Juli 2014 / Jean Balke / Schmuckdesignerin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Jean Balke - 1

Jean, was für ein schöner, in Deutschland doch seltener Vorname. Wie kam es dazu?
Das war wohl eine Impulsreaktion (,um die ich heute aber sehr froh bin): Meine Eltern hatten erst vor, mich Stefanie zu nennen... doch dann hat die Freundin meiner Mutter, die auch schwanger war und ihr Baby ein paar Tage eher bekam, ihre Tochter auf einmal Stefanie genannt. Meine Mutter war empört, und so hat sie kurzentschlossen zu Jean gegriffen, anscheinend aus der Serie "Bezaubernde Jeannie", die man im Osten schauen durfte oder einem Buch, was sie gerade las...sie kann sich nicht mehr richtig erinnern.

Ich bin ja in Ostdeutschland geboren, wo wir, bis ich sechs war, lebten. Auf meiner Geburtsurkunde ist mein Vorname dreimal eingetragen, durchgestrichen und wieder verbessert worden, weil die Beamtin nicht wusste, was das für ein Name sein soll. Heute sagen meine Eltern, sie hätten sofort meine Affinität zu Reisen und dem Ausland gespürt, daher würde es ja passen!

Du hast nach dem Abitur geplant Medizin zu studieren, bist dann aber umgeschwenkt – bedingt durch ein Wartesemester, das du mit viel Zeit fürs Fotografieren ausgefüllt hast – und hast dich für ein kreatives Studium entschieden. Ist in der Zeit deine Kreativität aus dir herausgesprudelt, oder gab es vor der Entscheidung Medizin zu studieren auch schon ein kreatives Polster, das du dir seit der Kindheit angelegt hast? Haben deine Eltern bspw. deine Kreativität in irgendeine Richtung gefördert?
Ich mag die Frage. Ich bin überhaupt nicht kreativ gefördert worden, da beide Eltern damit nichts am Hut hatten. Sie hatten eine Tiefbaufirma und daher waren bei uns eher Zahlen und Fakten das Thema. Mein Vater hat ganz früher gezeichnet, aber es vollkommen aufgegeben.

Ich kann mich erinnern, dass ich mit 15, 16 zuhause saß und diesen Drang gespürt habe, zu kreieren, aber nicht wusste wie. Im Kunstunterricht hieß es immer, ich würde nirgendwo reinpassen, und ich müsste erst mal die Regeln lernen. Ich mag generell keine Regeln und empfinde das für Kunst auch als einen falschen Ansatz.

Ich habe dann versucht zu zeichnen. Kein Talent. Dann Malerei, auch nicht so toll. Dann fing ich an mit Collagen – und war froh, dass man da ganz abstrakt arbeiten und ein Gefühl für Farben und Formen nutzen konnte, ohne eine Vorbildung zu brauchen. Außerdem konnte ich schöne und interessante Fotografien zusammenfügen, was ich ja dann später in der Art Direktion auch gemacht habe.

Mit der Fotografie fing ich dann an, als ich 1995/96 für 14 Monate nach Kalifornien ging. Die Wüste, Küste, Natur – ich habe die Kamera nicht mehr aus der Hand gelegt. Meine Mitbewohnerin Meriah fragte mich dann irgendwann, als ich gerade wieder zu einem Wochenendtrip aufbrach um zu fotografieren, warum ich das nicht beruflich mache... also Fotografin werde. Ich kann mich genau erinnern, dass ich dachte: 'Fotografin? Stimmt, das ist ja ein Beruf! Das kann man ja werden! Vielleicht ist es gar kein Hobby!'

Ab da war es entschieden. Ich denke, und das hat letztens eine Freundin gesagt, eine Sache, die mich ausmacht, ist, dass ich 100 Prozent gebe, wenn ich mich für etwas entschieden habe. Ich werfe mich mit allem hinein und schaue, wie weit ich komme. Daher hat die Kreativität ab da sehr ausgeprägt gesprudelt.

Übrigens hatte ich ein ähnliches AHA-Erlebnis später noch einmal, als ich nach der Arbeit in der London Jewellery School saß auf der Suche nach einer neuen Aufgabe – ich liebe Metall, Skulptur, Haptik, muss immer alles berühren, dazu noch mit dem Hammer arbeiten – und dachte, das kann ja wirklich mein Beruf werden!

