Juni 2013 / Werkstattkollektiv / Ausstatterinnen / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Werkstattkollektiv - 1

Wie funktioniert ihr als Team, wenn ein Auftrag an euch herangetragen wird? Magst du das an einem Beispiel erklären?
Ulrike: Wir sind zu sechst – eine Gewandmeisterin, drei Kostümbildnerinnen und zwei Bühnenbildnerinnen. So verteilen sich schon automatisch bestimmte Anfragen. Bei solchen, die an unsere Gruppe gestellt werden bzw. mehrere von uns betreffen, hat bisher den Ausschlag gegeben, ob jemand besonderes Interesse an einer Anfrage hatte, wer verfügbar war oder ob jemand an den vorherigen Projekten weniger beteiligt war. Im Moment gibt es z.B. den Auftrag, für ein Museum eine Uniform so originalgetreu wie möglich nachzubilden. Daran arbeiten Dorothea, unsere Gewandmeisterin, und ich. Uns beide hat die Anfrage interessiert. Den Schnitt erstellen und das Schneidern ist allerdings eindeutig eine Gewandmeisterarbeit. Da die Uniform bestickt wird und dafür Stickvorlagen gezeichnet werden müssen, gibt es auch für mich Arbeiten daran.

Wie sieht deine Arbeit konkret für den Uniform-Auftrag aus?
Ulrike: Von der Kuratorin des Museums haben wir eine Abbildung der preussischen Uniform zugesandt bekommen, eine Zeichnung aus der Zeit um 1800, auf der man einen Eindruck von der Stickerei bekommt. Außer dieser Abbildung gibt es keine bildliche Dokumentation der Uniform. Von einigen Uniformmodellen, auch aus derselben Zeit, gibt es z.T. erhaltene Originalexemplare. Das Deutsche Historische Museum hat eine große Sammlung an Uniformen, und dort konnten wir uns von zweien die Verarbeitung, das Material und Stickereien ansehen. Letztendlich bleibt aber die Uniform, die wir herstellen, eine Annäherung, weil die Dokumentation dieses Uniformmodells so begrenzt ist. Aus der Summe der Informationen habe ich Stickvorlagen gezeichnet. Aber sie werden immer nur eine Vermutung sein, wie die tatsächliche Stickerei evtl. gewesen sein könnte. Laut einer Beschreibung befinden sich die Stickereien an einigen festgelegten Stellen. Ich zeichne die Motive auf die entsprechenden Papier-Schnitteile. Diese Entwürfe werden an die Stickerei geschickt und dort auf unseren Originalstoff gestickt.

Habt ihr schon mal alle an einem Auftrag gearbeitet? Wenn ja, wie sah der Auftrag aus und wie habt ihr euch zusammen daran gemacht ihn umzusetzen?
Ulrike: Ja, es gab ein paar Projekte, an denen wir alle beteiligt waren. Eine Werbung für ebay z.B. im letzten Herbst. Wir haben das Kostümbild und dessen Umsetzung gemacht. Schön an dieser Arbeit war, dass wir sehr viel herstellen konnten, weil es Fantasiekostüme sein sollten. Wir haben Kostümteile angefertigt, umfunktioniert, haben Hüte gebaut, Puppenbeine und Requisiten. Es war in ziemlich kurzer Zeit ein großer Aufwand mit einer großen Bandbreite, was ideal auf uns gepasst hat.
Aber die bisher interessantesten und von der Arbeit her abwegigsten Gemeinschaftsarbeiten waren Figurenumsetzungen für pictoplasma. Das ist ein Berliner Kuratoren-Duo, das Characterdesign sammelt. Wir haben für sie im Rahmen von alle zwei Jahre stattfindenden pictoplasma-Konferenzen dreidimensionale Figuren aus gezeichneten Vorlagen gemacht. Diese Arbeiten sind immer sehr besonders, weil die Vorlagen der Künstler häufig merkwürdig und eigentlich nicht unbedingt figürlich sind. Um den gezeichneten Charakter der Figuren zu treffen, sind wir meistens zu ungewöhnlichem Material gelangt oder haben es uns hergestellt. Dafür machen wir immer eine relativ lange Materialrecherche.
Für eine Konferenz gestalteten wir fünf Autoscooter zu Figuren um. Man konnte mit ihnen dann auch fahren. Die haben großen Spaß gemacht.
Bei pictoplasma ist immer so, dass wir eine Auswahl an Designs bekommen, die sie gerne umgesetzt haben wollen. Bisher war es so, dass sich zu jedem gezeichneten Wesen zwei oder drei von uns gefunden haben. In diesen kleineren Gruppen sind die Figuren dann umgesetzt worden. Und dort funktioniert es so, dass sich erstmal jede für sich Gedanken macht, wie man etwas bauen könnte oder welches Material man mit der Zeichnung verbindet. Dann setzen wir uns zusammen und besprechen die Ideen miteinander. Dabei bildet sich der gemeinsame Weg der Realisierung heraus. Man befeuert sich dabei gegenseitig, eine Idee bringt die nächste hervor.

