September 2015 / Jürgen Herold / Florist / Berlin-Neukölln

Coco Berliner - Jürgen Herold - 1

Seit wann gibt es den Beruf des Floristen?
Als eingetragenen Beruf gibt es den Floristen seit der Gründung der Bundesrepublik. Natürlich wurden vorher schon Blumen gekauft.

Floristen gab es eigentlich auch schon an Fürstenhäusern. Die waren vielleicht noch mit anderen Sachen beschäftigt, nicht nur mit Blumen. Auch zuvor. Da kann man sich die römischen Fresken anschauen, ob es nun der Ölzweig-Kranz auf dem Kopf ist oder Girlanden mit Trotteln, die als schmückendes Beiwerk auf Reliefbildhauerarbeiten dargestellt wurden.

Grundsätzlich ist das Schmücken und Dekorieren mit Blumen ja Teil der menschlichen Kultur. Wenn man so will, hat die Blume den Menschen mit geformt. Vielleicht wollen das nur die Floristen so sehen, aber es gibt ja einen Grund, warum die Geschichte von Adam und Eva entstanden ist.
Ich hab mal über Theorien gelesen, die von der Wissenschaft verfolgt werden. Im Gebiet des Zweistromlandes Euphrat und Tigris, wo die ersten Kulturen entstanden sind, kam es irgendwann zu Verknappungen. Die Nomadenvölker, die dort unterwegs waren, hatten einfach nicht mehr genug zum jagen und haben auf einmal gemerkt, dass an der Stelle, an der sie ein Jahr zuvor Halt gemacht hatten und wo sie die Reste von Pflanzen, die sie gegessen hatten, auf einem Haufen geschmissen hatten, im darauffolgenden Jahr Pflanzen wuchsen aus den Resten vom Vorjahr. Sie kamen auf die Idee, dass ein System dahinterstecken könnte. Das hat dann auch zum Sesshaft-werden der Menschen beigetragen...und dazu, dass es nötig war, Werkzeuge zu entwickeln und den Ackerbau zu kultivieren. Wenn das so sieht, dann ist die Pflanze nicht nur ein Zuschauer in der menschlichen Geschichte, sondern ein entscheidender Faktor. Deswegen glaube ich, ist es auch so tief in uns verwurzelt, dass wir zu Festen Blumen verschenken und alles mit Blumen schmücken.

Um noch einmal den Bogen ins Heute zu spannen, als eingetragenen Beruf gibt es den Floristen nicht in jedem Land. Zum Beispiel in Russland geht man, wenn man Florist werden will, zu Floristen und belegt dort Kurse. Ansonsten, wenn man das machen möchte, geht man in einen Blumenladen, lässt sich dort anheuern und verkauft dann Blumen. In Deutschland kann man das auch machen. Jeder kann Blumen verkaufen, und jeder kann sich hinstellen und als Florist wahrgenommen werden, aber er darf sich eigentlich nicht so nennen, weil er halt kein Florist ist, wenn er oder sie es nicht nicht gelernt hat. Das ist natürlich schwierig für die Fachleute, weil man sich ganz genau positionieren muss. Man muss genau sein Angebot definieren, warum kostet das hier soviel und dort dreimal soviel. Das ist manchmal schwer zu vermitteln, wenn es so viele gibt, die Blumen verkaufen dürfen. Wenn man es schafft, eine Nachfrage nach dem Wissen zu generieren, dann hat man einen ganz guten Stand in Deutschland. Wenn man Blumen verkauft und sich nur über den Preis definiert, ist es schwierig, weil man über den Preis heutzutage kein Rennen mehr gewinnen kann.
In Österreich, zum Beispiel, ist es ein richtiger Handwerksberuf. Da ist das Verständnis für den Beruf auch ein anderes.

Du hast im Sommer einen Workshop in Russland gegeben?
Ja, ich war schon öfter in Russland. Das erste Mal hat mich der Florist Dmitriy Skutin gebucht. Das war in Perm. Und er hat mich auch nach Kasachstan gebracht. Einer seiner Schülerinnen übernimmt die Schule in Perm und dort war ich jetzt diesen Sommer nochmal. Ich hab dort ein Basisseminar gegeben. Da ging es um die rauen, grundlegenden Details, z.B. wie man einen Strauß bindet.

