März 2014 / Uta Zeidler / Malerin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Uta Zeidler - 1

Wie hast du dein Talent fürs Malen entdeckt?
Meine Affinität für Kunst begleitet mich schon seit meiner Kindheit, ebenso das Scheitern, was dazugehört und der Motor ist. Mit 14 Jahren malte ich mein erstes Ölbild. Es zeigte einen Stein mitten im Meer, den Ort, wo ich als Zweijährige fast ertrunken wäre und dem Tod so nah war, dass ich wundervolle Musik gehört habe und blaue Leuchtraketen sah und beleidigt war, dass meine Eltern mich gerettet haben und da wegholten. Das Bild "Meerstück" scheiterte jedoch kläglich: Ich war unzufrieden mit dem Resultat. Heute denke ich rückblickend, toll, dass ich so was Schwieriges gemalt habe, und es war eben eine Bearbeitung eines intensiven Erlebnisses, egal wie das Ding aussieht. Schade, dass ich es nicht mehr habe.
Zettel und Stift haben mich immer begleitet, waren geliebtes Ausdrucksmittel und Ventil. Mit den Ergebnissen war ich mal mehr, mal weniger zufrieden. Die Kunst zu meinem Beruf zu machen, dauerte... erst mit 30 Jahren begann ich das Malereistudium in Leipzig.

Vor Leipzig warst du wegen der Malerei in Paris bei Jean-Michel Alberola. Was hast du für dich aus dieser Phase mitgenommen?
Die Zeit mit dem DAAD-Stipendium in Paris war einer meiner Hochzeiten. Ich hab mich dort sehr wohl gefühlt und hatte Zeit und Ruhe, den Charme dieser Stadt zu genießen und diesen wunderbaren Ort: die Kunsthochschule.

Was hast du konkret dort in der Schule und in Paris genießen können?
Endlich Kunst zu studieren. Mich mit Paris auszusöhnen. Ich war schon mal mit 18 Jahren als Au-pair dort, und das war damals sehr anstrengend. Ich wohnte in einem Haus neben der Rue Mouffetard, kaufte jeden Morgen dort Sesambrötchen, frischen Koriander und frische Butter, die von riesigen runden Scheiben abgeschnitten wurde und lief später vorbei am Jardin du Luxembourg zur Schule.

Hat dir speziell Monsieur Alberola was auf den Weg gegeben und wenn ja, was?
Alberola hat mir den Satz mitgegeben: "Ihr müsst immer drauf achten, einen Ausgang zu haben." Den Satz finde ich sehr inspirierend, und noch einen zweiten über die Preise unserer Bilder: "Wenn einer mit nem fetten Schlitten vorfährt, kostet das Bild 1.000000 Francs, und wenn ein Armer mit Stock angehumpelt kommt, und es kann derselbe sein, kostet das Bild 300 Francs."

Hast du dich an beides gehalten?
Ja, schon. Ich finde es toll, wenn jeder so was haben kann und Kunst nicht nur was für Reiche ist.

Und was hast du im Gegensatz dazu von Neo Rauch mitgenommen, der dein Professor im Anschluss in Leipzig war?
Nie was in die Mitte malen, Mitte immer leer lassen.

Beherzigst du dies?
Ja, die Idee leuchtet mir ein. Wenn ein Bild jedoch mal was in der Mitte braucht, dann kommt da was hin. Ich versuche, Glaubenssätze auch immer wieder aufzulösen, um wieder Weite zu haben.

Die Malerin Oda Jaune hat mal gesagt "Malen muss wehtun". Siehst du das auch so?
Weiß nicht richtig. Mich nervt eigentlich immer, dass man bei jedem Bild tausendmal denken muss, dass es schrecklich ist, aber vielleicht braucht es genau die Reibung und den kritischen hoch empfindlichen Blick um zu gedeihen und sich zu entwickeln, sich herauszuschälen.

