Juni 2015 / Steffi Stangl / Bildhauerin mit Schwerpunkt Lebenskunde / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Steffi Stangl - 1

An welchen kleinen Dingen kannst du dich erfreuen?
Die "kleinen" Dinge sind für mich die wesentlichen, weil sie die Beziehung zwischen uns und zu unserer Umwelt in Farben, Klänge und Gerüche tauchen: also die Gewürze, mit denen unser Alltag verfeinert wird.
Ein Beispiel: Auf dem Fahrradweg Schönhauser Allee Richtung Pankow gibt es eine längere Reihe von losen Bodenplatten. Wenn ich mit dem Rad drüberfahre, dann gibt es rhythmisch zu meinem Tempo einen total schönen Klang. Ich liebe diese paar Sekunden und versuche dort immer die richtige Spur zu bekommen, damit ich diese Klangsequenz auslöse.

Welches Kunstwerk hat dich zuletzt berührt und warum?
Auf meiner Islandreise, die noch nicht lange her ist, war ich mal mit Joseph (Sohn von Steffi, Anm. d. Red.) in Reykjavik über Nacht in einem airbnb-Platz. Der Vermieter hatte ein großes Poster von Hieronymus Bosch: Es heißt "Der Garten der Lüste". Darüber wollte ich im Studium eine Hausarbeit schreiben. Das habe ich irgendwann aufgegeben. Es war zu kompliziert. Ich bin mit einer Art kunstgeschichtlichen Verschwörungstheorie in Berührung gekommen. Das war mir zu abgefahren.
Also in dieser Wohnung habe ich mir dieses Bild wieder genau angeschaut. Einiges erschien mir vertraut, tausend kleine Momente neu. Ich konnte mich zu einigen Ausschnitten in Beziehung setzen. Ich bin fasziniert davon. Ja, und vor einigen Wochen habe ich einen sehr speziellen neuen Freund besucht, und da war es schon wieder. Diesmal nur (!) die rechte Seite mit der Darstellung der Hölle (So wird es oft interpretiert. Ich bin nicht ganz sicher, ob man das so klar benennen kann). Und es ist ja auch total witzig, abstrus und komisch, was für Gestalten da zu sehen sind. Sie verkörpern etwas, sind Wesenheiten. Ich kann nicht genau sagen, wie viele menschliche Anteile sie haben, wie "anders" sie sind. Hier verbindet sich mein Interesse für Animismus / meine Überzeugung, dass diese Form der Rezeption von Welt für mich Sinn macht.
Ich finde es großartig, dass ein Mensch mit seinem Werk Generationen von Menschen beschäftigt und dass es unwahrscheinlich ist, damit jemals zu Rande zu kommen. Dieses Rätsel und die Geheimnisse, all diese Abgründe und Untiefen, dieser Witz. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass manche Menschen ihr Leben mit diesem Bild verbringen. Das sagt ja auch etwas.
Ich brauche es nicht in meiner Nähe, aber ich würde es auf eine einsame Insel mitnehmen.

Und was nimmst du noch mit?
Auf alle Fälle nehme ich meinen Kater mit. Er ist mein wahrer Freund. Und ein richtig gutes Messer: total wichtig! Damit beginnt mein persönlicher kultureller Einstieg in der Einsamkeit. ...und meine Handarbeitskiste, damit ich den Mantel in aller Ruhe fertig machen kann. Zeit hätte ich dann ja sicher viel...obwohl Überleben in der Einsamkeit ist sicherlich ein Vollzeitjob. Ich habe ja als Kind Robinson Crusoe geliebt. Und Freitag. Das hat mich eine Zeit lang alles sehr beschäftigt.
Okay, das Bosch-Bild bleibt doch zu Hause. An das kann ich ja denken, wann immer ich will – oder er wird dort eh lebendig.

