Oktober 2015 / Petra Neumeister / Kostümbildnerin / Berlin-Charlottenburg

Coco Berliner - Petra Neumeister - 1

Was gehört alles in deinen Aufgabenbereich als Kostümdesignerin?
Vom Knopf auswählen bis zum blutigen Einschussloch gehört alles dazu. Jedes Kostüm, das Schauspieler und Komparsen im Film anhaben, ist durch meine Hände gegangen. Zuerst lese ich natürlich das Drehbuch und mache erste Skizzen von den Haupthelden. Dann recherchiere ich in Fachbüchern, Originalaufnahmen, Fotos aus der jeweiligen Zeit der Handlung und suche nach Anregungen für die Übersetzung von historischen Vorbildern in die Heutezeit. Die Ideen bespreche ich dann mit dem Regisseur, und wir treffen eine Auswahl von den besten Entwürfen und Ideen für den "Look" des Films. Diese präsentieren wir dann dem Produzenten. Und nach einigen 'Schlachten' treffe ich mit Szenenbildner und Maskenbildner zusammen, um das Farbkonzept abzustimmen und Ensemble und Raum fein zu zeichnen.

Die Umsetzung des Kostümkonzeptes nimmt den größten Teil der Arbeit ein. Sie kann durch Auswahl der Kostüme im Fundus oder durch Anfertigungen in Schneiderateliers oder durch Einkauf der Kostüme im Kaufhaus erfolgen. Wobei ich das 'Shoppen' am wenigsten mag.

Die Schauspieler kommen dann ein bis drei Mal zur Anprobe ihrer Kostüme, die wie eine zweite Haut werden sollen. Richtiges Leben wird den Kostümen durch die Patinierung eingehaucht. Erst wenn die Kostüme selbstverständlich und nicht aufgesetzt wirken, ist die Arbeit für mich gelungen. Oft sagen Freunde nach dem Anschauen eines Films von mir: "Mir ist gar nicht aufgefallen, dass die Kostüme anhaben." Und genau darauf kommt es mir an.

Will man als Kostümbildner eigentlich am liebsten für historische Filme arbeiten, oder ist ein zeitgenössischer mindestens genauso verlockend?
Also historisch Arbeiten ist schon meine schönste Herausforderung. Da kann ich alle Fähigkeiten zusammen unter Beweis stellen. Auch die historische Recherche ist bereichernd für einen selbst... der Entwurf, die Interpretation von damals auf heute, so dass sich auch junge Zuschauer mit den Figuren identifizieren können, dass es nicht historisierend, sondern leicht und nicht verkleidet wirkt – das macht einfach Spaß. Mehr Arbeit ist das schon, aber irgendwie gehaltvoller und befriedigender. Die Anerkennung für historisches Kostümbild ist auch wesentlich höher.

Das Wichtigste an meinem Beruf ist aber die Möglichkeit der Neuschaffung, der Kreation einer Figur. Das heißt der Entwurf einer neuen Protagonistin als Pathologin in einer Fernsehserie oder die Kreation von Märchenfiguren ist fast genauso fordernd und erfüllend, wie die Umsetzung von historischen Rollen.

Welche Kollege/in begeistert dich schwer?
Also schwer begeistert bin ich von meinen Kollegen Monika Jacobs und Lisy Christl. Beide sind menschlich toll und wunderbare Kostümbildner. Bei Monikas Arbeit hat mich besonders der Engel aus "Himmel über Berlin“ begeistert und bei Lizzy Christl ihre Figuren in dem Shakespeare-Film "Anonymous“, für den sie für den Oscar nominiert wurde. Eine Kollegin über den roten Teppich in Los Angeles gehen zu sehen – das war schon eindrucksvoll.

Du bist auf Film spezialisiert. Was hat dieses Genre für dich, was z.B. die Opern- und Theatergenre nicht haben?
Dass ich Filmkostüme mache, hat sich eher so ergeben. Mich interessieren Theater, Oper und auch Shows genauso stark. Ich denke, der Unterschied liegt in den räumlichen Voraussetzungen und logistischen Abläufen. In der Gestaltung der Kostüme sind die Prozesse ganz ähnlich. Film ist eine eher verfremdete, distanzierte Welt mit Spezialeffekten und Farbkorrektur. Theater konfrontiert sich direkt mit den Zuschauern. Kostüm und Ausstattung wirken pur auf das Publikum.

Beim Film wechseln ständig die Drehorte, sogar die Länder, und wir sind so eine Art 'Fahrendes Volk'. Die Vielfalt innerhalb des Filmgenres ist enorm: von der Phantasiegeschichte über Actionfilm bis hin zu historischen Verfilmungen. Die 'Trickkiste', um Illusionen zu schaffen, ist enorm.

