Februar 2013 / Nadja Bobyleva / Schauspielerin / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Nadja Bobyleva - 1

Bist du eine fleißige Kinogängerin?
Ich versuche so oft es geht ins Kino zu gehen. Leider schaffe ich es nicht immer, aber ins-Kino-gehen zählt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich kann einen Film auch gut alleine genießen und gehe auch mehrmals rein, wenn er mich besonders berührt hat.

Welcher Kinofilm hat dich als letztes fasziniert und warum?
Der letzte Film war "Extrem laut und unglaublich nah". Die Geschichte hat mich so sehr mitgenommen, dass ich den Film durchgeheult hab und danach völlig fertig war. Der kleine Junge, dessen erster Film es war, spielt so wahrhaftig und tief. So eine Leistung habe ich lange nicht mehr gesehen. Ich konnte mich sehr mit dem Schmerz dieser Figur verbinden. Für mich ist das Thema Tod und Verlust sowieso sehr stark, so dass mich die Art und Weise, wie der Film erzählt wurde, sehr bewegt hat.

Magst du demnach betont Filme, die eine starke Geschichte erzählen und eine große künstlerische Note haben?
Nicht unbedingt. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die nur Arthouse-Filme schauen. Eine starke Geschichte kann genauso in einer leichten Komödie existieren. Einer meiner Lieblingsfilme ist z.B. "Get him to the greek" (dt. Titel "Männertrip"). Da passieren nur absurde Dinge, und es ist alles etwas zu viel, aber ich mag es. Wenn ich der Geschichte und den Figuren glaube, dann zieht mich ein Film schon rein.

Was war deine letzte Rolle, die dich immens begeistert hat? Wie beurteilst du den Film als Ganzes?
Ich glaube, für mich war die Rolle in "Verschollen am Kap" sehr prägend. Der Film hatte eine besondere Konstellation an Mitarbeitern. Ich hab mich vom ersten Augenblick an sehr frei gefühlt, wie selten davor, was an der Zusammenarbeit zwischen Regie von Andreas Senn, Kamera und Schauspielern lag. Andreas hat mit uns intensiv an den Texten und den Situationen gearbeitet. Da wir vor allem auch alle zusammen zwei Monate in Südafrika verbracht haben, haben wir uns besonders reingestürzt, denn wir hatten keinen Alltag sozusagen. Die positive Energie am Set durch die afrikanischen Kollegen hat uns allen Kraft gegeben, und ich konnte es kaum erwarten, jeden Tag zum Set zu gehen.
Ich glaube, wenn man das Gefühl hat, jeder Einzelne hat ein Anliegen, eine Geschichte zu erzählen, und nicht nur den Auftrag auszuführen, dann wird die Arbeit besonders.
Wir waren alle sehr enttäuscht, als wir erfuhren, dass der Großteil der Bevölkerung lieber "Bauer sucht Frau" geschaut hatte, als der Film im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Film sprach ja das Thema der Wasser-
privatisierung an. Leider wurde er vom Sender falsch beworben. Aber das erzählt ja sehr viel über unsere heutige Zuschauerkultur.

Oh weh, da kommt man sich als Schauspielerin bestimmt hilflos vor und ist enttäuscht, wenn die ganze Arbeit nicht geschätzt wird... Fehlt deiner Meinung nach zunehmend die Wertschätzung gut gemachter Filme im deutschen Fernsehen – Stichwort 'Verbannung prämierter Filme in die sehr späten Abendstunden'? Haben da die Fernsehmacher eine gewisse Verantwortung?
Ich habe schon das Gefühl, dass gut gemachte Filme mit Inhalt nicht wirkliches Interesse finden. Die Zuschauer sind auf leichte Kost trainiert. Blockbuster und Reality Shows. Es muss ja nicht immer das schwere Existenzdrama sein. Aber es wird den Zuschauern einfach nicht viel zugemutet. Und aus Angst vor Einschaltquoten-Verlust werden interessante Filme, aber auch Serien von den TV-Sendern nicht beachtet.

Ein Beispiel für einen gut gemachten Film war die letzte Folge von "Kommissar Stolberg" im ZDF, in dem du eine der Hauptrollen hattest. Oder "Frau Böhm sagt Nein" (2009) mit Senta Berger als mausgraue Sekretärin – der war auch großartig. Zu wenige aus deiner Sicht?
Ja und nein. Ja, es werden zu selten gute Filme produziert, da, vor allem beim Fernsehen, bestimmte Vorgaben herrschen, die erfüllt werden müssen. Leider gehen diese Vorgaben oftmals gegen die Essenz der Geschichte.
Aber es gibt sie, die guten Filme, die nie gesehen werden, weil die Kinogänger auf amerikanische Blockbuster und dumme deutsche Komödien getrimmt sind, und im TV gute Filme oftmals mitten in der Nacht laufen. Und es gibt diese guten Filmemacher, die etwas Tolles erschaffen wollen und nie die Möglichkeit bekommen, weil die Sender um ihre Quoten zittern.
Es hört sich alles vielleicht etwas hart an und entmystifizierend, aber es ist tatsächlich so.

