Mai 2014 / Matti Geschonneck / Regisseur / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Matti Geschonneck - 1

An welchem Film arbeiten Sie aktuell?
Der Film heißt "Das Zeugenhaus". Er spielt 1945/1946 in einer Villa in Nürnberg, wo die Amerikaner Zeugen untergebracht hatten. Diese mussten sich zur Verfügung halten, um bei den Nürnberger Prozessen auszusagen. Da kamen illustre Leute zusammen, eine skurril anmutende, unfreiwillige Wohngemeinschaft. Im Film konnten wir natürlich nicht auf alle Zeugen eingehen. Ausgangspunkt ist ein Tatsachenbericht, den die deutsche Journalistin Christiane Kohl in einem Buch zusammengefasst hat. Die Filmproduktionsfirma "Moovie" von Oliver Berben will schon seit Jahren diesen Stoff filmisch umsetzen. Jetzt hab ich es zusammen mit dem Kölner Autor Magnus Vattrodt gemacht. Gerade sind die Dreharbeiten abgeschlossen.

Kannten Sie das Buch von Christiane Kohl, und ist Oliver Berben auf Sie zugekommen?
Ja, Oliver Berben ist auf mich zugekommen. Wir haben schon ein paar Sachen zusammen gemacht. Es waren eigentlich immer "Frauengeschichten". Der erste Film war "Wer liebt, hat Recht" im Jahr 2001. Der basierte auf einer Geschichte einer Berliner Journalistin, die nach 27 Ehejahren erfährt, dass sie von ihrem Ehemann, der in Tübingen arbeitet, betrogen wird. Und damit nicht genug, es ist seine Kollegin, die nicht nach üblichem Muster jünger ist, sondern gleichaltrig und gerade von ihm ein Kind bekommt. Das hat die Autorin (Anita Lenz, Anm. d. Red.) in einem faszinierend bösen, gleichzeitig komischen Buch niedergeschrieben. Und damit ist Iris Berben damals in Theatern und Büchereien herumgezogen und hat aus dem Buch mit großem Erfolg gelesen. Dann hat Oliver Berben mich gefragt, ob ich das verfilmen würde.
Zudem hab ich mit Oliver Berben auch den Film "Silberhochzeit" (Deutscher Fernsehpreis für Beste Regie 2006, Anm. d. Red.) zusammen gemacht. Wie der Titel schon sagt, geht es da um den Abend der Silberhochzeit. Die Freunde des Silberhochzeitspaares sind eingeladen und, was wir schon ahnen, er wird ganz lustig der Abend, dann ändert sich die Stimmung, weil man sich – unvermeidlich – Wahrheiten mitteilt. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Elke Heidenreich.

Später haben wir diese zentrale Frauenfigur in einem anderen Film sozusagen weitererzählt. Der Film heißt "Liebesjahre" (Adolf Grimme Preis 2012, Anm. d. Red.). Der war auch, wie "Silberhochzeit", ein Kammerspiel. Mit Iris Berben, Peter Simonischek, Nina Kunzendorf und Axel Milberg. Ein Ehepaar trifft sich nach zehn Jahren wieder, um das Haus zu verkaufen, das ihnen noch gemeinsam gehört. Jeder bringt seinen neuen Partner mit und in dieser Vierer-Konstellation werden dann natürlich einige Dinge verhandelt.

In ähnlicher Art hab ich "Das Zeugenhaus" gemacht, auch ein Kammerspiel. 90 Prozent des Film spielen in dem Zeugenhaus. Da ist der Fotograf von Adolf Hitler zusammen mit einem jüdischen Häftling, mit der Sekretärin von Hermann Göring, mit einer französischen Resistance-Kämpferin, die Auschwitz überlebte, mit einem Mann, der gar nicht weiß, warum er in dem Zeugenhaus festgehalten wird. Dann ist da noch der Herr Diels, der Gründer der Gestapo, der wird einer Spezialbehandlung unterzogen. Er wird in einem Zimmer im Haus eingesperrt. Keiner soll wissen, wer er ist, aber die anderen bekommen es natürlich heraus. Weiterhin Henriette von Schirach, die Frau von Baldur von Schirach, dem Reichsjugendführer und Reichsstatthalter in Wien.

