November 2013 / Roman Neumann / Hörspielregisseur & Autor / Berlin-Prenzlauer Berg

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Wolltest du schon immer Hörspiel-Regisseur werden?
Nein. Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt.
Am Anfang gab es "nur" die wage Idee etwas mit Sprache machen zu wollen.
Was ich aber schon sehr früh wusste, war, dass ich fürs Radio arbeiten will. Hörspiele haben mich einfach privat interessiert. Hörspiele mit schrägen Sounds, mit guter Musik, tollen Geräuschen und natürlich irren Geschichten. Hörspiele von Leuten wie Ernst Jandl, Ammer & Einheit (Einstürzende Neubauten), Ulrike Haage, Heiner Müller und natürlich William S. Burroughs.
Der Zufall namens "Praxisseminar Schwedisches Originalhörspiel & Geschichte im Hörfunk" an der Uni hat mich dann beruflich erst zum Radio und dann zum Hörspiel gebracht. Ich habe ganz "klassisch" als Praktikant begonnen. Scheinbar habe ich mich dabei ganz gut angestellt, denn nach dem Ende des Praktikums wurde mir eine Stelle als Regieassistent angeboten.

Wie bist du Regisseur für Hörspiele geworden?
Du ... viele Jahre harter Arbeit, des Erleiden von Qualen und Ausdauer als Regieassistent ...
In dieser langen Zeit habe ich immer größere Lust entwickelt, auch selbst Regie führen zu wollen.
Am Anfang war das völlig undenkbar. Ich soll einem Schauspieler Anweisungen geben, wie er einen Text zu sprechen hat? Dramaturgie für ein ganzes Hörspiel? Musikkonzepte? Das waren alles böhmische Dörfer für mich.
Es war oft schon ziemlich anstrengend, als Regieassistent für die Regie die richtigen Geräusche zu finden, z.B. das passende Geräusch für eine Tür, die geöffnet wird. Davon gibt es bestimmt mehr als dreihundert verschiedene. Da war ich manchmal schon erleichtert, dass ich nicht die endgültige Verantwortung für bestimmte Entscheidungen zu treffen hatte.
Und das genau bedeutet ja Regie (im Hörspiel): Erstens eine Idee für die akustische Inszenierung eines Textes zu haben, zweitens diese Idee allen Beteiligten plausibel zu vermitteln und drittens dies Idee bis in die letzte Konsequenz umzusetzen.
Die wichtigste Voraussetzung meines Erachtens dafür ist, dass man schon beim Lesen eines Stoffes eine Vorstellung davon entwickelt, wie dieser als Hörspiel klingen wird. Das hatte ich zu Beginn als Assistent fast nicht, habe es mir aber in den Jahren aneignen können. Im Grunde ist die Arbeit als Regieassistent sogar die beste Ausbildung für diese Form der Regie, man ist ständig im Studio, dicht an den Leuten, kann immer Fragen stellen, hat bereits Verantwortung und lernt beim bloßen Zuhören wahnsinnig viel.

Du bist diesen Herbst für den Deutschen Kinder-Hörbuchpreis als Regisseur nominiert gewesen. Deine Qualitäten als Regisseur hat die Jury stark beeindruckt. Erzähl uns mal, wie die Arbeit an "Dark Lord ... da gibt's nichts zu lachen" verlief? Welche Hochs und Tiefs gab es? Was fügte sich da an guten Dingen bzw. Personen zusammen, so dass so ein tolles Hörbuch dabei herauskam?
Die Arbeit an "Dark Lord" war von Beginn an ganz einfach. Der Text war super, die Figuren überschaubar und Jens Wawrczeck als Sprecher des Hörbuches großartig. Da konnte gar nichts schiefgehen. Meine Vorstellungen über die Inszenierung des Buches, die Darstellung der einzelnen Rollen, Tempo & Rhythmus der Sprache waren ziemlich identisch mit denen von Jens Wawrczeck. Und am Ende ist so ein sehr schönes, spannendes und vor allem total lustiges Hörbuch für Kinder entstanden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Natürlich weitere spannende Regie-Projekte... Am liebsten würde ich als nächste großes Projekt ein Hörspiel für Kinder produzieren, das sowohl live auf der Bühne mit Schauspielern, Musikern und Geräuschemachern aufgeführt, als auch für den heimischen Gebrauch als CD oder Download produziert & veröffentlicht wird.

