Mai 2015 / Vicky Krieps / Schauspielerin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Vicky Krieps - 1

Du hast in einem anderen Interview gesagt, die Casterin Simone Bär hat dich gefunden. Sie ist DIE Institution in Deutschland, wenn es um die Besetzung bei Filmen geht. Auch für internationale Kinofilme, die in Deutschland gedreht werden, castet sie die Schauspieler. Hattest du eine gewisse Ehrfurcht vor dem ersten Treffen?
Nein gar nicht, denn damals wusste ich ja noch nicht, wie wichtig so ein Casting ist. Ich war aus meiner Perspektive gesehen, auf einem völlig anderen Stern. Ich war 26 und das Filmgeschäft so ein geschlossenes und weit entferntes Terrain. Mir schien es völlig rätselhaft, dass jemand mich dafür ausgräbt...

Ich glaube, was ich sagen wollte, war dass sie mir geholfen hat, mich selbst zu finden. Der amerikanische Dokumentarfilm "Casting By" über die bekannteste Casterin in Hollywood, Marion Dougherty, zeigt das Phänomen ganz gut. In diesem Film kommt zum Ausdruck, dass ein Caster nicht nur besetzt, sondern einen Menschen liest und spürt.

Insofern hat sie mir geholfen, mein Talent zu erkennen und daran zu glauben, dass ich das kann. Denn nicht alle Menschen, aber viele, sind sehr streng mit sich selbst, im Sinne von 'Wer bist du schon, dass du Schauspieler bist? Weißt du, wie viele das machen wollen?' Da war so eine Begegnung der ausschlagende Punkt, weil sie mir zugehört hat. Also konnte ich mich entfalten. Simone Bär hat mir den Raum gegeben, den ich vorher in der Schule und am Theater nicht hatte. Da musste man immer laut sein und schnell, schnell ein Vorsprechen machen. In zehn Minuten überzeugen. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, sagen zu müssen ’ich kann noch Akkordeon spielen...ich kann auch durch die Luft springen...ich kann den Text auch rückwärts aufsagen’. Das war mir immer unangenehm, vielleicht weil ich eher introvertiert war, was beim Schauspiel eher widersprüchlich klingt. Es muss aber wohl mehreren Schauspielern so gehen, wenn ich mich recht an Interviews von Kollegen entsinne.

So einem Menschen wie mir musste jemand begegnen, der sagt 'Ich gebe dir den Raum, sprich jetzt’. Simone Bär ist sehr feinfühlig und behutsam in ihrer Art, wie sie mit Menschen umgeht. Sie gibt dir das Gefühl, dass du keine Nummer bist oder nur einer von vielen.

Manchmal hilft es ja auch, wenn man es vorab nicht weiß. Auf diese Weise geht man lockerer an die Sache heran.
Ja, genau. Ich war eher cinephil als dass ich darüber nachdachte, in Filmen zu spielen. Ich habe Filme geliebt und viel geschaut. Aber ich hätte mir nicht zugetraut zu sagen 'Ich werde das mal sein'. Den Übergang vom Filmzuschauer zum Filmschaffenden, den habe ich nur sehr langsam realisiert, aber das war, glaube ich, gut so.

Lass uns einen Schritt zurückgehen. Nach dem Abitur warst du in Afrika. Was hast du für Erfahrungen gemacht, die dich so prägten, dass du sie in deinen Alltag in Europa danach integriert hat?
Das Wichtigste war, dass ich weg von Zuhause war. In Afrika habe ich die Erfahrung gemacht, wenn man allein durch die Welt zieht, kriegt man plötzlich Mut und man sagt sich, 'Oh, ich kann alles alleine...ich darf alleine denken, alleine reisen'.

Ich bin viel gereist. Ich war von der Schönheit der Natur und der Lebendigkeit der Natur und der Menschen überwältigt. Ich stand irgendwann vor einem Berg und das, was sich da vor mir auftat, wollte ich am liebsten in mir aufnehmen, konservieren und wiedergeben. Ich stellte mir vor, wie ich mit diesem Gefühl davon auf eine Bühne gehe, damit mehr Menschen das Gefühl bekommen, weil nicht jeder nach Afrika gehen kann und weil sich nicht jeder so frei machen kann, um sich von Dingen überwältigen zu lassen.

