Januar 2015 / Inés Lauber / Food-Designerin / Berlin-Wedding

Coco Berliner - Inés Lauber - 1

An was erinnerst du dich aus deiner Kindheit, wenn du an Essen denkst?
Es wurde immer gekocht, und zwar von beiden Eltern. Es wurde auch schon immer Wert auf gute Produkte gelegt. Meine Eltern haben in den 80ern, als das überhaupt noch nicht cool war, im Bioladen eingekauft. Ich kann mich auch noch genau an den Geruch erinnern. Der ist aus den heutigen Bioläden völlig verschwunden. Ayurveda, Vollkorn und irgendwie auch etwas Muffiges. Wir haben im Reformhaus, in kleinen Läden und auf dem Markt eingekauft, also genau so, wie es jetzt super trendy ist. Weil das ganze Geld für gute Lebensmittel für die vierköpfige Familie drauf ging, sind wir so gut wie nie auswärts essen gegangen. Wir hatten auch keinen Fernseher und kein Auto. Meine Eltern, insbesondere mein Vater, sind echte Hardcore-Radfahrer, egal ob Regen oder Schnee, es wurde geradelt.

Es wurde auch viel Wert darauf gelegt, dass wir gemeinsam essen: mittags warm, abends das klassische Abendbrot. Am Wochenende gab es in der Regel immer Fleisch. Es gab da ein paar typische "Sonntagsgerichte" in unserer Familie, diese haben meine Eltern immer zusammen vorbereitet. Meine Schwester und ich mochten diese Essen sehr gerne und freuten uns immer darauf.

Gab es auch Kuchen?
Mein Vater ist kein Kuchen-Esser, meine Mutter dagegen sehr, aber gebacken wurde eigentlich nie zu Hause, nur wenn Geburtstag oder sonst ein Feiertag war. Für mich hat Kuchen deswegen immer etwas Festliches. Aber ich mag es, dass Kuchen etwas Besonderes für mich ist. Ich fände es schade, wenn ich jeden Tag Kuchen bekommen hätte. Dann wäre mir die Freude über ein Stück Kuchen wohl vergangen.

An was ich mich noch erinnere... als Kind habe ich nie, so wie es in vielen befreundeten Familien die Regel war, große Familienfeste kennengelernt. Wir waren meistens nur zu viert, was aber unter anderem auch daran liegt, dass mein weiterer Familienkreis relativ verstreut in Deutschland und Ungarn lebt. Erst später, als ich schon älter war, habe ich in Italien das Zelebrieren von Essen gemeinsam mit vielen Leuten an langen Tafeln kennengelernt. Allein beim Mittagessen gibt es in Italien schon mehrere Gänge. Es muss gar kein Fest sein. Das ist so normal. Das Zusammenbringen von Menschen durch Essen und das damit implizierte selbstverständlichere Einladen von Leuten, das habe ich dort kennen und lieben gelernt.

Isst du durch diese Erfahrung auch langsamer? Ich habe den Eindruck, die Menschen in Deutschland essen sehr schnell.
Ich bin ein totaler Langsam-Esser, aber meine Mutter isst noch langsamer (das glauben mir Leute, die in meiner Gesellschaft essen oft gar nicht...), und sie hat gar keine Verbindung nach Italien. Für mich gesprochen: Ich bin ein Genussmensch. Ich koche selber und weiß einfach, wie lange es dauert, so etwas herzustellen. Ich finde es so schade, wenn es dann in einer Minute aufgegessen ist. Würde ich schnell essen, hätte ich das Gefühl, ich hätte das Essen gar nicht geschmeckt. Ich versuche immer, die Gewürze und die einzelnen Zutaten herauszuschmecken. Ich versuche mich, mit der Speise, die vor mir steht, auseinanderzusetzen – egal, ob es jetzt ein tolles Menü oder ein einfaches Mittagessen ist.

Was denkst du, woher kommt deine Leidenschaft für Gestaltung und kunstfertiges Handwerk, Materialien und Formgebung, die dich zum Produktdesignstudium führte? Gibt es eine familiäre Prägung in dieser Richtung?
Mein Vater ist Maschinenbauingenieur. Der baut unheimlich viel auch in seiner Freizeit. Ich finde auch Heimwerken durchaus kreativ. Das könnte man im weitesten Sinne auch schon als Design bezeichnen. Je nach dem, was man so baut.

