Februar 2016 / Anja Nitz / Fotografin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Anja Nitz - 1

Wie hast du dein Interesse für die Fotografie entdeckt?
Zum Fotografieren bin ich als Kind gekommen: über einen hellbraunen, mit blauem Samt gepolsterten Lederkoffer, in dem mein Vater seine Kamera mitsamt Filtern, Drahtauslöser, Filmboxen etc. aufhob wie einen gehobenen Schatz – oder vielleicht auch einfach über den Tonfall, mit dem er diese Rollei aussprach, die leider keine „Flex“ war, nur eine „Cord“, und die er trotzdem mit viel Glück gleich nach ihrer Verfügbarkeit ergattert hatte, und mit der wir uns gegenseitig porträtierten. Mit derselben Kamera habe ich später die Charité fotografiert, ohne das wirklich geplant zu haben. Für das, was mich interessierte, kam einfach nur das Fotografieren in Frage.

Wie hast du dein Interesse, im Speziellen dein Motiv öffentliche und gesellschaftlich relevante Einrichtungen – wie z.B. Kliniken und Botschaften – entdeckt?
Das Motiv der gesellschaftlich relevanten Einrichtungen liegt an meinem Interesse für die ‚Verstofflichung‘ oder dingliche Materialisierung von bestimmten, allgemein gültigen Vorstellungen oder Idealbildern, die nur schwer zu beschreiben, aber ja irgendwie immer vorhanden sind, eine große Rolle spielen aber nicht widerspruchsfrei in Worte gefasst werden können: Im Krankenhaus z.B. habe ich nach Abdrücken des Menschenbilds gesucht, das der Klinik zugrunde liegt. Diese habe ich immer wieder neu gesehen oder gefunden und dann angefangen, sie zu sammeln: Das Bild vom Umgang mit Krankheit und die Sicht auf den Mensch in der Medizin hat sich für mich mehr oder weniger präzise, meistens zufällig oder in Konfrontation mit den Widrigkeiten der Funktionalität innerhalb der Krankenhaus-Räumlichkeiten niedergeschlagen.

Andersherum in den Botschaften, wo mit viel Bedacht und teuren Mitteln das Bild einer Nation wie auf der Bühne inszeniert wird. Dort soll ein ganz bestimmtes Ideal kommuniziert werden, sozusagen als Form der visuellen Diplomatie. Ich finde es sehr spannend, solche eigentlich immateriellen Begriffe als gestalteten Raum zu thematisieren. Noch dazu, und ebenso entscheidend für meine Arbeit ist die Verortung dieser ‚Begriffsbilder‘ in ihrer zeitlichen Gebundenheit.

Was möchtest du in deinen Arbeiten herausarbeiten?
Wenn es mir gelingt, über meine Bilder einen anderen Blick, eine Nähe, ein Bewusstsein oder einen Spiegel für die eben beschriebenen abstrakten Vorstellungen zu schaffen, bin ich sehr zufrieden. Noch glücklicher bin ich, wenn ich dies an Orten erreiche, die als komplett unspektakulär gelten: Einem abgewetzten Flur, einem Wandanstrich oder etwa einem Katzenposter im Labor über den Blick etwas abzulocken, was dann aufschlussreich, würdevoll, intellektuell, komisch oder eben spektakulär wird, ist eine spannende Arbeit: Der Versuch, analytisch zu sein ohne immer den Vergleich mit etwas Fremden oder Besonderen zu brauchen, ist ein großes Ideal für mich.

