Januar 2016 / Studio Likeness / Produktwerber / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Studio Likeness - 1

Verratet ihr uns eure guten Vorsätze für das neue Jahr?
Julia: Gute Vorsätze gibt es keine. Stattdessen aber gute Wünsche. Wir haben so eine Art Neujahrsritual, bei dem jeder drei Kategorien an Wünschen frei hat: die persönlichen, die gemeinsamen und die gegenseitigen. Die sind dann aber strikt geheim. Was wir verraten können: Es wird dieses Jahr bei uns um einige wichtige Veröffentlichungen gehen und darum, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden.
Ich persönlich nehme mir vor, öfter mal zu Fuß zum Studio zu gehen. Mein Tag beginnt meist hektisch, und da ist so ein kurzes Runterkommen und Entschleunigen vor der Arbeit wahnsinnig wohltuend. Auf dem Fußweg liegen oft die besten Ideen, und im Schritttempo sieht die Welt überraschend anders aus.

Magdalena: Ich nehme mir wieder einmal gar nichts vor, weil ich das, was ich tun SOLLTE, immer am allerwenigsten gerne mache. Ich verlasse mich auf meine Intuition, dieses Jahr möglichst viel vom Richtigen zu tun, für mich und für andere.

Für deutsche Sehgewohnheiten ist eure Art der Produktwerbung sehr ungewöhnlich. Gilt das für andere Länder auch? Oder hat diese Art z.B. Tradition in Japan?
Magdalena: Ehrlich gesagt haben wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht. Wir orientieren uns weniger an einer aktuellen oder nationalen Art von Produktwerbung als an einer für uns spannenden Art der Gestaltung.
Wir machen einfach das, was wir am Besten können, und das Bild, das dabei entsteht, hat eine bestimmte Sprache. Die ist weniger geplant, als es vielleicht aussieht. Natürlich arbeiten wir konzeptionell. Es ist uns selbst aber zu Beginn oft gar nicht klar, wo die Reise hingeht.
Für eine Serie über Sonnenbrillen beispielsweise hatten wir anfangs geplant, die Brillen am Pool des Berliner Olympiastadions zu inszenieren. Da es schon stark auf den Herbst zuging, und das Bad schloss, bevor wir loslegen konnten, entschieden wir, den Pool in kleinem Maßstab einfach in unserem Studio nachzubauen. So wurden die Brillen zu Badegästen im surrealen Raum.

In der Werbebranche ist es üblich, ein Produkt, das in verschiedenen Ländern beworben werden soll, auch konkret verschieden zu bewerben, wenn die Kulturunterschiede groß sind. Bestes Beispiel: Die Franzosen haben eine emotionale Verbindung zum Käse. In Frankreich wird der Käse so oft sehr sinnlich beworben. In den USA dagegen geht’s dann eher darum, wie er am besten im Kühlschrank aufzubewahren ist. Habt ihr solche Kulturunterschiede in eurer Arbeit auch schon erlebt?
Magdalena: Das ist ein sehr spannendes Phänomen in der Werbebranche, vor allem wenn es um Konsumprodukte für die breite Masse geht.

Julia: Diese Unterschiede spielten aber in unserer Arbeit bisher keine Rolle. Wir arbeiten für Designfirmen und Magazine. Unsere Inszenierungen richten sich an ein internationales Publikum.

Was sind für euch die Herausforderungen?
Magdalena: In der Umsetzung sind die Herausforderungen von Projekt zu Projekt ganz verschieden. Kürzlich haben wir zum Beispiel eine Magazin-Strecke fotografiert, in der wir weiße Hemden als Papierflieger inszeniert haben. Da war die Herausforderung ganz klar das Material. Stoffe verhalten sich nunmal ganz anders als Papier. Da kann man noch soviel stärken und bügeln...
Eine Schwierigkeit, die uns ganz allgemein immer wieder begegnet, ist die Kommunikation von Bildern in Sprache, wenn es darum geht, ein Konzept zu entwickeln und mit diesem den Kunden zu überzeugen. Was wir uns vorstellen und wie wir es uns vorstellen, in Worte zu fassen, ist immer wieder eine Herausforderung. Genauso geht es uns mit der Beschreibung unserer Arbeit an sich. Die Antwort auf die Frage „Was macht ihr beruflich?“ ist auch so eine wiederkehrende Herausforderung. Wir feilen seit Jahren an dem alles erklärenden Satz, aber bisher sind wir nicht sehr weit gekommen.

Wenn ihr den Werbemarkt beeinflussen könntet, welche Praxis würdet ihr ändern?
Julia: Wir als Gestalter wünschen uns natürlich Freiheit. Die gibt es für uns am meisten bei mutigen, experimentierfreudigen Kunden.

Gibt es historische Vorbilder/Anknüpfungspunkte für eure Art der Produktwerbung?
Magdalena: Ein historisches Beispiel für bewegende Produktfotografie stellt für uns der Amerikaner Paul Outerbridge dar. Er hat in den 20er, 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts wegweisende Inszenierungen von besonderen wie auch banalen Gegenständen geschaffen und war ein Pionier der Farbfotografie.

