September 2012 / Vanessa Karré / Illustratorin/Zeichnerin / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner -  Vanessa Karré - 1

Welche Revolution hat dich in der Geschichte am meisten fasziniert und warum?
Erst mal lösen Revolutionen Angst in mir aus. Ich bin ein friedliebender Mensch, dem jede Form der Gewalt sehr unheimlich ist. Was ich der Revolution aber abgewinnen kann, ist die starke Kraft der Veränderung, die ihr innewohnt. Von ihr fühle ich mich angezogen.
Nehmen wir zum Beispiel den Surrealismus – eine Revolution, in dem Sinne, dass er die Wirklichkeitswahrnehmung seiner Zeit sehr stark und schnell verändert hat. Da waren Leute, die haben sich getraut oder fühlten die Notwendigkeit, ihre Welt mal anders zu sehen. Sie haben ihrer Wahrnehmung vom Zusammenspiel der Menschen, von Realität und Unwirklichkeit, von den Notwendigkeiten des Lebens einen unerschlossenen Raum zur Verfügung gestellt. Ich glaube, das geht nur, wenn man "das Alte" in großen Teilen ablehnt, weil man es als unzureichend oder schädlich begreift. In diesem freigewordenen Raum sind neue Ideen entstanden und neue Bilder. Diese Bilder sprechen mich sehr an, weil sie dem Unbegreifbaren, dem Unkalkulierbaren unserer Existenz einen hohen Stellenwert geben.

Bist du eher der Typ für Revolutionen oder genießt du bevorzugt die Ruhezeiten dazwischen?
Ich bevorzuge die Revolutionen und genieße die Ruhezeiten dazwischen.

Warum ist deiner Meinung nach das Visuelle so vordergründig in unserer Zeit. Und was macht das mit uns Menschen?
Ich glaube gar nicht, dass das Visuelle in unserer Zeit besonders vordergründig ist, obwohl ich das oft höre. Das wird gerne in Zusammenhang mit Werbung gebracht und ist negativ besetzt. Aber wenn man "das Visuelle" als über die Augen funktionierende Sinneswahrnehmung begreift, ist es zu unserer Zeit so vordergründig, wie zu jeder anderen.
Wir haben nicht zu viele Bilder. Wir haben zu wenige, zu einseitige, zu reglementierte. Man muss keine Angst vor Bildern haben und gegen mehr davon, gegen neue Bilder, gute Bilder ist nichts einzuwenden.

Als Illustratorin bist du ganz sicher ein sehr visueller Mensch: Immer mit den Augen aufmerksam die Umgebung abscannen und so viel wie möglich aufnehmen. Aber was siehst du alles, wenn deine Augen geschlossen sind? Entstehen da kleine Dalís vor deinem geistigen Auge?
Das ist aber eine lustige Frage. Klar bin ich ein visueller Mensch, aber sowas von. Ich hab zwei Augen, die gerne schauen. Aber schauen ist ja nicht die Umgebung abscannen und so viel wie möglich aufnehmen. Das klingt ja nach richtig anstrengender Arbeit. Meine Augen gucken von sich aus sehr gerne, und ich lass sie einfach machen, wozu sie da sind. Was ich sehe, wenn meine Augen geschlossen sind?
Ja, nix ... oder doch, jetzt wo du's sagst. Da springen immer so kleine Spanier mit Schnurrbart rum, hast du die auch?

... Bei mir unterhält sich Cary Grant immer mit Hitchcock in der U-Bahn.
Gehen wir über vom Sehen in die Kunst: Die Sparte der "dekorativen Kunst" nimmt immer mehr Raum ein im Kunstbetrieb. Was macht für dich "gute" Kunst aus?

Dekorative Kunst...
Der Begriff hat so etwas Oberflächliches, und wenn du sagst, dass die Sparte der dekorativen Kunst immer mehr Raum im Kunstbetrieb einnimmt, habe ich das Gefühl: Das magst du nicht. Ich müsste jetzt konkret sehen, welche Bilder du damit meinst, um zu wissen, welche davon ich auch nicht mag.