Bei was kannst du am besten entspannen?
Beim Spazieren/Wandern & Rad fahren. Je nach dem wonach mir gerade der Sinn steht, setze ich mich entweder aufs Rad, fahre ohne großes Ziel los und lasse mich einfach treiben. Ich liebe es, mit dem Rad schnell voranzukommen, Ecken von Berlin und Umgebung kennenzulernen die mir total unbekannt sind. Oder aber ich gehe einfach los, aus dem Haus nach Norden oder Süden, Westen oder Osten. Biege in eine Straße, die normalerweise nicht zu meinem Alltag gehört. Die französischen Situationisten haben mich hier ganz stark geprägt mit dem Ausruf des "Dérive" (das Erkunden einer Stadt durch zielloses Umherschweifen). Das ist gewissermaßen (m)ein Lebensmotto geworden, weil es mir ungeahnte Überraschungen beschert, mich an zuvor unbekannte Ort führt, mich loslassen lässt vom sonst recht kontrollierten Alltag und dem Unterbewusstsein eine ganz eigene Chance zur Entfaltung bietet. Beim Spazieren geht das sogar viel besser als auf dem Rad, weil man nichts zwischen sich und der "Erde" hat außer vielleicht einem Paar Schuhe.

Welchen Ausflugstipp hast du für uns?
Mein Lieblingsziel seit Jahren sind die Müggelberge im Südosten von Berlin. Vom Bahnhof Grünau aus geht es mit der Fähre über die Dahme und dann auf direktem Weg bis zum Müggelturm. Die Aussicht vom Müggelturm bietet aus der Entfernung einen unglaublichen Blick auf Berlin, große Seen, lange Flüsse und wunderschöne Wälder. Danach geht's entweder über den Müggelsee zurück nach Berlin-Friedrichshagen oder immer am Langen See entlang bis nach Schmöckwitz.

Ich hab erfahren, dass du ein leidenschaftlicher Skateboardfahrer warst. Was hat dich am Skateboard fahren gereizt?
Skateboard fahren ist der absolute Rausch. Das Kribbeln im Bauch, wenn ich mich mit dem Skateboard in die Halfpipe fallen lasse, die Geschwindigkeit und gefühlte Schwerelosigkeit beim Wiederrausfahren auf der anderen Seite sind unvergleichlich Erlebnisse. Natürlich ist dabei ganz viel Adrenalin mit im Spiel, weil die ganze Sache ja nicht ungefährlich ist.
Der besondere Reiz? Wenn man die Angst vor bestimmten Höhen oder Gefahren überwunden hat, kann man tatsächlich fliegen lernen! Wenn auch nur für einen kurzen Moment, nach dem man aber sehr schnell süchtig wird und – so oft es geht – wieder herstellen möchte. Aber mittlerweile bin ich zu alt dafür, der Kopf spielt nicht mehr so mit, manche Verletzungen waren zu schmerzhaft und die Heilung zu zeitintensiv. Da verschieben sich irgendwann die Prioritäten, obwohl es mir schon sehr fehlt. Der Preis fürs Fliegen (lernen) ist einfach zu hoch.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Roman Neumann ist 1977 auf der Insel Rügen geboren und aufgewachsen. Mit 10 Jahren ist er mit seiner Familie nach Berlin gezogen. Schon früh begeisterte er sich für Sport. Mit ca. 20 Jahren kam die Leidenschaft für Sprache dazu und ließ ihn ein Skandinavistik-Studium absolvieren. Das Studium der Geschichtswissenschaften absolvierte er parallel. Heute arbeitet er als Freiberufler für viele Hörfunkanstalten. Als Regisseur hat er u.a. "Die Lange Erde" des englischen Fantasy-Schriftstellers Terry Pratchett und Max Frischs "Stiller" fürs Radio umgesetzt.

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