April 2013 / Stella Schiffczyk / Grafikerin & Schmuckgestalterin / Berlin-Wilmersdorf

Coco Berliner - Stella Schiffczyk - 1

Du bist in Berlin geboren und aufgewachsen?
Ja, im sympathisch, hoffentlich niemals gentrifizierten Wilmersdorf. Ich mag hier, dass alles so unaufgeregt ist. Die meisten Geschäfte gibt es hier seit Urzeiten, und dann werde ich an der nächsten Ecke von einem Kleinod überrascht, dass ich dort niemals erwartet hätte, wie zum Beispiel das Schoeler-Schlösschen.

Hast du einen Lieblingsplatz in Berlin? Wenn ja wo?
Ich mag leider die überlaufenen Touri-Gegenden sehr. Ich bin im Sommer gerne im YAAM – der tollsten Strandbar überhaupt, der es jetzt leider sehr an den Kragen geht. Ich sitze gerne im Schleusenkrug und esse glückliches Schnitzel. Dann gehe ich gerne ins Fürst & Iven Literaturcafé. Mir gefällt die stille Einrichtung, die Verbindung zum Buchladen nebenan und die weltbeste Quiche. Die Atmosphäre ist wunderschön – unterstützt durch ästhetische Fotoserien und zurückhaltende Musik.

Wie hat sich dein kreatives Potential in deiner Kindheit und Jugend gezeigt?
Ich war leider eine katastrophale Schülerin – ich habe meine Note in Aufsätzen gerettet, da ich falschen Inhalt mit kreativem Schreiben vertuscht habe. Ich war gerne in AGs, bin aber trotz halbjährlicher Versetzungsgefahr immer gerne zur Schule gegangen.
Meine Eltern sind mit mir, seit ich denken kann, in Museen gegangen und haben sich dabei so geschickt angestellt, dass ich die Kulturbesuche nie langweilig oder uninteressant fand, sondern ganz normal und wunderte mich immer, das andere Kinder bestimmte Künstler nicht kannten oder Übergeben simulierten. Dadurch, dass meine beiden Eltern Architekten sind, habe ich immer ein Selbstverständnis für kreatives Denken gehabt.

Was ist dir wichtig?
Mir ist wichtig, dass alle Dinge, die ich tue, einen Sinn haben. Ich möchte meine Arbeiten, egal ob es ein Logo-Entwurf oder ein Ehering ist, logisch durchdacht finden und so auf alle diesbezüglichen Fragen eine Antwort haben. Ich arbeite generell minimalistisch, und gerade in dieser Reduziertheit kommt es darauf an, viel mit wenig kommunizieren zu können. Ich möchte nicht mit Fachtermini eine Designblase aufpumpen, die später in sich zusammensackt, sondern lieber meinen Prozess vermitteln und ihn greifbar machen. Ich neige dazu unprofessionell zu menscheln. Anfangs hat mir das große Probleme bereitet, da ich mich somit klein gemacht habe. Jetzt beginne ich mir dessen bewusst zu werden und positiv zu sehen. Ich möchte keinem etwas vormachen – es reicht, wenn ich mir naiv mein Ladenprojekt VEITH YÄGER zutraue.

Du trägst so viel Kreativität in dir, dass du dich nicht auf ein Feld beschränken kannst. Du hast einen eigenen Laden, den du ganz alleine eingerichtet hast. Du verkaufst dort deinen selbst hergestellten Schmuck, entwirfst als Grafikdesignerin Logos u.a. fär deine Kunden, stellst deine täglichen Zeichnungen aus und bietest in der zweiten Etage Co-Working-Arbeitsplätze für andere Kreative an. Hast du eine Philosophie, die dahintersteckt?
In einem regulären Arbeitsverhältnis wäre ich verloren, weil ich viele Interessen habe, die an keinem Ort kombinierbar sind, so war mein Ladenatelier die Konsequenz daraus. Hier kann ich anbieten, was ich kann und vor allem gerne mache. Ich möchte gerne auf Menschen eingehen können und suche dafür den direkten Kontakt – daher habe ich auch keinen Onlineshop oder Ähnliches.
Ich möchte gerne meine Ideen verwirklichen und anderen die Möglichkeit geben, auch ihre Ideen umzusetzen. VEITH YÄGER soll ein Ort der Begegnungen, des Austauschs und der Kreativität sein.

Was verbindest du mit deinen täglichen Zeichnungen?
Zwischendurch setze ich mich gerne eine Stunde hin und mache eine kleine Aquarellzeichnung. Das Thema ist häufig ganz banal – irgendetwas, das mich an diesem Tag beschäftigt hat. Einmal war ich mit meiner Mutter auf dem Winterfeldmarkt, wo es die besten Maultaschen der Stadt gibt. Mit uns stand eine Mutter mit einem Kinderwagen mit drei Kindern am Marktstand. Alle drei rissen die Mäuler auf und wurden der Reihe nach mit Maultaschen gefüttert. Gleichzeitig telefonierte die Mutter, das Handy zwischen Kopf und Schulter geklemmt: Muttitasking! Ein tolles Motiv.

Was denkst du, welches kreative Metier dich in zehn Jahren reizt auszuprobieren? Was kannst du dir vorstellen?
Mich interessiert das Schleifen von Steinen – ich würde mir gerne selbst die Steine für meine Schmuckstücke zurechtschleifen können. Ich würde auch gerne einmal ein Praktikum in einer Glasbläserei machen.

Das klingt nach grenzenloses Kreativität. Alles ist möglich. Das bringt mich auf eine Aussage von dir.
Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass du es magst alleine loszuziehen, um frei für Neues zu sein? Erzähl uns von solch einer Episode!