Was hast du aus deinen vorherigen Jobs als Art Direktorin mit in deine Selbständigkeit als Schmuckdesignerin genommen?
Ich bin super dankbar, dass ich vorher so viel und auch intensiv in einem angewandten Bereich gearbeitet habe.

Vor meinem beruflichen Start, beim Studium in Essen, waren wir alle in einem Elfenbeinturm. Ich wusste nach meinem Diplom noch nicht mal, wie man eine Rechnung stellt, wie man mit Selbstbewusstsein seine Mappe einem Redakteur zeigt, wie man damit umgeht, wenn mal was schief läuft im Job und man gemeinsam eine Lösung finden muss. Dabei ist das so ein großer Teil im Leben der Fotografen.

Daher habe ich durch meine Arbeit als AD Professionalität mitgenommen, Budgetierung, das Wissen, wie man Photo Shoots produziert, auch international, mit einem Team arbeitet und auch wie man mit Leuten, die quasi recht hoch in der Karriereleiter sitzen, spricht, ohne sich inadäquat zu fühlen. Alle kochen nur mit Wasser – eine simple, aber wirklich entspannende Wahrheit, wenn man wirklich mal in der Lage war, das zu verstehen. Daher habe ich auch keine Berührungsängste, und bin ein großer Fan von Guerilla Marketing. Hingehen, fragen, weggehen. Das habe ich bei dem Riesen URBAN Konzern in Philadelphia mit meiner Erstlingskollektion gemacht und auch bei Harvey Nichols und Harrods in London. Ich mag keine Messen. Das heißt wenn ich vertreiben will, muss ich mich also selber auf den Weg machen. Wenn ich möchte, dass ein Magazin über mich berichtet, schicke ich ein Lookbook und eine nette Email oder einen Brief mit einer persönlichen Note und vielleicht einem Musterstück und hoffe, dass man meine Herangehensweise mag. Und natürlich den Look.

Andere in der Branche sagen, dass es einen schlechten Eindruck macht, wenn man seine PR selber macht. Wieso? Ich mag den persönlichen Touch, und ich bin auch gerne mal bei einer Redaktion oder in Kontakt mit Redakteuren. Das erinnert mich an meine Zeit bei ALLEGRA 1997 in Hamburg (ein halbes Jahr Praktikum und Assistenz in der Fotoredaktion) und macht meinen Alltag spannender.

Was sind die schönen Momente deines eigenen Labels und was sind die Seiten, wo du noch lernen musst bzw. die dich überrascht haben?
Oh, die schönen Seiten. Der Moment wenn ich mal einen Tag habe, wenn ich ungestört mit Farben, Formen und Flächen "herumspielen" kann. Steine entdecken und einkaufen. Das Reisen! Aber vor allem auch die Selbstbestimmtheit, die ich einfach brauche und das Gefühl von Freiheit, was zu mir gehört. Als ich NALLIK gegründet habe, habe ich gedacht: 'Ich möchte etwas kreieren, eine Marke, ein Image, einen Look, den es so noch nicht gibt.' Sowas treibt mich an. An die Grenzen gehen und schauen, ob es hinhaut.

Dann auch zu sehen, wenn Kunden mit ihrem Stück richtig glücklich sind und wiederkommen, davon berichtend, wie oft sie auf ihr NALLIK-Stück angesprochen werden. Ich habe schon so viele schöne Geschichten von Kunden gehört. Um ehrlich zu sein, geht so etwas runter wie Öl. Denn dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Die Sachen, die ich noch lernen muss – viele! Mittlerweile sind wir sechs Leute, die Teilzeit miteinander arbeiten. Notgedrungen bin ich die Chefin. Nicht meine favorisierte Rolle, aber unumgänglich, wenn ich möchte, dass NALLIK wächst. Und das will ich. Daher muss ich lernen, wie man eine gute Chefin ist, und wie man Menschen motiviert, aber auch etwas lenkt und manchmal einschränkt. Irgendwie ein schmaler Grat, und ich bin bestimmt noch nicht super gut darin. Aber ich bin offen zu lernen und ich meine, dass sich bisher alle ganz wohl fühlen.