Was wollten Sie vor allem aus dem Buch herausarbeiten? Welche Art Film schwebte Ihnen vor?
Das Buch ist keine Fiktion, es ist eher ein Tatsachenbericht. Daraus hätte man eine Dokumentation machen können, aber das wollten wir nicht. Ich hatte mich mit dem Stoff anfangs schwer getan. Ich hatte es Oliver Berben bereits zweimal abgesagt. Ich wusste nicht, 'wie ich das machen soll'. Oliver Berben blieb hartnäckig. Wir haben dann aufbauend auf diesem Bericht versucht, eine Stimmung, eine Sprache zu finden, dass er nicht nur nacherzählt wird, sondern dass man versucht, die Figuren, in Anführungsstrichen, unterhaltend zu brechen, um unmerklich merklich auf die andere Seite der Charaktere zu gelangen. Wir wollten zeigen, was hinter deren Fassade steckt. Wenn man sich das so vorstellt – wir kennen es ja aus der DDR – es ist vorbei, plötzlich ist es tatsächlich vorbei, der Wartburg ist kein wertvolles Auto mehr. Die Nazi-Uniform wurde 45 ausgezogen. Heinrich Himmler sah aus wie jeder x-beliebige verlorene Soldat, als er dort in Norddeutschland festgenommen wurde ... der eben noch über Millionen Schicksale bestimmen konnte. Er stand nicht mehr da in schwarzer Uniform, wie einer, der Macht über Leben und Tod hatte, sondern wie ein Häufchen Elend mit einer Brille auf.
Es geht in dem Film nicht um diese Kriegsverbrecher, sondern um Leute, die dicht an der Macht den Mächtigen dienten, die stets als Fettauge auf der Suppe mitschwammen, selbstverständlich ohne Unrechtsbewusstsein. Absurd, das wissen wir ja. Das kennen wir aus unserer Geschichte. Das Erstaunlichste, Schockierendste ist die Selbstverständlichkeit, ihr Leben einfach so weiterzuleben. Wir betreten da natürlich sehr dünnes Eis. Aber es ist trotzdem den ernsthaften Versuch wert, sich dieser Zeit auf ungewohnte Art zu nähern. Zusammen mit Magnus Vattrodt, mit dem ich einige Projekte in den letzten Jahren zusammen gemacht habe, entwickelten wir den Stoff. Am Set hatte ich ein großartiges Ensemble. Bis jetzt war ich am Schneidetisch. Ich hoffe, dass der Film schnell rauskommt. Das möchte auch die Produktionsfirma und das ZDF.

Wissen Sie den Sendetermin schon?
Nein, noch nicht. Ich hoffe und nehme an im Herbst.
Ich bin sehr froh, dass solche Projekte gefördert und gemacht werden.

Waren die Vorbereitungen für den Film anders? Dem Thema geschuldet sensibler?
Meine Ängste waren größer, die Vorbereitungen waren angespannter, sensibler als sonst. Aber klar, man kann nicht jeden Drehtag an die Verantwortung denken, die man bei solch einem Stoff hat. Bloß nicht dies und bloß nicht das ... Wenn man dreht, dann dreht man. Das ist Handwerk mit Intuition gekoppelt, man stellt sich der jeweiligen Situation und das heißt dann, mit den Schauspielern die Szene entwickeln ... und drehen. Du hast wenig Zeit. Das sind Schauspieler, die ich zum Teil kannte. Udo Samel spielt Hitlers Fotografen Heinrich Hoffmann. Samel wollte ich von Anfang an haben. Die haben äußerlich wahrlich keine Ähnlichkeit. Das spielt aber bei so einem Schauspieler gar keine Rolle, weil er einfach gut ist. Seine Tochter, die Henny von Schirach, spielt Rosalie Thomass. Eine fabelhafte Schauspielerin, mit der ich vor zwei Jahren mit Götz George einen Film gemacht habe...

... spielt der Film in Berlin, und sie spielt die junge Polizistin, richtig? Der kam kürzlich im Fernsehen.
Ja, genau. Das ist Rosalie Thomass. Das ist ne Bayerin. ("Tod einer Polizistin", Anm. d. Red.)

Das hört man gar nicht...
...na, die kann aber. Ich hatte noch eine Bayerin im Team, die die Sekretärin von Hermann Göring spielt, Gisela Schneeberger. Ich kannte sie schon von "Silberhochzeit". Rudolf Diels, den Gründer der Gestapo, spielt Tobias Moretti.
Das Zeugenhaus wird von einer ungarischen Gräfin deutscher Abstammung geleitet – das ist Iris Berben. Die Gräfin wurde von den Amerikanern als Hausdame installiert, um den ganzen Laden zusammenzuhalten. Dann spielt der Matthias Matschke mit, Britta Hammelstein, Louis Hofmann, Vicky Krieps (siehe Interview Mai 2015) – eine luxemburgische Schauspielerin...