Siehst du dich in der Tradition der Neuen Sachlichkeit von Bernd und Hilla Becher, Candia Höfer oder Andreas Gursky?
Ich habe weit entfernt von der Düsseldorfer Schule angefangen zu fotografieren, vollkommen ahnungslos oder vielleicht unbefangen. Eine eigene Auseinandersetzung mit der Arbeit der Bechers, Candida Höfer oder Andreas Gursky hat ehrlicherweise erst im Nachhinein stattgefunden. Vorher bekannt und begeistert habe ich mich eher für die Arbeit z.B. der Blumes (Anm. d. Red. Anna und Bernhard Blume). In Verbindung mit den Fotografen der Düsseldorfer Schule, als Fortführung der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie, wird häufig auf die Nüchternheit als Erkennungsmerkmal verwiesen. Ich glaube, meine Arbeit ist nicht oder selten nüchtern, eher lakonisch (nicht zu verwechseln mit melancholisch!). Stärker noch ist mein Widerspruch zum Kriterium der ‚Objektivität‘, den ich der Düsseldorfer Schule gar nicht zuordnen wollte. Für meine Arbeit ist das ‚Subjektive‘ entscheidend – nicht im Sinne Otto Steinerts (deutscher Fotograf, Anm. d. Red.) – eher als Abgrenzung zur klassischen Architekturfotografie. Ich selbst finde es schwierig, die Düsseldorfer Fotografen in einem Atemzug oder in eine ‚Foto-Kiste‘ zu stecken. Daher kann ich mich nicht ohne Weiteres in einer solchen Tradition sehen. Sollte ich mir Vorbilder aussuchen dürfen, gehörten dazu sehr unterschiedliche Arbeitsweisen: das Philosophische an Thomas Demand (deutscher Fotokünstler, Anm. d. Red.), die Farbigkeit und der Humor von Stephen Shore (US-amerikanischer Fotograf, Anm. D. Red.), das Licht von Paul Graham (britischer Fotograf, Anm. D. Red.), die Komposition und Analytik von Jörg Sasse (deutscher Fotograf, Anm. D. Red.), das Analytische an Rineke Dijgstra (nierländische Fotografin, Anm. d. Red.), die Weiblichkeit von Jitka Hanzlova (tschechische Fotokünstlerin, Anm. d. Red.), die Akribie von Taryn Simon (US-amerikanische Künstlerin, Anm. D. Red.) und so weiter. Vorbilder suche ich aber unbedingt auch außerhalb der Fotografie.

Welche Bereiche wären das? Kannst du jeweils ein Beispiel für ein Vorbild nennen?
Ich versuche, das Bildermachen nicht so stark nach der Technik oder Methodik zu trennen, auch wenn ich technische Souveränität sehr bewundere. Vorbilder finde ich in der Malerei, im Film oder in ‚konzeptioneller Kunst‘. Ich denke, gemachte Bilder entstehen zunächst aber im Kopf, ohne physisches Korrelat. Hierfür liefern selbstverständlich auch Texte große Vorbilder. Guter Kunst gelingt es auf eine ‚schwere-lose‘ und gleichzeitig präzise Weise, eine Form des Korrelats zu schaffen. Das sind dann Ideale. Wie die meisten Menschen begeistere ich mich eigentlich eher in Phasen, in denen ich mich auf eine Arbeit stürze und nicht müde werde, mich mit ihr zu beschäftigen, auch wiederkehrend, im Abstand von Jahren. Nicht ohne mich gegen die Festlegung zu sträuben, kann ich einige Beispiele nennen, für ein paar letztere Phasen: Francis Alys (belgischer Aktionskünstler, Anm. d. Red.), Yael Bartana (israelische Multimediakünstlerin, Anm. d. Red.), David Sedaris (US-amerikanischer Autor, Anm. d. Red.) und Frans Hals (niederländischer Maler aus dem 16. Jahrhundert, Anm. d. Red.).
Dann gibt es Vorbilder für konkrete Projekte, mit denen ich mich auseinandersetze. Da geht es dann um bestimmte Fragen. Momentan suche ich nach Vorbildern für die Darstellung von idealisierter Natur. Das ist gerade z.B. Nicolas Poussin.

Welche Schlüsse ziehst du für deine Projekte aus den Werken des französischen Barockmalers Nicolas Poussin?
Eigentlich ziehe ich keine Schlüsse. Ich versuche zu verstehen, was er mit den Bildern gezeigt hat oder zeigen wollte und präge mir ein, wie er vorgegangen ist. Aufschlussreich finde ich besonders die Skizzen. Dann versuche ich einzuschätzen, wie viel aus seinen Antworten bis heute überdauert hat, ob es eine Darstellungskonvention gibt, ein Klischee, das irgendwie immer noch mit dem Barock zu tun hat. In der praktischen Arbeit versuche ich dann, mir dessen zumindest bewusst zu sein. Ich arbeite eigentlich vor allem intuitiv, das geht dann aber anders, wenn ich ‚Vor-Bilder‘ angesehen habe, glaube ich jedenfalls…

