Dezember 2014 / Kristin Wolf / Schauspielerin / Berlin-Pankow

Coco Berliner - Kristin Wolf - 1

Eigentlich wollten wir uns schon Ende des Sommers zum Interview treffen, aber du hattest eine schlimme Stimmbandentzündung. Der Arzt hatte dir verboten zu sprechen. Dass wir unser Interview verschieben mussten, war nur eine kleine Auswirkung deiner Erkrankung. Wie hat sich das auf deine Arbeit als Schauspielerin ausgewirkt?
Zunächst einmal ist eine Stimmbandentzündung für Schauspieler natürlich dramatisch. Nicht nur persönlich, weil eines der wichtigsten Werkzeuge plötzlich weg ist, und das überspielt man mal nicht eben so. Es kommen auch Fragen: Werden die Vorstellungen abgesagt? Wer soll das übernehmen? Erstmal denkt man natürlich, man ist nicht ersetzbar. Aber zum Glück, wie ich nun weiß, ist man es doch. Ich bekam also strengstes Sprechverbot, und für die Kollegen hieß das Umbesetzungsproben mit der Vertretung. Es tat mir natürlich leid, dass sie gleich zwei Stücke umproben mussten. Das heißt, mehrere Tage volles Programm.

Solch eine Erkrankung kann auch das Karriereende bedeuten, wenn man sie nicht ernst nimmt. Gerade im politischen Kabarett, bei dem u.a. viel gesungen und das Publikum direkt angesprochen wird und damit die Stimme auch stärker belastet wird. Als Schauspielerin gehst du ja mit Fieber auf die Bühne, selbst mit einem Herzfehler und einem Rippenbruch. Erkältungen sind ja da schon gar nicht nennenswert. über Erkältungen kannst du drübersingen oder das in deine Rolle einbauen. Du kannst da trotzdem deine Stimme führen. Aber wenn die Stimmbänder entzündet sind, schließen sie nicht mehr richtig, Töne werden nicht mehr gebildet und dann hast du keine Handhabe mehr über deine Stimme. Und wenn du dann trotzdem singst oder laut sprichst, dann kann das sogar das Aus für deine Stimme sein.

Es war mir eine Lehre. Ich hatte mich überbeansprucht, weil es meist immer gut ausging. Aber diesmal eben nicht. Vor dieser Erkrankung war ich auf der Bühne nie so krank, dass ich ausgefallen wäre. Selbst nach einer Ohnmacht stehst du zur zweiten Szene wieder auf der Bühne. So achte ich jetzt viel mehr auf meinen Körper. Wenn du spielst, vergisst du ja alles um dich herum, eben auch, dass du nicht unsterblich bist, und dass jeder Abend auf der Bühne die Kraft braucht, all die Rollen zu füllen. Und diese Kraftreserven sind eben endlich. Das klingt etwas banal, aber meistens ist einem das eben nicht bewusst. So habe ich gelernt, meine Kräfte bewusster einzuteilen, und dafür wiederum bin ich dankbar. Das ist schon eine gewisse Demut. Drei Wochen gar nicht sprechen zu dürfen, heißt eben auch, man kommt sich selbst sehr nah, reduziert sich absolut auf das Wesentliche, und die Stille lässt den Abstand zum Beruf auch wachsen. Und dieser Abstand ist wichtig. Das war sogar befreiend. Man nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig und hat diesen professionellen Abstand, der einen vieles Schwierige an dem Beruf mit Humor nehmen lässt.

Am Anfang denkst du, wie soll das gehen, ohne zu reden? Dann gewöhnt man sich daran, redet aber im Kopf dauernd weiter. Und dann merkt man auch mal, wie wenig aufmerksam man eigentlich mit Worten umgeht, wie banal manche Gespräche sind. Einen Aha-Effekt hatte ich auf einer Geburtstagsfeier. Ich kannte nicht viele Leute und konnte nicht reden. Aber trotzdem verstand ich mich mit wildfremden Menschen.

Drei Wochen Schweigen ist wie eine Meditation. Man wird wirklich achtsamer, findet andere Kommunikationswege und irgendwann genießt man diesen Zustand sogar.

Für meinen Beruf habe ich dadurch gelernt, mich besser zu konzentrieren, Worten mehr Gewicht zu geben, klare Gedankenbögen zu formulieren und auf dieser Grundlage einerseits meine Stimme viel bewusster einzusetzen und andererseits die Situation der Figur mehr durch das Gefühl und den Körper zu transportieren.

