September 2013 / Stefanie Gerhold / Literaturübersetzerin & Autorin / Berlin-Friedenau

Coco Berliner - Stefanie Gerhold - 1

Du lebst mit deiner Familie in Berlin. Ich höre aber einen bayrischen Akzent bei dir raus.
Echt? Dabei bin ich schon so lange in Berlin.

Wo sind deine Wurzeln verankert?
Ich bin in München geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist allerdings aus Österreich und meine Mutter aus Böhmen, und zu Hause wurde mir und meiner Schwester beigebracht: Bayern, das sind nicht wir. Darüber denke ich in den letzten Jahren viel nach, denn dieses permanente sich Abgrenzen bleibt natürlich an einem haften. Ich glaube, deshalb bin ich Übersetzerin geworden. Das Fremde, das Andere nahebringen, das ist schon ein Grundbedürfnis von mir.

Was fasziniert dich darüber hinaus an deinem Beruf?
Wenn ich ein Buch oder ein Theaterstück übersetze, dann schreibe ich es in meiner Sprache noch mal neu. Und zwar ganz konkret vom ersten bis zum letzten Satz, und bei jedem Wort oder jedem Wortgefüge stelle ich mir die Frage, warum steht das da, was hat es damit auf sich. Kein Text gibt auf den ersten Blick preis, wie er gemacht ist. Ich würde sogar sagen, je besser ein Text ist, desto weniger scheinen seine Mechanismen durch. Aber genau die will ich erfassen, ich muss einen Text aus seiner inneren Logik heraus verstehen, damit ich ihn in der Gestalt meiner Sprache neu aufbauen kann. Jeder Text folgt seinen eigenen Gesetzen. Das ist das, was wir einen Ton nennen, einen Atem. Den muss ich beim Übersetzen aufnehmen. Das ist ein spannender, manchmal komplizierter, und immer ein sehr intensiver Prozess der Anverwandlung.

...und bestimmt ein erfüllendes Hochgefühl, wenn du den Ton gefunden hast.
Na klar. Wenn ich nach zähem Ringen einen Zugang gefunden habe und mich in einem Buch zu Hause fühle, dann kann ich manchmal sogar vergessen, dass ich übersetze, dann fließt der Text aus mir raus.

Wie groß ist der Kreis an Übersetzern in Deutschland für spanisch/deutsch?
Das kann ich nicht überblicken. Wenn ich in einer Buchhandlung eine Neuerscheinung aufschlage, lese ich immer mal wieder neue Namen. Aber die wenigstens bleiben dabei. Literatur übersetzen ist kein einfacher Beruf. Ich selbst empfinde eine große Verantwortung für die Autoren, deren Werke ich übersetze. Im Verhältnis dazu sind die Anerkennung und die Bezahlung sehr gering. Man muss also schon von der Sache überzeugt sein. Ich schätze, der harte Kern von uns Spanischübersetzern, das sind zwischen ein und zwei Dutzend Leute. Wobei auch ich selbst in letzter Zeit vom Übersetzen abrücke. Letztes Jahr habe ich mein erstes Hörspiel geschrieben, das dieses Jahr von DeutschlandradioKultur produziert wurde.

Wie hast du den kreativen Prozess beim Schreiben des Hörspiels empfunden im Vergleich zu deiner Übersetzungsarbeit?
Mit Worten kann man Welten erschaffen. Figuren, allein aus dem, was sie sagen – und was sie nicht sagen. Das ist eine erregende Erfahrung. Diese tief gestaffelten Möglichkeiten, die die Sprache bietet, sie ist so ein feines Instrument. Und gleichzeitig ist ein Text, der im Werden ist, ein sehr fragiles Gebilde. Segen und Fluch liegen sehr nah beieinander. Im Kleinen berühren sich Schreiben und Übersetzen durchaus. Das Suchen nach einem prägnanten Ausdruck, einem Satz, der klar ist und überzeugt, das ist sehr ähnlich.

