November 2014 / Xenia Ganz / Mezzosopran / Berlin-Charlottenburg

Coco Berliner - Xenia Ganz - 1

Wie bist du zur klassischen Musik gekommen?
Ich bin in einer Musikerfamilie geboren: Die harmonischen Klänge der Geige und eines Orchesters haben mich schon begleitet, als ich im Bauch meiner Mutter war: Mit zwei Monaten war ich schon eine regelmäßige Konzertbesucherin! Es ist ein bisschen wie Obelix, der im magischen Elixier als Baby gefallen ist und sein ganzes Leben lang dieses Elixier braucht!

Ich habe mit fünf angefangen, Klavier zu spielen und habe es dann am Straßburger Konservatorium gelernt bis ich 18 war. Als Teenager hatte ich großen Spaß gehabt, mit meinen Brüdern Kammermusik zu spielen (Geige, Cello und Klavier): Durch die Musik hatten wir einen direkten tiefen und intuitiven seelischen Austausch, in dem wir harmoniert haben. Mit der Familie zu musizieren, ist etwas Besonderes, ein großes Geschenk.

Ich habe es immer genossen, in ganz verschiedenen Musikrichtungen zu tanzen oder auch zu singen, aber wenn ich selbst musiziere, trifft die klassische Musik viel mehr meine Seele und die Emotionen, die ich ausdrücken möchte.

Das heißt, deine Leidenschaft für das Klavierspielen hat die Teenagerjahre überdauert...
Ja und Nein. Ich wollte Pianistin werden, aber ich habe diesen Wunsch leider mit 16 abgelehnt: Wer in einer Musikerfamilie geboren wird, bekommt sehr früh auch die schwierigen Seiten des Berufs mit. Ich war einfach für die Bühne noch nicht bereit: Ich fand alles zu exponiert und war selbst viel zu schüchtern. Ich dachte, dass man sich schon mit 16 dafür "professionell" entscheiden muss oder auch nicht, deswegen habe ich dann die Entscheidung getroffen, ein etwas "seriöseren" Weg zu gehen oder vielleicht genau das Gegenteil von dem zu machen, was ich zu Hause erlebt habe. So habe ich mich im "Nummer sicher Szenario" projiziert: Ich machte die Vorbereitungsklasse für die "Grandes Écoles de Commerces" und anschließend eine Schule, die so ähnlich wie das deutsche BWL-Studium ist. In den zwei Jahren nach dem Abi war das Studium so intensiv, dass ich leider gar keine Zeit mehr fürs Klavierspielen hatte, und dann bin ich nach Dijon für die "Business School" umgezogen und hatte dort leider auch kein Klavier. Ich konnte es spüren, welche Konsequenzen es hat, sich für den "vernünftigeren Weg" zu entscheiden und sich von seiner Essenz und Leidenschaft zu entfernen. Das ist leider gar keine gute Lösung fürs Leben.

Um deine Frage zu beantworten: Ich bin keine Pianistin, sondern Sängerin geworden. Ich freue mich sehr, dass ich meine Klavierausbildung gemacht habe, so kann ich mich begleiten, lerne mein Repertoire schneller und ab und zu spiele ich wieder ein bisschen Klavier. Ich bin übrigens sehr erstaunt, wie sehr das Klavierspielen sich im Gehirn festsetzt und die Motorik prägt: Wenn man es lange trainiert hat, bleibt es irgendwo drin. Es ist ein Leben lang mit mehr oder weniger Training abrufbar.

Wie sah dein Berufsweg ohne die Musik am Anfang aus?
Grausam...leer...traurig... Nach dem BWL-Studium, habe ich angefangen, im Marketing- und Kommunikationsbereich zu arbeiten. Ich hatte meine Arbeit immer sehr gut und mit viel Engagement gemacht, aber auf Kosten meiner inneren Balance. Jeden Feierabend war ich voller Freude, wenn ich endlich auf dem Weg nach Hause eine Aufnahme von Maria Callas oder ein Klavierkonzert von Rachmaninow hören konnte. Ich empfand es als höchsten Seelenbalsam und hab sehr oft den ganzen Abend gesungen, Klavier gespielt und/oder Musik gehört. Ohne ging es einfach gar nicht! Die französische Schriftstellerin Marguerite Yourcenar kann meine Einstellung zur Musik sehr gut in Wörter fassen: "Die Musik ist die Welt der Seele" ("La musique est l'univers de l'âme").