Wie bist du Schauspielerin geworden?
Ich wollte immer Trickfilme bei Disney zeichnen. Als ich älter wurde, veränderten sich die Bilder in meinem Kopf zu realen Bildern, und ich war mir sicher, ich möchte Filme machen. Mein eigentlicher Wunsch war es, Filme in Eigenregie zu produzieren.
Zur Schauspielerei kam ich zufällig. Meine Mutter gründete mit einer Freundin eine Schauspielgruppe. Schon als Kind war ich immer bei irgendwelchen ihrer Gruppen dabei. Als dann ein Kollege aus dem damaligen Schauspielkurs zu einem Casting ging, folgte ihm die ganze Gruppe. Die Casterin hat mich rausgepickt und besetzt. Ab da lief es irgendwie.

Du hast Schauspielunterricht und -workshops in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen besucht (Deutschland, Russland, Italien und USA). Da gab es gewiss divergierende Betrachtungsweisen, was Schauspiel ausmacht, oder? Wie sahen die aus?
In der deutschen Schule musste ich leider erfahren, dass es sehr technisch zuging. Es ging eher wenig um die Situation an sich als eine oberflächliche Betrachtung und Ausführung der Figuren, das was ich mir eigentlich von einem Studium gewünscht hatte. Ganz anders in St. Petersburg, wo ich ein Jahr meiner Studienzeit verbracht habe. Dort wurde jeder in seiner Individualität sehr gefördert. Es war zum Teil sehr anstrengend, denn es gab kein Leben außerhalb der Schule. Aber das Ergebnis dessen hat mich mehr berührt.
Von Amerika war ich sehr überrascht, denn ich kannte die ganzen tollen Lehrer, die nach Deutschland kamen und sehr intensive Seminare gaben. In ihrem eigenen Land aber war es eher wie eine Abendschule. 50 Leute sitzen in einem Raum, wer zuerst kommt, spielt zuerst, und der Lernfaktor war, meiner Meinung nach, plus minus null. Und dafür zahlen sie unglaublich viel Geld. Die Sichtweise der Arbeit, die ich dort erfahren habe, war sehr Karriere orientiert. Denn klar, wozu geht man nach Los Angeles? Bestimmt nicht der schönen Architektur wegen.
Und doch habe ich das Gefühl, dass in der Essenz alle im Schauspiel das Gleiche suchen. Die Wahrheit.

Und die Wahrheit hat bekanntlich viele Seiten...

Medien und Gesellschaft ordnen Schauspieler ganz oben ein, wenn es um Anerkennung und Leistung geht. Wie stufst du deinen Beruf im Vergleich zu anderen ein?
Ich bin immer sehr ambivalent, was das angeht. Meine Lehrerin sagte einmal, es sei völlig richtig, dass Schauspieler so viel verdienen, weil sie im Gegensatz zu anderen ihre Seele, ihre Gefühle der ganzen Welt präsentieren. Sich komplett nackt machen. Leider stimmt es nur bedingt, denn bei uns ist es genau andersrum: Die am meisten verdienen, zeigen von sich am wenigsten.
Manchmal denke ich, es ist total einfach, man tut nichts außer fühlen. Und ein Job, der körperliche Anstrengung verlangt, ist viel intensiver und wichtiger. Wenn ich dann aber zwei Tage schreiend, weinend, (wie bei "Verschollen am Kap") oder von einer Minute in die andere gefühlsschwankend verbringe, denke ich wieder ganz anders drüber. Ich habe auf jeden Fall sehr viel Respekt vor Menschen, die im Büro sitzen, Häuser bauen, oder als Mickey-Mouse-Figur in Disneyland herumlaufen. Denn das ist, meiner Meinung nach, viel anstrengender und müsste mehr belohnt werden.

Wie lautet nach zwölf Jahren im Filmgeschäft dein Fazit über die Schauspielerei?
Es ist ein wunderschöner Beruf, der leider von vielen missverstanden und aus Gründen der Eitelkeit und einem Aufmerksamkeitsdefizit ausgeübt wird. Es war bestimmt auch toll zu der Zeit, als der Film entstand, Schau-
spieler zu sein. Denn damals ging es um Geschichten, und es wurde viel experimentiert. Heute geht es in der Branche nicht mehr darum. Es geht um Zahlen. Das ist das einzige, was die TV-Macher und Filmemacher interessiert. Und damit wird vielen Schauspielern die Leidenschaft an dem Beruf genommen.

