März 2013 / Torsten Schulz / Autor / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Torsten Schulz - 1

Welche Schriftsteller lesen Sie persönlich am liebsten und warum?
Lange, sehr lange Liste. Aber um einfach mal loszulegen: Richard Ford ("Rock Springs"), Philip Roth (vor allem "Sabbaths Theater"), Truman Capote, Carson Mc Cullers, Bernhard Malamud, James Baldwin. Anton Tschechow. Marek Hlasko. Pawel Huelle. Bohumil Hrabal. Agota Kristof ("Das große Heft"). Doris Lessing ("Das fünfte Kind"), J.M. Coetzee. Deutschsprachige Literatur: Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz"), Thomas Mann ("Felix Krull"), Günter Grass ("Die Blechtrommel"), Claire Goll, Max Frisch (vor allem "Montauk"), Dürrenmatt, Joseph Roth (vor allem die literarisch-journalistischen Arbeiten), Jurek Becker ("Der Boxer"), Angelika Klüssendorf ("Das Mädchen"), Kurt Bartsch ("Fanny Holzbein")... Warum? Realistische Kraft. Eigene Sprache, eigene Welt. Starke, ja unvergessliche Figuren, aus denen sich die Narration entwickelt...

Sie haben mal erwähnt, dass Sie über die Jahre Situationen, Motive und Figuren für den Fall gesammelt haben, dass Sie sie schriftstellerisch gebrauchen können. Ihren ersten Roman haben Sie mit Anfang vierzig geschrieben. Seit wann sammeln Sie? Haben Sie das als Jugendlicher beschlossen? Aus welcher Motivation heraus?
Es war weniger ein Beschluss zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens, sondern eine Neigung, eine Lust, der ich gefolgt bin. Nun, vieles an Erlebtem, Gelesenem, Gedachtem ist verloren gegangen, aber ich schreibe mit dem Vertrauen darauf, dass mir im rechten Moment, wenn die Handlung, die ich entwerfe, das gerade erfordert, die passenden Details und Motive einfallen. Es geht ja eben nicht um Details und Motive um ihrer selbst willen, sondern im Zusammenhang der thematischen Intention und der entsprechenden Handlung. Insofern geht es um die Verwendung all dessen als Spielmaterial in fiktionaler Hinsicht, um es mal so praktisch-handwerklich zu sagen.

Welche Fragen standen für Sie im Mittelpunkt beim Schreiben Ihres neuen Roman "Nilowsky"?
Mein persönlicher Schreibehrgeiz war vor allem, in die Wirren der Pubertät einzutauchen. Diese – mit der passenden Figurenkonstellation – gewissermaßen wieder aufleben zu lassen. Keine DDR-Betrachtung etwa, sondern das Durcherzählen einer Geschichte, die in der DDR spielt, in Ostberlin, weil ich mich dort eben am besten auskenne. Eine handwerklich-dramaturgische Problematik war es, über eine Zeit von mehreren Jahren zu kommen, ohne die Figuren in ihrem Aufeinanderbezogensein zu verlieren. Dabei die Tonalität im Erzählen durchzuhalten. Der Roman sollte auch, bei aller Konkretheit, grundsätzlich interessant sein für Leser, die die Zeit und die speziellen Erzählumstände gar nicht kennen.

Im Roman "Nilowsky" hat die Hauptfigur Markus Bäcker einen allerbesten Kumpel, mit dem er durch dick und dünn geht. Haben Sie einen besten Freund, dem Sie alles anvertrauen können?
Ja. Ich glaube sogar mehrere.

Es ist auffällig, dass sowohl im ersten Roman "Boxhagener Platz" als auch jetzt im Zweiten eine Kneipe einen zentralen Raum einnimmt. Welche Überlegung steckt dahinter? Aus Gründen des Milieus?
Ja, zum einen sind die Kneipen tatsächlich Milieuorte. Aber auch Legendenräume. Was einem da nicht alles erzählt wurde. Geschehnisse mit einem Kern Wahrheit und viel schillernder Ausschmückung drum herum. Dinge, die nicht in der Zeitung standen, nicht in der Schule besprochen wurden und auch nicht unbedingt zu Hause –, in der Kneipe waren sie nicht selten Thema. Die Kneipe – ein besonderer Geschichtenort; selbst wenn man, wie ich es in meiner Kurzerzählung "Feuermelder" (im Erzählungsband "Revolution und Filzläuse") erzähle, nie drin war, hatte die Kneipe eine solche Aura.

Mit Ihrem Roman "Nilowsky" bestreiten Sie zurzeit viele Lesungen. Was nehmen Sie aus den Lesungen für sich mit? Was bedeuten Sie Ihnen?
Ich teste den Text aus: Was ist gut, was ist weniger gut. Ich höre den Leuten zu, wenn sie ihre Lese- bzw. Zuhöreindrücke beschreiben – vergleiche sie mit meinen eigenen Gefühlen und Eindrücken, die ja von Mal zu Mal während des Lesens auch variieren können. Ich beginne, meinerseits dem Publikum Fragen zu stellen, zu dem, was mich interessiert. In dem Sinne kann es besser sein, vor 15 Menschen zu lesen als vor 150.

Welchen Wohnort können Sie sich alternativ zu Berlin vorstellen?
Kapstadt, Dublin, New York, u.U. auch Los Angeles oder Hamburg.

Das sind alles große Städte, die an einem großen Gewässer liegen. Fehlt Ihnen in Berlin die unmittelbare Anbindung zur Ostsee oder warum diese Auswahl?
Ja, Berlin am Meer wäre noch schöner. Oder zumindest an der Elbe statt an der Spree. Dafür hat Berlin mit dem Urstromtal ein unglaublich schönes Umland.

Was macht eine große Stadt am Ufer eines Meeres, eines großen Sees oder einen Flusses so anziehend für Sie?
Unbevölkerte Weite als Sehnsuchtsprojektionsfläche. Beim Meer oder einem sehr großen Fluss das Gefühl von unmittelbarer Anbindung an die Welt. Damit verbunden das Gefühl, rasch wegzukönnen. Obwohl das natürlich trügerisch ist.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Torsten Schulz ist 1959 in Berlin geboren. Er studiert Filmwissenschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Babelsberg und arbeitet danach als Dramaturg im Spielfilmstudio der DDR, der DEFA. Ab 1992 ist er freischaffend tätig, schreibt Drehbücher für Spiel- und Fernsehfilme (u.a. "Raus aus der Haut"). Auch Dokumentarfilme sind sein Metier. Heute bearbeitet er noch immer literarische Stoffe fürs Kino oder Fernsehen, aber ab 1999 ist eine neue Leidenschaft dazugekommen: das Roman schreiben. 2004 debütiert Torsten Schulz sehr erfolgreich mit "Boxhagener Platz". Außerdem ist er seit 2002 Professor für Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. www.torstenschulz.org

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