Juni 2014 / Detlef Waschkau / Bildhauer / Berlin-Charlottenburg

Coco Berliner - Detlef Waschkau - 1

Wie bist du aufgewachsen?
Ich bin in Hannover geboren und habe dort die ersten drei Lebensjahre verbracht. Von dort zog meine Mutter mit mir zu Verwandten nach Kerkrade in den Niederlanden. Später als sie meinen Stiefvater kennenlernte, zogen wir nach Niederbardenberg, einem kleinen Dorf in der Nähe von Aachen. Hier wuchs ich in einfachen Verhältnissen auf.

Wie hast du deine Kreativität entdeckt?
Ich weiß nicht, ob ich sie entdeckt habe oder ob sie wie bei jedem Menschen einfach immer schon da ist.

...das denke ich auch...
...Ich glaube, jeder Mensch kann kreativ sein. Diese Frage kann ich nicht konkret beantworten. Es gab kein Aha-Erlebnis, bei dem mir bewusst wurde, dass ich in diesem Bereich begabt bin. Es hat mich als jungen Mann in diese Richtung gezogen, und diesem Impuls bin ich gefolgt. Es gab Türen, die sich geöffnet haben und ich bin hindurchgegangen. Wie und was ich gemacht habe, hat sich für mich immer richtig angefühlt. Ich hatte einfach den Drang, diesem einmal eingeschlagenen Weg weiter zu folgen. Man muss sich irgendwann entscheiden, ob man gewillt ist, diesen Weg weiter zu gehen.

...und du warst immer gewillt oder gab es Momente, wo du gezögert hast?
Natürlich gab es auch Momente des Zögerns oder besser gesagt, Momente, in denen ich vor Entscheidungen gestanden habe. Eine der Wichtigsten war wohl, sich fest für den Beruf des Künstlers zu entscheiden. Hier war ich auch am Anfang unsicher, ob das der richtige Weg wäre. Doch schon ziemlich schnell stand für mich fest, dass es genau die richtige Berufung für mich ist.

Was brauchst du zum Arbeiten? Welche Atmosphäre tut dir gut?
Je nach meinem Zustand und Befinden, das lässt sich nicht ganz konkret sagen. Manchmal ist es für mich wichtig, wenn ich Ruhe habe, dann kann ich mich gut auf einen Arbeitsprozess konzentrieren. Aber es gibt auch Momente, in denen es gut ist, Musik zu hören. Laut Musik zu hören! Die Dinge entwickeln sich nicht geradlinig. Wenn ich das und das mache, habe ich dieses Ergebnis. Man kann nicht voraussehen, was in der Entwicklung einer Arbeit geschieht. Ich muss auch nach einer gewissen Zeit raus aus dem Atelier und unter Menschen. Ich brauche kleine Breaks bei meiner Arbeit. Es tut der Arbeit nicht gut, wenn ich zu lange an ihr arbeite. Bei neuen Arbeiten z.B. nehme ich den Außenraum fast nicht mehr wahr beim Arbeiten und bin sehr fixiert auf das Werk. Da ist es relativ egal, was um mich herum geschieht.

Wie wählst du deine Farben aus? An was orientierst du dich?
Ich lasse die Farben einfach geschehen, könnte man sagen. Ich versuche, mich erst einmal an so gut wie nichts zu orientieren als an dem, was mir das Material und das Thema zur Verfügung stellt. Ich versuche, ziemlich offen an die Arbeit heranzugehen.
Meine Reliefs bestehen nicht nur aus Farben, sie bestehen aus drei wichtigen Grundlagen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen: Farbe, Raum, und das Motiv. Diese drei Dinge agieren in den Bildern gleichberechtigt. Das eine reagiert auf das andere. Und meine Aufgabe ist es, die drei Komponenten in einer Arbeit zu einem komplexen Werk zu vereinigen.
Doch der Beginn einer Arbeit ist die Malerei, die Farbe. Sie ist sozusagen der erste Schritt, das erste, was das Holz berührt. Bei dieser ersten Farbschicht geht es darum, sich langsam dem Thema anzunähern. Der erste malerische Prozess ist meist expressiv und nicht grundlegend an das Motiv gebunden. Mit Farbe reagiere ich auch auf Prozesse in der Arbeit. Genauso reagiere ich mit der Bildhauerei auf die Farbe. Je mehr die Arbeit fortschreitet, desto bewusster werden auch Farbe und Form eingesetzt. Sie sind die Möglichkeit, mit der das Motiv geformt wird.
Farbe ist nur in geringen Mengen auf und in der Arbeit vorhanden. Entweder ist sie in das Material eingezogen oder sie überdeckt das Holz. Das Holz selber ist als reines Material in großen Teilen zu sehen.