Wie hast du zur Musik zurückgefunden?
Das ist eine lange Geschichte.
Als ich im letzten Jahr meines Studiums war, habe ich meinen älteren Bruder, der kurz davor war, 25 Jahre alt zu werden, nach längerer Krankheit verloren. Dieses Drama hat mein Leben zutiefst erschüttert und berührt. In der Trauer konnte ich über mein Leben reflektieren, war aber erstmal so baff, dass es für mich nicht in Frage gekommen wäre, eine andere Tätigkeit als im Feld, in dem ich studiert hatte, anzunehmen. Am Ende meines Arbeitsvertrages habe ich meinen anderen Bruder, Maxime, in Madrid besucht, als er sein Cello-Studium in der Escuela Superior de Música Reina Sofía gemacht hat. Dort habe ich ganz viele Studenten getroffen, unter anderem eine Geigerin, die sich für Musik als Hauptberuf mit 16 Jahren entschieden hatte. Als ich das hörte, habe ich einen "Elektroschock" bekommen – genau in diesem Alter hatte ich mich gegen die Musik als Beruf entschieden. Leider nicht, weil ich es nicht mochte, sondern weil ich dafür noch nicht reif genug war.

Als ich zurückkam, hatte ich eine Arbeit als Organisationsassistentin in einem Musikverein gefunden. Ich war so heilfroh, mich wieder mit Musik befassen zu können. Es war aber erstmal nur im Bereich Organisation und Büro. Als ich einen Opernabend organisieren musste, ist mir plötzlich klar geworden, dass ich eigentlich auf die Bühne gehen will, dass ich ganz viel zu sagen habe, dass es mein Weg ist, den ich dringend gehen muss. Erst dann haben mir meine Reflektionen über meine Trauer das Wesentliche zurückgebracht: meine Verantwortung glücklich zu sein und mein Leben so zu gestalten wie ich es haben möchte. Mir ist plötzlich klar geworden, dass ich keine Lust habe, Mitte 50 mit dem Gedanke aufzuwachen: 'Du hast dir nicht erlaubt, dein Leben und deinen Traum zu leben!' Vielleicht war alles schon etwas "zu spät", denn mit 25 muss man als Sängerin schon auf der Bühne stehen. Hinzu kommt, dass ich was ganz anderes studiert hatte und dafür noch ein Darlehen aufgenommen hatte, dass ich zurückzahlen musste und bei dem mir meine Eltern nicht finanziell helfen konnten. 'Aber es ist nie zu spät!', dachte ich. 'Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es bis zu meinem Lebensende bereuen'. So habe ich dank meines Vaters ein paar renommierte Sängerinnen wie Graciela Araya in Wien getroffen, die mir Ratschläge gaben und auch, um überhaupt zu checken, ob ich für das Singen genug Talent hatte. Sehr schnell habe ich mich entschieden, nach Berlin zu fahren, um meine Stimme am besten zu bilden.

Wie hast du das Singen für dich entdeckt?
Als ich fünf Jahre alt war, war das Singen mein "Schatz". Ich wusste schon, dass es etwas ganz Kostbares für mich war. Ich wollte auch unbedingt Klavier spielen lernen und habe es am Konservatorium studiert. Es ist ein bisschen, als ob der Gesang in mir gewartet hat, bis ich die Reife hatte, ihn zu empfangen und zur Welt kommen zu lassen. Es hat irgendwie immer in mir gebrodelt. Erst als ich in Dijon war, habe ich mich getraut, den Schritt zu wagen und im Studentenchor zu singen, da ich sowieso kein Klavier hatte und eine sehr große Sehnsucht nach Musik spürte. Die Lebensfreude, die ich dann entdeckt habe, war enorm.