Du bist gelernte Buchbinderin. Liegt da eine grundsätzliche Leidenschaft für das Handwerk zugrunde? Wenn ja, was fasziniert dich daran?
Die Ausbildung zur Handbuchbinderin war Folge eines Missverständnisses. Bei der Aufnahmeprüfung an der Burg Giebichenstein gab es ein Gespräch mit allen Professoren der Fachbereiche. Ich war soooo glücklich, dass ich an dem Ort angekommen war, wo ich unbedingt sein wollte. Ein Professor fragte mich, ob ich wirklich sicher wäre, im Bereich Buch anzufangen, ob ich nicht lieber Grafik studieren wollte, er sähe da ein großes Potential. War das vielleicht eine Einladung? Ich habe das ohne nachzudenken mit nein beantwortet. Rückblickend war das womöglich ein Fehler – eine andere Antwort hätte vieles in meinem Leben verändert.
Deshalb musste ich – ein bisschen wie im Märchen – noch drei Jahre das Handwerk erlernen, bevor es dann wirklich mit dem Studium und der Kunst losging.
Die Ausbildung war gut. Ich habe inhaltlich alles, was möglich war, mitgenommen: alte nicht mehr verwendete Techniken gelernt. Jetzt, wo ich wieder auf das Handwerk zurückgreife, wende ich Elemente davon in einer zeitgenössischen Form an.
Ich war nicht wirklich fasziniert vom Handwerk. Ich war fasziniert von der Kunst!
Aber nach all den Jahren freiberuflicher Arbeit als Bildhauerin, nach all diesen Ausflügen in "extraterrestrische Räume" finde ich in der handwerklichen Arbeit den Gegenpol, den Boden. Keep it simple – mein neuer Leitfaden. Es ist ja im Grunde alles auch sehr einfach. Meine Hände tun gern etwas. Da kommt mir das Handwerk entgegen.
Und super elementar: Ich habe mit meiner Berufsqualifikation ganz banal als Alleinerziehende unsere Existenz bestritten. 'Handwerk hat goldenen Boden' sagt man ja nicht ohne Grund.

Was hast du – aus deiner Sicht – für Kunst als Künstlerin erschaffen? Wie würdest du den roten Faden deines künstlerischen Schaffens beschreiben? Welche Aspekte waren dir wichtig?
Ich bin mit einem Buntstift in der Hand zur Welt gekommen. Und rückblickend habe ich die fundamentalste bildhauerische Idee schon im Grundschulalter in Angriff genommen: Ich wollte einen Stein zu Staub mahlen. Ich habe immer die Magie der Bildern gespürt, und auch in der Pubertät hatten Kunst, Literatur und Theater eine starke Anziehungskraft auf mich und waren ein Überlebensmittel.
Die Frage, wie all die Menschen und ihr Tun zusammenhängen, welcher Sinn dahinter steckt, das hat mich umgetrieben. Spätestens an diesem Punkt war mir klar, dass ich Kunst studieren werde, weil ich nur dort Antworten finden kann.
Der Grundstein für die ersten kinetischen Installationen lag im Grundstudium: Ich scheiterte an der klassischen Aufgabe, ein Portrait aus Ton zu formen. Irgendein Zufall spielte mir den ersten kleinen Elektromotor zu. Damit öffnete sich die Tür zu einem mir unbekannten Land. Da bin ich total naiv losmarschiert. Ich arbeitete mich über die nächsten Jahre durch verschiedene Felder der Physik und emanzipierte meine Arbeiten von der „geozentrischen“ Bewegung des Motors um die Welle. Es folgten sich frei im Raum bewegende Objekte, die Herstellung physikalischer Sonderzustände, wo sich die menschliche Wahrnehmung in einer Illusion verliert, der freie Fall von losen Stoffen, die sich dabei im Moment eigenständig plastisch formen.
Oder die Beschäftigung mit dem Wachstum von Kristallen: Ich bestimme den Ausgangspunkt – die bildhauerische Arbeit findet in der Materie von allein statt. Ganz wichtig war mir das Thema der Grenzen: Wo höre ich auf, wo fängt ein anderer an, gibt es sie letztlich überhaupt? Wie viel unserer Wirklichkeit ist Konstruktion?

An einem gewissen Punkt war ich sehr erschrocken über meine Ambitionen. Damals beschäftigte ich mich mit elektrostatischen Feldern. Ich erzeugte sie durch Ladungstrennung und ließ kleine Gegenstände sich darin bewegen. Sie sahen aus wie kleine Tiere. Im Moment, wenn sich beide Pole in einem Blitz ineinander entladen, fielen sie tot zu Boden: Elektroschock. Ich war in die große Falle der Menschheitsgeschichte gegangen war. Ich wollte auf dem Niveau eines Kindes Leben imitieren. Ich war zu einem kleinen Doktor Frankenstein geworden. Diese Selbsterkenntnis stellte eine Zäsur meiner Arbeit dar.

Wie ging es weiter nach diesem einschneidenden Erlebnis?
Zu dieser Zeit entwickelten sich zufällig-zwangsläufig zwei Dinge:
Zum einen lernte ich über meinen damaligen Partner eine Imkerin kennen, verliebte mich „wie vom Blitz getroffen“ in die Bienen und habe seither zwei, drei eigene Völker – und dieses Jahr auch einen winzigen Garten dazu.