Die US-Autorin Siri Hustvedt hat mal gesagt, wenn sie schreibt, ist das nur die Hälfte dessen, was den Roman ausmacht, die andere Hälfte bringt der Leser beim Lesen mit seiner Fantasie auf. Muss man da nicht noch die Leistung des Übersetzers integrieren, wenn es sich um einen übersetzten Roman handelt? Wie viel Gewicht würdest du dem Übersetzer zuordnen, wenn es um den Erfolg eines Romans geht?
Das ist jetzt, als würdest du einen Schneider fragen, wie maßgeblich er den Schnitt bei einem Anzug findet...

na unbedingt!
Natürlich spielt die Übersetzung eine wichtige Rolle! Sie entscheidet, wie gut oder wie schlecht ein Text bei den Lesern ankommt. Ein guter Text funktioniert wie ein Schwungrad, er holt immer wieder Energie aus sich heraus, lässt mal locker, nimmt wieder Tempo auf, und hält so die Leser in seinem Bann. Übersetzungen sind, gerade weil sie alles richtig machen wollen und ja auch müssen, oft flau. Eine gute Übersetzung muss auch mutig sein. Oft muss man sich vom Wortlaut des Originals ziemlich weit entfernen, wenn man einen lebendigen deutschen Satz will.

Hast du ein Beispiel für uns parat für eine flaue Übersetzung, für das mutig sein, indem man sich weit vom Original entfernt?
Ohne Kontext ist das immer schwierig. Aber ein Beispiel fällt mir ein aus meiner eigenen Arbeit. Ein Roman von Elsa Osorio beginnt mit einer Wiederholung: "Nadie se lo pide, nadie lo pretende, pero allí está Mika (...)". Wörtlich: "Niemand bittet sie darum, niemand hat das vor, aber da ist Mika". Das kann man schreiben, und so etwas wird auch geschrieben. Aber es ist nicht gut, der Satz ist blass, er hängt durch, hat nichts Zwingendes mehr. Bei mir heißt es: "Niemand hat sie gebeten, gar mit ihr gerechnet, aber da ist Mika." Der Witz ist das kleine Wörtchen "gar", durch das das erneute Anlaufnehmen eine kleine Steigerung erfährt, und schon erhält die Wiederholung im Effizienz versessenen Deutschen ihre Rechtfertigung.

Faszinierend.
Muss man mit einem hohen Maß an Akribie für die Übersetzungsarbeit ausgestattet sein?

Wahrscheinlich ist das so. Aber Akribie trifft es nicht, zumindest nicht für mich. Ich bin hartnäckig. Ich gebe mich nicht eher zufrieden, als bis ich eine Lösung gefunden habe, von der ich sagen kann, es muss – in meinen Augen – so heißen und nicht anders. Aber das ist alles andere als ein systematischer Vorgang. Natürlich habe ich mein Handwerkszeug und meine Erfahrung, auf die ich zum Glück zurückgreifen kann. Aber der Geistesblitz kommt mir selten beim Blättern im Wörterbuch, sondern eher beim Schulbrote schmieren.

Du sprichst mir aus dem Herzen. Als Redakteurin geht es mir genauso. Manchmal wartet man ewig bis der Geistesblitz einschlägt. Man weiß er kommt, aber nicht wann. :-)
Bei mir in der Wohnung liegen überall Bleistifte herum. Und ohne Papier und Stift gehe ich nicht aus dem Haus.

In welchen Momenten verzweifelst du beim Übersetzen?
Eigentlich immer. Das mag jetzt komisch klingen, aber ich empfinde es so. Literatur übersetzen ist doch ein Illusionszauber. Wir machen ein X für ein U vor. Wir geben den deutschen Lesern die Illusion, einen Roman von Antonio Skármeta zu lesen. In Wahrheit lesen sie einen Text von Stefanie Gerhold, der ihre deutsche Version eines Romans von Antonio Skármeta darstellt. Darüber will ich lieber gar nicht zu viel nachdenken, das verursacht mir nur Unbehagen. Diese sonderbare Überlagerung von fremden Gedanken und eigener Sprache ist ein Grund, warum ich angefangen habe, selbst zu schreiben. Um nicht immer diesen Widerspruch aushalten zu müssen.

Aber die Geschichte bleibt – auch wenn du sie in deiner Version erzählst. Du bereicherst die Leser. Durch deine Arbeit machst du vielen Menschen – und das ist das Schöne meines Erachtens – erst Literatur zugänglich, die sie sonst aufgrund der Sprachbarriere gar nicht erleben könnten.
Ja natürlich! Mal abgesehen von diesem schöpferischen Dilemma ist das Übersetzen eine wertvolle kulturelle Aufgabe. Darum mache ich es auch immer wieder gern. Es ist einfach sehr bereichernd, zu lesen, was Schriftsteller in anderen Ländern beschäftigt, und welche Formen des Erzählens, der sprachlichen Durchdringung von Wirklichkeit sie finden. Kann man sich das europäische Theater ohne Shakespeare vorstellen?