Ich habe auch ganz verrückte Leute getroffen. Ich war mit einer Heilerin, einer Sangoma, zusammen unterwegs. Wir haben mit ihrer Familie einen Roadtrip nach Mosambik gemacht...mit so alten Karren, die immer kaputt gegangen sind.
Da habe ich dieses 'Einfach machen' für mich mitgenommen. Einfach mit einem Auto durch Afrika zu fahren, das hätte ich mich nie vorher getraut. Gerade wenn man aus Luxemburg kommt, das so klein ist. Und dann zu merken, dass jedes Leben, jede Situation, jede Realität eigentlich nur gelebt werden muss. Wenn du davor stehst, denkst du, das ist ein riesiges Feld, das du niemals überblicken, geschweige denn, begehen kannst. Und dann merkst du jeden Tag, dass du dieses Erlebnis erlebst und lebst. Plötzlich war das mein Alltag. Der nächste Schritt war für mich 'Okay, ich will reisen. Ich gehe einfach alleine los'. Alle anderen vor Ort sagten, "Du kannst nicht alleine reisen". Ich habe es dann aber doch gemacht. Zuerst noch mit einem Busunternehmen, das Jugendliche backpackermäßig von Hostel zu Hostel fährt. Da läufst du keine Gefahr, mit irgendwas Gefährlichem in Berührung zu kommen. Ich habe drei Stationen mitgemacht und war schon stolz, und dann begegnete ich zwei Typen. Die haben gesagt, sie fahren nach Mosambik. Ich dachte, 'da wolltest du doch auch hin' und bin einfach mitgefahren. Das war dann noch verrückter als bei dem Busunternehmen. Mit denen landete ich bei der Familie der Heilerin, die eine wirkliche Freundin wurde. Als wir in Mosambik waren, wollten sie weiter nach Tansania zu irgendeinem Technofestival. Den Schritt habe ich dann nicht mehr mitgemacht und bin mit der Heilerin am Strand in Mosambik geblieben. Aber dieses Erlebnis...

...das du alleine geschafft hast...
Genau. Man muss keine Angst haben. Angst ist etwas, was die meisten Menschen daran hindert, das zu tun, was sie wollen. Ich habe gemerkt, es braucht gar nicht so viel, etwas einfach zu machen. Als ich zum Beispiel in den Townships in Afrika mit Kindern gearbeitet habe, hieß es immer, ’bloß nicht zu Fuß dahin gehen und immer den Minibus der Organisation nehmen’. Ich bin irgendwann doch alleine zu Fuß hin oder mit dem normalen Minibus. Wenn man mal in Afrika war, sieht man, dass mit diesen Minibussen nur Schwarze fahren. Ich habe mich irgendwann in so einen Bus gesetzt. Das Witzige ist, wenn du innerlich den Schalter umlegst, dass das jetzt nicht gefährlich ist, dann ist es das auch nicht. Ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll, aber ich habe gemerkt, dass ich kurz auffiel, und dann war es gut. Ich habe mich einfach unsichtbar gemacht, dann hat es geklappt.

Dann ist auch der Respekt da.
Genau. Ich war ein Mensch, nicht die Reiche mit dem Geld. Ich habe es abgelegt. Man kann das steuern. Du kannst sein, und im Sein bist du mit allen anderen Menschen. Dann sind wir einfach alle Brüder und Schwestern, wenn wir nicht ein Status haben, nicht über Geld oder irgendetwas anderes definiert werden, was der andere nicht hat, sondern einfach Mensch.

Ich habe auch viel von der Freude an den Menschen mitgenommen. Das ist ja auch das Schauspiel. Man liebt die Menschen. Man beobachtet sie gerne. Bei mir ist das zumindest so. Ich liebe das einfach, stundenlang Menschen zu beobachten...schau die zwei da (Zwei Männern gehen am Café vorbei. Anm. d. Red.). Da geht direkt bei mir ein Film ab.

Ich war auch mal in Afrika, allerdings mit zwei Freundinnen. In Tansania. Da war ich schon 28. Eine Freundin konnte halbwegs gut Kiswahili sprechen. Als wir mit diesen Minibussen fahren wollten, haben sie immer versucht, uns einen doppelt so hohen Fahrpreis abzuknöpfen. Die Freundin hat immer nett geantwortet, dass das ungerecht wäre, und wir haben dann nur den normalen Fahrpreis bezahlen müssen.
Ganz genau. Ich war für den Film "Elly Beinhorn" später nochmal in Afrika. Da hatte ich die Bezahlmethode in den Minibussen noch so natürlich drin. Einige vom Filmteam wurden ganz schön übers Ohr gehauen. Das glaubst du nicht. Und alles was es braucht, ist manchmal nur ein Lächeln. Du schaust den Typ in die Augen und sagst "Ey Alter, super Scherz, wirklich witzig, ich mag dich." und klopfst ihm auf die Schulter, und dann lacht er und sagt „Okay, alles klar“. Sogar wenn er dich gerade beklauen will, sagst du "Willst du mich gerade beklauen? Komm geh weiter! Beklau mich jetzt nicht!" "Ja, okay." Man muss es halt nur machen. Man muss ihm auch die Chance geben.