Die Farbwahl wird so durch das Thema und das Material bestimmt, richtig?
Beides ist wichtig, aber ich lasse mir auch den Weg offen, ganz anders zu handeln. Ich denke ich muss beim Fertigen eines Werkes immer die Möglichkeit offenhalten, frei im Handeln zu bleiben. Sonst würde ich mich nur noch an festen Modellen orientieren. Man muss auch für neue Impulse offen sein. Und diese sind bei mir intuitiv. Dann wird der Impuls direkt in ein Handeln umgesetzt.

Folgst du eher deinem Instinkt oder überlegst du vorab genau wie das Bild aussehen soll?
Ich würde sagen beides. Beide Prozesse sind bei der Entwicklung einer Arbeit wichtig. Es ist ein Wechsel von beiden. Es gibt diese beiden Richtungen, die immer gegeneinander abgewogen werden. Die eine ist die Intuition, bei der ich den eigenen inneren Impulsen folge. Die andere ist die vom Verstand entwickelte Idee.

Wie viele Bilder realisierst du in einem Jahr?
Das ist verschieden. In Zahlen kann ich das gar nicht so genau sagen. Aber man könnte sagen, dass ich produktiv bin.

... auf jeden Fall...
...In den letzten zwei Jahren arbeitete ich an zwei Projekten. Einmal dem China-Projekt und zum anderen an dem Willy-Brandt-Projekt. Ich habe mich fast ausschließlich mit diesen beiden Themen beschäftigt. Es war eine gute Erfahrungen, so konzentriert, an klar umgrenzten Themen zu arbeiten. Neben diesen Projekten arbeite ich parallel auch an der Weiterentwicklung von Ideen, die ich später in Arbeiten umsetzen möchte. Ich arbeite gerne im Atelier, habe aber auch das ein oder andere Mal im Jahr meine Hänger, wo gar nichts läuft. Ich bin dann frustriert. Aber das sind Phasen, die ich durchlebe. Es ist auch von Jahr zu Jahr verschieden. In diesem Jahr war es zum Beispiel so, dass ich die ersten zwei Monate sehr intensiv gearbeitet habe. Danach kam eine etwas ruhigere Zeit, aber ich weiß auch, dass ich das nächste halbe Jahr nur konzentriert und intensiv arbeiten werde.

Was beschäftigt dich gerade und demnächst, wo du schon weißt, dass du intensiv arbeiten wirst?
Das Arbeiten an mehreren Themen in einer Arbeit. Das ineinander verwobene von verschiedenen Bildmotiven in einer Arbeit. Ich will zeigen, dass die Dinge alle miteinander und ineinander verbunden sind. Zu diesem Thema möchte ich neue Reliefarbeiten machen, mit denen ich in diesem Sommer beginnen möchte. Das ist eine neue Idee, die mich motiviert.
Im Oktober werde ich für eine Ausstellung nach Beijing reisen. Im nächsten Jahr werde ich nach New York gehen. Ebenso nächstes Jahr möchte ich ein filmisches Werk machen. Auch wird es zur Zusammenarbeit mit anderen Künstlern kommen. Das alles baut sich gerade Stück für Stück auf und wird interessante neue Einflüsse für mich und meine Arbeit mit sich bringen.
Ich bin ständig an der Weiterentwicklung meiner Arbeit interessiert. Offen zu bleiben für andere, neue Einflüsse und Richtungen, in Bewegung zu sein, alles aufzunehmen. Ich glaube, dass meine Arbeiten schon eine starke Entwicklung durchgemacht habe, dennoch bleibt das Gefühl, immer noch ziemlich am Anfang zu stehen.