Welche Arbeiten setzt du um?
Ulrike: Ich arbeite in beiden Bereichen, Bühne und Kostüm. Es gab eigentlich schon jede Zusammensetzung, dass ich mit einer Kollegin gemeinsam das Bühnen- oder Szenenbild entwickelt oder z.B. an der Raumgestaltung eines Burger-Ladens gearbeitet habe, dass eine andere Kollegin die Kostüme gemacht hat und ich die Bühne oder umgekehrt. Da wir so eng zusammenarbeiten und uns in unserer jeweiligen Arbeit gut kennen, sind die Bereiche aber gar nicht so strikt voneinander getrennt. Wir beraten und beeinflussen uns gegenseitig, auch wenn das Gewicht von Kostüm- oder Bühnen-/Szenenbild bei jeweils einem von uns liegt. Gerade arbeite ich an einem Theaterstück, wofür ich Bühne und Kostüme alleine mache. Und das hängt leider an den finanziellen Bedingungen der Produktion. Ich hätte mir das sehr gerne mit Lisa geteilt.
Wir alle mögen auch die Arbeiten, die sich bei der praktischen Umsetzung von einem Entwurf ergeben. Wenn es klappt, dass neben der Entwurfsarbeit auch Zeit für die Herstellung ist, dann bauen wir Kulissen, stellen Oberflächenstrukturen her, malen Wände, Böden, Stoffe, Kostüme, bauen Möbel, Objekte, patinieren, nähen, färben, fertigen Masken oder Schamanenkopfschmuck an, bilden Moos nach, machen Perücken aus Silikon, Klebeband und Pappmaché – grundsätzlich ist erstmal fast jedes Material brauchbar.

Was begeistert dich an der Zusammenarbeit mit den anderen Werkstatt-Kolleginnen?
Ulrike: Ich glaube, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Arbeiten, die wir machen, ist größer und breiter gefächert gegenüber denen eines auf sich allein gestellten Kostüm- oder Bühnenbildners. Dadurch dass wir sechs Personen sind, kommt man mit mehr Anregungen und Einflüssen in Berührung. Selbst, wenn man gar nicht direkt miteinander arbeitet, sondern allein dadurch, dass man mitbekommt, womit sich die anderen beschäftigen, was sie für Überlegungen anstellen und wie sie an Dinge herangehen. Man lernt voneinander.
Die Projekte, an denen wir arbeiten, kommen z.T. aus sehr unterschiedlichen Bereichen (Theater, Film, Werbung, Musik, Museum, Kunst,...). Dass es eigentlich bei jeder Arbeit etwas komplett Neues gibt und wir immer wieder ganz neu überlegen müssen, wie wir vorgehen, gefällt mir sehr.
Außerdem empfinde ich es als sehr angenehm, dass wir uns gegenseitig unterstützen, sei es, weil wir für einander verlässliche Partner sind oder weil man sich mit jemandem austauschen kann. Es ist ein Stück weit eine Alternative zu dem fahrenden Leben von Theater- und Filmschaffenden und gibt uns trotzdem die Möglichkeit, unsere Berufe auszuüben und Dinge zu machen, die uns interessieren.

Wie habt ihr euch als Team gefunden?
Ulrike: Marie und Dorothea kennen sich am längsten und sind die Initiatoren. Sie hatten die Idee, einen Ort zu schaffen, wo man Entwurf und Umsetzung direkt verbinden kann. Während des Studiums gab es einige Gruppenarbeiten, in denen wir zudem das Potential von gemeinsamer gestalterischer Arbeit erfahren haben. Zum Ende des Studiums hin war es deshalb relativ naheliegend, bewährte Konstellationen im Zusammenarbeiten aufrechtzuerhalten und uns Arbeitsräume zu suchen, die wir gemeinsam nutzen können. Daraus ist mit der Zeit das Werkstattkollektiv geworden.

Ist es sonst üblich, dass Entwurf und Umsetzung an verschiedenen Orten stattfinden? Dast stelle ich mir schwieriger vor. Ist euer Konzept nicht viel besser?
Ulrike: Ja, natürlich ist unser Konzept besser!
Wenn man von einer üblichen Theaterarbeit als Bühnen- oder Kostümbildner ausgeht, dann entsteht nach der Entwicklungs- oder Konzeptionsphase der Entwurf in dessen Arbeitszimmer oder Atelier. Zu einem vom Theater bestimmten Zeitpunkt, übergibt man die Entwürfe dem Theater. Das sind vertraglich geregelte Termine. Bei der Bühne gibt es die Bauprobe und die Werkstattabgabe und beim Kostüm die Kostümabgabe. Danach gibt es dann eine Phase, in der Material entschieden und bestellt wird und die Werkstätten Muster anfertigen und Prototypen bauen oder nähen. Die schaut man sich als Bühnen- oder Kostümbildner an und bespricht es zwischen sich und den Werkstätten. Manchmal lässt es sich auch einrichten, dass der Regisseur einen Blick darauf werfen kann. Für diese Besprechungen fährt man zum Theater, was in den seltensten Fällen an dem Ort ist, an dem man lebt. (Beim Film oder freien Theaterproduktionen arbeitet man sehr viel eher mit freien Werkstätten, die man sich selbst sucht.)
In dem Fall, dass eine von uns den Entwurf macht und andere mit an der Umsetzung arbeiten, sind diese zeitaufwändigen und den Arbeitsfluss hemmenden Kommunikationswege optimal verkürzt. Bei sich ergebenden Fragen kann man ins Nachbarzimmer gehen oder eine aufkommende Idee gleich zeigen und besprechen. Außerdem ist es sehr von Vorteil, dass wir uns gut kennen und schon oft miteinander gearbeitet haben. Wir verstehen uns in dem, was wir tun bereits und müssen uns nicht erst aneinander herantasten. Wir wissen, in welcher Qualität und Art die anderen etwas gestalten.
Ein weiterer Vorteil von unserem Konzept ist, dass wir alle sowohl selbständig denkende Personen sind, jede mit einem eigenen ästhetischen bildnerischen Empfinden, als auch alle an der praktischen Arbeit interessiert. Wie und womit kann man das, was man selbst oder jemand anderes sich vorstellt am ehesten erreichen.