Es macht mir Spaß, mich auf die häufig ändernden Themen und Umstände einzustellen, neue Sprachen zu lernen und mich auf andere Mentalitäten von Schauspielern und Teams einzustellen. Obwohl das auch nicht immer leicht ist. Der logistische Aufwand von Filmarbeiten ist enorm : wie oft z.B. benötige ich das gleiche Kostüm für eine Rolle, das am Anfang des Films sauber und unverletzt ist und am Ende des Films zerfetzt ist. Denn meist werden die Bildfolgen nicht chronologisch gedreht, sondern zuerst der Schluss des Films. Auch der Einsatz von Komparsen, die z.B. an einem Tag in unterschiedlichen Situationen durchs Bild laufen. Mal sind das nur zehn, manchmal müssen bis zu 100 und mehr umgezogen werden.

Welcher Film, bei dem du die Kostüme gemacht hast, liegt dir besonders am Herzen?
Also da gibt es zwei Herzensprojekte. Zum einen das Märchen "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" und kürzlich ausgestrahlt "Die Klasse - Berlin 61" – ein Mauerbau-Drama.

Du bist in vielen Sprachen bewandert. Wie kam es dazu?
Ich bin in Rumänien und Jugoslawien aufgewachsen. In Belgrad habe ich die russische Botschaftsschule besucht. In der Klasse waren Kinder aus allen Ostblockländern vertreten. Das war meine beste Schulzeit.

Zu Hause sprach mein Vater, dessen Muttersprache wie meine deutsch ist, mit mir englisch: "Kind lern Sprachen, dann hast du es später leichter und kommst auch mal raus!"(aus der DDR, Anm. d. Red.). In der Wendezeit habe ich dann aus Begeisterung für die Mode und Paris französisch gelernt und war lange in Frankreich. Später kam italienisch dazu, weil wir jedes Jahr viel Zeit in Italien in unserem Familienhaus in der Nähe von Neapel verbrachten, und es bis heute tun.

Sprachen lernen ist für mich größtes Vergnügen und fällt mir einfach leicht. Ich habe dadurch große Vorteile im Beruf und werde oft für deutsche Ko-Produktionen im Ausland angefragt.

Was machst du in deiner Freizeit richtig gerne?
Am liebsten 'chille' ich mit meinen beiden fast erwachsenen Söhnen und bin einfach nur zu Hause bei Mann und Familie. Oder raus in die Natur gehen und lange Spaziergänge machen, um die Kopf frei zu haben, das tut gut...
Wenn ich noch mehr Zeit hätte, würde ich am liebsten tanzen und singen.
Früher habe ich Gitarre gespielt und eigene Lieder geschrieben, Liebeslieder natürlich. Sogar mal einen Titelsong für einen "Polizeiruf". Na, das ist lange her. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das wieder aufnehmen und Unterricht in Gesang nehmen.
Aber sieht erstmal nicht nach mehr Zeit haben aus...

Erzähl mal, wie war das mit dem Polizeiruf-Song?
Ich war ja gerade mal mit dem Abi fertig und hatte Freunde beim Fernsehen... noch damals zu Ostzeiten. Ein Regisseur fand den Song gut und sein Filmkomponist hat die Musik dazu geschrieben, und dann wurde er im Studio mit großem Orchester und Sängerin damals in den Studios in der Nalepastraße aufgenommen. Die Polizeiruf-Folge hieß "Kalter Engel". Eine meiner schönsten Erfahrungen war das.

Für welche Musikstile kannst du dich begeistern und warum?
Kann ich gar nicht so sagen. Nur manche Jazzarten höre ich nicht gerne. Sonst bin ich sehr breit interessiert und begeisterungsfähig von Klassik bis Techno.

Und deine zweite Leidenschaft, das Tanzen. Was begeistert dich?
Am Tanzen interessiert mich besonders das Bewegen gegen die Alltagsrhythmen. Frei von dem Zwang die nächsten Handlungen zu planen und programmiert zu laufen. Schrittfolgen ins Freie und ohne Absicht, dass interessiert mich dabei.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Petra Neumeister wurde in Berlin geboren. 1984 beginnt sie eine Ausbildung zur Kostümschneiderin beim DDR-Fernsehen. Ihre Praxiserfahrung holt sie sich im Anschluss als Kostümbildassistentin. 1989 entflammt bei ihr die Begeisterung für Modedesign und sie beginnt ein Studium in diesem Fach an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Die Modewelt führt sie bereits während des Studiums zu verschiedenen Trendbüros in Paris. 1991 wechselt sie an die Hochschule der Künste Berlin. Mit dem Diplom in der Tasche geht sie nach Paris und Brüssel und arbeitet für führende Trendinstitutionen und Modelabels. Nach einer Weile kommt wieder die Leidenschaft für die filmische Umsetzung von Kostümentwürfen auf. Petra Neumeister geht zurück in die Filmbranche. U.a entwirft sie die Kostüme für "Staub auf unseren Herzen" (2911), "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" (2014), "Die Klasse - Berlin '61" (2014) und "Ein Fisch namens Liebe" (2015). www.neumeister-costume.com

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