Wohl kaum. Ich möchte kühn behaupten, Film-, Literatur- und Theaterwelt wären ohne den Einfluss von William heute um einiges ärmer dran.
Ich vermute, dass du dir der eigenen Sprache sehr bewusst bist. Was ist für dich das Schöne an der deutschen Sprache?

Ich mag sehr die Bildlichkeit vieler Ausdrücke, weil man sie so schön zum Schillern bringen kann. Wenn eine andere Bedeutung sie streift, wenn sich Räume öffnen. Solche subtilen Möglichkeiten, Sprache zum Schwingen zu bringen, schätze ich sehr. "Etwas zu Gesicht bekommen" wäre so ein Beispiel, oder ein Wort wie "wahrnehmen". Ich mag auch die harten Abschlüsse, die wie Sprungbretter sind für den nächsten Satz. Und natürlich die Verben, dieses quirlige bunte Volk. Und und und ...

Du hast vorab gesagt, dass man in Lateinamerika die Wörter großzügiger streut als bei uns. Was meinst du damit?
Bin ich vielleicht gerade ein bisschen lateinamerikanisch geworden?
Meine Aussage bezieht sich auf die kulturellen Unterschiede. Wenn man aus Europa kommt, fällt einem in Lateinamerika sofort die Großzügigkeit auf. Alles ist größer bemessen, allein schon die Entfernungen, aber eben auch die Gesten, und das gilt auch für die sprachlichen. In Lateinamerika nimmt man viel eher ein großes Wort in den Mund, ohne dass es als solches empfunden würde. Diese unterschiedlichen Koordinatensysteme muss ich beim Übersetzen berücksichtigen. Ein kleines Beispiel: In Argentinien habe ich auf einem Zuckertütchen, wie sie neben der Kaffeetasse stecken, den Spruch gelesen: "La dulzura puede cambiar el mundo". Wörtlich: "Das Süße kann die Welt verändern". Wenn wir das lesen, kratzen wir uns doch am Kopf, oder?

Hat die Globalisierung den Übersetzern bei ihrer Arbeit geholfen? Ich will sagen, durch die Möglichkeit in ferne Länder zu reisen, kennt der Deutsche manch Lokales aus Lateinamerika, was ihm früher vor dem Zusammenrücken der Welt gänzlich unbekannt war.
Absolut. Und mehr noch das Internet. Ich stehe nicht nur online in Kontakt zu meinen Autoren und maile ihnen meine Fragen, ich kann im Netz auch ganz alltägliche Dinge recherchieren, Markennamen, regionale Speisen, Pflanzen. Ein Buch ist ja ein Kosmos.

Gibt es sowas wie einen Oscar für die besten Übersetzungen?
Für das am besten ins Deutsche übertragene ausländische Buch?

Zum Beispiel.
Der Glamour-Faktor geht beim Übersetzen gegen null. Aber einige Preise gibt es schon, der Leipziger Buchpreis wird beispielsweise auch in der Kategorie Übersetzen verliehen. Das Bedürfnis, das Übersetzen als kulturelle Leistung zu würdigen, besteht grundsätzlich schon in der Gesellschaft.

Was gefällt dir an unserer Zeit?
Die Pluralität der Sichtweisen, die Möglichkeit und Bereitschaft, sich mit anderen Blickwinkeln, mit anderen Meinungen zu befassen, eine große Offenheit also verglichen mit den Jahren, als ich jung war und es vor allem anderen wichtig war, sich zu einem Lager zu bekennen. Unterschiede gelten lassen zu können, das empfinde ich als eine echte Errungenschaft. Gleichzeitig finde ich es wichtig, Position zu beziehen, das ist vielleicht schwieriger geworden. Nachteile gibt es immer.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Stefanie Gerhold ist 1967 in München geboren. Direkt nach dem Studium der Romanistik in der Isar-Metropole ist sie 1995 nach Berlin gekommen. Ihr erstes Praktikum hat sie im Aufbau-Verlag gemacht. Mit der Übersetzungsarbeit kommt sie zum ersten Mal beim 2. Praktikum in einem kleinen Berliner 2-Mann-Verlag in Berührung. Seit 1997 arbeitet sie als freie Übersetzerin. U.a. hat sie Werke von Elsa Osario (Argentinien), Marcelo Birmajer (Argentinien) und Antonio Skármeta (Chile) übersetzt. 2003 erhält sie für ihre Übersetzung von Max Aubs Roman "Bittere Mandeln" den Übersetzerpreis der Spanischen Botschaft in Deutschland. Für das Theater hat sie z.B. die Stücke von Jordi Galceran ins Deutsche übersetzt. "Come Back" ist ihr erstes Hörspiel.

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