Ich habe in Afrika auch kochen gelernt. Dort haben wir oft einfach nur Reis gegessen. Das war ein Festmahl: Reis und ein bisschen Olivenöl und Salz. Hmmh! mit ein bisschen Gemüse und Knoblauch – das ist das Beste, was es gibt. Später in der Schauspielschule habe ich für mich gekocht. Es war für meine Kommilitonen erstaunlich, dass ich ständig gekocht habe. Das, was ich da gekocht habe, fanden sie soooooooo gesund. Sie wollten immer alle zu mir essen kommen. Meine Reaktion war 'Häh? Das ist doch normal. Was soll ich da noch dranmachen'.

Insofern habe ich viel mitgenommen, aber ich merke es kaum noch.

...auch die Zeit war so wichtig in Afrika. Wenn mir hier im Alltag alles zu viel wird, weil ich 15 Sachen an einem Tag erledigen will, brauche ich nur daran denken, wie die Menschen in Tansania entspannt zwei Sachen am Tag erledigen und in keinster Weise gestresst sind.
Genau. Das habe ich in Afrika auch erlebt. Wenn ich heute nicht anrufe, rufe ich morgen an. Und wenn der Job dann weg ist, wird es einen anderen geben. Und der Witz ist, es ist so. Das ist ja die eigentliche Wahrheit, die dahinter liegt. Ich habe manchmal das Gefühl, Freunde von mir glauben, Leute in Afrika sind langsam, dafür entgeht ihnen aber viel, deswegen haben sie nicht so viel, sind nicht so produktiv. Das stimmt ja gar nicht. Wenn du einen Gang zurückschaltest, merkst du erst, dass das Gegenteil wahr ist. Das es wirklich so ist, wenn ich den einen Film nicht mache, dann mache ich den anderen. Und der wird vielleicht viel besser sein, oder mir fällt etwas Neues ein.

Ich habe zum Beispiel in der Schauspielschule immer aus dem Fenster auf einen Fluss geschaut und gedacht, 'Dieser Fluss läuft jetzt hier schon wie lange vorbei?...über 100.000 Jahre?... der läuft da einfach so vorbei, und während die Lehrer von wichtigen Theorien reden, bleibt der Fluss ganz unbeeindruckt'. Das hat mir auch geholfen. Ich hatte ja nach der Schule so die Nase voll. Die Vorsprechen nach der Schule fand ich in der Phase das Allerletzte...auch am Theater. Deswegen bin ich auch nicht am Theater gelandet. Was da für ein Druck gemacht wird, was es da für Hierarchien gibt, und was sich Leute einbilden, wer sie sind. Sie leben in ihrem kleinen Dunstkreis und glauben, die Welt liegt ihnen zu Füßen. 'Ich bin der Intendant von dem und dem Theater. Pass mal auf! Weil ich der Intendant bin, muss ich dir, kleines Würstchen, sagen, dass du dich ganz hinten anstellen musst.' Na und? Es gibt Leute, die retten den ganzen Tag Leben.
Ich habe in Zürich während der Ausbildung ein Gastspiel gemacht und das, was ich gerade beschrieben habe, mitbekommen und habe entschieden, dass ich da nicht mitmache. Nicht mein Ding!

Als Protest habe ich dann ein Stück geschrieben und in meiner Schauspielschulzeit inszeniert. Meine Mutter hat mitgespielt. Sie war Mephisto. Ein Freund aus der Klasse hat den Faust gespielt. Der Titel lautete "Kopf ab". Der Inhalt: Jedes Wort ist in einem Zentrallager archiviert. Reiche Menschen verfügen über einen reichen Wortschatz, arme Menschen dagegen nicht. Ist ja auch in echt ein bisschen so. Dann gibt es einen, der in dem Archiv arbeitet, der eher arm ist und nicht über einen reichen Wortschatz verfügt. Er muss die ganze Zeit die Worte einlesen und archivieren. Dann findet er das Buch "Faust“. Er liest daraus vor und plötzlich wird alles Wirklichkeit, was er liest. Wir haben nur zwei Wochen geprobt. Erstaunlicherweise wurde das Stück ein Erfolg. Ich glaube, ich habe sogar die beste Note bekommen. Und darüber kam dann das Angebot, in Berlin zu inszenieren, und so kam ich nach Berlin. Gar nicht als Schauspielerin, sondern als Regisseurin. Und ich dachte mir 'Gut, jetzt bin ich Regisseurin.' Und gerade, als ich das gedacht habe, kam Simone Bär mit einem Film und auf einmal ...

...war alles wieder anders.
Ich dachte 'Gut, dann ist es jetzt so'.