Ich mag Bilder, die sich mir auf den ersten Blick erschließen.
Ich mag solche, die auf den zweiten Blick ein paar Türen aufmachen,
und solche, die beim längeren Hinsehen meine Art des Sehens verändern.
Und solche, die sich mitverändern, wenn sich meine Art des Sehens geändert hat.
Und dann gibt's noch Bilder, die können das alles – die finde ich dann gut.

Gerade bin ich sehr beeindruckt von der Arbeit von Lou Beach.

Ganz deiner Meinung, ich mag die vier-stufigen auch am liebsten. Dekorative Bilder schließen für mich nur die erste Stufe ein: Sie lassen sich schnell erschließen.
Kann deiner Meinung nach Kunst Revolutionen lostreten?

Das ist eine sehr schöne Frage, aus der Sparte "dekorative Fragen"! Ja, meiner Meinung nach kann Kunst Revolutionen lostreten.

Ist Streetart eine Kunstform, die dir gefällt und wenn ja warum?
Ja, Streetart ist eine Lebensform, die mir gefällt. Leider wird sie von zu wenigen Leuten praktiziert. Wahrscheinlich aus den üblichen Gründen. Die Menschen wollen so wenig wie möglich von sich preisgeben, sind geizig mit ihren Bildern oder einfach zu faul und schwerfällig. So kann das nicht weitergehen.
Es müsste ein strenges Gesetz geben, dass jeden Bürger dazu verpflichtet, die Flächen der öffentlichen Räume zu gestalten. Für Totalverweigerer kann es nur die Höchststrafe geben, weiterhin auf dem Weg zur Arbeit nur die Bilder der anderen zu sehen.

Eine großartige Vorstellung. Viva la revolución!
Ist Banksy für dich ein Revolutionär?

Wer war nochmal Banksy?

Was gefällt dir an der Zeit, in der wir leben?
An unserer Zeit finde ich schön, dass man versucht, die Dinge möglichst zu vereinfachen.
Zum Beispiel, esse ich sehr gerne Kartoffeln. Die Kartoffel ist ein erstaunlich vielseitiges Lebensmittel, und es gibt unglaublich viele Sorten. In der Zeit, in der wir leben, mag man aber keinen Variantenreichtum. Klar, weil viel Verschiedenes immer auch gleich Unbestimmbarkeit und Unüberschaubarkeit beinhaltet. Man müsste sich entscheiden, und das nächste Mal schon wieder, evtl. mal eine neue Sorte ausprobieren. Das ist sehr unbequem, also einigt man sich auf wenige Sorten. Ich kann das nur befürworten. Lidl, zum Beispiel, ist da ein echtes Vorbild und macht nicht einmal mehr eine Unterscheidung zwischen festkochend und mehlig. Man möchte Kartoffeln und hat mit einem Griff das Produkt, das mit dem Wort "Kartoffel" gekennzeichnet ist. Keine Fragen, keine Antworten, ein Euro dreißig.

Auf der Documenta ist es auch so schön gelöst. Es gibt ein paar Sorten Kunst, und du gehst bequem von Regal zu Regal und schaust mal wieder nach der Kartoffel, dem Wein und dem Brot. Du darfst zwar nichts berühren, kannst dir dafür aber sicher sein, dass du auch nicht berührt wirst. Dir werden keine Fragen gestellt, oder nur solche, die du leicht beantworten kannst. Du fühlst dich wohl und angenehm versorgt. Und dabei schwingt immer so eine Grundangst mit, dass das so bequem und einfach nicht länger bleiben kann. Und die kribbelt so schön.

Es ist zwar schon alles Bio, aber irgendwo scheint's giftig zu brodeln. Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.
Find ich toll!

Vor zwei Jahren hat sich halb Deutschland mit Herzblut für den Erhalt einer einzelnen Kartoffel (die aroma-
tische "Linda") eingesetzt. Wie hast du dich als Kartoffel-Fan für die "Linda" ins Zeug gelegt? Und wie weit geht deine Kartoffelliebe?

Ich hab mich überhaupt nicht für Linda ins Zeug gelegt.
Mit der Kartoffeln geht's mir wie mit der Documenta. Sie geht mir am Arsch vorbei.
Ich mache Bilder.