...die hat kürzlich die Fliegerin Elli Beinhorn in einem TV-Film gespielt...
...Ja, genau. Dann spielen Johanna Gastdorf mit und Edgar Selge...

...ein großes Ensemble...
...Nicht zu vergessen Matthias Brandt, der den Generalmajor Lahousen spielt, einen der wichtigsten Zeugen der Anklage ... Ja, vierzehn Leute waren es insgesamt ... eine Mischung aus Kino und Theater.

Haben Sie den Film nur innen spielen lassen?
Es gibt ein paar Szenen vor dem Haus, vorfahren, abfahren. Dann gibt es ein paar Szenen in der amerikanischen Militäradministration. Da spielt der Samuel Finzi – ein großartiger Schauspieler – den amerikanischen Geheimdienstmann. Es gibt auch einen Seelsorger der amerikanischen Armee, Captain Flynn. Der beaufsichtigt das ganze Unternehmen "Zeugenhaus" und hält den Kontakt zu der Gräfin. Den spielte Jeff Burrell. Ein amerikanischer Schauspieler, der deutsch spricht. Mir ist es als Zuschauer schon unangenehm, wenn Schauspieler das "r" rollend nach innen ziehen, um einen Amerikaner oder anderen Ausländer darzustellen.

Ich bin sehr gespannt, wie der Film aufgenommen wird. Der wird nicht so einfach über die Bühne gehen, das weiß ich jetzt schon. Es wird die Frage sein, wie man den Figuren in ihrer Ambivalenz nahekommt, sie versteht, um dann entsetzt zu sein, hoffentlich auch berührt sein wird. Es geht ja nicht darum, die Figuren originalgetreu zu erzählen, sondern dass man sieht, das sind zeitlose Charaktere, die es heute genauso gibt. Da hat sich nichts geändert.

Sie arbeiten gern mit denselben Leuten?
Ja, wie bereits erwähnt, arbeite ich öfter mit dem Drehbuchschreiber Magnus Vattrodt zusammen. Da sind zwei, drei Kameraleute, Theo Bierkens, Martin Langer, mit denen ich regelmäßig unregelmäßig arbeite. Ebenfalls mit der großartigen Kamerafrau Judith Kaufmann. Mit ihr hatte ich den Gerichtsfilm "Das Ende einer Nacht" gedreht und jetzt "Das Zeugenhaus".

Ich hab gelesen, dass Sie schon als Kind wahnsinnig gerne ins Kino gegangen sind? Haben Sie sich bewusst für den Beruf des Regisseurs entschieden, oder hätte es auch ein anderer kreativer Beruf im Filmgeschäft sein können?
Ich weiß nicht mehr, wie das war. Ich weiß nur noch, ich bin mit 17 zur Humboldt Uni und wollte Theaterwissenschaften studieren, weil ich das einfach aufregend fand. Die haben mich aber wieder weggeschickt, weil ich für sie zu jung war. Nach meiner Armeezeit hab ich als Volontär beim Fernsehen der DDR angefangen. Nach einem Jahr hab ich in Babelsberg eine Aufnahmeprüfung gemacht. Der Wunsch ist weniger durch das Elternhaus (Vater Schauspieler, Mutter Schauspielerin, Stiefvater Dokumentarist, Anm. d. Red.) entstanden, weil ich dieses "Elternhaus" in dem Sinne nicht hatte. Aber wahrscheinlich doch, denn mein ganzes Umfeld hatte viel mit Film und Theater zu tun.

Dass ich als Kind viel im Kino war, das stimmt. Ich bin im Stadtteil Ostkreuz rund um den Boxhagener Platz großgeworden. Da gab es meine zwei Stammkinos: das "Amor" in der Wühlischstr. und das "Aboli" in der Boxhagener Str. Beide waren noch mit richtigen Kanonenöfen ausgestattet. Samstags um halb zwei war im "Amor" Kindervorstellung. Wir hatten um viertel zwei Schulschluss und sind von der Max-Kreutziger-Schule am Ostkreuz in dieses Kino gerannt. Dann gab es sowjetische oder rumünische oder tschechische Filme ... natürlich DEFA-Filme, "Sheriff Teddy", "Seilergasse 8" ...