Das heißt, Filme wie "Extrem laut und unglaublich nah" werden immer mehr zur Ausnahme?
Ich glaube schon. Denn mittlerweile hat man das Gefühl, die Filme müssen alle in 3D sein, damit überhaupt Leute reingehen. Sogar die großen Filmemacher selbst vertrauen nicht mehr ihrer Kunst. Ang Lee hatte bei "Schiffbruch mit Tiger" wundervolle Bilder. Die hätten den 3D-Effekt nicht gebraucht. Und trotzdem kann man solche Effektfilme kaum umgehen. Heutzutage wird dann eher mit Technik experimentiert als mit der künstlerischen Gestaltung des Films an sich. Was sehr schade ist.

Wie groß ist deine Enttäuschung?
Ich glaube, auch wenn man immer auf die Länder blickt, in denen noch diese Leidenschaft für den Film zu existieren scheint, wie Amerika, Frankreich oder Skandinavien, ist es doch so, dass, wenn man sich die Dinge genauer ansieht, es überall das gleiche ist. Somit entscheidet man sich für dieses Metier als Beruf aus einer anfänglichen Begeisterung, die dann aber immer mehr schwindet.

... d.h. die Erwartungen an den Beruf erfüllen sich für viele nicht, weil in der Gesellschaft ein extrem reduziertes Bild von dem Beruf existiert...Die jungen Menschen mit dem Wunsch Schauspieler/in zu werden denken nur an hohe Gagen, große Popularität und glamouröse Filmpremieren...
Ich denke nicht, dass es nur diese Beweggründe sind, die einen dazu treiben, diesen Beruf zu ergreifen. Sicherlich zum großen Teil, vor allem was nur den Filmbereich angeht. Doch viele, das habe ich vor allem bei meinen Theaterkollegen erlebt, treten diesen Beruf aus einer Leidenschaft am Spiel an. Und müssen dann zu ihrer Enttäuschung im ersten Jahr am Theater feststellen, dass auch das Mysterium Theater nicht mehr existiert.
Was mich persönlich angeht, versuche ich immer neue Dinge zu finden, die mich zu einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens erfüllen. Denn ich habe aufgegeben, die Erfüllung im Beruf zu suchen. Mein großer Traum ist es z.B. ein Teehaus zu eröffnen. Etwas was mir gehört, wo ich Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit hab. Des-
halb habe ich im vergangenen Jahr den Teesommelier gemacht. Eine Ausbildung als Tee-Fachfrau sozusagen.
Außerdem wäre es unglaublich einseitig und langweilig für mich, mein ganzes Leben nur eine Profession auszuüben.

Ich hoffe aber nicht, dass du uns als Schauspielerin gänzlich verloren gehst, denn dafür bist du viel zu gut.
Hehe. Vielen Dank. Nein, Die Schauspielerei wird bestimmt immer ein Teil meines Lebens bleiben. Wobei man natürlich nie sagen kann, wo es einen hinführt. Ich hoffe allerdings, dass ich mein Berufsfeld bald erweitern kann, mit anderen Dingen, die mich erfüllen, und nicht nur von der Schauspielerei abhängig bin. Ich glaube, wenn man viele Dinge hat, die einem Kraft geben und Freude machen, dann kann man auch alles andere lockerer sehen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Nadja Bobyleva ist 1983 in Moskau geboren. Neun Jahre später wird Köln ihr Lebensmittelpunkt. Mit 18 Jahren steht sie zum ersten Mal vor der Kamera. Drei Jahre später erhält sie ihren ersten Darstellerpreis (Günther Strack Fernsehpreis) für ihre Leistung in dem Film "Der Freund meiner Mutter". Weitere Filme, in denen sie zu den Hauptakteuren gehörte, waren u.a. "Nichts geht mehr" (2006) und "Der Uranberg" (2009). Seit Beginn ihrer Schauspielkarriere 2001 hat sie bis vor drei Jahren jedes Jahr ein Schauspiel-Seminar in Italien besucht. Zusammen mit ihrer Lehrerin Geraldine Baron hat sie dort ihr "Method"-Training intensiviert – ein Training, das Lee Strasberg entwickelt hat. Es ist eine Schauspiel-Methode, die den Schauspielern einen konkreten Weg zeigt, jedes Gefühl auch unter noch so schwierigen Bedingungen verlässlich hervorzurufen. www.spiel-kind.com

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