Das Ausmaß der Buchhaltung und des Controlling hat mich auch überrascht und erst mal ganz schön gefordert. Aber ich hatte dann einen Controlling Coach, die ich gefördert bekommen habe von der IBB (Kreativ Coaching Center). Das hat mir sehr geholfen. Obwohl sie mich nicht geschont hat! Wir Kreative ziehen bei Excel und Zahlen ja gerne mal den Kopf ein. Aber vielleicht bin ich gerade deswegen in relativ kurzer Zeit weitergekommen. Ich glaube daran, dass man durch manche Dinge einfach durch muss, auch wenn sie weh tun, und obwohl ich niemals ein Excel-Experte sein werde, habe ich zumindest keine Angst mehr vor Zahlen.

Warum hast du dich für Berlin als Standort entschieden?
Ich war ja hauptsächlich vorher in New York. Dort entwickelte ich die Marke und lernte das Handwerk bei einem Goldschmied. Als ich dann inoffiziell die Zusage zu meiner ersten großen Order von Anthropologie (URBAN Konzern) bekam, habe ich mir viele Gedanken gemacht, wo ich denn nun gründen will, denn das musste ja dann schnell passieren. Eine Menge sprach für die USA (Steuergesetze z.B. und die Tatsache, dass ich dort leben wollte) und weniger für Deutschland.

Dann hatte ich bei einer Einreise richtig Probleme mit der Immigration. Ich musste in ein vierstündiges Kreuzverhör, wo man mir absolut haltlos "fraught", also Betrug, vorwarf. Keine Ahnung warum. Um mich einzuschüchtern vielleicht. Nachdem mein Rechner durchgekämmt, alle meine Emails und SMS gelesen, meine Koffer aus und wiedereingepackt waren, durfte ich dann weiter. Allerdings hat das seine Spuren hinterlassen, und mit einem Mal dachte ich mir, warum eigentlich nicht mal wieder zuhause leben? Wo man laut Pass hingehört? Es wäre definitiv einfacher. Berlin als Großstadt lag dann einfach auf der Hand, wenn man aus New York kommt. Außerdem kommt ja meine Familie aus Brandenburg, und meine Oma ist in Kreuzberg geboren, da fühlte es sich an wie ein full circle.

Mein Ziel ist es allerdings, auf Dauer zwischen beiden Ländern zu pendeln und irgendwann auch einen Laden in Kalifornien zu haben.

Du reist sehr viel. Wo genau findest du deine Inspirationen in den anderen Ländern bzw. Kulturen für deinen Schmuck?
Auch eine schöne Frage! Aber schwer zu beantworten. Denn eigentlich wollte ich jetzt Länder aufzählen. Indien, Marokko, Türkei, Afrika. Aber letztlich ist es bei mir so, dass mich mein Weg irgendwo hinführt und damit die Inspiration kommt. Das kann eine überfüllte Straße in Rom sein oder ein teures Geschäft auf der Melrose Avenue in Los Angeles oder eine Marmorschattierung in einer alten Kirche.

Was bei mir hauptsächlich Inspiration auslöst, ist der Weg, das Unterwegssein, andere Sprachen, und das ist fast egal, wo. Aber schon der Augenblick im Flugzeug, wenn man aus dem Fenster schaut und verschiedene Lichtkonstruktionen sieht, wie bei meinem Anflug auf Istanbul letztens. Das war einer der schönsten, die ich je erlebt habe. Oder bei einer Rückreise von Kapstadt sind wir ganz lange und relativ tief über die Wüste geflogen. Die Farbspiele und Formen brannten sich bei mir ein... fast wie Meditation und daher auch am besten, wenn ich allein unterwegs bin. Da bin ich ganz Fotografin, meistens kommt die Inspiration bei mir über das Sehen.

Ich habe irgendwann erkannt, ich brauche die Bewegung wie die Luft zum Atmen. Stillstand und auf einer Stelle hocken macht mich mürbe und schlecht gelaunt.

Wie sieht das Material aus, wenn du es erwirbst, und welche Arbeitsprozesse wendest du an?
Der Arbeitsprozess beginnt, wenn ich irgendwo hinfahre und Steine oder Fossilien oder Metalle begutachte. Ich fasse sie an, fühle sie in der Hand, schaue, wie sich das Licht bricht. Dann lege ich verschiedene Farben nebeneinander und schaue, was sich gut ergänzt. In dem Moment, in dem ich Steine kaufe, habe ich schon die endgültige Auswahl getroffen, denn ich bearbeite sie danach fast nie in ihrer Form.