War es deine Entscheidung, ein Drehbuch zu schreiben und Regie zu führen oder war es Teil des Schauspielstudiums?
Wir sollten im Studium unseren eigenen Monolog gestalten – uns selbst inszenieren. Die Schule wollte uns anleiten, eigenständig zu arbeiten, unser Monologvorspiel sozusagen selbst in die Hand zu nehmen. Aber das ging in die Hose. Die meisten von uns mussten die schmerzhafte Erfahrung machen, dass es ganz schwer ist. Denn sich selbst zu inszenieren, ist schwierig. Ich habe, glaube ich, als Einzige gesagt, ich spiele nicht mit. Wenn ich das mache, dann mache ich das richtig. Ich schreibe und inszeniere, spielen kann jemand anders.

Das muss man ja auch erstmal feststellen, dass man ein Stück schreiben und Regie führen kann...
Richtig. Das war wieder so ein Moment, wo ich eigentlich verzweifelt war. Ich hatte in dem Stück "Die rote Zora" am Zürcher Schauspielhaus gespielt und fand den Theaterbetrieb schrecklich. Ich hätte heulen können. Irgendwann gab es für uns Studenten die Möglichkeit, bei einer Inszenierung von Kriegenburg mitmachen zu dürfen. Das wurde ausgelost. Ich wurde nicht ausgelost. Ich durfte leider nicht mitmachen. Das war einfach nur doof. Dann wollten sie meine Gage für "Die rote Zora" haben. Ich habe einfach mal nein gesagt und festgestellt, dass geht auch, wobei sie mir gedroht haben, mich von der Schule zu schmeißen. Ich hatte die Schule gebeten, mir mehr Zeit für mein eigenes Stück zu geben, weil ich parallel am Theater in "Die rote Zora" spielen musste, was die anderen ja nicht mussten. Es hieß, niemand würde verschieben. Nachher durften dann plötzlich alle verschieben. Und ich hatte deswegen eben nur zwei Wochen. Ich habe einfach gesagt 'okay, ich schließ mich ein' und habe dieses Stück im Machen erfunden...sozusagen im Inszenieren geschrieben.

Mit dem Stück bist du dann auch nach Berlin?
Nein, die haben das Stück gesehen, und hier in Berlin sollte ich dann eine neue Auftragsarbeit machen. Das war auch witzig. Da saß ich in der Tram und das Handy klingelte:
-"Ja, hallo, hier ist der Intendant vom Theater in der Parkaue."
Ich dachte schon, 'ach wegen den Schauspielern'.
- "Haben Sie das Stück "Kopf ab" inszeniert?"
- "Ja."
- "Wir wollen Ihnen eine Regie anbieten."
- "Ich bin doch gar keine Regisseurin."
- "Das ist doch egal. Haben sie das inszeniert oder nicht?“
- "Ja, ich hab's inszeniert."
- "Ja, dann würden wir gerne...."

Da bin ich wieder an Grenzen gekommen. Ich merke gerade, dass ich immer das Extreme suche. Ich weiß gar nicht warum. Vielleicht um auszuprobieren, ob es geht. Ich glaube, ich habe die armen Kollegen am Berliner Theater ganz schön an Grenzen gebracht, wenn ich an die allererste Probe denke. Die zwei Kollegen, die das schon lange machen, hatten plötzlich so eine junge Pute – 27, frisch von der Schauspielschule – vor sich sitzen...als Regisseurin auch noch...
- "Ja, ich will nicht, dass ihr den Text lernt."
- "Wie jetzt, den Text nicht lernen?"
- "Ja, weil es mich nicht interessiert, dass ihr den Text aufsagen könnt. Ich möchte gerne, dass wir irgendwas im Moment finden."
So habe ich halt ausprobiert. Die waren ganz lieb, aber, ich glaube, ich habe die ein bisschen provoziert, ohne es zu wollen.

Und ich bin ja schwanger nach Berlin gekommen. Das war auch so ein Projekt, das ich nicht vorhatte. Aber ich habe mir gesagt, "Gut, ich nehm’s an“. Dann habe ich einfach mit Kind weitergemacht. Es hat geklappt. Das war natürlich sehr anstrengend für mich. Ich glaube, mein Arzt war nicht so happy. Ich habe halt weniger geschlafen und dabei gemerkt, man braucht gar nicht so viel Schlaf.