Aber eigentlich sehe ich nichts, was mir als Kunst- oder Design-Fähigkeiten von den Eltern mit in die Wiege gelegt wurde. Nichtsdestotrotz wurde ich ziemlich selbstverständlich an die künstlerische Thematik herangeführt, weil meine Mutter sich sehr dafür interessiert. Wir waren in vielen Museen, ab und zu auch mal im Theater. Ich wurde sozusagen kulturbezogen erzogen. Kunst, Theater, Musik, Lesen – das sind Sachen, die ich schon früh miterlebt habe. Ich habe all diese Dinge auch sehr gerne gemacht.

Außerdem war ich ein richtiges "Bastelkind". Ich habe viel gemalt. Ich hatte dementsprechende Freundinnen. Oft haben wir gemeinsam gebastelt. So haben wir uns gegenseitig auch immer mehr in diese Richtung gepusht. Mit der Hand Dinge selber machen – das machte mir wahnsinnig viel Spaß. Ich hatte große Lust, Dingen eine Form zu geben, sie selbst zu gestalten. Ich wollte auch immer gleich alles ziemlich profimäßig machen: Es mussten die tollen Künstlerfarben sein, nicht die Kinder-Malkästen. Z.B. habe ich schon früh beim Künstlergroßhandel Farben, Staffelei und andere Materialien bestellt. Ich hatte dabei einen enormen Output: Töpfern, Korbflechten, Malen etc.

Ich habe auch den Leistungskurs Kunst besucht. Kunst hat mich schon immer interessiert. Am Anfang hab ich gedacht, ich will Künstlerin werden, aber das zu lernen, fand ich schwierig, irgendwie sogar komisch. Ich hatte mit Ölmalerei angefangen, hab mich aber darin verloren. Ich wollte dann doch eher etwas menschen- und realitätsbezogenes machen, kreativ aber greifbarer... meine Bilder waren mir nicht relevant und aussagekräftig genug. Ich habe nicht gesehen, dass ich damit etwas bewegen könnte. Ich brauchte ein alltagstauglicheres Thema für mich. Das ist, glaube ich, auch der Grund, warum ich schlussendlich beim Thema Essen gelandet bin. Wir essen jeden Tag. Wir entscheiden jeden Tag mit unserem Geldbeutel, mit unserem Einkauf, wie die Welt aussieht und was und wo angebaut wird. Dass das Thema Essen so politisch wird, wurde mir erst später klar.

Du warst am Samstag (Anm. d. Red.: 17.1.2015) auf der Demo "Wir haben es satt"? Wie hast du die Veranstaltung wahrgenommen?
Es ist ein super Gefühl, wenn so es viele sind, die da mitlaufen und wenn man feststellt, dass es jedes Jahr mehr werden. Es gibt Mut zum Weitermachen, aber für mich besteht auch gar nicht die Option, nicht weiterzumachen.

Magst du eines deiner Projekte genauer vorstellen, dessen Konzept du entworfen hast?
Mein Projekt "Geschichten vom Sommer", das ich für das Festival "Stadt, Land, Food" im Oktober 2014 konzipierte, spiegelt sehr gut meine Arbeitsweise und meinen thematischen Fokus auf nachhaltige und ganzheitliche Lösungsansätze wider: im Grunde ging es bei diesem Projekt um die Vielfalt regionaler Apfelsorten und deren langsames Aussterben.

Für das Festival inszenierte ich in einer Galerie am Lausitzer Platz in Kreuzberg eine Rauminstallation, die Ausstellung und Apfelwerkstatt zugleich war. Ich wollte aufzeigen, wie vielfältig man mit Äpfeln kochen, backen, braten etc. kann und welche unterschiedlichen Vorzüge jede einzelne Apfelsorte hat, denn nicht jeder Apfel ist ein Tafelapfel zum gleich hineinbeissen – dafür haben diese alten Sorten ganz andere, besondere Qualitäten. Es gibt so viele verschiedene Apfelsorten, die hier in Brandenburg wild herumstehen und die kein Mensch erntet, obwohl sie viel hochwertiger sind als das, was wir hier auf dem konventionellen Markt antreffen.