Ich war 2010 alleine in New York und wollte dort gerne auf ein Konzert gehen. Ich fragte in meinem Hostel, wo ich denn Konzertkarten bekommen könnte. Frederico, der Mann am Empfang, sagte, man bekäme die Tickets in den jeweiligen Konzerthallen, wo ich denn hin wolle. Zu "Muse" im "Madison Square Garden". Er lachte: "It's sold out for month."
Eine Stunde vor Konzertbeginn fragte ich vor Ort einen offensichtlich wartenden älteren Herren. "Are you crazy?!" Das Verkaufen von Tickets sei absolut illegal. Das machte die Sache natürlich etwas komplizierter. Hinter mir hörte ich einen Deal ablaufen – "You saved my night" –, und nun hatte er kein Ticket mehr. Er sagte, da wäre ein Mädchen mit Blumenstrauß, die noch Restkarten habe – sie war mit den Karten verschwunden.
Dann hörte ich eine Diskussion, es war von einer Bezahlung von 50 Dollar die Rede. Ich mischte mich mit ein und hatte Glück, dass mein Konkurrent gerade zu vorlaut geworden war. Wir stellten uns in eine dubiose Einfahrt. Ich fragte, ob 50 Dollar ihr Ernst sei, da der reguläre Ticketpreis 130 Dollar waren. Sie seien absolut sicher. Gerade fischte ich mein Portemonnaie heraus, sagte der eine: "You know what?! I don't wanna have your money anymore." Er reichte mir das Ticket. Ok, klar ein Fake-Ticket.
"Come on, join us!" Jesse und Eddy klemmten sich unter und wir gingen zusammen zum Eingang. Ein Vierquadratmeter-Security stand am Einlasskreuz und scannte mein Ticket: "Enjoy!" Unglaublich! Ich folgte den beiden zu unseren Plätzen in Reihe VIER. Unglaublich! Nach dem unfassbar genialen Konzert fragte ich die beiden endlich, wie es dazu kommt, dass sie Konzerttickets verschenken. Sie erzählten mir, dass ursprünglich noch ihr Kumpel Paul dabei war. Er wollte unbedingt eine kiffen, bevor sie zum Konzert wollten, Jesse und Eddy rieten ihm, dass auf später zu verschieben. Paul hörte nicht auf die zwei, zündete sich seinen Joint an, als ihm ein Zivilpolizist auf die Schulter tippte. Er nahm ihn sofort fest. Paul konnte den beiden nur noch das Ticket zustecken.
Jesse und Eddy luden mich dann im Anschluss zu einer Houseparty in Queens ein. Dort sah es aus, wie es das Fernsehen schon immer versprochen hatte – durch die Haustür getreten, stand ich direkt im Wohnzimmer. Alle tranken aus roten Plastikbechern. Die Eltern des Gastgebers wollten am nächsten Tag dort einziehen – da würden sie wohl noch einmal komplett sanieren müssen. Durch den Raum guckte mich ein Typ grimmig an – ich reichte ihm die Hand. Er sagte: "I hate you!" Ich entgegnete lachend: "You must be Paul!"

Was für ein tolles Erlebnis. Also nicht nur du menschelst. Es gibt noch andere. Ich kenne auch welche.

Ich würde gerne diese positive Geschichte in einen größeren Kontext setzen: Was gefällt dir in der Welt, in der wir leben?

Es gibt kleine Bereiche, die mir sehr gefallen, die aber umso stärker gegen den negativen Rest zu kämpfen haben. Ich möchte nicht in Floskeln sprechen, doch internationale Kommunikation, die eine Bereicherung für uns sein sollte, – ich wandere jetzt mit meinen Gedanken von New York hin zu wirtschaftlichen Aspekten – wird auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen und bekommt so einen sehr faden Beigeschmack.
Durch meine Selbstständigkeit habe ich leider die Erfahrung machen müssen, dass die Wertschätzung für schöne Dinge verloren gegangen ist und alles verglichen wird: "Dort kriege ich das aber billiger." Liebevoll und vor allem fair gefertigte Dinge haben ihren Preis. Ich möchte mit meinem Lebensstil nicht auf Kosten anderer leben – seien es Dumpinglöhne oder Ausbeutung über unsere Grenzen hinaus.

Hat auf der anderen Seite nicht eine Kehrtwende bei zunehmend immer mehr Menschen eingesetzt, die wieder Wert auf fair gefertigte Produkte legen?
Das wird sich mit der Zeit zeigen, ob es ein Umdenken oder nur eine Mode "Back to basics" ist. Bei Nahrungsmitteln ist das ein eindeutiger Trend, doch bei Luxusgütern wie Mode und Schmuck traue ich mich keine Tendenz zu nennen.

Auf was achtest du, damit du nicht auf Kosten anderer lebst?
Ich kaufe größtenteils bio- und fair produzierte Nahrungsmittel ein. Ich bezahle auch bei Luxusgütern gerne mehr, wenn ich sicher sein kann, dass die am Herstellungsprozess Involvierten so ihren Anteil kriegen.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Stella Schiffczyk hat das Schmiedehandwerk bei "Coop Gold" (Aufbau-Haus am Moritzplatz) in Kursen für sich entdeckt. Sie arbeitete in der renommierten Berliner Bildgießerei Noack und lernte dort Abformtechniken, die sie in der Schmuckproduktion anwenden kann.
Ihren ersten eigenen Laden hat im Sommer 2012 eingeweiht. Sie liebt Musik. Es ist die Stimmung, die ein Lied auslöst, die sie inspiriert. Sie ist eine ausgesprochene Albumhörerin, braucht das Gesamte, um die ganze Geschichte eines Albums zu hören. Obendrein hat sie ein Faible für die Farben Neongelb und Anthrazit und mag – als Schmuckdesignerin gar nicht so abwegig – Hände. www.veith-yaeger.de

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