Können Sie sich an andere Filmtitel erinnern?
"Kotschubej" weiß ich noch. Das war ein sowjetisches Bürgerkriegsdrama. Oft waren es Kriegsfilme, Partisanenfilme. Ich hatte Lieblingsfilme, zum Beispiel "Ilja Muromez", ein russisches Heldenepos, eine Sage mit der schönen Wassilissa. In jedem russischen Märchenfilm, so auch in diesem, kommt der Satz vor: "Der Morgen ist klüger als der Abend."
Ich erinnere mich an den chinesischen Agentenfilm "Agent P 491". Dann sind wir nach Treptow umgezogen und dort war das Kino in der Archenhold Sternwarte. Da war ich sehr oft. Ich kann mich an alte UFA-Filme erinnern: "Der Mann, der Sherlock Holmes war" mit Hans Albers und Heinz Rühmann. Aber auch "Der alte Mann und das Meer" und "Zwölf Uhr Mittags". Der Weg in das Sternwarten-Kino erschien mir gefährlich, weil es durch den dunklen Treptower Park ging. Man warnte vor Kindermördern, die sich da aufhalten sollen. In dem Kino fühlte ich mich geborgen. An der Kasse saß eine alte Frau, Eintritt kostete 25 Pfennige, später 50 plus 5 Pfennige Kulturbeitrag. Eine gute Zeit...

Voriges Jahr hatte Götz George während der Berlinale einen Preis für sein Lebenswerk bekommen, und ich habe die Laudatio gehalten. Da hatte ich u. a. von diesem Kino erzählt und auch vom Kino "Gèrard Philipe". Das es heute nicht mehr gibt. Dort hatte ich Götz George das erste Mal in dem Film "Kirmes" von Wolfgang Staudte bewusst wahrgenommen.

...Gèrard Philipe...ich kann mich erinnern, dass es mit ihm viele Filme im Fernsehen früher gab. Das waren immer sogenannte Mantel-und-Degen-Filme...
Ja, genau, "Fanfan – der Husar". Der hat mal mit meinem Vater (Erwin Geschonneck, Anm. d. Red.) gespielt, "Till Ulenspiegel". Es gab eine Zeit in den 50er Jahren, wo die DEFA mit der französischen Produktionsfirma "Ariane" Koproduktionen gemacht hat. "Hexen von Salem", "Die Elenden". "Till Ulenspiegel" mochte ich besonders – nicht nur, weil mein Vater darin mitspielte. Gèrard Philipe spielte die Titelrolle und führte Regie, Erwin spielte Stahlarm. Der war Kommandant eines Söldnerheeres, das im Dienst der Spanier im 16. Jahrhundert gegen die niederländischen Freiheitskämpfer, die Geusen, gekämpft hat. Das war ein sehr großer, aufwändiger Film.
Frank Beyer drehte einen Film, der während des spanischen Bürgerkriegs spielte, "Fünf Patronenhülsen". Erwin spielte einen roten Kommissar, der bei einem Gefecht tödlich verletzt wird, gibt aber vor seinem Tod seinen Kameraden leere Patronenhülsen mit, worin er eine Nachricht versteckt hat. Seine Kameraden – Rollen, die u.a. von Manfred Krug, Armin Müller-Stahl und Ernst-Georg Schwill gespielt wurden. Das war ein für mich sehr spannender Film, damals. Und wenn man die Filme heute sieht, dann merkt man doch, wie haltbar oder nicht haltbar sie sind. "Karbid und Sauerampfer" ist bis heute haltbar.

