Juli 2016 / Tim Trantenroth / Maler / Berlin-Mitte

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Was stellt Kunst für dich dar?
Kunst ist mein Lebensinhalt. Es ist ein ständiges Kreisen um eine Idee, ein Thema und eine mit Leidenschaft und Besessenheit geführte unendlich Annäherung meiner Vorstellungen von Welt zu visualisieren. Mal bin ich näher am Mittelpunkt, mal weiter weg, aber immer mit der Energie weiterzusuchen.
Dieses Tun – in meinem Fall das Malen – ist weit entfernt von den gewinnoptimierenden Produktionsmaximen unseres Gesellschaftssystems. Diese Form der Freiheit ermöglicht mir die Kunst.

Würde es dir schwerfallen, dein Geld anders als mit Kunst in unserem Gesellschaftssystem zu verdienen?
Es gibt wahrscheinlich auch noch andere Berufe, die am Rande des Systems sind.
Früher wollte ich immer Fußballspieler werden, aber Ehrgeiz alleine reichte da nicht.
Und da ich seit Jahren Lehrtätigkeiten (zurzeit an der Universität der Künste, Bildende Kunst Grundlehre – Malerei) ausübe, habe ich ja quasi ein Bein im System. Dort versuche ich natürlich meine Haltung zu vermitteln. Nur wer viel und mit Besessenheit arbeitet, kann Fehler und Zufälle bewusst wahrnehmen und als Qualität erkennen. Wie die Biene, die bei der Jagd auf Honig – quasi nebenbei – unabsichtlich die Vegetation bestäubt, und somit die Erneuerung des Lebens vorantreibt.

Welche Themen sind dir als Künstler wichtig, und warum?
Die Sujets meiner Arbeiten finde ich in historischen und politisch oder gesellschaftlich bedeutsamen Objekten. Meist sind es formale Strukturen, Details im urbanen Raum und Architekturen, die mein visuelles Interesse wecken. Die Motive nehme ich erstmal intuitiv als rein malerische Komposition wahr. Mit dem Verfahren der Abstraktion und Reduktion entwickle ich meine Bildvorstellungen. Dabei interessiert mich der exakte Übergang von gegenständlicher in ungegenständliche Darstellung. Durch diese malerische Forschung hinterfrage ich die Dinge und werde mir über ihre Konnotationen im zeitpolitischen Kontext klar.

Zum Beispiel malte ich Barrieren vor Botschaften in Berlin, darunter die Britische Botschaft und die US-Botschaft. Zuerst begeisterte ich mich für das Schattenspiel – fast schon in romantisierender Form –, bis ich dann durch weiteres Forschen die Bedeutung des Pollers erkannte. Als Folge des 11. September sind immer mehr Barrieren vor Botschaften als Schutz vor Anschlägen aufgestellt worden.
 Provisorische Betonklötze wurden durch designte Schutzvorrichtungen, z.B. in Form von Edelstahlpollern mit LED ersetzt. Eine Veränderung des Stadtraums, unspektakulär und subtil.
 Die Quantität und Qualität der Schutzvorrichtungen lassen Rückschlüsse auf ihre politische Bedeutung in der Weltordnung zu.
 Die Barriere ist eine globale Erscheinung.

Ich mag es, wenn Gesehenes – transformiert in die Malerei – auf gesellschaftliche Zustände verweist. Im Idealfall nimmt der Rezipient meiner Arbeiten den urbanen Raum bewusster wahr und reflektiert z.B. die zeitpolitischen Verschiebungen.

Da hast du mit Berlin als politisches Zentrum und Metropole mit vielen historischen Zeugnissen einen idealen Ort für deine Kunst gefunden.

Ist deine Kunst eng mit großen Metropolen verknüpft oder findest du auch interessante Objekte in Dörfern und Kleinstädten?
Natürlich ist Berlin mit seinen unendlichen Spuren der Geschichte ideal. Aber historische und gesellschaftspolitische Veränderungen lassen sich auch auf dem Land ablesen, wobei ich das Gefühl habe, dass Entwicklungen dort langsamer vonstatten gehen.
Ich bin übrigens in einem kleinen Dorf (601 Einwohner) aufgewachsen. 2008 habe ich drei Monate in Olevano Romano (circa 100 km südöstlich von Rom) verbracht: eine absolute Idylle im Sommer. Dort fiel es mir sehr schwer, spannende Arbeiten zu entwickeln. Im Nachhinein betrachtet, hatte gerade dieser Aufenthalt eine reinigende Wirkung auf meine Wahrnehmung. Das intensive Licht dort habe ich gespeichert.

Zivilisatorische Fehlentwicklungen funktionieren für mich als Motivgrundlage. Letztes Jahr in einem kleinen Dorf auf Kreta begeisterten mich die vielen Rohbauten. Betonskelette als Symbol für Fortschritt oder Verfall, Ruine... diese Ambivalenz interessiert mich. Solche Zwischenphasen habe ich mit der Technik der Leerstelle, dem Nichtausformulieren eines jeden Detail, dargestellt.

Was war deine mutigste Aktion als Künstler?
Schwer zu sagen... inwiefern mutig? Meine größte Wandmalerei in der Berlinischen Galerie im Jahr 2009. Zehn mal 20 Meter in neun Tagen war auf jeden Fall eine große Herausforderung, da ich diese Wandmalerei auch – wie eigentlich immer – ganz alleine realisiert habe. Ich wünsche mir, viel mutiger zu sein!

In welchen Momenten solltest du als Künstler mutiger sein?
Bei der Auswahl meiner Arbeiten für Ausstellungen will ich noch entschiedener sein, noch radikaler und reduzierter. Auch wünsche ich mir, meine Position selbstbewusster zu vertreten, also gezielter an die Öffentlichkeit zu bringen.

Was würdest du jetzt machen wollen, wenn du jetzt einen Wunsch frei hättest?
2007 war ich vom Goethe-Institut eingeladen, an einem Austausch mit zyprischen Künstlern in Nikosia teilzunehmen. Diese geteilte Insel mit der seltsam provisorischen Mauer, mit Geisterstädten wie Varosia oder dem Flughafen von Nikosia faszinierten mich damals sehr. Gerne würde ich diese Orte erneut besuchen, die Entwicklung des Verfalls anhand meiner Foto- und Malerei-Dokumentation untersuchen und neue Arbeiten entwickeln.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Tim Trantenroth ist 1969 in Waldsassen (nahe Nürnberg) geboren und wächst in Nürnberg auf. Nach der Schule entscheidet er sich für ein Studium an der Kunstakademie Münster. 1993 wechselt er an die Kunstakademie Düsseldorf. 1996 wird er Meisterschüler von Professor Jan Dibbets, einem renommierten niederländischen Konzeptkünstler. 1999 zieht es ihn nach Berlin, wo er bis heute lebt und arbeitet. Zwischendurch sucht er immer für einige Monate neue Inspirationen u.a. in Italien, USA und Türkei. Seine Bilder und Wandmalereien finden weltweit Anerkennung, u.a. wurden seine Werke in Zürich, München, New York und London ausgestellt. www.timtrantenroth.de

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