Oktober 2013 / Ahne / Lesebühnenautor & Schriftsteller / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Ahne - 1

Was hat es mit der Bezeichnung "Surfpoet" auf sich? Gibt es irgendeine Verbindung zu Hawaii?
Das hat Michael Stein, der leider viel zu früh verstorben ist, einmal sehr gut beschrieben. Das steht auch irgendwo, aber ich hab vergessen wo. Ein Surfpoet trinkt auf jeden Fall kein Bier aus grünen Flaschen und er würde niemals Bündnis 90/Die Grünen wählen. Ein Surfpoet sitzt immer zwischen den Stühlen, manchmal auch auf ihnen, zum Beispiel auf der Lehne, manchmal liegt er aber auch unterm Tisch. Er muss gerne tanzen oder jedenfalls so tun als ob. Er ist immer schon weg, wenn man ihn da und dort vermutet, manchmal ist er aber auch noch da, aber dann ist man auch überrascht. Ich bin seit 2009 kein Surfpoet mehr.

Wie bezeichnest du dich heute?
Als Mensch.

Darf ich nochmal zum Begriff "Surfpoeten" zurückkommen? Was bedeutet für dich das Wörtchen "Surf" im Zusammenhang mit den Poeten?
Das man zwischen den Themen sich bewegt, unter ihnen, über ihnen und manchmal eben auch baden geht.

Welchen Beruf haben bzw. hatten deine Eltern?
Meine Eltern sind Mutti und Vati, Mutti war Lehrerin für Musik und Zeichnen, Vati irgendein Ingenieur, ich glaube, der hat was mit Plaste gemacht.

Der kleinste gemeinsame Nenner ist etwas Handwerkliches. Hast du handwerkliches Talent? Wenn ja welches?
Ich kann den Ablaufplan der Reformbühne Heim & Welt falten, ihn kniffen und unten einreißen, so dass er sogar auf einem Tisch stehen kann, wenn man ihn mit einer kleinen Wasserflasche beschwert. Ansonsten ist mein handwerkliches Talent quasi nicht wahrnehmbar.

Nun ja, man kann nicht alles haben. Dein großes Talent ist die Beobachtung, Reflexion und Sprache. Damit bist du überproportional gesegnet.
Das stimmt.

Lesungen mit "Surfpoeten" sind wie Konzerte. Viele Leute, mich eingeschlossen, gehen dorthin, um Literatur live zu erleben. Was macht diese Präsentationsform für dich so faszinierend? Und was bekommst du unmittelbar an Rückmeldung substanzieller Natur von den Zuhörern?
Ich nehme mal an, dass mit Lesungen von Surfpoeten die Lesebühnen allgemein gemeint sind.

Ja, genau.
Was daran faszinierend ist, müssten natürlich eher die Leute beantworten, die als Zuschauer dahin kommen.

Nur aus deiner Sicht betrachtet.
Für mich ist es jedes Mal spannend, weil man ja nie weiß, was einen am Abend erwartet. Es kann lustig zugehen oder kontrovers, es können drei Texte nacheinander dasselbe Thema behandeln, das kann ermüdend wirken, es kann aber auch ein Porno gelesen werden oder was Ekliges. Manchmal wird sich auch geprügelt, was aber mittlerweile höchst selten nur noch vorkommt. Das Unberechenbare passt zwar nicht mehr in diese Zeit, aber mir gefällt's. Zu Reaktionen: Mich freut es immer, wenn mir nach der Veranstaltung oder später auf der Straße jemand sagt, was ihm gefallen hat, aber auch was ihm nicht gefallen hat, ehrlich gesagt finde ich es sogar interessanter zu erfahren, was Menschen nicht gefallen hat. Ein Beispiel aus ganz früher Zeit: Als meine Mutter zum ersten Mal bei einer Lesung der Reformbühne Heim & Welt dabei war, nahm sie mich danach sanft beiseite und fragte, ob ich mir sicher sei, dass die Leute mich nicht bloß auslachen würden. Das fand ich süß.