Bemerkenswert, wie du aus etwas vermeintlich Schlechtem so viel Positives für dich mitnehmen konntest.
Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Was fasziniert dich an deinem Beruf?

Die Gründe sind ganz vielfältiger Natur. Ich liebe es, die Leute zum Lachen zu bringen und das nicht nur auf der Bühne. Wenn der ganze Saal lacht, bleibt das Universum einfach ein paar Sekunden stehen. Das ist schon eine Droge. Und wenn der Saal schweigt auch.
Am Theater herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Kurz bevor die Vorstellung beginnt, ist es ein bisschen so wie der Weihnachtsmann kommt. Es ist schön, spielen zu können, seine ganze Wut und Lebensfreude rauslassen zu können. Manchmal weiß man ja gar nicht wohin mit den Gefühlen. Zudem mag ich es, ständig wach zu sein, mich immer mit neuen Themen zu beschäftigen und mich damit weiterzuentwickeln. Ich kann über die verschiedenen Charaktere auch meine verschiedenen Facetten ausleben. Außerdem kann ich so von mir selbst Urlaub machen, während ich spiele. Eine zutiefst sinnliche Erfahrung.

Eine Rolle spielt bei dieser Leidenschaft auch die Verbindung der Figur mit einem selbst und das Geben und Nehmen zwischen Schauspielern sowie zwischen Schauspielern und Publikum.

Ich mag Menschen und deren individuellen Geschichten. Schicksale haben mich schon immer interessiert. Die Begegnung mit Menschen ist mir das Wichtigste. Ich bin ja auch Apothekerin und Dozentin. Und auch da spielt dieser schwer zu beschreibende Moment eine Rolle, in dem du die Menschen, egal ob Zuschauer, Schüler oder Kassen-Patient, erreichst und berührst. Und für alle drei Berufe ist – im besten Falle – die Basis, dass man Respekt voreinander und Interesse aneinander hat.

Am meisten fasziniert mich aber, dass mein Traum von diesem Beruf manchmal sogar der Realität entspricht. Es ist eben nicht nur ein Beruf, sondern eine Leidenschaft.

Ist dir schon beim Schauspielstudium klar geworden, es soll das politische Kabarett sein und nicht der Kinofilm oder die klassische Theaterbühne? Wie hast du zum Kabarett gefunden?
Während des Studiums war mir das überhaupt nicht klar. Das politische Kabarett hat eigentlich mich gefunden. Ich wurde empfohlen, und schon während des Vorsprechens habe ich gemerkt, dass ich hier richtig bin. Schnell wurde mir klar, dass hier die eigene Meinung durch die eigene Persönlichkeit und die Schauspielkunst ausgedrückt werden kann. Und meine eigene Meinung einzubringen, ist mir sehr wichtig. Das war mir vorher noch nicht so klar. Außerdem entspricht politisches Kabarett auch meinem Naturell: Spontaneität, direkter Bezug zum Publikum, Schnelligkeit, Kritik, Biss, Schärfe und alles gepaart mit Humor. In einem Stück so viele verschiedene Rollen zu spielen – das bin ich. In der Schauspielschule sagte jemand, ich sei ein "funny bone". Das entsprach aber nun gar nicht meiner Traumvorstellung von der Schauspielerei. Ich wollte immer Tragödie. Aber nun weiß ich, dass es ein großes Kompliment war. "Die Stachelschweine" haben dieses Talent sofort erkannt. Ich liebe es, die Augen zu verdrehen, die Zunge rauszustrecken, die Absurditäten der Menschen zu karikieren, die Machenschaften der Mächtigen zu parodieren, Dialekte zu sprechen, ungeschickt geschickt zu sein, mich zu verkleiden, zu singen, zu tanzen, um die Dinge zu sagen, die gesagt werden müssen. Das schnelle Umdenken, die Vielfältigkeit sind eben sehr spannend für mich.

Aber auch kämpfe ich natürlich um die gehaltvollen Rollen, bei dem einem der Witz im Halse stecken bleibt. Nur albernes, effekthaschendes Rumgeblödel ohne Sinn und Verstand hasse ich wie die Pest. Genauso wie banale Witze unter der Gürtellinie oder Witze auf Kosten schwächerer. Man muss sich immer gut unter Kontrolle haben, dem Affen nicht so viel Zucker zu geben, und die Motivation bei der Aussage und Kritik der Szene belassen anstatt sich beim Publikum für einen Lacher anzubiedern.

