August 2014 / Wang Ramirez / Tanzkünstler & Choreographen / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Wang Ramirez - 1

Was hättet ihr gerne Fred Astaire gefragt, wenn ihr ihn zu seinen Lebzeiten getroffen hättet?
Honji: Lieber Fred, deine Arbeit, deine Fähigkeit zu tanzen und deine Musikalität sind unglaublich inspirierend. Du hast viele Künstler wie die Nicholas Brothers, Gene Kelly und sogar unsere Generation der Hip-Hop-Tanzkultur inspiriert. Ich möchte dich fragen: Wer hat DICH inspiriert, und wie hat die Rassendiskriminierung und -trennung dich künstlerisch beeinflusst, wo es doch so viele großartig talentierte afroamerikanische Tanzkünstler während deiner Zeit gab, und können wir bitte ein Duett zusammen kreieren?

Wofür liebt ihr das Tanzen?
Sébastien: It's a simple tool of expressing with what we have "the body", with a great impact on a spectator. To make people dream, feel and move it's the best thing what we love to do.

Was waren die Momente oder Begebenheiten, die euch zum Tanzen geführt haben?
Sébastien: I was very a movements orientated kid. I impressed people. It gave me the feeling of touching them strongly. I saw b-boying (break dance) in the music video of Suprême NTM "Tout n'est pas si facile" for the first time in my life which has captured me ever since then. I rewinded it a 1.000 times to analyze the movements and finally to learn all of them.
Honji: Beim Beobachten und Zuschauen. Ich war ein sehr hyperaktives Kind, dass nicht genug körperlichen Aktivitäten ausgesetzt war, stattdessen viel vor dem Fernseher saß. Meine Eltern waren selten zu Hause, da sie viel arbeiten mussten. Ich habe immer Shows und Bewegungen imitiert, die ich im Fernsehen aufschnappte. Vor allem war ich fasziniert von dem Bild der Tänzerinnen in den weißen Tutus. (Das war die ZDF-Serie und der Film "Anna" mit Silvia Seidel, und auch mein heimlicher Traum bis heute in einem Film zu spielen). Ich habe meine Mutter angefleht, mich dahin zu bringen, wo sie diese Tutus tragen, und so bin ich dann in der Ballettschule gelandet. Anschließend kam dann die Hip-Hop-Musik, die mich stark beeinflusste und mich zum Tanzen brachte. z.B. A Tribe Called Quest, Cypress Hill, Naughty by Nature, Dead Prez, Public Enemy, 2 Pac, Notorious BIG, Salt n' Peppa, The Roots, Missy Elliot und viele mehr.

Wie definiert ihr euer Tanzen und die Tanzproduktionen, die ihr selbst auf die Beine stellt?
Honji: Wir sind klassisch, aber zukunftweisend. Wir bringen Nostalgie und Moderne zusammen. Wir schaffen Charaktere, um Poesie zu kreieren. Wir sind ständig am Erforschen und Entwickeln von Bewegungen, die auf unseren Techniken basieren, die für uns vertraut sind. Tanz ist ein sehr technischer und physischer Akt verbunden mit einem großen Fluss, und er erzeugt starke, ästhetische Bilder (Linien, Formen und Illusionen)... aber gleichzeitig ist es auch wichtig, dass die Bewegungen nicht nur Bewegungen sind, sondern dass sie auch Emotionen rüberbringen, die wir fühlen. Darüber hinaus spielt der Background und der Erfahrungsschatz eines Tänzers immer eine bedeutende Rolle.
Sébastien: Our biggest challenge and what's the most important thing for us, is to create strong emotions to reach a lot of people, to touch them and make them dream, fear, love or hate. That is the most difficult and the most interesting part. It's a long research of how to proceed within our production, it's a delicate work where the sense of it is very important. Why? Why are we doing what we are doing? Each production requires a personal analysis or therapy kind of. It's incredible how much it's questioning yourself and the world we are living in. So of course it's not easy to do and bare deep feelings and thoughts in front of an audience. But when this works out you reach what are the most exciting and beautiful moments, the impact that you let on people will stay in their head for ever.

Wen wünscht ihr euch als Publikum?
Honji: Das ist eine schöne Frage. Wir schätzen jeden Einzelnen und vor allem schätzen wir es, wenn wir alle mit unseren Performances erreichen. Mit allen meinen wir alle, d.h. aus jeder gesellschaftlichen Schicht und aus jeder Kultur egal welcher ethnischer Hintergrund. Unsere Tanzperformances sollten für jeden zugänglich sein.