Möchtest du die Regiearbeit weitermachen, oder war das eine einmalige Sache?
Das lockt mich auch schon immer wieder. Es gibt ein Projekt, das ich gerne in Luxemburg machen würde. Dort gibt es eine Wäscherei, in der viele Frauen mit Migrationshintergrund arbeiten. Mit denen wollte ich gerne ein Musikstück machen. Luxemburger Liedgut. Da habe ich total Lust drauf. Vor allem die Wäscherei interessiert mich, weil ich die Maschinen gerne als Musikinstrumente einsetzen möchte. Das könnte ich jetzt machen, aber jetzt habe ich erstmal das zweite Baby und möchte mich erstmal dem widmen.
Ich schaffe eh nicht alles im Leben ...

Manchmal frage ich mich, was die Freundinnen den ganzen Tag machen, die kein Kind haben. Wenn ich kein Kind hätte, ich würde ganz viel reisen, ich würde schreiben, ich würde Dinge ausprobieren, die ich noch nicht gemacht habe. Einen Flugschein würde ich z.B. total gerne machen.

Mein Projekt ist es, meine Wohnung zu entplasten.
Ich habe letztens schmerzhaft feststellen müssen, wenn man mit der eigenen Schüssel ins Geschäft kommst, um z.B. Oliven zu kaufen, dass die Verkäuferin das nicht dürfen. Da sind irgendwelche Richtlinien, denen sie folgen müssen. Aber jedes Mal, wenn ich in den Bioladen gehe, denke ich immer ’Wo kommt das ganze Plastik her?’. Die Sachen sind ja nochmal mehr in Plastik eingepackt als woanders.

Zurück zur Schauspielerei. Was ist für dich das Interessante an der Schauspielerei?
Das ist wie bei einem Wissenschaftler, der verstehen will, wie der Mensch funktioniert. Für mich ist es das Überlegen, was macht ein Mensch zu dem, was er ist. Wie kommt er dazu, Dinge zu tun, die er tut. Warum tut er sie und dann den Schritt weiterzugehen, wie fühlt es sich an, wenn er das macht. Und wenn er erstmal so weit ist, dass er gewisse Dinge tut, inwieweit beeinflusst ihn das schon wieder, in dem, wie er wird. Dinge, die wir tun, beeinflussen uns ja auch wiederum weiter.

Ich bin eben nicht daran interessiert, mich zu extrovertieren, sondern ich bin an meinem Forschungsfeld interessiert. Mein Fokus ist nach vorne gerichtet, aus mir heraus, nicht auf mich drauf. Und dann kann man auch introvertiert sein. Ich glaube, ein introvertierter Mensch hat Probleme, wenn er sich selbst von außen anschauen muss. Wenn er das Gefühl hat, er steht im Mittelpunkt und wird gesehen. Aber wenn du das ausblendest und den Beruf ausübst wie ein Tischler auch...wenn du sehr konzentriert an deinem Tisch mit Mühe und Hingabe feilst, dann hat man keine Zeit zu merken, dass da jemand zuschaut.

Du suchst dir deine Rollen nach dem Charakter aus. Was muss die Figur haben, dass sie dich reizt?
Es ist ein Gefühl. Ich weiß es schon beim ersten Lesen. Entweder macht die Figur was mit mir oder nicht. Das können langweilige genauso wie interessante Figuren sein. Das ist nicht so, dass die Figuren immer spannend sein müssen. Es kann genauso gut die langweilige Ehefrau sein. So was habe ich auch schon zugesagt. Aber dann war irgendetwas an der Figur, das mit mir geredet hat. Anderseits habe ich schon Rollen abgelehnt, wo der Regisseur gesagt hat, "Aber das ist doch eine tolle Rolle. Das ist ein super Projekt für dich. Das musst du machen, dann kommst du beim ZDF weiter", und ich antwortete "Aber die redet nicht mit mir. Ich weiß auch nicht warum."
"Ja, aber dann sei dir bewusst, dass du wahrscheinlich nie wieder für diesen Sender arbeiten wirst."
Aber das ist nicht passiert. Ich habe trotzdem später in ZDF-Filmen gespielt.

Zum Beispiel in "Das Zeugenhaus".
Eben. Genau. Das hat der wirklich damals am Telefon zu mir gesagt. Das war einfach ganz ehrlich von mir. Natürlich hätte ich gerne das Geld verdient.

Aber wenn man nicht weiß, wie man die Figur anlegen soll...
Genau. Manchmal interessiert mich auch die Zeit oder das Setting des Drehbuchs. Es muss aber trotzdem in sich auch stimmen. Die Figur wird ja nicht nur durch das definiert, was sie sagt, sondern auch durch die Welt, in der sie sich bewegen muss. So kommt es vor, dass ich Kurzfilme zusage und Jobs mit Geld absage. Wo mir alle sagen "Ey Vicky, du hast es doch nicht mehr nötig, Kurzfilme zu machen". Dann frage ich immer, was 'Nicht nötig haben' bedeuten soll. Ich habe es noch nie nötig gehabt, und ich werde es auch nie nötig haben. Ich mache die Dinge, weil ich sie machen will, nicht weil ich sie nötig habe.