Wenn du Menschen erzählst, welchen Beruf du ausübst, wie reagieren sie?
Nicht so, wie ich erwartet hätte. Die meisten Menschen sind da überrascht oder gehen sogar auf Abstand. Es gibt ja kaum einen Beruf, der von so vielen Vorurteilen begleitet wird. Als ob man im realen Leben genauso Rollen spielen würde.

Sage ich, ich sei Dozentin, ist das eher neutral. So nett, aber normal. Als Apothekerin werde ich da schon eher respektvoll behandelt. Als Schauspielerin sehe ich da viele Fragezeichen über den Köpfen. Man sitzt immer zwischen den Stühlen. In Apothekerkreisen gilt man als nicht so seriös, und einige Schauspieler rümpfen auch die Nase, denn jegliche Ablenkung von der Schauspielkunst ist ja eine Missachtung der Zunft. So ist das jedes Mal eine kleine Sozialstudie. Willkommen in Deutschland. Es lebe die Schublade.

Auf der anderen Seite findet eine kleine Menge Schauspieler, die auf der Kinoleinwand zu sehen ist, die Aufmerksamkeit und Verehrung von Millionen von Menschen, die ihresgleichen sucht. Sind Schauspieler nur bewundernswert, wenn sie Erfolg haben, der von den Medien gepusht wird?
Darüber habe ich nie nachgedacht. Mein Traum war es, Schauspielerin zu werden und spielen zu können. Ich genieße die kleinen Dinge, die zwischen Publikum und Ensemble geschehen, das persönliche Feedback. Das hat für mich nichts mit Bewunderung zu tun.

Wie erarbeitest du deine Rollen? Was ist sozusagen dein kreativer Part? Und wer hat noch Einfluss auf deine Rollenerarbeitung?
Maßgeblich sind natürlich Autor und Regisseur. Mit einem guten Text hat man schon fast gewonnen. Ich arbeite gern mit Regisseuren, die ebenso viel fordern wie sie fördern. Wie sagt man so schön: Das wohlwollende Auge ist wichtig. Im Ensemble entwickelt sich schnell eine gute Energie, wenn eine Idee existiert, an die man gemeinsam glaubt, und an deren Umsetzung man arbeitet.

Aber das ist ein Idealzustand, der eher selten eintritt. Man kann sich herrlich über Texte ärgern, Regisseure haben sehr verschiedene Stile, Kollegen funktionieren zusammen oder eben nicht. Und deswegen muss man mit den Gegebenheiten umgehen. Das ist manchmal anstrengend, aber dennoch sorgt das dafür, dass man sich weiterentwickelt. Manchmal ist es wie mit guten Lehrern. Während man lernt, nervt das oft, weil man an seine Grenzen gebracht wird. Aber später merkt man dann, wie hilfreich diese Erfahrung war. Eigentlich stößt man bei jeder Produktion an seine Grenzen. Im besten Sinne ist es also herausfordernd.

In den sechs- bis achtwöchigen Proben werden um die zehn Rollen je Schauspieler entwickelt. Natürlich liegen einem davon einige Rollen mehr, und an den anderen arbeitet man länger. Zu ersteren hat man meist sehr schnell eine Idee von der Stimmung einer Szene, und man weiß genau, wie die Haltung der Rolle ist und was man mit der Rolle aussagen möchte. Dann verliebt man sich schnell in diese Rollen. Die anderen sind etwas spröder, oder man hasst einige Rollen auch. Da ich niemals Figuren verraten möchte, muss ich dann die Punkte in der Rolle finden, vor denen ich Angst habe oder die mich abstoßen. Diese Barrieren muss ich dann überwinden, ohne die Figur zu verurteilen. Das sind die eigenen Grenzen, ob nun moralisch, körperlich oder intellektuell. Und diese Arbeit an diesen Grenzen ist eben etwas, dass sicherlich in anderen Berufen nicht so alltäglich ist.