Stellt euch vor, ihr habt die finanziellen Mittel und die Manpower, um ein großes Tanzprojekt in Berlin auf die Beine stellen. Wie würde das aussehen und wo würde es aufgeführt werden?
Honji: Es würde eine Zusammenarbeit der leidenschaftlichsten Künstler in der Musik, im Visuellen, im Tanz und in der Mode sein. Zuallererst würden wir mit einem tollen großen Sinfonieorchester arbeiten, das die Musik für das Stück einspielt. Die Musik wäre klassisch aber zukunftsgerichtet, rhythmisch und in den Bann ziehend... Musik, die deine Seele springen lässt. Es wäre ein live aufgeführtes Meisterwerk, das es auf diese Weise noch nicht zu hören gab.
Sébastien: In addition high-end visual technology would meet vintage flying stage designs and modern kinetic sculpturing with a lightness which makes everybody dream.
Honji: Nicht zu vergessen sind die großartigen funktionalen Kostümdesigns, die die Bewegungen und den Sinn des Stücks unterstreichen. Schließlich würden wir bei dem Projekt mit einem Tanzensemble zusammenarbeiten, das sich aus den interessantesten Einzeltänzern zusammensetzt, die unsere Tanzsprache verstehen und entwickeln können und sie zu einer Einheit mit der Musik, dem Bühnendesign, den Outfits und der Aussage des Stücks verschmelzen lassen können. Das Stück würde eine emotionale Erfahrung für die Zuschauer sein, wie sie es zuvor noch nie erlebt haben.
Sébastien: The location... mmm we would have to visit again some places here in Berlin, but for sure the best soundsystem, cosy but big space for audience and stage.

Das klingt fantastisch. Eure Ideen machen Lust auf die reale Umsetzung.
Eine andere Leidenschaft von euch sind Mode und Musik. Was macht sie attraktiv für euch, und wenn ihr selbst modisch kreativ seid, dann wie?

Honji: Ich bin im Zeitalter der Massenmedien aufgewachsen. Nicht, dass es das heute nicht auch noch gibt. Mode war etwas, was mir immer bewusst war als ich ein Kind war. Es war ein Statussymbol. Manche meiner Freunde aus der Siedlung konnten sich Markenklamotten nicht leisten und haben deshalb andere Jugendliche abgerippt, um die gleichen Sneaker zu tragen. Ich hatte meine ersten Nike-Schuhe als ich zehn Jahre alt war nach langem Betteln. Sie haben mich träumen lassen und denken lassen, dass ich stärker bin. Das war für mich wie eine Waffe.
Heute sehe ich Mode als eine Form von Kunst, die ich mit der Zeit für mich entdeckt habe. Es beeindruckt mich jedes Mal, zu sehen, wie Mode auf jede Person einen Effekt hat und ihn oder sie verändert. Für mich ist Mode eine Identität. Sie verrät viel über einen Menschen und lässt ihn manchmal gezwungen aussehen.
Als Designer funktioniert es, glaube ich, als Basis gar nicht soviel anders als bei einer Tanzkreation. Man muss sich hinterfragen, was man, warum man, wofür man machen will... und seine persönliche Erfahrung und Inspiration wachsen lassen, dann passiert es einfach.
Ich mag es, Stile zu mischen... street, chic, Secondhand... manchmal auch einfach nach etwas greifen, ohne nachzudenken, ob das passt oder nicht, um so mehr messy umso besser, egal. Meine Mutter nannte mich immer Gypsy. Sie verstand nie, wie ich so rausgehen konnte.
Sébastien: Fashion for me as a b-boy was for practical reasons. One outfit. I needed jogging pants in which I could move and slide on the floor. A nice training jacket which made me spin even more. But when I think about it Lacoste was pretty dominant in our training suit era à la French style. I think I still love it. It has something nostalgic.
Music it's pure life. This is what make us move and dance.
Honji: Für jede Stimmung und jeden Moment in meinem Leben gibt es einen Soundtrack. Ich denke, das ist großartig und auch irgendwie lustig. Wenn ich als Kind traurig war, hörte ich mir extra traurige Musik an, die mich noch mehr zum Heulen brachte. Danach fühlte ich mich immer besser... irgendwie aufgeräumt. Und nicht zu vergessen Michael Jackson, er brachte mich zum Tanzen und Performen.

Wo kann man euch in Berlin tanzen sehen?
Sébastien: This year unfortunately we won't be performing in Berlin anymore. We are travel to Slovenia, London, New York City, Cannes, Choisy-le-Roi and Paris. But next year we would perform again here. But we are working, creating our concept here in Berlin.