Was haben die Bienen mit dir als Künstlerin zu tun?
Als Künstlerin darf ich ja dauernd staunen wie ein Kind: alles hinterfragen, in allen Segmenten der Wissenschaften herumstreunen. Deshalb gibt es starke Momente, die Gewissheit einer starken Affinität zu einer Sache – natürlich auch die Entscheidung, die eigene Angst vor etwas zu überwinden. Bei den Bienen war es ganz klar Liebe auf den ersten Blick. Aber eben nur von meiner Seite, die Bienen brauchen mich ja nicht! Und ein Bienenstich tut weh und bedeutet den Tod des Insekts. Sie tragen eine Urgewalt in sich. Das kann schon einschüchternd sein.
Ein Insektenvolk ist eine Entität aus unglaublich vielen Individuen. So ein Bienenstock ist für mich ein symbolisches Bild für den Körper, der sich aus winzigen Energiezentren zusammensetzt. Ich bin noch immer fasziniert von der Art, wie innerhalb dieses Körpers Kommunikation und Zusammenleben ablaufen. Das hat eine bio-mathematische Anmutung, wirkt auch un-menschlich, ist so präzise und wird vom unbedingten Wunsch zu leben getragen. Es ist einfach schön, Bienen zu beobachten und macht mir sehr deutlich, wie menschliche Gier und unser Optimierungsfanatismuns die naturgegebenen Zyklen in eine quasi unendlich ansteigende Wachstumskurve zwingen wollen. Das kann nur schiefgehen!

Wie lautet die zweite Entwicklung, von der gesprochen hast?
Ich habe angefangen, ehrenamtlich an verschiedenen sozialen Brennpunkten tätig zu sein. Ich wollte die ursprüngliche Motivation, warum es ausgerechnet Kunst sein musste, nochmal überprüfen und mich in meiner Biografie mit parallel existierenden Lebensentwürfen konfrontieren. Die ursprüngliche Frage war noch nicht beantwortet...wie hängen all diese Menschen zusammen? Wie leben Menschen, die sich am äußersten Rand der Gesellschaft befinden, und warum?

Hast du ein konkretes Projekt gehabt?
Ja, ich hatte in einem groß angelegten Projekt vom „Haus der Kulturen der Welt“ die Möglichkeit, zum Thema Pfandflaschensammeln eine Feldstudie zu machen und eine Gebrauchsskulptur zu entwickeln. Das lief unter dem Titel "Über Lebenskunst".
Es ging bei mir um Armut und Verwertungsmechanismen: Was ist eigentlich Müll? Ich setzte mich sowohl mit Vertretern von Institutionen, als auch mit individuellen Praktiken und subkulturellen Strömungen auseinander, machte Interviews, die am Ende in einer interaktiven Hörstation für´s Publikum zugänglich waren. Ich fing zum Beispiel auch mit dem Containern an. Ich wollte mich nicht nur bei Betroffenen intellektuell bedienen, sondern auch selber spüren, wie es sich anfühlt.
Diesen Punkt finde ich innerhalb der Kunstproduktion mittlerweile auch sehr schwierig...

Welchen Punkt meinst du genau?
Ich meine die Bemächtigung des anderen zugunsten des Künstler-Narzissmus. Das war für mich auch eine Gratwanderung: auf Augenhöhe bleiben, weder mich, noch die anderen „prostituieren“, menschlich bleiben. Es gibt ja den Adrenalinkick bei der Arbeit. Ich kann ja nicht umkehren, ich will nicht scheitern oder aufgeben.
Ich wollte den möglichen Grad an Verantwortung von Kunst herausfinden bzw. von mir, der Künstlerin. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich das alles auf mich genommen habe. Mein Bild unserer Gesellschaft hat sich drastisch verändert: Jeder Sektor des Hilfesystems ist kapitalistisch organisiert, auch die Philosophien der Selbstlosigkeit und Umverteilung an der Basis arbeiten industriell und funktionieren über Ausbeutung verschiedenster Ressourcen.
Also stand ich am Ende des Projekts wieder desillusioniert und quasi mit leeren Händen da.

...nicht wirklich mit leeren Händen, du hast ja eine wertvolle Erkenntnis für dich gewonnen...
Ja, meine Einstellung zur Kunstproduktion hat sich verändert. Die Abstraktion der tatsächlichen Sachverhalte ist für mich persönlich problematisch und die Gefahr, dass sie zu Kapriolen einer intellektuellen Symphonie werden genauso. Das hat für mich immer einen schlechten Nachgeschmack.