Das Faszinierende an der Schauspielerei ist auch, dass man, wenn man, wie ich, fast täglich das ganze Jahr auf derselben Bühne steht, jeden Tag dazulernt. Keine Aufführung gleicht der anderen. Die große Herausforderung besteht darin, die Arbeit nicht zur Routine werden zu lassen und sie immer wieder den aktuellen politischen Ereignissen anzupassen. Egal wie viele oder wenige Leute im Publikum sitzen, ob du das Stück zum dritten oder fünften Mal spielst, du musst immer wieder die gleiche Energie und Präzision aufbringen, als wäre es die Premiere. Und dann entdeckst du jeden Tag etwas Neues, vertiefst dein Spiel und spürst, wie auch deine Figuren sich weiterentwickeln. Das überrascht mich immer wieder.

Bei der Erarbeitung der Rolle versuche ich, den Gedanken und Gefühlen des neues Stücks genügend Zeit zu geben, damit sie sacken, sich frei entfalten und entwickeln können und die des alten Stücks mit beständiger Achtsamkeit weiterzuspielen. Ich finde, es ist ein sehr wichtiger Teil der Arbeit, in Ruhe die Rollen zu entwickeln – gedanklich, körperlich und seelisch und das eben Unerklärliche mit einfließen zu lassen, was uns dann doch alle voneinander unterscheidet und dann auch wiederum miteinander verbindet, um das Publikum wirklich zu berühren.

Und wenn ich merke, eine Rolle beginnt zu leben, schmeiße ich mich vor Lachen auf den Boden, und das liebe ich am Kabarett.

Bei der Rollenerarbeitung und dem Textlernen arbeite ich gern mit engen Vertrauten zusammen. Das sind auf der einen Seite Freunde, die auch erfahrene Schauspieler sind. Auf der anderen Seite sind es aber auch Freunde, die gar nichts mit Schauspiel zu tun haben.

Was geben dir die erfahrenen Schauspieler und was die, die nichts mit Schauspiel zu tun haben?
Die Arbeit mit Schauspielkollegen ist einerseits Handwerk, das heißt Detailarbeit mit Profis, also: Atmung, Stimme, Haltung, Timing und Details wie Dialekte, Mimik, Gesten oder der Umgang mit Requisiten. Auf der anderen Seite helfen sie mir natürlich bei der Entwicklung der Rolle – oft ist es auch das Hinterfragen der Haltung einer Rolle und das Weglassen, um die Rolle auf das Wesentliche zu reduzieren. Und nur erfahrene Kollegen vermitteln einem so große Dinge wie Demut und Respekt vor dem Beruf. Und sie erinnern dich an das alltägliche Stimm-, Körper- und Gesangstraining, denn die Arbeit hinter der Bühne darf nie aufhören. Es ist ein ständiges Lernen. Wenn du stehenbleibst, schwimmst du zurück, und deine Präsenz auf der Bühnen eben auch.

In der Arbeit mit denen, die nichts mit Schauspiel zu tun haben, ist es ein Realitätscheck. Oft auch das banale Textlernen, das ständige Wiederholen, aber eben auch ein Blick von außen.

Was möchtest du in Zukunft noch ausprobieren? Wo möchtest du hin?
Dabei fällt mir sofort die TV-Sendung "Die Anstalt" vom 9.12. ein, in der jedes Wort an der richtigen Stelle saß: "Wir sind eben nur der humoristische Gruß aus der Küche auf der Betriebsfeier des Kapitals." Dieser Satz spricht mir aus dem Herzen. Es ist schade und frustrierend, dass man mit dem Kabarett nichts Konkretes in der Politik oder Wirtschaft bewirken kann. Ich wünsche mir, dass das sich eines Tages ändert.

Natürlich bleibt auch die Sehnsucht nach der Poesie, nach der durchgehenden Rolle auch im Kino oder Fernsehen oder eben auf der ganz großen Bühne. Es gibt im Schauspiel so viele Möglichkeiten, die ich mir auch alle vorstellen kann. Ich habe dieses Jahr "Rapunzel" für einen Märchenpark in Hamburg synchronisiert. Das hat mir riesigen Spaß gemacht. Ich möchte auch gern versuchen, mehr eigene Texte zu schreiben. Bei uns im Theater setzen wir uns ja fast täglich mit der politischen Situation auseinander und hinterfragen Texte. Da gehört das Texte schreiben, mundgerecht machen und Anpassen dazu. Ich habe auch vor, wieder ein Soloprogramm zu machen, und mit meiner Kollegin Inge Bruderek probe ich gerade für eine Lesung.