Was hast du aus diesem Workshop für dich mitgenommen?
Zum einen, dass die Russen ein ganz anderes Volk sind. Mit Mangelversorgung, was Materialen angeht, gehen die ganz anders um als ich. Wenn ich hier in Deutschland einen Job hab und schreibe eine Bestellliste und da kommen zwei, drei Sachen von der Liste nicht. Das kenne ich. Das ist normal. Wenn man in Russland eine Bestellliste für Blumen schreibt, werden 40 bis 60 Prozent der Dinge nicht geliefert. Und das waren nicht sehr spezielle Sachen. Da braucht man sich auch keinen großen Plan vorher machen. Man fährt halt hin und schaut, was da ist und was geht. Damit gehen die anders um, weil sie es kennen.
In Russland gibt es eigentlich eine ganz gute Versorgung mit Blumen, nur der ganz Kaviar wird in Moskau abgeschöpft, wo das Geld liegt, Der Rest geht in die Provinzen. Dann sind die Blumen ein, zwei Tage länger unterwegs und dementsprechend sinkt die Qualität.

Gibt es Blumen, die in Russland – im Unterschied zu Deutschland – stärker gefragt sind?
Ich war nach der deutschen Meisterschaft im Jahr 2012 in Equador gewesen. Das war Teil des Gewinns. In Equador wird eine besondere Qualität von Blumen produziert, weil die Pflanzen in 3.000 Meter Höhe einen anderen Wuchs haben, weil sie das ganze Jahr über eine optimale Wetter- und Lichtsituation haben – es ist immer gleich lange hell. Dort werden für die ganze Welt richtig großköpfige Blumen produziert. Ich hab ganz genau gesehen, wie die Produzenten damit umgegangen sind, ob sie hauptsächlich für Russland, Amerika oder Europa produzieren. Es war immer so, dass die Europäer einen "cut state", also ein Schnittstadium, möchten, bei dem die Blume noch ganz zu ist. Wenn man in Deutschland Blumen verkaufen will, die schon voll offen sind, kauft die keiner. Die Leute denken, 'Die sind schon offen. Da hab ich nichts mehr von. Die sind morgen tot'. Das ist aber falsch, denn wenn die Blume länger an der Pflanze ist, und dort aufgehen kann, dann hat sie mehr Nährstoffe und Licht abbekommen. Es ist einfach besser für die Pflanze. Und tatsächlich, wenn sie dann so offen geschnitten wird, dann hält sie länger. Das ist aber schwierig zu vermitteln. Die Nachfrage ist halt eher so, dass wir sie hier in Deutschland gerne geschlossen haben wollen. In Russland dagegen müssen die Blumen richtig in voller Pracht offen sein. Das ist dort ein Statussymbol. Da gibt man mal bei einer Hochzeit 30.000 Euro nur für die Blumen aus. Das ist auch nichts Ungewöhnliches. Das gibt es in Deutschland eher selten oder gar nicht.

Aber besondere Blumensorten werden in Russland im Gegensatz zu hier nicht bevorzugt. Sie bevorzugen vielleicht Sachen, weil sie so viel noch nicht kennen vor allem in den Provinzen. Ich hab für das Seminar Blumen bestellt, z.B. Asclepia, die bei uns sehr geläufig sind, und dort haben mich die Seminarteilnehmer viel über diese Blumensorte ausgefragt.

Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass du bestimmte Techniken hast, mit denen du eine Blume so zeigen kannst, wie man sie vielleicht vorher noch nicht gesehen hat. Was sind das für Techniken?
Da gibt es alles Mögliche. Ich mache ja nicht nur Sträuße, Gestecke und Arrangements. Ich mache auch Gefäße selber oder einen Aufbau kürzlich zur Weltmeisterschaft im Juni. Den Aufbau hab ich mir von einem Schlosser schweißen lassen. Zuerst muss man wissen, wie das Teil aussehen soll, und dann braucht man jemanden, der weiß, wie es geht oder man selber ist so erfahren. Ich kann zwar schweißen, aber auch nicht alles.
Einen anderen Aufbau zur Weltmeisterschaft hab ich mir von einer Tischlerin machen lassen. Die Aufgabe war, zu hundert Prozent organisch zu arbeiten. Man durfte kein Glas, kein Plastik, keine Steckschrauben, keine Nägel verwenden. Das Gestell war nur aus Nut-und-Feder-Verbindungen der Bretter, Holzdübel und Seilen zusammengehalten.
Für so etwas braucht man Leute mit denen man zusammenarbeiten kann. Wenn ich selber Gefäße mache, dann z.B. aus Torf und Holzleim. Was ich auch selber mache, sind Konstruktionen aus Ästen, die auf einer Wasserschale stehen.

Gibt es Techniken, die rein mit den Pflanzen zutun haben?
Am Ende geht es darum, ich möchte am Tag x eine Arbeit hinstellen, die dann auch genau auf den Punkt ist. Das ist das Grundlegende. Dann überlege ich, wo bekomme ich wann welche Blumen her. Danach ist es die Aufgabe, manche Blumen früher zu bestellen und sie so zu konditionieren, damit sie aufgehen können und immer noch frisch sind, wenn ich sie verarbeiten will. Da gibt es eine Menge zu wissen, wie man mit dem Material umgehen muss. Das sind zwar immer noch Pflanzen, und es kommt auch auf Luftfeuchtigkeit und Temperatur und alles mögliche an, aber damit muss man halt umgehen. Das fängt beim Anschneiden und Putzen an und hört beim Konditionieren mit einem speziellen Mittel auf, dass die Kapillargefäße öffnet, damit sie länger halten.

Kannst du sagen bei wie vielen Blumen du weißt, wie man mit ihnen umgehen muss?
Grundlegend ist es ja immer dasselbe Problem. Von daher gleicht sich das bei vielen Blumen. Ein Blumenstiel ist im Prinzip wie ein ganz langer Strohhalm. Dort ist Wasser drin. Oben ist eine Verdunstungsfläche. Dort transpiriert die Pflanze. So geht Wasser verloren. Dadurch entsteht ein Unterdruck, und dieser Unterdruck saugt unten neues Wasser nach. Das ist die grundlegende Physik einer Schnittblume. Und wenn man die verstanden hat und alles tut, damit dieser Effekt bestehen bleibt, hat man alles getan, was man tun muss. Mehr kann man für die Haltbarkeit einer Blume nicht machen. Wenn das gewährleistet ist, ist die Blume top. Wenn unten der Stiel schlontzig wird, wenn sich zu viel Bakterien entwickeln, wenn das Wasser nicht sauber ist und die Kapillaren verstopfen, dann nimmt der Unterdruck überhand und die Blume wird schlaff. Oder wenn oben zu viel Wasser abtranspiriert wird, wenn es zu heiß ist oder die Luftfeuchtigkeit zu niedrig ist – das sind alles Sachen, auf die man achten muss. Das ist bei allen eigentlich dasselbe. Es gibt noch Spezialfälle wie z.B. die Sonnenblume oder die Weihnachtssterne.

Wo bekommst du deine Blumen her? Einfach aus dem Großmarkt oder von lokalen Anbietern aus der Umgebung?
Auf dem Großmarkt kaufe ich auch immer wieder ein. Zudem kenne ich ein paar Leute. Zur Weltmeisterschaft habe ich zum Beispiel im Karl-Förster-Garten in Potsdam geschnitten, weil ich die Leute kenne. Dann kenne ich noch einen sehr guten Rosengärtner bei Potsdam und die Frau Pelzig aus der Biogärtnerei in Bad Belzig. Darüber hinaus gibt es noch Produktionsbetriebe in Brandenburg.

