November 2015 / Tammo Winkler / Maler / Berlin-Mitte

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Ich sehe in deinem Atelier eine großformatige Arbeit an der du gerade zu arbeiten scheinst. Ein Hund, sonst viel Abstraktion, Platz für Mehrdeutigkeit, eine harmonische Farbgebung. Was ist das für eine Arbeit? Mit was hast du dich hierfür beschäftigt?
Ja, das ist eine Erinnerung an Löppel, unseren Hund damals. Wir haben ihn auf ganz tragische Weise verloren. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war. Meine Eltern waren mit mir und meinen Geschwistern und mit zwei Autos unterwegs nach Italien. Irgendwo in Frankreich machten wir eine Pause an einer Tankstelle, fuhren weiter und jeder dachte, der Hund ist in dem Auto des anderen. Wir hatten ihn vergessen. Als es beim nächsten Tanken klar wurde, sind wir wahnsinnig schnell fast 300 Kilometer zurückgefahren. Als wir dort ankamen, sagte der Tankwart, der Hund hätte viele Stunden an der Tankstelle gewartet. Zehn Minuten, bevor wir eintrafen, sei er aber über die Felder in den Wald gelaufen und verschwunden.

Je älter ich werde, umso mehr fühle ich, wie mich dieser Hund in seinem Wesen und seiner Ruhe geprägt hat, und ich merke erst jetzt, im Nachhinein, was das eigentlich für ein Freund war.

Ich male gerne aus der Erinnerung, oft nachts. Ich brauche den zeitlichen Abstand, um gewisse Ereignisse besser reflektieren und formulieren zu können, und auch, um sie zu abstrahieren. Nachts ist es ruhig. Da fällt mir das Malen leichter.

Manchmal benutze ich Photos als Bildinspiration, z. B. wenn mir eine Komposition gefällt oder das Motiv. So war es auch bei diesem Bild. Es gibt ein Kinderphoto von mir und meinem älteren Bruder in Norddeutschland auf dem Deich. Daneben steht der Hund und sieht zu uns herüber. Dieses Photo hat mich schon einmal zu einem viel kleineren Bild vor etwa zehn Jahren inspiriert. Nur habe ich damals den Hund weggelassen, aber diesmal habe ich nur ihn gemalt, ein bisschen überlebensgroß. So ist er mir auch in der Erinnerung geblieben.

Wenn ich mich so umschaue, sehe ich sehr unterschiedliche Arbeiten. Gehörst du nicht zu denen, die in mehreren Arbeiten eine bestimmte Technik verfolgen, bis sie das Gefühl haben, die Technik ist ausgereizt?
Das ist nicht mein Ansatz. Es langweilt mich viel zu schnell. Für mich ist es viel spannender, wenn ich Gemeinsamkeiten zwischen Bildern erkenne, die in der Entstehung weit auseinander liegen. Ich habe keine Lust dazu, mich in Technik oder Thematik festzufahren. Es gibt viele, die kommen da nie wieder heraus, malen sich irgendwie tot und können sich selbst nicht mehr überraschen.

Es ist fast schade, dass ich mich unterbewusst dagegen sträube, Motive und Stile zu wiederholen. Das kann ich immer noch machen. Ich möchte eigentlich gar nicht erkennbar sein, möchte ... will, dass jedes gemalte Bild für sich steht, ohne von anderen oder mir abhängig zu sein.

Was sind das zum Beispiel für Gemeinsamkeiten von Bildern zwischen denen ein großer Zeitabstand liegt?
Ach, das sind oft Kleinigkeiten, Verwandtschaften im Motiv, eine bestimmte Farbe oder auch eine ähnliche Komposition.

Die große Wand hier im Atelier ist meine Malwand. Da arbeite ich oft an mehreren Bildern gleichzeitig. Ein bisschen wie beim Simultan-Schach. Manchmal hänge ich auch ältere Bilder an diese Wand, z.B. wenn ich eine Ausstellung vorbereite. Und so kommt es gelegentlich zu völlig unerwarteten Begegnungen zwischen zwei Bildern, die sich kaum kennen, aber extrem unterstützen. Die Lücke zwischen ihnen wird dann plötzlich selbst zum Bild. Die Zeit wird dann irgendwie sichtbar, aber das ist schwer zu erklären.

Deine Bilder tragen alle konkrete Titel. Ich beobachte zurzeit, dass vermehrt Künstler ihre Werke mit "Ohne Titel" bezeichnen. Was bedeutet dir der Name eines Bildes?
Immer mehr. Früher war das anders, da wollte ich, dass die Bilder für sich sprechen, sich auch ohne einen Titel ausdrücken können. Ich wollte keinen Titel als Übersetzer des Sichtbaren. Aber jetzt denke ich, dass ein Titel auch sehr bereichern kann. Ich wünsche mir, dass man ein gemaltes Bild wie einen Spielfilm ansehen kann, mit einem Anfang und einem Ende. Da kann ein Name nicht schaden. Ein guter Titel führt im idealfall alles zusammen, ohne es zu untermalen.