Diese einseitige Perspektive aus Karrieresicht...das Starsein...immer eine Stufe höher...dann wäre man kein Vollschauspieler oder?
Wenn ich auf meine Rollen zurückblicke, dann sollen sie eine Landschaft ergeben, auf die ich Lust gehabt hätte, sie zu zeichnen. Natürlich schafft man es nicht immer, tolle Rollen in tollen Filmen zu spielen. Es gibt nichts Schwierigeres, als einen guten Film zu machen. Was da alles zusammenkommen muss, damit das stimmt. Das ist unfassbar. Insofern schaffe ich es mit Sicherheit nicht, immer gute Filme zu machen oder gute Figuren aufzuspüren. Aber ich kann hinter all dem stehen, was ich gemacht habe.

Deine Rolle der Marie im "Zeugenhaus". Im Buch von Christiane Kohl wird Marie auf nur drei Seiten beschrieben. Hast du die Biografie von Marie selbst entwickelt oder mit Regisseur Matti Geschonneck zusammen?
Die Frau hat ja wirklich gelebt. Insofern hatte ich eine volle Biografie vor mir liegen, die ich mir durchgelesen habe. Ich habe mich mehr mit dem Thema Konzentrationslager beschäftigt. Ich bin nach Auschwitz gefahren und habe Bücher von Menschen gelesen, die in Auschwitz waren. Mir war es wichtiger, das zu verstehen, als was die Marie in ihrer Kindheit erlebt hat.

Es war sehr interessant, was Matti Geschonneck (siehe Interview Mai 2014) wollte. Er wollte ganz bewusst, dass die Figur nicht schwer ist, was man ja immer denkt und immer so inszeniert. Ex-KZ-Häftlinge werden immer als geschlagene Menschen dargestellt, denen man das sofort ansieht. Geschonneck wollte das ganze Gegenteil. Die Figur sollte ganz leicht wirken. Wenn man die Originalaufnahmen vor Gericht anguckt, dann sieht man, dass sie so einen leicht beschwingten, fast sportlichen Schritt hat. Fast so, als wenn sie denkt 'Ich geh jetzt Tennis spielen.' Auch wenn sie das geprobt haben sollte, spricht es von einer inneren Kraft, dass sie kein Mensch war, der sich hat schlagen lassen. So etwas hat uns beide interessiert.

Im Zuge dessen habe ich mich mit meinem Großvater beschäftigt, der im KZ war. Bei dieser Rolle war mir sofort klar, das mache ich wegen meinem Opa. Weil ich mich damit schon immer auseinandergesetzt habe und auch noch mehr verstehen wollte. Mein Opa war ganz jung, als er im KZ war. Er hat danach – es hat in ihm gekocht – ein Jurastudium in Rekordzeit absolviert und noch ein Doktorat, glaube ich. Gleich danach hat er eine eigene Kanzlei aufgemacht und ist dann in die Politik, wurde Kulturminister, Umweltminister, später Justizminister. Er hat die Todesstrafe abgeschafft, hat die Abtreibung erlaubt, hat sich für die Kultur eingesetzt. Er hat immer diese Kraft gehabt. Privat war er, glaube ich, ziemlich anstrengend, aber als Politiker war er ein unheimlich kraftvoller Mensch. Mich hat es immer fasziniert zu verstehen, was es bedeutet hat, im KZ gewesen zu sein. Mein Opa hat das sein Leben lang nicht weggekriegt, es war immer bei ihm.

Konnte er darüber sprechen?
Nicht wirklich. Politisch hat er viel drüber gesprochen. Er hat immer an den gesunden Menschenverstand und die Völkerverständigung appelliert. Seine persönliche Geschichte war eher nicht das Thema. Was ich von meinem Vater weiß, ist, dass seine Mutter damals – Das finde ich zum Beispiel toll. Darüber kann ich stundenlang nachdenken und reden – gesagt hat, als ihr Sohn aus dem KZ wiederkam, er sei anders gewesen, weil er von einem Russen einen Spaten an den Kopf bekommen hat. Es gab wohl ein Vorfall, bei dem ein Russe ihn mit einen Spaten an den Kopf geschlagen hat. Für die Mutter war das die Erklärung, dass ihr Sohn sich verändert hatte. Vor dem KZ war ihr Sohn ein lustiger Junge, sie nannten ihn immer den August, er war der Clown der Klasse. Ich finde das so interessant, wie der Mensch sich Dinge sucht, um sich zu erklären, was er sich nicht erklären kann. Sie hätte niemals sagen können, weil er gefoltert wurde oder gepeinigt wurde oder weil er als junger Mensch das Sterben mit ansehen musste, sondern für sie war das ganz klar der eine Vorfall und deswegen war ihr Sohn danach anders. Das macht einem nochmal klar, wie viel sie damals verdrängt haben und wie viel sie nicht wussten und auch nicht wissen wollten. Ich glaube, er hat seinen Eltern nie viel davon erzählt und so genau wollten sie es bestimmt nicht wissen.