Der Kung Fu Meister meines Sohnes meinte einmal, dass Veränderungen schwer sind. Wir sind träge in einem festen System – ja, Veränderungen sind nicht einfach, aber ich habe immer eine Restgröße an Entscheidungsfreiheit. Ich will hier kein ausschließlich düsteres Bild entwerfen: Das Leben ist spannend und schön. Wir brauchen viel „cheerful optimism“, um mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen. Für mich gibt es eben viel try and error. Solange ich immer wieder eine neue Fährte finde, ist alles gut. Und das ist mein erwachsenes Verständnis von mir und meinem Beruf: Das kreative Potential leben, seine Situation immer wieder neu gestalten, sich entwickeln. Ich mag die Vorstellung der Alchemie: Transformation der Stoffe, von Level zu Level – oder eine Explosion im Kochtopf ;-)

Was beschäftigt dich aktuell?
In Island hatte ich Stickgarn dabei. Ich wollte eine Handarbeit machen, die viel mit Konzentration und dem Kondensieren von verstreichender Zeit zu tun hat. Ich habe dort angefangen, an einem Mantel zu arbeiten, der Träger vieler Erinnerungen aus meinem Leben ist. Kleidung ist sowieso interessant, da wir auf sie Informationen übertragen bzw. umgekehrt. Diesen Mantel möchte ich gern tragen, wenn ich irgendwann mal meine letzte Reise antrete.

Das dauert aber noch gaaaaaaanz lange.
Das glaube ich tatsächlich auch! Und wer weiß, wie es danach weitergeht! Und für das nächste Leben wünsche ich mir hiermit ganz feierlich, dass ich Sängerin werde. Ich glaube, dass ich ja schon hier und jetzt damit anfangen könnte: Wer nimmt mich mit in eine nette Karaoke-Bar?

Das lässt sich bestimmt organisieren.
Du erwähntest zuvor, dass wir alle Informationen auf Kleidung übertragen. Da fällt mir ein Projekt von dir ein: Du hast in Kaliningrad T-Shirts mit Aufschriften in kyrillisch bedrucken lassen, weil dir aufgefallen war, dass in der Stadt die Leute nur T-Shirts mit Aufschriften in unserer lateinischen Schrift tragen. Wie war das Interesse auf dem Markt, wo du sie verkaufen wolltest?
Das waren mit die schönsten Stunden dort. Ich war vor der Aktion sehr aufgeregt: als Fremde in einem halblegalen Setting ein neues Produkt anbieten, das ja auch einen sehr westlichen entwicklungspolitischen Touch hat. Das könnte arrogant rüberkommen. Ja, aber die anderen Frauen dort waren unkompliziert, freundlich. Es spielte gar keine Rolle, was ich da verkaufte. Sie nahmen mich einfach in ihre Mitte. Viele Leute blieben stehen und wollten wissen, was das ist: Ganz wichtig war die Überprüfung der Qualität des Materials und der Preis: also Preis-Leistungsverhältnis. Vielleicht war es gar nicht als Kunstaktion zu erkennen. Ja, ich denke, dass mein Business ernst genommen wurde. Also war meine Intervention nur für mich eine – für die anderen war ich eine Frau, die T-Shirts verkaufte, deren Design nicht so wirklich den Kundengeschmack traf. Verkauft habe ich ganz wenig. Wie übrigens immer!

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Steffi Stangl wurde 1976 im bayrischen Kösching geboren. 2001 wechselt sie von der Kunsthochschule Giebichenstein in Haale/Saale zur Kunsthochschule Weißensee in Berlin und studiert Freie Kunst und Bildhauerei. 2005 macht sie dort ihr Diplom. Im Anschluss ist sie Meisterschülerin für Freie Kunst/Bildhauerei bei Prof. Ingo Mahn. 2008/2009 lehrt sie als Gastdozentin an der Kunsthochschule für Bildende Künste Dresden. Ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop führt sie 2010 nach Kaliningrad.
Steffi Stangls Interessensgebiete sind weit gefächert. U.a. beschäftigt sie sich mit deutscher Gebärdensprache und dem sogenannten Therapeutic Touch, einer zeitgemäßen Form des Handauflegens. Ziel ist der Ausgleich von energetischen Ungleichgewichten. Am Ende profitieren beide Personen.
Während ihres Island-Aufenthalts letzten Winter hat sie den Animismus als Weltanschauung für sich gefunden. www.steffi-stangl.de

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