Also ich liebe Kartoffeln, vor allem die mehligen, weil die meisten Leute sie nicht mögen. Eine Art Trotzreaktion – die Vorstufe einer Revolution!? Zurück zu deinen Bilder, wie weißt du, wenn für dich eine Arbeit (z.B. Illustration) fertig ist, das nichts mehr fehlt?
Manchmal löst ein Bild das eindeutige Gefühl aus, dass es gut ist. Dann ist es fertig. Andere Bilder lassen mich nicht los, dann muss ich sie entweder in Ruhe lassen und zu einer anderen Zeit zu Ende bringen, oder aber ich schließe sie ab und muss mit dem Gefühl leben, dass sie nicht fertig sind. Beides ist extrem unangenehm.
Ich mag es sehr gerne, wenn sich Bilder sträuben und meiner Kontrolle entziehen.

Da erzähle ich dir vielleicht noch was zum Thema "geistiges Auge". Weil du das vorher angesprochen hast.

Es gibt ja sehr viele Arten zu sehen, und sehr viele Arten auf das Gesehene mit seinem Bild zu reagieren. Jetzt mal angenommen, ich habe eine Idee für ein Bild. Dann entscheide ich mich ja, ein Bild zu machen, dass in meinem Kopf entsteht (selbstverständlich mit den Bildern, die ich bis jetzt mit meinen Körperaugen gesammelt habe). Ich versuche, die mit dem geistigen Auge erfasste Vorstellung aufs Papier zu bringen. Je öfter man das übt, desto besser gelingt es. Friede, Freude, alles gut.

Manchmal passiert aber während des Übertragens auf Papier, dass die Hand dem Vorhaben nicht gewachsen ist. Quasi ein Fehler. Oder die geistigen Augen sind gut druf und schießen lauter spontane Schnappschüsse dazwischen, so dass die Hand, ein gutmütiges Werkzeug, schon gar nicht mehr nachkommt mit umgelenkt werden. Dann entsteht eine Korrespondenz zwischen den geistigen Augen und denen, die sich nach Außen richten. Die sind sehr vertraut miteinander und deshalb nicht besonders höflich.
Es gibt einen heftigen Streit, und ich sitze dazwischen und warte mal ab, wer gewinnt, damit ich weiß, was ich jetzt tun soll. Anschließend füttere ich entweder meinen Papierkorb, oder aber ich nehme das neu entstandene an. Das bisher Ungesehene, das Ungeplante. Alle meine Augen bedanken sich, und gucken, und wir machen alle zusammen erstmal unsere Arbeit und sehen dann später, was daraus geworden ist. Sich selbst beim Zeichnen zuzusehen, ist ein sehr befriedigendes Erlebnis.

Ich finde es höchst seltsam, dass so viele Leute selten oder gar nicht zeichnen, nur weil sich ihre äußeren Augen nicht mit ihren Inneren vertragen. Es löst ein richtig unangenehmes Gefühl in ihnen aus, als ginge es um etwas wirklich Wichtiges. Dabei sind es doch nur Striche auf Papier.

Wie würdest du dich selbst als private Person beschreiben?
Überhaupt nicht. Die Unterscheidung zwischen privater Person und beruflicher Person (sagt man das so?) ist für mich sehr synthetisch. Das ist so, wie sein Leben in Kindheit und Erwachsenenalter einteilen, als wäre man als Kind ein anderer Mensch gewesen.

Welche treuen Begleiter hast du im Alltag? (z.B. Familie, Freunde, Gegenstände, Rituale)
Ich hatte mal einen Hund, aber der ist schon lange tot.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Vanessa Karré ist in Österreich geboren und aufgewachsen. Ihr Grafik-Studium schließt sie an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien 1994 ab. Nach einer Zwischenstation in Köln, ist Berlin seit 1997 ihr Lebensmittelpunkt. Hier arbeitet sie als freie Illustratorin, Zeichnerin und Malerin. Ihre Kunstwerke sind u.a. in Kinderbüchern, auf Cd-Hüllen, Leinwänden und Wänden von Bars und Studios verewigt. Zusammen mit ihrem Bruder betreibt sie das NIMH-Labor, eine Produktionsfirma, die auch bewegte Bilder realisiert. www.vanessa-karre.com

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