Ich bin auch Mitglied bei einer Gruppe, die sich "Floral Fundamentals" nennt. Das ist eine Gruppe von Piet van Kampen, der in Holland eine Produktions- und Vertriebsfirma hat, und Alison Bradley, die in England ein erfolgreiches Magazin namens "Fusion Flowers" herausbringt. Bei dieser Initiative geht darum, den verarbeitenden Zweig der Branche, also die Floristen, und den produzierenden Zweig zusammenzubringen. Üblicherweise stehen dazwischen immer die Zwischenhändler, die viel Einfluss auf das Angebot haben. Es geht darum, eine Brücke zwischen den Floristen und den Produzenten zu schlagen. Dadurch kenne ich jetzt auch Produzenten in Den Haag und kann bei denen direkt anrufen, wenn ich etwas brauche. Das ist sehr gut.

Ansonsten bin ich auch einer, der gerne wild schneidet. Ich schneide viel Sachen, die man eher als Unkraut am Wegesrand abtut.

Was war für dich in Berlin in letzter Zeit eine wichtige Inspirationsquelle?
Die Situation, in der mir am leichtesten eine Idee für eine freie Arbeit kommt, ist, wenn ich... es gibt so eine ganz tolle Brachfläche entlang der B1 stadtauswärts. In der Nähe ist der Tierpark. Dort kann man an der Seite mit dem Auto parken. Wenn man von dort aus weiter in dieses Niemandsland reinläuft, hört man nach 500 Metern nichts mehr. Man ist in einer völligen Wildnis. Dort kann ich auch schneiden. Wenn ich einen Ast sehe, der irgendwie obskur gewachsen ist, dann kommt mir die Idee für eine Arbeit.

Wenn ich weiß, ich hab einen Auftrag und ich muss dafür zehn Arbeiten abliefern, dann sitze ich auch mal da und mir fällt eine halbe Stunde gar nichts ein. Das ist immer das anstrengendste am Beruf. Aber irgendwann finde ich immer einen Aufhänger, von dem ich aus eine Idee entspinne. Meistens kommt es beim machen.

Viele sind bei Blumen immer sehr auf das Visuelle fixiert, aber eigentlich ist der Geruch bei Blumen auch nicht zu verachten.
Nicht umsonst heißt es ja Blumenbouquet.
In der Renaissance, zum Beispiel, wurden Blumen nach Duft zusammengestellt. Der Brautstrauß als solcher ist auch deswegen so ein fester Bestandteil von Trauungen, weil die Braut damals in der Dorfkirche, wo zur Hochzeit wirklich alle da waren... 500 Leute auf engstem Raum, vier Wochen nicht gewaschen... die sind damals oft in solchen engen Räumen umgekippt, wenn die so aufeinander gesessen haben. Die Braut hatte dann ihren Strauß und konnte ihre Nase da reinstecken.

Bei deinem Beruf liegt für mich die Frage nach einem eigenen Garten nicht weit weg? Hast du einen?
Nein, ich habe keinen Garten. Ich bin zwar seit neun Jahren in Berlin, aber noch nicht so gut angekommen, dass ich hier mein eigenes Grundstück besitze. Aber interessieren tut mich ja vor allem der Wildwuchs. Die Gegend an der B1, die ich vorhin beschrieben habe, wäre mein Garten. Es gibt auch ganz tolle Brachen draußen in Marzahn-Hellersdorf bei den Baumärkten und Tankstellen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Jürgen Herold wurde 1983 in Sankt Martin in Rheinland-Pfalz geboren. Von 1999 bis 2002 durchläuft er seine Ausbildung zum Floristen. Nach dem er fünf Jahre in verschiedenen Blumenläden gearbeitet hat, macht er sich 2009 als freischaffender Florist selbstständig. Immer wieder reizt es ihn, an Wettbewerben teilnehmen, um sich neue Ziele zu setzen. 2012 belegt er den ersten Platz bei der "Deutschen Meisterschaft der Floristen". Im Juni 2015 nimmt er an der Fleurop-Interflora Weltmeisterschaft in seiner Wahlheimat Berlin teil. Bis ins Halbfinale schafft er es und liefert dabei – nach eigener Aussage – die beste Arbeit seiner Laufbahn ab. Neben den Wettbewerben zieht es ihn beruflich auch immer wieder ins Ausland, u.a. nach Russland, Polen, Taiwan, Hongkong, Belgien, Schweiz und Kasachstan. www.handwerkfloraldesign.de

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