Dezember 2016 / Inka Arlt / Puppenspielerin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Inka Arlt - 1

Wie bist du zum Puppenspiel gekommen?
Zum Puppenspiel bin ich gekommen, weil ich mir einen Seiteneingang zur darstellenden Kunst erhofft hatte, die in meiner Vorstellungswelt damals das Schauspiel war. Ich bin kein besonders aufgeschlossener Mensch und sage gern erst mal nein zu allem Neuen. Also habe ich eine ganze Weile gebraucht, bis ich den Reiz des Puppenspiels für mich ausmachen konnte. Selbst als ich schon das Fach studierte.

Was macht den Reiz des Puppenspiels für dich aus?
Aus heutiger Sicht aus würde ich sagen, das Puppenspiel mit seinen unendlichen Spielformen ist einen Fußbreit näher an dem spirituellen Kern, aus dem die Kunst in irgendeiner nebligen Vorzeit entstanden ist. Wenn mich eine Maske erschreckt oder wenn ich mit einem Alka-Seltzer leide, dass sich aus Verzweiflung in ein Wasserglas stürzt, dann steht kein Mensch mit seiner konkreten Persönlichkeit zwischen mir und meinem Gefühl. Wenigstens tritt er etwas zur Seite, denn natürlich ist die Spieler*in auch in der Darstellung anwesend. Die Projektion kann man beim Puppenspiel nicht leugnen. Und dieser offensichtliche Widerspruch zwischen dem, was ich zu wissen glaube, und dem, was ich erlebe, ist reizvoll. Das Puppenspiel ist magisch.

Als ich mich für das Studium interessiert habe, reizte mich konkret die Aussicht, mehr Kontrolle zu bekommen, als es im Schauspiel möglich schien. Das ist eigentlich Quatsch. Das Spiel mit der Puppe fühlt sich ebenso unmittelbar an wie das Spiel mit dem eigenen Körper. Aber es ist in der Realität eine gute Möglichkeit, den eigenen Körper aus dem Fokus zu nehmen. Es zieht oft Spieler*innen wie mich an, die nicht als Fleischmasse betrachtet werden wollen, wie es im konventionellen Theaterbetrieb – angefangen von Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule über die Intendanten und die Regie bis hin zum Publikum – üblich ist. Und es ist recht selbstverständlich, dass Puppenspieler*innen auch konzeptionelle und Regietätigkeiten übernehmen. Die Arbeit kann also ganzheitlich und tatsächlich relativ selbstbestimmt sein.

Als Spielerin bin ich angespornt, wenn ich eine Puppe mit Akribie animieren darf. Das mache ich auch gern im Ensemble. Ich war an Produktionen beteiligt, in denen alle Spieler*innen schwarz maskiert und möglichst unsichtbar gemeinsam eine lebensgroße Puppe führten. Dann kriecht eine über den Boden und führt die Füße und vertraut darauf, dass die Mitspielende, die die Hüfte hält, ihr nicht auf den Arm tritt. Eine führt den Kopf und den linken Arm und gibt den Atem für alle Impulse des Körpers, also für alle Mitspielenden vor. Die Hüftspielerin muss den rechten Arm passend zum linken bewegen, obwohl sie ihn weder fühlt noch sieht. Das ist ein Kampf wider den Narzissmus und ziemlich beglückend, wenn es glückt.

Auf der ganz anderen Seite des Spektrums reizt mich das Geschichtenerzählen: Bilder und Dinge mit Sprache zu beleben. Da wären wir dann schon im Randgebiet des Puppenspiels angekommen. Wenn man die Mittel noch weiter reduziert, heißt das, die Imagination des Publikums zu animieren, also die Bilder in unseren Köpfen. Und da fängt dann doch das Schauspiel an und für mich die Straße. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erzähl uns die Geschichte! Was machst du gerne als Puppenspielerin auf der Straße? Liebst du den unmittelbaren Kontakt zum Publikum?
Ach, Quatsch, den hasse ich. Na gut, manchmal ist das schon ganz angenehm. Eigentlich fast immer. Ich fordere die Menschen auf der Straße heraus, und erstaunlicherweise bekomme ich es nur ganz selten mit wirklich depperten Herzen zu tun. Meistens sind sie genial oder erstaunlich. Schlimmstenfalls gnatzig und unbeholfen. Oder wenn's ganz hart kommt, dann tut mir jemand aus Versehen weh und bemerkt es nicht, naturgegeben. Vermutlich werde ich auch in diesem ganzen Spektrum wahrgenommen. Ich sage gern kokett, dass ich auf der Straße käufliches Glück feilbiete. Ich will damit nicht die Straßenprostitution romantisieren. Es gibt nur gewisse Parallelen, allerdings ohne den Faktor der existentiellen Not oder Macht.