Wann wird man als Kostümbildner in die Arbeit für einen Film oder Theaterstück eingebunden?
Ulrike: Im Idealfall ist man als Kostüm- und Bühnen- bzw. Szenenbildner von Beginn an eingebunden. Das heißt ein Stück oder ein Drehbuch wird an eine/n Regisseurin herangetragen und daraufhin fragt derjenige sein Team (Theater: Bühnenbild, Kostümbild, Dramaturgie; beim Film: Kamera, Szenenbild, Kostümbild) an.
Alle lesen das Stück und man trifft sich zur Erarbeitung des Konzeptes. Bei den ersten Treffen tauscht man sich über Assoziationen aus, über Bilder, Filme, Texte, Musik, alles Mögliche. Mit den Treffen kristallisiert sich heraus, welches Anliegen man mit dem Stück hat und dann arbeitet jeder in seinem Bereich konkreter an der Umsetzung dieses Anliegens. So greifen Ideen und Überlegungen ineinander bis ein Bild, eine Atmosphäre für den Raum und die Figuren, deren Verbindungen zueinander geschaffen sind.
Es gibt aber auch häufig die Situation, dass Regie und Bühnen-/Szenenbild wie beschrieben ein Konzept erarbeiten und der/die Kostümbildner/in dazu stößt, wenn vieles schon entschieden ist. Das kommt daher, dass, nach der inhaltlichen Idee, der Raum häufig die Basis ist, aus der sich die weiteren Elemente wie Figuren und Licht ergeben.

Wie verändert es deine bzw. eure Arbeit, wenn ihr erst später in ein Stück mit einbezogen werdet?
Ulrike: Der spannendste Teil unserer Arbeit ist die Entwicklung der Idee. Die Phase, in der sich von den vielen Lesarten eines Stückes oder Drehbuchs eine immer stärker verdichtet. Wenn sich Verknüpfungen herstellen und sich Raum, Figuren und die Regie zusammenfügen. Sowohl Theater als auch Film sind Gemeinschaftsarbeiten. Wenn man gute Partner hat, dann bauen sich Überlegungen und Ideen aufeinander auf, man kommt von einem zum anderen. Solch eine Phase kann neben dem Entstehen einer Arbeit, mit der man zufrieden ist, für jeden Beteiligten eine Bereicherung und Erweiterung des Geistes sein, weil man Denkanstöße bekommt und sich mit Dingen auseinandersetzt, mit denen man evtl. nicht in Berührung gekommen wäre.
Wenn man an der Entwicklung nicht beteiligt ist, dann ist die Auseinandersetzung mit dem Stück für einen selbst eine andere und der Konzeption fehlen die Gedanken und der Blick von einer dritten Person. Der Weg hin zu einer Idee ist nicht nachzuholen.
Im Theater und Film ist üblicherweise Raum von Figuren und sind Figuren von Raum nicht zu trennen. Und deshalb bereichert es die Konzeption, wenn alle Bereiche Einfluss nehmen und Ideen einbringen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Seit 2007 arbeiten Lisa Kentner, Malena Modéer, Marie Gerstenberger, Ulrike Plehn, Susanne Pickel und Dorothea Andrae als Team unter dem Namen "Werkstattkollektiv" zusammen. Sie haben ihre Ausbildung entweder an der Kunsthochschule Weißensee oder an der Universität der Künste absolviert. Dorothea hat als Gewandmeisterin ganz klassisch einen Handwerksmeister gemacht. U.a. entwarfen und fertigten sie 2013 die Kostüme für die Inszenierung von "Die Johannes-Passion" im Berliner Dom oder haben gleich für mehrere Stücke bei den Salzburger Festspielen Kostüme angefertigt. In Kürze werden sie Miniatur-Kostüme für ein Theaterstück mit Puppen anfertigen. www.werkstattkollektiv.com

Coco Berliner - Werkstattkollektiv - 2