Wenn dir jemand sagt, was er nicht gut fand, denkst du ernsthaft drüber nach, es beim nächsten Mal zu verändern oder gar wegzulassen?
Nein, nicht wirklich. Es spornt mich eher an ihn beim nächsten Mal davon zu überzeugen, dass das was er nicht gut fand doch gut ist. Besser als alles was er bis dahin gut fand. Obwohl, ich habe schon mal mein detailliertes Radioprogramm, also das, was ich mir unter einem guten Radioprogramm vorstelle, vorgelesen, einen kompletten Wochenplan. Das dauerte 20 Minuten, wie mir später gesagt wurde gefühlte 20 Stunden, das würde ich heute nicht noch einmal so machen. Wobei...

Hat dich Radio Paradiso schon mal eingeladen? Ist ja naheliegend, wenn du Texte herausbringst, die den Titel "Zwiegespräche mit Gott" tragen.
Nein.

Dann steht es dir bestimmt noch bevor.
Hmm. Bestimmt.

In deinen "Zwiegespräche mit Gott" gehst du immer wieder der Frage nach, wie man überhaupt glauben kann. Was hast du für dich an Erkenntnis gewonnen?
Nichts. Aber es fasziniert mich immer wieder, zu hören oder zu lesen, dass Menschen, die nicht an den Weihnachtsmann, Zwerge, Elfen und Trolle glauben, überzeugt davon sind, dass es eine höhere Macht gibt, die alles lenkt, die allem einen Sinn gibt. Ich finde das interessant, für den Einzelnen kann es ja durchaus hilfreich sein, gerade wenn es um Vergänglichkeit, um Krankheit, Ängste, und das Alleinesein geht, aber verstehen kann ich es trotzdem nicht, wie man das intellektuell bewerkstelligt.

Du interessiert dich für das Thema Müll? Was genau interessiert dich daran?
Ich interessiere mich nicht besonders für Müll. Er ist einfach da. Und alles, was da ist, ist auch wert beachtet zu werden, finde ich. Ich mach ja auch manchmal sauber, ja, ich habe sogar schon ziemlich oft sauber gemacht, ungefähr hundertmal, oder sogar noch öfter habe ich sauber gemacht, doch egal wie oft ich auch sauber mache, der Müll kommt wieder. Man wird diese Welt niemals vollkommen sauber bekommen, darüber kann man verzweifeln, oder aber man arrangiert sich mit dem Müll. Man geht mit ihm eine friedliche Koexistenz ein. Ich denke, das ist ein besserer Weg, vor allem sehr viel entspannter.

Du bist also zu dem Schluss gekommen, dass Müll nichts Negatives ist, nichts was man Verteufeln sollte. Vermehrt gibt es Menschen, die sogenannten Abfall bzw. Müll wie alte Bretter oder abgelaufene Lebensmittel dem Label "Müll" wieder entziehen, indem sie aus den ollen Brettern Regale bauen und aus Tomaten mit Druckstellen und schlappen Salatköpfen Abendessen zaubern. Ein Thema für dich?
Schlappe Salatköpfe? Oh ja. Darüber schreibe ich meinen Roman, versprochen!

Und dann machen wir nochmal ein Interview exklusiv nur zum Thema Müll.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Ahne ist eigentlich der Herr Seidel aus Berlin-Buch. Bei diesem Geburtsort musste irgendetwas Berufliches mit Literatur herauskommen. Zuerst war es nur das Handwerkliche. Der Beruf des Druckers hatte es ihm angetan. Nach ein paar Episoden, die nichts mit Büchern und Sprachakrobatik zu tun hatten, überredete ihn Mitte der 90er-Jahre ein Freund mit zur Reformbühne "Heim & Welt" zukommen, einer der ersten Lesebühnen Berlins. Seitdem ist das Schreiben von Texten und Vortragen zur Leidenschaft für den heute 45-Jährigen geworden. Sein Spektrum hat er ständig erweitert. Eine Radiosendung ist dazu gekommen, Bücher wie "Zwiegespräche mit Gott" und "Wieder kein Roman" sowie Auftritte als Sänger und Fußballexperte. Regelmäßig kann man Ahne jeden Sonntag ab 20:15 Uhr bei der Reformbühne Heim & Welt im Kaffee Burger in der Torstraße erleben. www.ahne-international.de

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