Welche Serien bzw. TV-Filme haben dich auf diese Weise gepackt?
Eine sehr, sehr gute Serie, die ich vor Kurzem gesehen habe, ist "Happy Valley" von Sally Wainwright. Halb Familiendrama, halb Polizeiserie ist die Grundlage eine perfekte Figurenkonstellation, die dafür sorgt, dass den Hauptfiguren täglich ihr größtes Trauma vor Augen geführt wird. Wie sie mit diesem unlösbaren Konflikt umgehen und dabei Haltung bewahren, welche Entscheidungen sie getroffen haben und welche sie im Laufe der Serie treffen, welche Gefühlsmotoren die Figuren antreiben, wie Charakterschwächen zu tragischen Fehlern führen und wie trotz aller Widrigkeiten Menschlichkeit und Integrität durchschimmern, und dass die Serie außerdem noch witzig und spannend ist, das ist Weltklasse. Übrigens: Sally Wainwright hat in England als Soap-Autorin angefangen. Da lernt man Melodram, und das ist für jede Geschichte erst mal eine gute Basis.

Kannst du uns ein Beispiel einer Drehbuchszene nennen, die du geschrieben hast, und die die Auftraggeber gerändert haben wollten? Was ist dadurch deiner Meinung nach verloren gegangen?
Als Autor bin ich einiges gewohnt. Aber einmal bin ich doch fast vom Stuhl gefallen. Dazu muss man wissen, dass die Redaktion, also die Leute vom Sender, bei manchen Serien nur E-Mail-Feedbacks an die Produktionsfirma schickt. Das wird dann aufbereitet und eventuell erst dem Headwriter zugeleitet, der sich auch noch seine Gedanken macht. Und wenn es der Folgen-Autor bekommt, hat es eine Art Stille-Post-Prozess durchlaufen. Dann beginnt die Exegese: Wer hat was wie gemeint? Rückfragen sind schwierig und nerven alle. Einmal habe ich so eine E-Mail bekommen, die dauernd weitergeleitet wurde, und ganz unten stand noch das Redaktions-Feedback. Meine Geschichte spielte in der türkischen Community. Die Redaktion hatte sinngemäß geschrieben, dass wir doch bitteschön bei der Wahrheit bleiben sollen. Natürlich seien alle Türken kriminell. Wow! Da wurde von mir quasi Rassismus eingefordert. Gott sei Dank wurde die Folge nie gedreht, wodurch mir zwar einiges an Honorar entgangen ist, aber ich musste auch keine Diskussion führen, in deren Verlauf ich vermutlich gefeuert worden wäre. Ich muss an dieser Stelle aber generell sagen: Film und Serie sind Team-Arbeit, Feedback ist Teil des Prozesses. Als Autor ist man grundsätzlich gut beraten, erst mal offen zuzuhören. Über gute Anmerkungen freue ich mich, weil es in meinem – eigentlich in aller – Interesse ist, ein super Buch abzuliefern. Häufig finde ich auch durch Nachfragen heraus, dass ein scheinbares Problem gar nicht so schwerwiegend ist, oder etwas falsch verstanden wurde. Reden hilft, und ich freue mich über jede Idee von außen, die das Script besser macht.

Siehst du Hoffnungsschimmer dafür, dass die Qualität deutscher Serien und TV-Filme besser wird?
Die Qualität deutscher Fernsehfilme ist heute schon ziemlich okay. Wenn man sich zum Beispiel die Fernsehfilmreihe beim Münchner Filmfest ansieht, läuft da an der Spitze viel Schönes. Auch innerhalb der Krimi-Reihen ist die Erzähllust in letzter Zeit vor allem seit Michael Proehls Tatort "Im Schmerz geboren" spürbar gestiegen. Der Hessische Rundfunk macht generell spannende Sachen. Das kann man sich eigentlich immer ansehen. Und auch die deutsche Serie ist, was das Handwerk angeht, sehr viel besser als ihr Ruf. Da gibt es innerhalb langlaufender Krimiserien herausragende Einzelfolgen, oder Annette Hess' großartige Drama-Serie "Weissensee". Nur ist es eben so, dass die deutsche Serie für das Publikum unter 50 im Direktvergleich mit Netflix nicht besonders aufregend ist. Dabei gewinnen wir in Deutschland regelmäßig den Studenten-Oscar. Das heißt, wir haben die besten Filmhochschulen der Welt. Dass es nicht gelingt, das vorhandene Talent in frische zeitgemäße Formate zu übersetzen, ist eine Tragödie! Vom kreativen Potential her könnten wir es längst mit Amerikanern, Briten und Dänen aufnehmen. Aber ich bin vorsichtig optimistisch: Im letzten Jahr gab es mehrere vielversprechende, teilweise wirklich mutige Ansätze. VOX hat mit "Club der roten Bänder" sogar einen Hit gelandet. Und Netflix und Amazon machen ihre ersten deutschen Serien. Wir müssen jetzt einfach dranbleiben und so lange aufregende Serien auf den Markt schmeißen, bis wir die Gunst des Publikums zurückgewonnen haben. Bis es cool wird, sich deutsche Serien anzuschauen.

Hattest du je einen Notfallplan, wenn es mit einem Drehbuch mal nicht geklappt hätte?
Ab und zu habe ich Lotto gespielt. Zählt das?

Haha. Das spricht für deine Leidenschaft. Immer am Ball bleiben.
Hab vielen Dank für diesen aufschlussreichen Einblick in deine Arbeit und den Blick hinter die Produktionskulissen deutscher Fernsehserien.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Linus Foerster ist 1974 in Hamburg geboren und wächst in Oldenburg und Berlin auf. Nach verschiedenen Jobs bei Film und Fernsehen beginnt er 2002 sein Studium zum Drehbuchautor am "Filmstudium Hamburg", der heutigen "Hamburg Media School". Für seinen Abschlussfilm "Ausreißer" bekommt er 2005 den Studenten-Oscar. Motiviert von dem frühen Karriere-Highlight entwickelt er Stoffe für Film und Fernsehen, die in Deutschland nicht über die Finanzierungshölle hinauskommen. Bei der Arbeit im Story-Team der Telenovela "Eine wie Keine" lernt er neue Demut, ergibt sich aber nicht dem in der Branche verbreiteten Zynismus, sondern konzentriert sich nach dem Besuch von Pamela Douglas' Seminar "Writing the TV Drama Series" auf die Fernsehserie. Er schreibt für bestehende Formate, zuletzt u.a. für "Letzte Spur Berlin" und "Großstadtrevier" und entwickelt parallel eigene Serienstoffe. Sein Motto: Das Publikum ist einer von uns. Linus Foerster lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Söhnen in Berlin-Kreuzberg. Agenturseite von Linus Foerster

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