Julia: Inspiration finden wir aber unter anderem auch in der Malerei. Da ist die Spannbreite groß. Farbkompositionen der klassischen Moderne, die Sommerhäuser David Hockneys, aber auch zeitgenössische Werke, Installationen und Skulpturen, Teppiche des Bauhaus, Comics und auch das Kino. Oft ist es interessanter, weiter vom eigenen Fach weg zu gehen und eine Idee aus einer anderen Disziplin für uns aufzugreifen.

Welcher Film hat euch als Letztes zu einer eigenen Idee verholfen?
Magdalena: ich könnte hier kein konkretes Beispiel nennen. Ich denke, es ist eher eine Ansammlung von Erinnerungen an verschiedene Filme, die auch die eigene visuelle Sprache mitprägt. Wer mich mit seinen Filmen aber immer wieder nachhaltig beeindruckt sind Wes Anderson, Michel Gondry und auch Spike Jonze. Deren Filme und auch Musikvideos berühren mich zutiefst und sind der reinste visuelle Genuss.

Julia: Sehr beeindruckt haben mich zuletzt Mummenschanz, das Schweizer Maskentheater. Ich habe sie leider verpasst, als sie in Berlin waren, bin aber über ein Plakat auf sie aufmerksam geworden und habe dann dank Youtube einige Filme ansehen können. Konkret kann ich gar nicht sagen, was mich jetzt wozu inspiriert hat. Es ist eher so ein Bild im Kopf, das einem beim Arbeiten beeinflusst und bei der eigenen Gestaltung mitschwingt. Da geht es um die Art von Bewegungen, den Humor, die Farbwelten etc.

Was sind eure Steckenpferde in der Kultur? Was macht ihr mit Leidenschaft?
Julia: Die Kultur an sich ist die Leidenschaft. Da gibt es keine Einschränkung. Weil momentan wenig Zeit bleibt, genieße ich den Input meines Umfeldes sehr, in dem sich viele Künstler und Designer befinden. Tanzen und Singen gehören auf jeden Fall auch dazu, aber das haben ich mir für ruhigere Zeiten vorgenommen.

Magdalena: Ich genieße das große Angebot an Ausstellungen, Konzerten, Theatern und Kinos in Berlin sehr. Die Lieblings-Rubrik ist wahrscheinlich immer die, die ich gerade erlebe. Vor kurzem hatte ich zum Beispiel ein sehr intensives Konzert-Erlebnis bei Kamasi Washington, einem jungen Jazz-Musiker aus South Central, Los Angeles. Das war so unglaublich gut, dass ich noch Tage danach wie berauscht davon war.

Ihr seid beide für das Studium nach Berlin gekommen und hier geblieben. Was hat euch bisher am meisten erstaunt an Berlin und warum?
Magdalena: Als ich 2004 von Wien nach Berlin gezogen bin, war ich überrascht, wie grün diese Stadt ist. So viele Bäume, fast jede Straße eine Allee. Das hatte ich nicht erwartet.

Julia: Die rasend schnelle Veränderung. Als ich hier ankam, war diese Stadt eine ganz andere, und sie verändert sich stetig in hohem Tempo weiter. Früher waren es die vielen Brachen und der Freiraum, der mich sehr fasziniert hat an Berlin, die unzähligen Graunuancen, das Osteuropäische, das Raue, das Hässlich-Schöne und das ständige Experiment, das überall zu finden war. Das hatte ich so vorher nirgendwo erlebt.
Jetzt, nach zwölf Jahren, ist es schon so weit mein Zuhause geworden, dass sich die Eindrücke von früher und heute vermischen. Ich merke oft, wie anders Freunde Berlin erleben, die aus dem Ausland in die Stadt ziehen, wie viele Szenen und Strömungen es gibt, von denen ich gar nichts mitbekomme. Das ungestörte und sich teils gar nicht berührende Nebeneinander erstaunt mich heute oft.

Das nehme ich als dickes Kompliment für die Stadt. Habt vielen Dank für eure offenen Antworten.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Studio Likeness – das sind Julia Classen und Magdalena Lepka.
Julia Classen ist 1982 in München geboren. Sie studierte Modedesign an der HTW in Berlin und verbringt im Rahmen ihres Studiums ein Jahr in Madrid. Sie arbeitet auch als Stylistin. Das Rüstzeug dafür holt sie sich in London, wohin es sie nach ihrem Studium verschlägt. Mit vielen neuen Erfahrungen kehrt sie zurück nach Berlin, wo sie Magdalena durch eine gemeinsame Freundin kennenlernt. Kurze Zeit später ist die Idee für das Studio Likeness geboren.
Magdalena Lepka ist 1983 in Kuchl/Österreich geboren. Sie studiert Fotografie am Lette-Verein in Berlin und legt ihren Hauptfokus auf die Still-Life-Fotografie. Nach dem Studium geht sie für zwei Jahre nach Los Angeles und arbeitet dort als Fotoassistentin. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin trifft sie Julia.
Das Studio Likeness gründen die beiden 2013. Ihre Arbeiten werden u.a. im "Süddeutsche Magazin" oder im "Rondo Magazin" publiziert. Zu ihren Kunden gehören Marc O’Polo, Ludwig Beck, Vitra, Minimum oder der Berliner Good Store. http://studio-likeness.com

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