Wie werden deine Bilder in Japan oder China verstanden? Gibt es Unterschiede zu der Sichtweise hier in Europa?
Diese Frage ist für mich schwer zu beantworten, da ich nicht über genügend Erfahrung verfüge, um so etwas zu beantworten. China ist ein riesiges Land und entwickelt sich in Höchstgeschwindigkeit. Ich war bisher nur in Beijing und Nanjing.
In Japan braucht man viel Zeit, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Hier zu sagen, in Japan sieht man meine Arbeiten so und in China so, das geht nicht. Das wäre viel besser eine Frage für einen Kunstwissenschaftler. Künstler in China sagten mir, dass in meinen Arbeiten eine andere Sichtweise auf die Dinge steckt, in den Arbeiten wäre eine Klarheit und Strenge. Man könnte sofort erkennen, dass diese Arbeiten nicht aus China kämen.
China und Japan sind sehr verschiedene asiatische Länder. In Japan, wo die zeitgenössische Kunst keinen so großen Raum einnimmt wie in Europa, war man eher vorsichtig im Beurteilen der Arbeiten... schon interessiert, aber für Japaner war das, glaube ich, eher etwas Fremdes. Man muss, meiner Meinung nach, auch berücksichtigen, dass ich zu unterschiedlichen Zeiten in China und Japan war. Was ich aber in Europa und auch in Asien feststellen konnte ist, dass die Menschen die Arbeiten für etwas Neues, Interessantes halten. Wo Raum und Fläche etwas Neuartiges hervorbringen.

Welches Talent hättest du gern?
Ich hätte gerne Musik gemacht. Ein Musikinstrument gelernt und gespielt. Intensiv. Ich habe Gitarre und Saxofon gespielt, aber ich bin nicht drangeblieben. Wenn ich Talent in diesem Bereich hätte... Singen oder ein Instrument spielen zu können, dieses Talent hätte ich wohl gerne.

Kennst du die Künstlerin Catherine Lorent? Sie lebt in Berlin, kommt ursprünglich aus Luxemburg. Sie kombiniert Musikinstrumente inkl. Tüne mit Malerei zu Installationen. Das wäre vielleicht auch was für dich?
Nein, das meine ich nicht. Ich meine, ich hätte einfach nur gerne Musik gemacht. Vielleicht neben meinem Beruf, aber nicht eine Kunstform damit schaffen wollen.

Welcher andere Beruf imponiert dir am meisten? Und warum?
Berufe, die sich mit dem beschäftigen, was über unseren Horizont hinausgeht. Astronomie interessiert mich sehr. Astrophysiker ist zum Beispiel solch ein Beruf. Die Auseinandersetzung mit den für mich wirklich interessanten Dingen und Fragen heute. Ich glaube, im Moment setzt sich die Astrophysik mit wirklich interessanten Themen auseinander. Dinge die teilweise über unser Verständnis hinausgehen (dunkle Materie, dunkle Energie, schwarze Löcher, das Forschen nach anderen erdähnlichen Planeten usw.). Quantenphysik und Stringtheorie, einer abstrakten Theorie, finde ich auch sehr interessante Themen. Wo Dinge anders funktionieren als in "unserer Welt"... Zeit und Raum sich verschieben. Ein ganz interessantes Feld für mich.
Diese Richtungen von Beruf imponieren mir, weil sie die neuen Wege zeigen. Sie sind auf den Weg zu neuen Ufern. Sie schaffen ein neues Bewusstsein. Sie werden etwas verändern.
Und warum? Erst mal kommt man wieder auf den Boden. Es wird mir bewusst, welchen Stand ich in dieser Welt habe. Und es wird mir bewusst, mit welchen Dimensionen man es zu tun hat. Die man weder von der Größe noch von den vorhandenen Möglichkeiten fassen kann.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Detlef Waschkau ist kein waschechter Berliner. Er ist 1961 in Hannover zur Welt gekommen. 1992 beendet er sein Design-Studium mit den Schwerpunkten Bildhauerei und Plastik an der Fachhochschule Aachen erfolgreich. Gleich im Anschluss erweitert er sein Kunstwissen mit einem Studium der Bildenden Kunst an der Berliner Hochschule der Künste. 1995 erhielt er ein Stipendium der Stiftung Kulturfonds. Seit 2011 ist er Mitglied des Deutschen Künstlerbundes. Für seine Holzreliefs ist er sehr viel auf Reisen zwischen den Kontinenten.www.detlef-waschkau.de , Video

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