Ich schreibe auch viel. Kurzgeschichten, Drehbuchanfänge, Gedichte etc.. So gelingt es jetzt nur noch ganz wenigen Bildern, sich 'ohne Titel' aus dem Staub zu machen.

Ich mag die Sachen von Paul Klee, auch wegen der Doppeldeutigkeit und Leichtigkeit in seinen Titeln.

Hast du ein Beispiel aus Klees Titeln parat?
‚Engel, noch weiblich‘ wäre so einer.

Du hast vorab erwähnt, du willst politisch malen, fühlst dich aber als Landschaftsmaler. Wie vereinst du das?
Das ist schwierig. Mich wundert und begeistert die Natur natürlich immer wieder. Diese unendliche Palette aus Farben, Formen und Ideen. Aber ich wollte schon immer auch figürlich und zeitlich unmittelbarer malen. Ich lese viel Zeitung und denke dann oft im Atelier über die Welt nach, all die Katastrophen, das Leid, die Macht. Es ist ein schwieriger Spagat, aber ich male jetzt immer öfter Landschaften, in denen ich Dinge verstecke, irgendetwas Menschliches, was nicht nur Natur ist, sondern auch etwas mit unserer Zeit zu tun hat.

Malen ist für mich auch so eine Art Schutzschild vor der Brutalität der Wirklichkeit, trotzdem will ich die Gewalt nicht ausblenden. Ich suche jetzt noch mehr nach der Zweideutigkeit bestimmter Bilder.

Motivieren dich Katastrophen eher zum Malen, als positive Erlebnisse?
Nein, das kann ich nicht sagen. Trotzdem habe ich mir hier im Atelier jetzt so eine Art Katastrophen- und Recherche-Wand eingerichtet. Da kommt alles dran, was grausam ist. Aber nicht weil es mich zum Malen motiviert, sondern weil es mich in letzter Zeit einfach immer mehr beschäftigt. Gäbe es keinen Terror, würde ich heute anders malen. Da bin ich mir sicher.

Krieg ist Angst, und Angst motiviert. Wenn ich mich beim Malen nach links drehe und dort an der Wand die brennenden Ölteppiche im Golf von Mexiko oder einen Atompilz sehe, dann motiviert mich das, an einer Blume weiterzumalen, sie anders zu malen. Das treibt mich auch an: das Böse, der Mensch. Malerei ist dennoch untrennbar mit Schönheit verbunden. Das Leben ist im Grunde genommen die schönste Schönheit.

Was hat dich am meisten in deiner Entwicklung zum Maler weitergebracht?
Meine Familie ist ein großer Rückhalt. Ich habe extrem inspirierende Eltern, die ich sehr für ihren Mut und unser Leben bewundere. Meine Schwester ist mit dem Down-syndrom auf die Welt gekommen und ist jetzt eine großartige Schauspielerin und Künstlerin. Wir treffen uns immer sonntags und malen dann gemeinsam hier im Atelier. Sie hat eine wahnsinnige Geduld und Bildsprache. Es macht mir große Freude ihr beim Malen zuzusehen. Ihre Figuren haben immer einen ganz eigenen Ausdruck. Da schaue ich mir viel ab. Wir profitieren beide voneinander.

Wann wusstest du, das du das Rüstzeug als Maler hast... dass es sich richtig anfühlt, Maler zu sein?
Es fühlte sich immer richtig an. 

Ich saß einmal in einem Flugzeug, indem sich ein Selbstmordattentäter befand. Das war im Jahr 2000. Ein Immobilienmakler aus dem Prenzlauer Berg hatte sich im Cockpit eingesperrt und wollte mit fast hundertfünfzig Passagieren an Bord in den Tod fliegen. Ich hatte zehn Minuten Angst davor zu sterben, aber jetzt sitze ich hier und lebe noch, kann malen. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt und eigentlich in allem, was ich seitdem tue, sicherer gemacht.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Tammo Winkler ist 1978 in Varel/Ostfriesland geboren und in Südfrankreich und in der Nähe von Hamburg aufgewachsen. Seit 20 Jahren lebt er in Berlin. Seine Kreativität geht in viele Richtungen. Hauptschwerpunkt ist die Malerei, aber es ist auch Platz für Gedichte, Schauspiel und Bühnenbild. Sein kreatives Rüstzeug holt er sich 1995 als Assistent des Architekten Bernhard Strecker an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg, 1996 beim Studium an der Hochschule für Gestaltung in Linz/Österreich und ab 1997 beim Malerei-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit 15 Jahren zeigt er seine Werke in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen. Fast solange ist er Mitglied der Künstlergruppe "Tennis Elephant". Aktuell sind Bilder von ihm in Nürnberg zu sehen.
Seit kurzem hat er ein Atelier in einem Künstlerhaus in der Torstr. in Berlin-Mitte und ist auf der Suche nach einer Galerie.

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