Die Abwechslung zwischen den Berufen tut mir gut. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich all die drei Richtungen – Schauspielerei, Apothekerin und Dozentin – gut miteinander verknüpfe, aber vielleicht gibt es noch eine Richtung, die all das verbindet? Einige Menschen sagen mir ja immer, jetzt müsste ich mich mal entscheiden... Aber dies nicht zu tun, empfinde ich als Freiheit und als Luxus.

Trotzdem bleibt die große Frage, ob diese Freiheit eine echte Freiheit ist oder eine Zerrissenheit, die einen eher lähmt als voranbringt.

Wie definierst du hier für dich Freiheit bzw. welche Elemente der Freiheit findest du in deinen drei Berufen? Und worauf begründet sich das Gefühl der Lähmung oder Zerrissenheit? Ist es der gesellschaftliche Druck von außen?
Das meine ich sogar allgemeiner. Freiheit bedeutet nun einmal Zweifel im Angesicht der Möglichkeiten und damit Zerrissenheit. In dem Moment, in dem man sich für das Eine entscheidet, fragt man sich unweigerlich, ob das Andere nicht doch die sinnvollere Alternative wäre. Das ist uns Menschen einprogrammiert. Die Suche nach dem Bestmöglichen. Man kennt das doch vom Joghurtregal: Diese ganze Auswahl ist nur eine von den Supermarktkonzeptern gewollte Überforderung, und im Endeffekt kauft man doch wieder den gleichen Joghurt, um schnell wieder aus dieser Überforderung herauszukommen. Und so stehe ich auch manchmal vor meinen drei Berufen und frage mich, muss ich mich entscheiden? Ich sage meist Nein – mit einer Einschränkung: Wenn ich das Gefühl hätte, einen Beruf nicht mehr professionell ausfüllen zu können, nicht mehr leidenschaftlich dabei zu sein, würde ich aufhören. Ich stelle sogar immer wieder fest, dass die eine Welt die andere belebt.

Der gesellschaftliche Druck ist natürlich da: Du musst dich entscheiden. Aber davon mache ich mich immer mehr frei. Es gibt immer noch wohlwollende Menschen, die mir raten, in der einen Welt nicht zu sagen, dass es eine andere Welt gibt. Ich habe das auch eine zeitlang verheimlicht. Aber inzwischen ist es einfach so: Das bin ich. Und Punkt.

Ich bin manchmal auf Menschen neidisch, die von Anfang an wussten, wo ihre Bestimmung liegt. Die Leute werden heute gerne als Nerds bezeichnet. Sie sind nur in einem Gebiet tätig. Total fokussiert, einem Thema verfallen. Diese Menschen bewundere ich. Aber das bin ich eben nicht. Ich musste lernen, das zu akzeptieren und lebe deshalb meine vielfältigen Facetten aus, Station für Station, damit ich herausfinde, warum ich auf der Welt bin. Leben bedeutet für mich eine stete geistige, menschliche und seelische Weiterentwicklung. Denn ich glaube daran, dass jeder aus einem Grund auf die Welt kommt. Und diese Suche treibt mich an.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Kristin Wolf ist in Königs Wusterhausen geboren und in Berlin und Brandenburg aufgewachsen. Ihre Ausbildung zur Bühnenschauspielerin absolvierte sie am Europäischen Theaterinstitut Berlin. Unterricht nahm sie u.a. bei Angela Winkler, Ute Lubosch und Juliane Stüven. Seit 2009 ist sie festes Ensemblemitglied im Berliner Kabarett "Die Stachelschweine". Vorher hat sie mehrere Sommer in der "Müritz Saga" mitgespielt und in Verbindung mit der Saga ein kleines eigenes Stück mit Jugendlichen und Senioren einstudiert. Im Jahr 2007 hat sie im Neuen Theater Hannover in der Produktion "Plaza Suite" von Neil Simon ihr komödiantisches Können unter Beweis gestellt. In der Produktion "Picassos Frauen" verkörperte sie die Marie-Thérèse von 2006 bis 2009. Betreut wird Kristin Wolf von der Schauspielagentur Nathalie Danilow. Als Dozentin unterrichtet sie u.a. in den Fächern Ernährungskunde, Galenik und Körperpflegekunde. Ihre Arbeit als Apothekerin kann sie ausüben, weil sie an der Humboldt Universität zu Berlin das Pharmaziestudium absolvierte. www.kristinwolf.com, www.ndanilow.de

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