November 2012 / Culinary Misfits / Designerinnen / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Culinary Misfits - 1

Was waren eure Lieblingsessen als ihr Kind ward, und was esst ihr heute am liebsten?
Lea: Papas Kartoffelpuffer mit Äpfeln aus dem Garten oder die ausgefallenen Suppen meiner Mama. Heute liebe ich Salate, aber auch Deftiges!
Tanja: Als Kind habe ich die Lasagne meiner Mutter über alles geliebt und konnte zudem nie genug bekommen von Königsberger Klopsen. Heute ernähre ich mich hauptsächlich vegetarisch. Am liebsten sind mir frische Salate, aber auch Asiatisches.

Welchen Stellenwert hat Essen für euch?
Lea: Essen kommt gleich hinter der Familie, also einen ziemlich großen Stellenwert. ;)
Dabei kann der Falafel auf der Straße genauso erlebnisreich sein wie ein Fünf-Gänge-Menü.
Tanja: Einen sehr hohen natürlich. Essen ist für mich nicht nur satt werden, sondern leben und vor allem genießen. Dabei fasziniert mich auch der soziale Aspekt. Beim Essen kommen sich die Menschen seit jeher näher, selbst über unterschiedlichste Kulturkreise hinweg.

Wie habt ihr euch gefunden?
Lea: Tanja und ich kannten uns beiläufig in der Berliner "Design-Szene". Erst das Thema nachhaltige Esskultur hat uns dann von einem Tag auf den anderen zusammengebracht.

Mit eurem Projekt "Culinary Misfits" gebt ihr dreibeinigen Möhren oder Kartoffeln mit zwei Nasen auch eine Chance, auf dem Mittagstisch zu landen. Ihr zaubert aus dem krummen Gemüse kulinarische Köstlichkeiten. Was waren die eindrücklichsten Reaktionen von Kunden für euch?
Lea: Die meisten BesucherInnen sind begeistert und sehen, wie wir, kleine sympathische Charaktere in den Misfits. Der ein oder andere kannte unser krummes Gemüse vom eigenen Balkon und Garten oder die etwas ältere Herrschaft noch von "früher".
Tanja: Am meisten freut es mich, wenn ich Leute nach einer Aktion wiedersehe, und sie mir erzählen, dass ihre Kinder nun nur noch Misfits essen wollen und beim Einkaufen Ausschau danach halten. Eindrücklich ist aber auch, wenn Kunden fragen, ob das "normal" ist oder wir die Misfits manipuliert bzw. geschnitzt oder eingefärbt haben, wie es bei den blauen Kartoffeln manchmal der Fall ist. Dann wissen wir, es gibt noch sehr viel zu tun!

Mit eurer Idee setzt ihr ein Statement für eine nachhaltige Esskultur. Wie definiert ihr für euch "nachhaltige Esskultur"?
Lea: Wir wollen unsere Lebensmittel ganzheitlich betrachten. Das fängt bei der Herkunft und Auswahl der Lebensmittel an (bio, regional/saisonal), geht über die Art des Speisens bis hin zu den Materialien, die wir nutzen. Nachhaltige Esskultur verstehen wir als gutes gesundes Essen, das bewusst mit Ressourcen umgeht.

Wofür liebt ihr euren Job?
Lea: Ich habe meine zeitweise verloren gegangene Motivation als Designerin wiederentdeckt. Denn: Ich habe eine so wichtige und komplexe Herausforderung gefunden, die Misfits. Nun wechseln sich glücklicherweise Arbeit vorm Rechner mit dem Spaten oder dem Kochlöffel ab.
Tanja: Ich bin unendlich dankbar dafür, meinen Designberuf so nah am Menschen und an der Natur ausüben zu dürfen. Dies gepaart mit guten kulinarischen Genüssen ... Was kann es besseres geben?

Habt ihr Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner schon von eurem Projekt erzählt? Inwieweit setzt ihr euch politisch für die Gemüse-Misfits ein?
Lea: Wir können gerne für Frau Aigner mal ein Catering gestalten! Wir sind natürlich politisch, aber eher subtil. Jede Entscheidung für ein Produkt ist auch ein Stück weit Politik. Wir sehen uns aber beide nicht als radikale Foodaktivisten. Die politische Botschaft ist Selbstverständnis, wird aber nicht zu sehr in den Vordergrund getragen. Ein Zeigefinger zu viel kann ganz schnell erdrücken.