Was macht für dich den Reiz der Fotografie aus?
Die Täuschung. Weil man ein Foto immer noch allzu gern eintauscht für etwas Reales, wirklich Echtes, auch wenn niemand mehr einem Foto glaubt… Wir tauschen es ein wie eine Währung, das gefällt mir. Ich bin so oft gefragt worden, ob es nicht schrecklich für mich oder die Arbeit sei, dass jetzt jeder alles und jeden ständig fotografiert und die Welt an dieser Fotoflut zu platzen droht. Ich kann darin keine Gefährdung sehen. Sie stört mich auch nicht. Im Gegenteil hoffe ich, dass die allgemeine Auseinandersetzung mit dem Bild dadurch vielleicht etwas bewusster wird. Bilder werden, glaube ich, nur in großen Ausnahmen wirklich gelesen. Im Normalfall dienen sie der reinen Orientierung, wie eine Sprache. Um uns zurechtzufinden, haben wir sehr gut gelernt, Bilder auszublenden oder sie abzublenden. Ich habe einmal ein Seminar über Plakatgestaltung besucht und musste mich irrsinnig anstrengen, Plakate überhaupt wieder wahrzunehmen, weil ich sehr gut trainiert hatte, alles was an Werbeinformation im Stadtbild auf mich einstürmt einfach zu übersehen.

Was lässt dich genau hoffen, dass das inflationäre Fotografieren die Menschen dazu bringt, sich bewusster mit Fotos auseinandersetzen?
Viele schauen sich eben die eigenen Fotos gerne und neugierig an und haben auch meistens Ideale, wie die aussehen sollen. Man versucht, sich selbst, die Kinder, den Urlaub, den Freund, das Haustier, die Party oder den Arbeitsweg irgendwie aussehen zu lassen. Vor allem, wo so viele Menschen gerade Bilder auf Plattformen wie Facebook posten, um sich selbst zu repräsentieren. Das macht erfinderisch und dafür muss man sich doch damit beschäftigen, wie etwas gezeigt und gelesen wird.

Was würdest du machen, wenn du jetzt alles stehen und liegen lassen könntest?
Ich würde mit dem Schiff reisen wollen. Nach Island und dann weiter nach Finnland, denn dort gibt es eines der europäischen Google „Data-Center“, das – so erscheint es jedenfalls auf google – auf eine ideale Weise Nachhaltigkeit und technische Fortschrittlichkeit kombiniert, mitten im Naturschutzgebiet unweit des Polarkreises. Eine vollkommen naive und nur vermeintlich unschuldige Utopie, die ich sehr gern fotografieren möchte, innen wie außen.

Faszinierend. Das wusste ich nicht.

Und was würdest du vorher auf Island vor Ort machen? Wärst du kreativ oder würdest du einfach nur die isländische Landschaft anschauen und genießen?
Ich glaube, man kann nicht genießen ohne kreativ zu sein, niemand kann das! Auf Island würde ich arbeiten wollen Farben, Schwefelgeruch und ich kann nur ahnen, was noch, müsste ich einfach fotografieren. Genauso gerne würde ich aber eine sehr gute Freundin besuchen, zu der ich den Kontakt verloren habe und die nun dort Politik macht. Zum Süßen Nichtstun allerdings säße ich am liebsten schon seit längerer Zeit auf der Piazza Santa Maria Maggiore in Rom, und da hätte ich schon Angst, die Kamera einfach zu vergessen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Anja Nitz ist in Hamburg geboren. Nach der Schule entscheidet sie sich für ein Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik in Freiburg. Während des Studiums verbringt sie ein Erasmusjahr in Rom. In der ewigen Stadt entdeckt sie durch die Freundschaft zu vielen Architekturstudenten ihre Interesse an der Baukunst. 1995 zieht es sie nach Berlin. Sie studiert Romanistik, Geschichte und Germanistik weiter. Es beginnt eine Zeit der Neuorientierung, die sie an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee führt. Während des dortigen Grafik-Studiums entdeckt sie die Fotografie für sich und startet das Fotoprojekt "Wunderkammer Charité". Die Bilder dieses fünf Jahre andauernden Projektes sind aktuell in einer Ausstellung im Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität noch bis zum 15. März 2016 zu besichtigen.
Über das Charité-Projekt und das Botschafts-Projekt sind jeweils Fotobände erschienen. www.anja-nitz.com

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