Ich fange dann an, das Metall zu bearbeiten... recht aggressiv... Hammer, Feilen, Bürsten. Im Anschluss biege ich es, so gut ich kann in die etwaige Form, immer mit dem Stein abgleichend. Bei manchen Steinen ist es faszinierend, da geht es ganz schnell, als wollten sie sich einschmiegen in die Fassung. Ich hämmere sie vorsichtig hinein und um sie herum, und benutze auch Zangen und alles, was so geht. Manche Steine "wollen" gefasst werden und ihre Schönheit dadurch offenbaren, manche sind sehr sperrig.

Da sitze ich dann ewig, der Stein will nicht, wie ich will, und im dümmsten Fall bricht er nach stundenlanger Arbeit auseinander. In jedem Fall lege ich es denn erst mal beiseite. Am nächsten Tag gehe ich dann wieder ran... drehe und schaue ihn an und versuche, seine beste Form zu ergründen. Wenn er auseinandergebrochen ist, schaue ich, ob er eben besser in kleiner wirkt und vergleiche beide Stücke. Meistens ist es dann so, dass ich es nochmal, aber anders probiere und auf einmal geht es dann ganz einfach.

Ich liebe diesen Prozess, denn er erinnert mich daran, dass – wie bei einem Bildhauer – die perfekte Form schon innewohnt und herauskommen will. Man muss nur seine Augen aufmachen. Irgendwie macht es mich auch demütig, auch wenn das ein altmodisches Wort ist. Denn es zeigt mir, dass ich Dinge nicht erzwingen kann, nur weil ich denke, das muss jetzt so sein und nicht anders!

Ich glaube daran, dass alle Dinge verbunden sind und sich in kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen oft sehr klare und wichtige Wahrheiten befinden.

Was machst du, wenn du den Schmuck Schmuck sein lässt? Was begeistert dich jenseits der Steine?
Ich gehe gerne klettern und das am liebsten draußen, ungern in der Halle. Letztens war ich mit Freunden auf Kalymnos in Griechenland zum Kletterurlaub. Das war toll. Natürlich ist da aber wieder Stein involviert. Ich habe dort eine Postkarten-Edition fotografiert, von verschiedenen Stein-Oberflächen, die wir jetzt auch in den Läden verkaufen.

Dann fahre ich gerne mit der Vespa durch Berlin, gehe manchmal im Wald laufen und möchte unbedingt mal einen Pilotenschein machen und einen Fallschirmsprung.

Aber begeistern kann ich mich auch manchmal für's Nichtstun: einen schönen, entspannten Tag mit Freunden am See... einem Aperol Spritz mit jemandem teilen nach einem langen Arbeitstag... gute Gespräche... eine durchtanzte Nacht (was zugegebenermaßen nicht mehr so oft vorkommt). Und meine Katze Momo, die ich vor zwei Jahren aufgenommen habe, als sie ins Tierheim sollte, und die mich mit ihrer "Bin ich Katze oder Hund"-Persönlichkeitsstörung oft zum Lachen bringt.

Und ich liebe es zu tagträumen von Reisen und Möglichkeiten.

Dafür wünsche ich dir, dass du immer genug Zeit dafür hast und natürlich für die Umsetzung. Hab vielen Dank für die vielen interessanten Geschichten.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Jean Balke ist 1976 in Frankfurt/Oder geboren. Ab 1982 lebt sie mit ihrer Familie in Unna/Westfalen. Ihr berufliches Rüstzeug lernt sie in ihrem Masterstudium "Kommunikationsdesign, Schwerpunkt Fotografie" an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Anschließend arbeitet sie als Editorial-Fotografin für Brand Eins und Stern bevor sie danach für fünf Jahre in die Art Direktion wechselt. Als Art Direktorin ist sie in verschiedenen Fotoagenturen tätig, hauptsächlich für Image Source. Sie arbeitet in allen drei Büros von Image Source: Köln, London und New York. 2010 gründet sie ihr eigenes Label Le Monde NALLIK für Schmuck. 2011 gewinnt NALLIK als eines von fünf Accessoire Labels bei dem WHO'S NEXT Young Designer's Award in Paris. Sie betreibt zwei Läden in Berlin, einen in der Brunnenstraße 187 in Mitte und einen im Bikini-Haus an der Budapester Str. in Charlottenburg. www.nallik.de

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