Als ich das Festengagement verließ, sah ich in einer Schauspielerin eine schlecht bezahlte Glücklichmacherin, eine Leinwand für alle. Dieses Bild knallte ich mit der Glücksfee, die ich auf der Straße verkörperte, dem arglosen Publikum fröhlich vor den Latz. Damit erfand ich gemeinsam mit der Puppentheaterszenografin Bärbel Haage zufällig eine Art halbdurchlässigen Spiegel: Ich mache mich selbst zur Puppe, zum Glücksautomaten, und das ist wiederum eine Möglichkeit, von mir selbst wegzutreten und mich und die anderen genauer zu betrachten. Auch die Zuschauenden sehen das Doppelbild von Leinwand und dem vermuteten „echten“ Menschen. Wir sind alle Projektionsflächen, und ein Kostüm oder eine Uniform bietet sich dafür explizit an. Ich nehme an, Polizist*innen und Straßensozialarbeiter*innen machen ähnliche Erfahrungen wie ich, nur vielleicht weniger hoffnungsvolle.

Jedem Menschen, der Geld in mein Dekolleté einwirft, erzähle ich eine Geschichte zu einer Pop-Up-Illustration aus einem großen Repertoire, die er wie ein Glückslos wählt. Jede Geschichte verändert sich graduell durch das Spiel mit einer Person. Wenn ich mich in wenigen Stunden mit Dutzenden von Menschen unterhalte – und das nun schon über Jahre hinweg immer wieder –, dann gibt es Überlagerungen, und ich erkenne das Verbindende, auch zu mir. Das Gefühl ist sicher den meisten bekannt: Es ist Party. Manchmal brennt man darauf, manchmal muss man sich aufraffen, aber dann passiert etwas Unvergessliches, an das man sich schon wenig später leider nur noch schemenhaft erinnert. Aber es war toll. Manche Partys sind öd, aber es ist eben auch ein Wechselspiel. Dass nur blöde Leute da sind, ist fast unmöglich. Doch, ja, ich liebe den Kontakt.

Welche Art von Geschichten erzählst du gerne?
Wenn ich vom Geschichtenerzählen spreche, meine ich damit eine Darstellungsform. Eine Art von Theater, bei der meist nur ein Mensch eine Geschichte vor allem mit sprachlichen Mitteln darstellt. Also, eher ein Wie als ein Was. Spannend, komisch, vielschichtig, berührend – so will ich Geschichten erzählen und erzählt bekommen. Dezent Verhauchtes ist nicht so meins. Jede Situation, die ich erlebe und die mich beeindruckt, kann eine tolle Geschichte werden, wenn es mir gelingt, sie für andere nachfühlbar zu machen. Natürlich gibt es besonders dankbare Vorlagen. Volksmärchen gehören dazu. Das sind Energiekugeln mit charmantem Understatement: Im Kern die Kraft des Mythos und darüber eine großartige Patina. Eine solche Kraft haben zum Beispiel auch die Graphic Novels von Shaun Tan. Die haben viele Brücken in die Welt des Objekttheaters geschlagen, was mich anspricht. Wer den Künstler nicht kennt, nehme ihn einfach mal zur Hand. Es soll sein Schaden nicht sein.

Das Puppenspiel verbinden viele heutzutage immer noch mit dem Kaspertheater aus Kindheitstagen. Wie modern kann Puppenspiel auch sein?
Kaspertheater ist eine traditionelle Spielform, die immer noch ihre Berechtigung hat. Der Kasper wird auch als Folie verwendet um Heutigeres zu Erzählen. Lutz Grossmann hat in "Kasper tot – Schluss mit lustig?" den Kasper gegen den Tod seiner Spielform in einer gewandelten Lebensrealität kämpfen lassen. Rate mal, wer gewonnen hat? Da das Puppentheater als eine Randfigur der Theaterlandschaft gesehen wird, kann ich vielleicht mit ein paar nicht mehr taufrischen Feststellungen überraschen: Puppentheater gibt's auch für Erwachsene. Vor etwa 40 Jahren wurde außerdem die offene Spielweise eingeführt. Hier sind die Spielenden nicht versteckt oder maskiert, sondern wir können ihnen beim Animieren der Puppen zusehen. Ihr Verhältnis zur Puppe oder dem Objekt hat eine Bedeutung für das Geschehen. Sie haben eine Draufsicht und manipulieren im Sinne ihrer eigenen Interessen wie Götter auf der Metaebene. Puppen und ihre weiteren Verwandten, also Prothesen, Roboter, Videoanimationen, sind geeignete Darstellungsformen für die Diskurse Mensch/Maschine und analoge/digitale Welt.