U.a. hab ich infrage gestellt, ob man den Begriff des "Terroir" (Anm. d. Red.: Gradmesser, der Rückschlüsse auf den Anbau, Sorte, Sonnenstunden etc. zulässt), den man für Wein kennt, nicht eigentlich auch für jedes andere Produkt, das unter freiem Himmel wächst, zutrifft. Warum spricht man nur beim Wein von den äußeren Einflussfaktoren oder vom Jahrgang? Schmeckt nicht auch ein Apfel jedes Jahr anders? Den Geschmack von Jahreszeiten wollte ich in das Bewusstsein der Besucher zurückbringen.

In der Galerie haben wir alte Apfelsorten präsentiert, dazu hab ich ein Gedicht und Prosa-Texte verfasst, die auf Schriftrollen an den Wänden hingen. In der Raummitte stand ein großer Tisch, an dem Apfelschäl-Maschinen befestigt waren. Hier konnten die Besucher die Äpfel nicht nur schälen, sondern den ganzen Apfel in drei Teile teilen – Kerngehäuse, Fruchtfleisch und natürlich die Schale. Aus allen drei Ingredienzen haben wir unterschiedliche Produkte gemacht – aus dem Gedanken heraus, dass man den ganzen Apfel verwerten kann. Mit den Schalen und Vanilleschoten haben wir Wodka aromatisiert. Die Schalen haben wir auch für Apfel-Tee getrocknet. Aus dem Fruchtfleisch haben wir Kuchen gebacken und die Samen wurden in kleine Tütchen gepackt und zum Einsähen verschenkt. Dazu gab es Apfelwein und Apfelsaft von alten Sorten und aus Wildsammlung.

Was wünschen sich deine Kunden?
Tatsächlich habe ich relativ häufig Catering-Anfragen. Davon trete ich aber immer mehr zurück, weil es für mich ein Riesen-Aufwand ist. Ich hab keine eigene Produktionsküche, keine Räumlichkeiten usw. Für den Kunden sind die Events toll, weil sie immer an unterschiedlichen Orten stattfinden und dementsprechend anders ausgestaltet sind. Kein Event gleicht dem anderen. Für mich ist es nicht so effizient, weil es viel Planungszeit bedarf und der organisatorische Aufwand groß ist. Aber ich hab es immer gerne gemacht, weil es etwas ist, was für die Menschen greifbar ist. Ich mache es auch immer noch gerne, aber eben nicht mehr so oft.

Ich werde auch für Workshops für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene angefragt. Hier thematisiere ich gesundes Essen und auch den Spaß am Essen. Oft sind die Workshops mit Exkursionen verbunden.

Ansonsten sind es Anfragen zu Inszenierungen, wie man ein Produkt oder ein Thema in Szene setzen kann, z.B. von Marken, damit sie ihre Produkte in einer gewissen Art und Weise darstellen können.

Es gibt ein Projekt, das du in Italien verwirklicht hast. Warst du eine zeitlang in dem Land? Was hast du in Italien gemacht?
Ich war u.a. als artist-in-residence in Italien. Aber eigentlich bin ich fast jedes Jahr in Italien. Es ergibt sich immer wieder, meistens hat der Grund meiner Reise mit Essen oder Design zu tun. Es gibt zwei Länder, in die ich immer wieder fahre: Holland und Italien. Beide Länder verbinde ich mit Design und Essen, aber sie sind auf ihre Weise ganz unterschiedlich. Die Holländer sind wahnsinnig gut, was das konzeptionelle Design angeht und sind sehr innovativ, was das Essen angeht. Insbesondere auch auf dem technologischen Sektor, hinsichtlich neuer Züchtungen und der Logistik. Da sind die Holländer echte Spezialisten. Sie waren ja auch die Ersten, die Tomaten in Gewächshäusern in großen Mengen anbauten. Das muss man nicht immer negativ sehen – leben wir doch nicht mehr wie vor 200 Jahren... wir haben einen anderen Konsum als damals, und so haben wir heute auch Gewächshäuser. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, man muss sie nur richtig nutzen. Und da sind die Holländer ziemlich weit vorne, moderne Technologie zu nutzen, um nachhaltig zu wirtschaften.