Sie arbeiten vorwiegend fürs Fernsehen. Der Kinofilm "Boxhagener Platz" ist so eine Ausnahme. War das eine bewusste Entscheidung?
Das hängt mit meinem Weggang in den Westen 1978, damals nach der Biermann-Ausbürgerung 76, zusammen. Man wartete nicht auf mich als Regisseur im Westen. Ich hab sehr lange als Regieassistent gearbeitet und so sehr spät angefangen, als Regisseur zu arbeiten. Der bekannte Regisseur Eberhard Fechner, dessen Assistent ich bei "Tadellöser & Wolff" war, hatte mir Mitte der 80er den Rat gegeben: 'Du musst ein Buch schreiben.' Einfacher gesagt, als getan. Das hab ich gemacht, hab das Buch eingereicht, und es wurde in Hamburg gefördert. Nach dreieinhalb Jahren konnte ich dann den Film, "Moebius", realisieren. Eine der Hauptrollen spielte Günter Lamprecht. Der fing in der Zeit als Berliner Tatortkommissar Markowitz an (Tatort "Berlin – beste Lage" von 1992, Anm. d. Red.). Lamprecht holte mich zum SFB. Ich wollte einfach arbeiten. Autorenfilmer kam für mich damals nicht infrage. Für mich war es wichtig, eine gewisse Kontinuität in der Arbeit zu haben. Es war keine prinzipielle Entscheidung gegen das Kino. Ich hatte auch Möglichkeiten, vor dem "Boxhagener Platz", Kinofilme zu drehen. Aber ich muss mit dem Stoff eins sein. Die Vorurteile gegenüber dem Fernsehen sind größer geworden, Fernsehen wird pauschal abgetan – man trägt aber gerade den neuen Fernseher die Treppe hoch. Häufig sind Fernsehstoffe interessanter als Kinosujets in Deutschland. Die erfolgreichen deutschen Kinofilme kennen wir. Bei den nicht so erfolgreichen, aber oft sehenswerten Kinofilmen muss man sich bemühen, dass man sie überhaupt zu sehen bekommt. Ich bin tatsächlich froh, dass ich den Beruf überhaupt ausüben kann. So viele Arbeitsplätze als Regisseur gibt es nicht. Jedes Jahr stoßen die zahlreichen Filmschulen neue Absolventen aus. Ich kenne keine Zahlen, aber ich frage mich immer, wie das funktioniert.
Du denkst am Anfang, insbesondere als Student, 'Du bist es. Auf dich haben sie gerade gewartet'. Ohne diese Einstellung braucht man anderseits auch gar nicht erst anfangen. Dann ist man mit dem Studium fertig und macht – wenn man Glück hat – seinen ersten Film. Damit kommt der Erfolg, oder auch nicht, und dann kommt der Alltag. Das hab ich selber erlebt und so hab ich Respekt vor allen, die den Alltag im Fernseh- und Filmgeschäft schaffen zu leben. Nicht nur Regisseure, auch Schauspieler, Drehbuchautoren, einfach alle.

Gibt es ein, zwei Projekte in Ihrer Karriere, auf die Sie richtig stolz sind – im Sinne von 'Das hab ich richtig gut hingekriegt.' – oder ist eher die kontinuierliche Arbeit?
Das kann ich schwer sagen. Eigentlich bin ich auf jeden "stolz", ob erfolgreich oder nicht erfolgreich, ob gut oder schlecht – im übrigen ein interessantes Thema, wie bewertet man gut und erfolgreich – aber bestimmt sind "Die Nachrichten", "Boxhagener Platz", "Das Ende einer Nacht" und auch jetzt "Das Zeugenhaus" sehr wichtig für mich gewesen.
Ich würde zum Thema DDR gern mehr erzählen, über "uns". Aber mir fehlen die Vorlagen. Da hab ich nur zwei Filme gemacht – das sind eben "Die Nachrichten" und "Boxhagener Platz".

...Vielleicht kommt ja noch solch ein Projekt...
...Dass einer bei der Stasi war, ist uninteressant, viel interessanter ist, warum er bei der Stasi war. Als ich den Roman "Die Nachrichten" von Alexander Osang gelesen habe, waren darin für mich die Zwischentöne spürbar, die damalige Befindlichkeiten trafen, die ich verstand. Es geht mir darum, Zusammenhänge aufzuzeigen, vor allem eben dieses Lebensgefühl damals sichtbar zu machen – was wir auch beim "Boxhagener Platz" versucht haben. Für mich hat das was mit Heimatverbundenheit zu tun, mit Berlin.

Das kann ich mir vorstellen.
Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Matti Geschonneck kommt 1952 in Potsdam zur Welt und wächst in Berlin auf. In Moskau studiert er vier Jahre Regie am Eisenstein-Institut (WGIK). 1978 ist er nach Hamburg umgesiedelt. Im Jahr 1989, nach der Maueröffnung, ist er zurück nach Berlin. Seine Filme sind oft mit Preisen gewürdigt wurden. U.a. erhält er 2002 für "Die Mutter" (mit Nadja Bobyleva – siehe Interview Februar 2013) den Bayerischen Fernsehpreis. Er bekommt dreimal die Goldene Kamera und dreimal den Grimmepreis. Für "Die Nachrichten" (2006) und "Das Ende einer Nacht" (2012) erhält er den Deutschen Fernsehpreis.

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