Eine kleine, feine Produktion, die ich gerade gesehen habe, ist „Lillis Tagebuch“ von Förster/Kastner. Hier wird eine Maske eingesetzt, die das Gesicht der Tänzerin unkenntlich macht, und auf die stattdessen ein animiertes Gesicht projiziert wird. Video Die bemerkenswerte Ilka Schönbein ist die Grande Dame der Methode, den eigenen Körper mit Puppenteilen zu verbinden. Video Ein weiteres Beispiel für die Bearbeitung relevanter Themen im Puppentheater geben die Flunkerproduktionen mit dem Stück „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ nach dem gleichnamigen Stummfilm von 1929. Es ist eine Art Agenda 2010 mit Puppen. Da gefriert das Blut. Und noch eine erfreuliche Neuigkeit: Wir leben in einer Stadt, die eine der beiden staatlichen Studiengänge für Puppenspielkunst in Deutschland unterhält. Wer die Macher*innen des zukünftigen Puppentheaters jetzt schon bei der Arbeit sehen will, saugt sich die aktuellen Termine unter http://www.hfs-puppe.de/aktuelles ab.

Haben Puppenspieler eine universelle Sprache? Funktioniert z.B. deine Performance als Glücksfee auch in anderen Ländern?
Es gibt doch immer kulturelle Codes, auch bei Musik, Tanz und in der Bildenden Kunst. Solange ich ohne Sprache arbeite, mag ich über manche Hürde hinwegkommen. Sobald das gesprochene Wort hinzukommt, habe ich die Sprachbarriere. Mein "Glückstück" funktioniert mit Bildern, aber vor allem über die Sprache. Ich spiele es auch in einer englischen Version. In prüderen Kulturen wie den USA oder den Arabischen Emiraten wäre die Performance dennoch schwer umsetzbar. Ich habe bei Puppentheaterproduktionen in Frankreich, Polen und Tunesien mitgewirkt. Wir hatten dabei die gleiche Notwendigkeit für Übersetzung und Vermittlung wie sie ein Sprechtheater mit Schauspielern gehabt hätte. Österreich ist ein Spezialfall. Obwohl Verständigung schwer möglich ist, kann sich das sehr fremd anfühlen. Andererseits weiß man dort, wer Valie Export ist.

Wer ist Valie Export?
Valie Export ist eine österreichische Medienkünstlerin, die seit Ende der 60er Jahre Performances unter anderem mit feministischen Aspekten macht, bei denen sie deutlich aber auch humorvoll provoziert. Eine bekannte Arbeit ist ihr Tapp- und Tast-Kino, bei dem ihr Oberkörper in einem Karton mit zwei Eingrifflöchern vor der Brust steckt. Ihr Partner hat auf der Straße Passanten zum Betasten ihrer Brüste eingeladen. Anfänglich fiel es mir nämlich schwer, auf den Vorwurf zu reagieren, meine Glücksfee sei eine Affirmation bestehender Verhältnisse und ich wolle mit billigen Reizen ans ganz große Geld. „Das ist sooo schön, was du machst. Das ist soooo schade, das mit den Brüsten.“ Da war ich sprachlos und habe überlegt, wo man anfangen kann. Immer mal wieder bin ich darauf eingestiegen mit: „Kennst du Valie Export?“ Ich erntete leere Blicke. Nur einmal in einem wirklich winzigen, abseits gelegenen Dorf in den österreichischen Alpen sagte ein älterer Herr, der zu einer Trachtentanzgruppe gehörte, zu mir: „Das ist ja phänomenal, was Sie machen! Sagen Sie, kennen Sie Valie Export?"

Welche Ideen möchtest du künftig gerne in die Tat umsetzen?
Ich möchte unbedingt, bevor ich sterbe, noch den letzten Intendanten eines deutschen Stadttheaters zum Abschied leise die Pforte zuziehen und dann die Schlüssel an die freie Szene übergeben sehen. Dass dieses System, das wesenhaft Ausbeutung, Popanzerei und Unkunst bei sich beherbergt, abgeschafft wird, das wäre schön. Dazu will ich auch gern mein Scherflein beitragen. Grundsätzlich will ich ganz langsam arbeiten. Ich will noch als Stadttaube vom Hotel "Park Inn" am Alex Bungee springen. Und ich will im Bauch eines gestrandeten Wals mit dem Publikum Geschichten erfinden. Ich will als Theaterpaketbotin profane Wohnzimmer mystifizieren. Zusammengefasst: Ich freu mich schon.

Vielen Dank für den Einblick in die Puppenspielwelt.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Inka Arlt ist 1973 in Köln geboren. Von 1997 bis 2001 studiert sie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Puppenspielkunst. Danach wird sie für drei Jahre festes Ensemblemitglied beim Puppentheater der Stadt Dresden. Seit 2004 wirkt sie als freischaffende Puppenspielerin. Sie spielte als Gast an verschiedenen Stadt- und Staatstheatern. Seit 2005 spielt sie ihr Solo "Glückstück“ auf der Straße, meist im Rahmen internationaler Straßentheaterfestivals im deutschsprachigen Raum. www.inkaarlt.de

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