Es ist immer die übernächste Generation, die dann die Fragen stellt.
So ist es.

Hast du deinen Opa noch persönlich kennengelernt?
Ja, er hat mir viel beigebracht, z.B. das Schlittschuhfahren. Ich werde nie vergessen, dass er mir immer die Schuhe unglaublich fest zugeschnürt hat. Ich weiß nicht, was er mir damit beibringen wollte. Ich musste das erdulden. Vielleicht dass ich stärker bin als der Schmerz...? Danach hat er mir eine Cola spendiert. Ich musste dann aber Spaß an der Cola haben. Weil ich aber Cola sonst nie bekommen habe, kämpfte ich mit dem ungewohnten Getränk, das heißt mit der aufkommenden Kohlensäure. Dieser viele Schaum, der sich von der Kohlensäure gebildet hat. Für mich war das eher ein Kampf. Ich konnte da nicht lachen. So war er aber eben. „So jetzt trink die Cola und hab Freude!“

Ich habe von ihm auch gelernt, was es bedeutet, Toleranz gegenüber Menschen zu haben...egal welche Hautfarbe...immer zu sagen, hinter jedem Menschen steckt ein guter Mensch. Das war ihm natürlich wichtig zu glauben und auch an den Staat, an das Gefüge, dass die Menschen gefunden haben, um zusammenzuleben.

Was gibt es noch, von dem du sagst, das habe ich von meiner Oma oder Opa?
Von dem Opa, den ich gerade beschrieben habe, habe ich auch, dass ich ganz gut mit der Faust auf den Tisch hauen kann. Wenn ich was finde, dann finde ich es. Man sollte sich immer fragen, ob das jetzt so richtig ist. Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann sage ich es auch. Oder wenn ich etwas unerhört finde, dann finde ich es unerhört. Dann spreche ich das auch direkt an 'Sagen Sie mal, was machen Sie denn da gerade'. Das ist vielleicht sehr direkt.

...aber das ist ja an für sich nichts Schlechtes.
Nee. Aber ich glaube, viele Menschen in Deutschland fühlen sich da auf den Schlips getreten. Weil es nicht so diplomatisch ist.

...manche finden das auch gut.
Stimmt.

Von meiner Oma habe ich das Empfinden für das Ästhetische. Die Liebe für das Detail und das Schöne, was auch einen großen Teil meiner Arbeit ausmacht...die Suche nach Schönheit...was ist Schönheit...nicht nur, ob ein Mensch schön ist, sondern Schönheit als Kunstbegriff...was ist schön und dass es sich lohnt, das Schöne hervorzuheben...nicht das vermeintlich Schöne, sondern das Schönes eines Gegenstandes oder einer Nebensächlichkeit...die Schönheit einer Pause.

Ich habe gelesen, dass deine Mutter Kunst studiert hat? Welchen Einfluss hatte das auf dich?
Sie hat die Kunst ganz weggelassen, als ich Kind war. Sie hat nicht gemalt. Seit ich Schauspielerin bin, organisiert sie Ausstellungen und hat mit Künstlern zu tun. Ich weiß gar nicht, ob sie mir etwas vermittelt hat, wahrscheinlich im übertragenen Sinne. Ich erinnere mich nicht, dass sie sich Zeit genommen hat, mir Kunst nahezubringen. Eher mein Vater, der sich Zeit genommen hat, mir Geschichte und Politik nahezubringen.

Was gefällt dir am besten an der Zeit, in der wir leben? Es ist so einfach, in den Jammergesang von heute einzustimmen und zu beklagen, was alles schief läuft, aber sich bewusst zu machen, was das Tolle heutzutage ist, fällt wenigen leicht.
Ich finde es schwierig, nicht von den Negativnachrichten beeinflusst zu werden. Dadurch dass es sich gerade so häuft, entsteht die Möglichkeit, es bewusst auszublenden. So geht es mir jedenfalls gerade. Ich besinne mich vielmehr darauf, was ist. Das ist für mich dann das Schöne, dass es möglich ist, sich zu lösen. Durch das Überangebot kann man von Energiefeld zu Energiefeld springen.
Das ganze Negative...ich weiß nicht, das ist gerade wie ein Topf, der überkocht. Es ist einfach zu viel. Dann denkt man, eigentlich bin ich ein kleiner Mini-Mikro-Pups in einem riesigen Universum, was schon immer da war. Diesen Gedanken finde ich befreiend. Das, was ich mache, z.B. Müll trennen, mache ich, weil ich das gerne möchte. Das ist wichtig für mich. Ich werde es nicht schaffen, alle anderen zu bekehren. Das kann ich auch nicht.