Von welchen anderen Künstlern fühlst du dich angezogen?
Aus dem Kunstbereich schätze ich Daniel Richter, Katharina Grosse, Cy Twombly, Martin Kippenberger, Lucian Freud, Philip Guston, Oliver Kossack, Christoph Ruckhäberle und Louise Bourgeois. Dann mag ich noch den ungarischen Komponisten Béla Bartók und die englische Sängerin Kathleen Ferrier. Den Christoph Ruckhäberle werden vielleicht noch nicht so viele kennen, er ist einer der jungen erfolgreichen Maler in Leipzig. Er macht witzige, sehr gute Arbeiten und hat dazu ein Kino mitgegründet, eine eigene Druckerei und einen eigenen Verlag und ist dadurch immer an der Basis, am Grund der Dinge, engagiert sich sozial... Das beeindruckt mich sehr. Toller Typ.
Lucian Freud beeindruckt mich, weil er so drangeblieben ist, sein Leben lang Menschen zu malen.

Was machst du richtig, richtig gern?
Sauna, an der Ostsee sein, Tanzen und Kunst fühlen.
In der Sauna kommen mir die Aufgüsse so vor, als würde ich in einem fernen Land aus dem Flugzeug steigen und mir schwabbt gleich so ne Hitze entgegen und dazu eine erfrischende Orangenscheibe essen und der Duft von Birken. Herrlich.
'Anne Ostsee-sein' ist auch so, dieser Wind und einzigartiger Meersalzduft, die Weite des Wassers, das Aufschlagen der Wellen... Das ist immer schön, ob Winter oder Sommer.
Tanzen ist einfach gut. Am liebsten mag ich inzwischen Festivals. Nicht in diesen verrauchten Buden, sondern draußen tanzen, auch gern tags und nachts.
Mit Kunst fühlen, meine ich, berührt sein von einem Musikstück, einem Tanz, einem Bild oder einem art piece. Das liebe ich. Dann fühle ich die Schönheit und Tiefe der Welt.

Was hat dich als letztes berührt und wieso?
Das Kunstbuch: "Sailaway" mit Bildern von Tal R (ein dänischer Künstler, Anm. d. Red.) in vierfarbigem Offsetdruck mit so saftigen Farben auf einer kleinen Buchmesse in der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig letzte Woche und ein Kirschblütenzweiglein in einem Wasserglas in meiner Küche. Der Frühling ist da.

Findet man diese tiefen Gefühle, die du aus Sauna-, Ostsee- und Festivalbesuchen ziehst, in deinen Arbeiten wieder. Wenn ja, wie drücken sie sich aus? Kann man das beschreiben?
Die drei ersten Dinge entspannen mich einfach total, da ist eher was vom Kunst fühlen und Sehen in meinen Arbeiten, aber auch eher indirekt oder sie fließen zusammen.
Auf einem Bild von mir sind die Nacht und der Tag und das Meer zu sehen. Dort habe ich das Gefühl, die Wellen des Meeres sind Musik.

Was wolltest du schon immer tun, hast es bislang aber immer verschoben?
Von eine Reise nach Indien träume ich immer wieder. Intuitiv zieht es mich da hin. Ich möchte gern mit jemandem reisen, der sich dort auskennt und oft da ist. Am liebsten mit meiner Qigong-Ausbildungslehrerin eines Tages...

Ich wünsche dir, dass es ganz bald passiert.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Uta Zeidler ist 1974 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) geboren. Sie ist Mutter von zwei Mädchen (zwei und vier Jahre alt) und lebt seit 2010 in Berlin. Zwei Jahre arbeitet sie an ihrem ersten Kunstkatalog mit dem Titel "Klar Schiff!". Jetzt im März 2014 ist er fertig und wird auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Dieses Projekt hat sie mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion realisiert. Von den Kosten für den Katalog konnte sie allein nur 60 Prozent stemmen. Über das Crowdfunding kamen die letzten 40 Prozent zusammen.
www.siebenachtneun.de

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