Wenn ihr in so viele Länder und Städte reist, lernt ihr immer andere Kulturen kennen. Jede Kultur, denke ich, hat andere Ausdrucksformen entwickelt. Könnt ihr diese immer entschlüsseln? Und nehmt ihr was für euren Tanz manchmal mit?
Honji: Unsere Arbeiten in andere Länder und Kulturen zu bringen und zu zeigen, ist unglaublich. Die Reaktionen des Publikums sind so anders. Man spürt richtig die Unterschiede. In Korea reagieren und lachen sie über andere Momente als in den USA, wo sie auch mal Kommentare von sich geben. Besonders junges Publikum reagiert mit viel ungezügelten Reaktionen in verschiedenen Ländern. Wir haben unglaublich viele positive Erfahrungen gesammelt, Tanz spricht einfach jeden auf der Welt an, wenn es zugänglich gemacht wird.
Sébastien: In Abu Dhabi for example, we were performing open air at the Art fair in front of international guests, super rich sheiks and poor Bangladesh workers, and to see them all in one captured moment is crazy. It's a movie that we see.
Honji: In fast jedem Land, in dem wir sind, machen wir einen Workshop, um Tänzer vor Ort zu treffen, unsere Erfahrungen weiterzugeben und uns mit ihnen auszutauschen. Aber generell ist das Tanzen so international durch das Internet geworden, dass es nicht mehr ganz so große Unterschiede gibt. Das gilt für die Hip-Hop-Szene genauso wie für den zeitgenössischen Tanz.

Könnt ihr schon was über eure Performance in Berlin im nächsten Jahr verraten?
Sébastien: That would be a surprise! We are at the very beginning of the project still searching for our directions. One point that we can say, it's that it will be related to our personal experiences in life and has a couple, questioning the meaning of being a couple nowadays in our surrounding and society. We will translate that on stage, this will be again a long process and a piece of our soul that will drop down on this work.

Sagt uns auf jeden Fall Bescheid. Wir wollen euch gerne live tanzen sehen. Vielen Dank für eure Einblicke.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Sébastien Ramirez ist in Perpignan in Südfrankreich an der Grenze zu Spanien geboren und aufgewachsen. Das Tanzen hat er sich selbst beigebracht. Mit 13 Jahren beginnt er B-Boying zu tanzen, eine spezielle Form der Hip-Hop-Tanzkultur. Innerhalb von vier Jahren entwickelt er sich zum professionellen Tänzer. 2007 gewinnt er den Wettbewerb "Red Bull BC" in Paris, eine der wichtigsten B-Boy-Competitions international. Neben seiner Tätigkeit als Tänzer arbeitet er auch als Choreograph. Durch seine einmalige Handschrift und seinen Bewegungsflow ist er oft Gast in den Fachjurys internationaler B-Boy-Wettbewerbe. Stets erweitert er seine tänzerischen Ausdrucksformen. Im Jahr 2007 gründet er seine eigene Tanzkompanie und tourt mit hunderten von Auftritten erfolgreich um die Welt. Als besondere Auszeichnung empfindet er die Einladung des bekannten Choreographen Akram Khan, der ihn um einen persönlichen Workshop bat, in dem er von Sébastien seine einzigartige Bewegungsqualität lernte.

Honji Wang ist in Frankfurt/Main geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern sind von Südkorea nach Deutschland ausgewandert. Sie studiert zehn Jahre Ballett am Konservatorium in Frankfurt und trainiert parallel Hip-Hop-Tanz. Ihre Karriere startet sie als Tänzerin in Musikvideos und Shows. Zum zeitgenössischen Tanztheater findet sie 2008 während ihrer Arbeit mit der Choreographin Constanza Macras. Später arbeitet sie selbst als Choreographin und produziert Stücke in Taiwan und Korea, die auch in Europa aufgeführt werden. 2012 wird sie für das Rolex Mentor & Protégé Arts Program als eine der besten Nachwuchs-Choreographen nominiert.

Die Zusammenarbeit von Honji Wang und Sébastien Ramirez beginnt im Jahr 2009 mit dem Stück "AP15". Für das Stück werden sie mit zahlreichen Preisen prämiert, u.a. mit dem New York Bessie Award. 2010/2011 entwickeln sie gemeinsam die Tanztheater-Produktion "Monchichi", die in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und weiteren europäischen Ländern aufgeführt wird. Ein weiteres erfolgreiches Stück ist "Borderline", mit dem sie u.a. in Paris im Théâtre de la Ville wochenlang vor ausverkauftem Haus performten.
Das Duo Wang Ramirez kreiert mit seiner französischen Kompanie immer wieder Tanzprojekte, die den Fokus auf dem Tanztheater haben, wie z.B. "Borderline". Gleichzeitig konzentrieren sie sich in Arbeiten, die in Berlin als Wang Ramirez entstehen, darauf, dass sie das Tanzen als Schlüsselelement nutzen, um einzigartige konzeptionelle Performances auf die Beine zu stellen. Dabei liegt der Fokus darauf, Tanz mit Film, Mode, zeitgenössischer Kunst, Musik und Werbung in Einklang zu bringen. So u.a. 2013 in dem Kurzfilm "The Myth".
www.wangramirez.com

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