Bekehren ist so eine Sache. Ich habe mich nie von Freunden bekehren lassen wollen, im Bioladen einzukaufen. Dann habe ich den Vortrag einer Ernährungsberaterin gehört und von einem Tag auf den anderen bin ich ganz von selbst in den Bioladen.
Das finde ich toll an unserer Zeit, dass man zu solchen Vorträgen Zugang hat. Zunehmend gehen auch ältere Menschen ganz neue Wege gehen und sagen 'ach ich mach das jetzt so', weil sie das wollen. Was uns gerade fehlt, ist die Verbindung zwischen den Menschen und den Ländern. Das ist gerade ein Riesen-Durcheinander. Keiner weiß so richtig, was uns verbindet.

Auf jeden Fall habe ich beschlossen, ich will es nicht mehr negativ sehen. Klar ist es doof. Die Sprache geht verloren etc., aber vielleicht muss das alles verloren gehen, damit wir neu anfangen können. Das kann ja auch sein. Immer am Alten zu hängen, ist ja auch blöd.

Am 28. Mai kommt der Film "Das Zimmermädchen Lynn" in die deutschen Kinos, in dem du die Hauptrolle spielst. Was für ein Film erwartet die Zuschauer aus deiner Sicht?
Mich hat der Film interessiert, weil die Figur genauso von einem Mann als auch von einer Frau gespielt werden kann. Eine Figur, die außerhalb der normalen Mann-Frau-Probleme existiert. Der Film spricht alle an, ob Heterosexuelle, Homosexuelle, Männer, Frauen, jung, alt. Weil es im Endeffekt darum geht, zu zeigen, dass Menschen heutzutage zunehmend vereinsamt leben. Und die Hauptfigur empfindet die Sehnsucht, sich mit anderen zu verbinden, sie zu verstehen, andere Menschen zu erleben. Aus der Sicht von Lynn erscheint alles wie durch ein Vergrößerungsglas. Dinge bekommen eine Bedeutung und eine Größe, die wir im Alltag gar nicht wahrnehmen. Sie liegt unter einem Bett und in ihrem Gesicht sehen wir, was wir hören, wie ein riesiges Feuerwerks-Spektakel. Dabei ist es vielleicht nur ein Mensch, der schnarcht. So erleben wir, wie sich Lynn einen kleinen Weg erkämpft hin zu der Verbindung zu einem anderen Menschen. Erst aus der sicheren Entfernung von unter dem Bett, bis sie sich Stück für Stück an einen ganz besonderen Menschen herantraut. Es geht auch um Liebe...um Liebe zu sich und zu anderen und darum, wo die Liebe zu finden ist.

Es scheint, ein leiser Film, in dem die Zwischentöne im Fokus stehen?
Ja. In dem Film geht es darum, dass in der Stille ganz viel passiert. Ein ganz normaler Alltag ist schon so voll und so laut. Ich fand es toll, eine Figur zu spielen, die jemand ist, den man sonst nie beachtet. Sie zählt zu den Menschen, die jeden Tag um uns sind. Es gibt tausende Putzfrauen und Müllmänner...ich weiß gar nicht, wer hier alles um uns die ganze Zeit im Verborgenen herumwuselt ... und hier wird so jemand in den Mittelpunkt gestellt und gesagt 'Schau dir den mal an, wie mutig der ist, wie der seinen Tag gestaltet, wie er jeden Morgen aufsteht und sein Leben lebt’. Da gehören wir alle zu. Und dieses Leben trägt eine Schönheit in sich.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Vicky Krieps ist 1983 in Luxemburg geboren. Sie ist zweisprachig aufgewachsen. Seit 2010 lebt sie in Berlin. U.a. spielte sie im Kinofilm „Die Vermessung der Welt“ (2012) mit, im TV-Film „Das Zeugenhaus“ (2014) und in der ARTE-Produktion „Tag der Wahrheit“ (2015). Sie hatte auch kleine Nebenrollen in internationalen Kinofilmen wie „Hanna“ oder „A most wanted man“. Viel Lob bekam sie für die Verkörperung der Elly Beinhorn in dem gleichnamigen TV-Film von 2014. Im Rahmen des Münchener Filmfestes wurde sie als beste Schauspielerin für ihre Darstellung in "Das Zimmermädchen Lynn" mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet. www.vickykrieps.de

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