Auf dieser Schiene sind die Italiener leider sehr rückständig. Sie sind jedoch gut in dem, was sie wie vor 200 Jahren machen, also alles Handwerkliche. Da sind sie top. Mit dem Modernen habe ich das Gefühl, tun sie sich noch etwas schwer. In den Gewächshäusern und auf den Feldern wird noch mit Pestiziden gespritzt, alles in Plastik gehüllt, überall liegt Müll herum. Furchtbar.

Ganz anders in Holland, wo in den Gewächshäusern Bienenvölker wohnen, wo sämtliche Energie genutzt wird, Wärme wieder umgesetzt wird. Darüber hinaus ist Food-Design – das, was ich mache – in Holland sehr in Mode. Mittlerweile gibt es dort mehrere Hochschulen, wo Food-Design unterrichtet wird.

Die Italiener wiederum sind ziemlich weit vorne in Sachen gastronomischer Effizienz und im Bau von Kaffeemaschinen. Aber, das machen sie ja auch nicht erst seit gestern...

Im Endeffekt kann man festhalten: aus Italien kommt Tradition, aus Holland Innovation. Beides wichtige Themen, die ich in meiner eigenen Arbeit gerne miteinander verknüpfe.

Du sagst von dir selbst 'du bist ein Naturfreund'. Woran machst du das fest?
Ich bewege mich sehr gerne draußen in der Natur. Berlin hat eine tolle Umgebung: Brandenburg ist wunderschön. Ich kenne es viel zu wenig. Es liegt vor der Haustür, und ich mir vorgenommen, es besser kennenzulernen. Im vergangenen Jahr hat das ganz gut geklappt. Ich bin oft draußen gewesen. Meistens hab ich die Fahrt mit dem Besuch auf einem Hofes verbunden.

Früher war ich oft Klettern, aber leider ist in Berlin und Umgebung alles flach. Es gibt nur die künstlichen Felsen in der Stadt, aber ich bevorzuge echte Felsen. Meine Ausrüstung hab ich seit zehn Jahren, seitdem ich hier bin, nicht mehr angerührt.

Als Sport hab ich vor zehn Jahren Yoga für mich entdeckt. Das ist für mich der perfekte Sport, weil ich Sport machen UND gleichzeitig abschalten kann. Ich bin kein Teamsportler (noch nie so wirklich gewesen...). Beim Yoga kann ich powern und Energie tanken, mich aber auch einfach nur auf mich konzentrieren. Gerade wenn man in einer großen Stadt lebt, wo überall immer Zeug auf einen einprasselt, finde ich das sehr wichtig. Mich im Sport noch mit jemand anderen zu beschäftigen, mich auf einen anderen Charakter einzulassen – das wäre mir zu viel. Im Team denke und arbeite ich ja schon in meinem Job. Dann will das beim Sport nicht auch noch machen.

Kennst du Tanja und Lea von den Culinary Misfits (siehe Interview November 2012), die auch gesundes Essen mit Design verknüpfen?
Ja, mit Tanja hab ich Produktdesign studiert. Das ist schon interessant, dass wir beide heute etwas mit Essen und Gestaltung machen, aber durchs Studium gar nicht in diese Richtung geleitet wurden. Das war unser eigenes Interesse, ganz unabhängig voneinander. Erst nach einer ganzen Weile haben wir festgestellt, dass wir uns für ähnliche Themen hinsichtlich der Gestaltung interessieren.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Inés Lauber ist 1983 in Heidelberg geboren. Von 2005 bis 2011 studiert sie Produktdesign an der Fachhochschule Potsdam. Während der Studienzeit macht sie ein Praktikum bei der Eating-Designerin Marije Vogelzang in Amsterdam. In Italien war sie u.a. als artist-in-residence im Hotelressort Masseria Panareo, das sich in der Region Salento, dem äußersten Südosten Italiens, befindet. Seit 2012 ist sie als Designerin im kulinarischen Bereich selbstständig tätig. Zu ihren Kunden zählen das Betahaus in Kreuzberg, der Gestalten Verlag und das GRIPS-Theater. www.ineslauber.com

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