Du sagst, du warst als Kind schüchtern. Wie hast du die Schüchternheit überwunden, die doch für eine Sängerkarriere hinderlich sein kann?
Ja, das stimmt. Es mag sehr komisch klingen, besonders für einen Bühnenmenschen, aber die Schüchternheit war sehr lange ein Thema für mich. Ich wusste, dass ich immer wieder mit kleinen Herausforderungen meine Grenzen erweitern konnte...und musste. Ganz am Anfang fiel es mir so schwer, allein vor meiner Familie zu singen.
Aber ich hatte das Gefühl, dass genau da, wo ich Blockaden empfand, Perlen oder große Schätze liegen, und es in meiner Verantwortung liegt, das zu überwinden, so dass ich dieses Potential greifen kann.
So habe ich dank Willensstärke, Übung und Vorsingen peu à peu die Belastung immer gesteigert. Vor ein paar Jahren, als ich in Venedig war, habe ich mir die Herausforderung gegeben, a cappella auf dem Markusplatz zu singen. Sonst hätte ich es mit dem Beruf vergessen können. Ich muss sagen, dass es mir nach einem Aperol Spritz leichter fiel! Ich hatte so viel Spaß dabei gehabt, dass es dann fast wie eine Droge war. Es war so unglaublich: Nach ein paar Sekunden Takt hörten ganz viele Menschen zu, sie unterbrachen ihren Spaziergang, grinsten oder lächelten, fotografierten oder filmten, wollten mehr hören und schmissen noch dazu eine Menge Geld in meinen Hut, den ich vor mir auf den Boden gelegt hatte. Die Erfahrung war sehr spielerisch, aber auch mächtig und positiv und hat ein paar Türen geöffnet. Lampenfieber ist natürlich Teil des Berufes, aber jeder muss damit klarkommen, dass es kein Hindernis für die Leistung ist: Das ist einfach Arbeit an sich, aber auch Erfahrung und Selbstverantwortung. Heutzutage bin ich sehr glücklich, dass ich so viel davon überwunden habe und mit Freiheit und großem Spaß singen kann. Natürlich ist immer Adrenalin da, aber es ist so eine Freude, Musik weitergeben zu können, dass ich mich so davon getragen fühle.

Was bedeutet das Singen für dich?
Ich verbinde das Singen mit einer Form der "universellen Liebe". Für mich ist es ein bisschen wie eine starke Energie, die durch den Körper, die Seele und den Geist fließt. Sie kann ganz viele Menschen zusammenbringen und viel Harmonie, positive Wellen und Kraft schenken. Natürlich hängt es manchmal davon ab, welche Stücke man singt. Jeder Mensch sollte singen, egal wie gut, wann und wo, ohne Bewertung und Vergleich. Denn es öffnet die Seele und macht glücklich. Ich finde, dass das Singen im Chor etwas Magisches hat, denn aus der Mischung der "Körperklänge" und Resonanzen entsteht eine sehr starke Vibration, und alle Menschen im Hier und Jetzt sind in einer universellen und sehr intuitiven Sprache verbunden. Ich war sehr dankbar, den Film "Wie im Himmel" von Kay Pollak entdeckt zu haben, denn er vermittelt diese Botschaft ganz schön und zeigt auch, was genau die Essenz und der Sinn der Musik ist: pure Liebe und Großzügigkeit.

In einem sehr engen Markt, in dem es nicht genug Platz für jeden Sänger gibt, ist der Druck, Musiker zu sein, heutzutage sehr groß, aber ich bin davon überzeugt, dass jeder seinen Platz hat und, dass im Endeffekt wir gar nicht miteinander konkurrieren, denn jeder hat so viel und Verschiedenes anzubieten.

Als Solistin empfinde ich auch eine riesige Freude, der Kanal von so vielen verschiedenen Emotionen und Facetten zu sein, da ich eine sehr große Palette an Farben und Ausdruck durch ein so breites Repertoire in der Oper, an Liedern und geistlicher Musik habe. Dank einer guten Kombination von Technik, Musikalität und Schauspiel habe ich die Möglichkeit, so viel zu kreieren. Langweilig wird es nie. Es gibt einfach unendliche Möglichkeiten und eine Arbeit, die nie zu Ende geht, was sehr spannend ist!