Wann habt ihr das erste Mal die konventionelle Lebensmittelindustrie in Frage gestellt?
Lea: Bei mir kam das peu è peu: angefangen damit, dass ich als Kleinkind schon vegetarisch gelebt habe, mich als Jugendliche zeitweise gegen Eier entschieden habe und heute weder rein vegetarisch noch vegan lebe, sondern mich einfach intensiv dafür interessiere, woher meine Lebensmittel auf den Teller kommen.Gute Qualität war eigentlich immer wichtig, aber zeitweise war die Frage der Herkunft und Produktionsart traurigerweise nicht immer Priorität beim Blick ins Portemonnaie. Ich glaube, das Bewusstsein für Bio-Lebensmittel kam mit dem gleichen kritischen Hinterfragen wie unsere Alltagsprodukte entstehen.
Tanja: Ein einschlägiges Erlebnis für mich war, als ich damals zu Zeiten des BSE Skandals, Ende der 90er, durch England gereist bin. Meine bis dato eher ungetrübte Vorstellung von LEBENSmitteln war damit erstmal zerstört. Trotzdem hat es noch einige Jahre gedauert und einige Umwege gebraucht, bis ich mich dem Thema richtig verschrieben habe. Wie bei Lea auch, gibt es hier Parallelen zur Produktwelt, der wir beide als Gestalter seit Jahren kritisch gegenüberstehen.

Stellt euch vor, ihr könntet die Lebensmittelindustrie nach eurem Belieben beeinflussen. Welche Praxis würdet ihr ändern wollen?
Lea: Auf jeden Fall wären Distributions-Konzepte wie CSA (Community-supported agriculture) ein Vorbild. Damit übernimmt jeder Verbraucher nach dem Prinzip einer solidarischen Landwirtschaft eine Abnahmegarantie der Ernte. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass es nicht mehr möglich wäre, so viel Mist auf den Markt zu bringen. Einfache, gute Produkte müssten die Produkte verdrängen, die versuchen, einem Bild zu entsprechen, das gar nicht existiert. Die pralle Tomatenkugel aus dem Gewächshaus im tiefsten Winter kann überhaupt nicht schmecken. Genauso wenig wie ein Joghurt, der rundum schön und schlank machen soll, aber viel Süßstoff und Zusatzstoffe beinhaltet.
Tanja: In meiner Idealvorstellung würden Lebensmittel wieder FÜR den Menschen gemacht werden und nicht des Geldverdienens wegen. Lebensmittel aus dem Labor werden abgeschafft, so auch die absurden Normen, der die Natur heute entsprechen muss.

Ihr habt gerade eine Crowdfunding-Aktion laufen, bei der ihr um Geld-Spenden bittet, damit ihr euren ersten Laden eröffnen könnt. Ich drücke euch die Daumen, dass ihr die 15.000 Euro zusammen bekommt. Wie sieht die übernächste Stufe aus? Träumt ihr heute schon von einem Misfits-Restaurant?
Lea: Auf jeden Fall gehen unsere Träume auch über den Laden hinaus. Dennoch ist es uns wichtig, dass eine Sache erst einmal gut angenommen wird, bevor wir größenwahnsinnig werden. Die Misfits lassen auf jeden Fall jede Menge Spielraum für weitere spannende Visionen. Aber jetzt heißt es erst einmal: Unterstützt uns beim Crowdfunding! (Anm. d. Red.: Unterstützen könnt ihr hier: www.startnext.de/culinarymisfits; noch bis zum 14.12.2012!)
Tanja: Genau! Wir haben zwar viele tolle Ideen, aber jetzt möchten wir uns erstmal voll und ganz dem Traum vom eigenen kleinen Laden widmen.

Wenn ihr nicht gerade für "Culinary Misfits" aktiv seid, welche anderen Dinge, Personen oder Projekte zaubern euch pure Lebensfreude ins Gesicht?
Lea: Meine Tochter, mein Mann und viel Zeit miteinander sind für mich das größte Glück, so kitschig das auch klingen mag. Und ich liebe Reisen.
Tanja: Ich liebe mein Leben hier in dieser Stadt und all die wunderbaren Menschen darin. Allem voran mein toller Mann natürlich. Dazu eine gute Prise Kulinarisches, Musik, Tanzen und Reisen – und Zeit natürlich – das ist pure Lebensfreude!

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Lea Brumsack und Tanja Krakowski sind begeisterte Wahlberlinerinnen. Lea hat an der Universität der Künste in Berlin und Tanja an der FH Potsdam Produktdesign studiert. Ihr atypisches Gemüse bekommen sie von zwei Biohöfen aus dem Umland. Sie kaufen es den Bauern zu einem fairen Preis ab. Angefangen hat alles mit einem mobilen Straßenaktion für Misfits-Gemüse. Mittlerweile sind sie mit ihrem Aktions-Marktstand auf vielen Wochenmärkten unterwegs gewesen. Heute kommen auch zahlreiche Catering-Aufträge von Unternehmen, Instituten und Messen dazu. www.culinarymisfits.de

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