Was möchtest du beruflich erreichen?
Singen ist mein Traumberuf, denn es ist eine Selbstverwirklichungsreise, in der man im Einklang mit seinem Herz sein muss, um eine sehr wesentliche Energie zu schenken. Das klingt sehr spirituell, aber für mich ist es auch der Sinn dafür, dass ich diesen Weg gegangen bin.
Etwas konkreter bedeutet es, davon leben zu können und Konzerte zu geben, was bereits Realität geworden ist. Ich habe nächstes Jahr ein paar sehr schöne Projekte: u.a. ein Konzert als Solistin mit Orchester in Straßburg, wo ich Opernarien von Bellini, Donizetti, Bizet, Delibes singen werde, aber auch eine Tournee als zweite Dame in der "Zauberflöte" und ein paar Einladungen zum Musikfestival Schloss Weinzierl, auf dem ich mit Cello und Klavier russische Romanzen singen werde oder auch in Linz, wo ich mit Gitarre die "Bachianas brasileiras" von Villa-Lobos und die "Siete canciones populares españolas" von De Falla interpretieren werde. Ich würde sehr gerne in noch mehr Opernproduktionen mitwirken und auch noch Zeit für mehr Liederabende und geistliche Musik haben sowie für Ensemble. Demnächst werde ich mit meinem Bruder und Vater wieder Musik machen.

Welche Orte, Menschen, Naturereignisse, Künste, Handwerke faszinieren dich neben deiner Leidenschaft fürs Singen?
Ich finde sehr viel Inspiration in den Gemälden der Impressionisten, Expressionisten und Fauvisten. Dafür habe ich das Glück, in Berlin zu leben und auch sehr viel gereist zu sein, um mir in Madrid, Sankt Petersburg, Paris, Chicago, Buenos Aires oder Moskau die verschiedenen Meisterwerke anzuschauen.

Ich bin auch sehr vom Ballett fasziniert, aber auch anderen Tanzrichtungen wie Flamenco, Tango oder Bauchtanz. Ich habe selbst Ballett getanzt und finde es sehr inspirierend, Körper und Geist in verschiedenen Stimmungen und Bewegungen wirbeln zu lassen, um in einen eigenen Flow der Kreativität und Freiheit zu kommen.

Ich genieße es sehr, Gedichte zu schreiben...und ich lese sehr gerne in Französisch, um den ganzen Reichtum des Klangs, der Sinne und Symbole in mir am besten wirken zu lassen. Das funktioniert auch bei den Übersetzungen. Ich liebe Dichter wie Baudelaire, Verlaine, Apollinaire, Michel-Ange, Heine, Hesse, Wilde, Pouchkine, Neruda...Die Liste ist lang.

Ich liebe es auch sehr zu reisen: Per se ist es eine riesige Bereicherung, andere Kulturen zu entdecken und seine Sinne in ein neues Umfeld aus Klängen, Farben, Sitten, Materien, Geschmäckern und Eindrücken eintauchen zu lassen. Indien war eine sehr starke Erfahrung zum Beispiel. Da meine Mutter russisch ist, mein Vater in Uruguay geboren ist und ich in Frankreich aufgewachsen bin, war ich schon sehr früh gewöhnt, mehrere Sprachen zu hören und ganz verschiedene Kulturen zu erleben. Vielleicht hat es einen Einfluss auf meine Neugier für Menschen und Kulturen geschaffen.

Hab vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Xenia Ganz ist in Straßburg geboren und aufgewachsen. Als sie im Jahr 2007 nach Berlin zieht, nimmt sie bei Norma Sharp, Professorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Gesangsunterricht. Aktuell vertieft sie ihre Arbeit mit den amerikanischen Tenören Thomas Michael Allen und John Norris. 2012 singt sie einen Liederabend und die Rolle "Lescaut" in Manon von Massenet im Hamburger Opernloft und wurde in das Ensemble der Opernfactory aufgenommen. Dort singt sie Opernarien von Carmen, Cenerentola, Samson und Dalila, Le Nozze di Figaro, Hänsel und Gretel sowie von der Zauberflöte. 2014 verkörperte Sie den Küchenjungen in "Rusalka" (Dvoràk) im Kloster Chorin im Rahmen des Choriner Musiksommers. www.xeniaganz.com

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