Mai 2012 / René Post / Maskenbildner / Berlin-Prenzlauer Berg

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Was war der letzte Kinofilm, den du gesehen hast, in dem dich Make-Up und Frisuren total beeindruckt haben?
Zuletzt hab ich den Film "Spieglein, Spieglein" mit Julia Roberts gesehen. Ein Märchenfilm. Aber gerade dort kann man mal ausgefallene und übertriebene Make-up und Frisuren sehen. Perfekt gemacht wie meist in Hollywood. Aber ich entdecke auch immer Dinge, die ich selbst anders umsetzen würde.

An welchen kleinen Dingen kannst du dich erfreuen?
Momentan natürlich am Frühling, wo es endlich wieder überall grünt und blüht... oder auch an höflichen Mitmenschen, die einen an der Kasse noch einen schönen Abend wünschen... oder an Leuten in der S-Bahn, die Älteren einen Sitzplatz anbieten. Wenn die S-Bahn dann auch regelmäßig fährt, freue ich mich umso mehr...

Wie würdest du den kreativen Part deiner Arbeit beschreiben?
Meist am Abend erstelle ich Make-up und Frisur für die Solisten oder auch Chorsänger. Dazu natürlich Masken, Körperteile, Perücken, Verletzungen, Puppen oder andere merkwürdige Dinge, die man für die Bühne so braucht. Das ist der Part, den ich selbst bestimmen kann und natürlich auch verantworten muss. Es ist ja meist vorgegeben, wie das Resultat aussehen soll. Ich kann entscheiden, welche Materialien ich verwende und wie ich am effektivsten zum Ergebnis komme. Dem Sänger mit dunkler Hautfarbe in der Oper "Salome" kann ich schon mal Dreadlocks verpassen, auch wenn die Sänger mit heller Hautfarbe in der Rolle sonst eine schlichte braune Langhaar-Perücke bekommen. Da gibt es an einem großen Haus wie der Staatsoper schon Spielräume. Außerdem habe ich einen sehr toleranten Chef und tolle Kollegen, mit denen ich mich austauschen und beraten kann.

Wofür liebst du deinen Job besonders?
Es ist ja ein internationales Haus, an dem ich arbeite. So durfte ich schon viele interessante Regisseure, Bühnenbildner, Sänger und Tänzer aus der ganzen Welt kennenlernen. Ich mag auch den abwechslungsreichen Spielplan und liebe die klassische Musik, und da gibt es nun genug zu hören oder auch immer wieder neu zu entdecken.

Was für Rüstzeug sollte man für den Beruf des Maskenbildners mitbringen?
Mit einer Friseur-Ausbildung vorab ist es etwas leichter, denn zu 60 Prozent hat der Beruf etwas mit Haaren, Frisuren bzw. Perücken zu tun. Es ist keine Bedingung mehr, weil man sich natürlich auch auf andere Dinge wie Spezialeffekte konzentrieren kann. Es ist sehr umfassend, um "in Allem", was gefordert wird, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Vielleicht braucht der Maskenbildner zukünftig vorab mehr Computerkenntnisse, weil vieles heutzutage digitalisiert umgesetzt wird. Zum Beispiel kann ich anhand digitalisierter Fotos Maß am Sänger nehmen, ohne mühselige und langwierige Gipsabdrücke. So kann ich die Masken und Perücken schon maßgerecht – bevor der Sänger im Haus ist – anfertigen.

Hast du als Maskenbildner auch einen Faible fürs Dekorieren? Wenn ja wie lebst du ihn aus?
Ich dekoriere sehr gerne. Meistens nur in meiner Wohnung. Weihnachten und Ostern sind feste Dekorationstermine bei mir. Halloween ist auch immer ein Anlass.

Du übst seit 17 Jahren deinen Beruf aus? Was hat sich im Laufe der Zeit in deiner Arbeit verändert? Und was denkst du wieso?
Es hat sich an der eigentlichen Arbeit in dieser Zeit nicht viel verändert. Es gibt – wie überall – immer wieder neue Techniken und Materialien, d.h. unsere Arbeiten werden versierter und anspruchsvoller. Nur leider wächst mit der zunehmenden Professionalität nicht die Anerkennung unseres Berufes. Ich meine, oft ist unsere Arbeit ja richtig gut, wenn sie nicht auffällt. Es soll ja beispielsweise gar nicht erkannt werden, dass der Sänger eine Perücke trägt. Selbst viele Leute an der Oper wissen gar nicht genau, was wir Maskenbildner dort immer machen. So wird es oft wenig gewürdigt und entsprechend schlecht honoriert. Für mich ging aber ein Traum in Erfüllung, an einem so großen Haus wie der Staatsoper zu arbeiten. Mit einem festen Gehalt und außerdem auch manchmal auf Gastspiel-Reisen in der Welt herumzukommen. Die "goldenen Zeiten" sind etwas vorüber. So wird es auch immer schwieriger, gut ausgebildeten Nachwuchs zu gewinnen, der unter den jetzigen Bedingungen für wenig Geld mit vielen Einschränkungen bereit ist sich zu engagieren.

Du arbeitest schon immer an der Berliner Staatsoper. Ich vermute, da bleibt es nicht aus, dass man eine besondere Liebe zu Opern entwickelt. Welchen Stellenwert haben sie bei dir? Und wenn du sie magst, was ist das Besondere, was dir gefällt?
Ganz ohne die Liebe zur Oper bzw. klassischen Musik wäre ich wahrscheinlich gar nicht hier. Mit zehn Jahren habe ich mich schon dafür interessiert, obwohl ich aus keinem musikalischen oder künstlerischen Elternhaus komme. Doch durch die Schule und den Sohn meiner Tante, der im Orchester der Staatsoper spielt, habe ich dann erste Erfahrungen mit Oper und Ballett gesammelt. So wollte ich schon gerne als Kind in der tollen Staatsoper arbeiten. Aber ich wusste nicht, was ich denn da ohne besondere musikalische Talente machen könnte. Nun habe ich allabendlich die Möglichkeit, so viele verschiedene Sachen live zu hören. Es klingt auch immer anders. Auch wenn ich nicht alles mag, kann ich doch Kraft und Energie aus der Musik schöpfen. Die Aufführungen sind vielschichtig, und mir wird nie langweilig, da ich immer wieder Neues entdecken kann.

Was würdest du tun, wenn du nichts mehr verdienen müsstest?
Was für eine schöne Vorstellung! Ich würde viel reisen. Ich würde mir in aller Welt Aufführungen anschauen. Etwas gesünder und regelmäßiger meinen Lebenslauf gestalten. Bilder malen, auch wenn ich gar nicht talentiert bin. Aufschreiben, was ich alles erlebt habe. Und mehr Zeit mit Familie und Freunde verbringen und mögliche Hilfe anbieten.

Du bist in Woltersdorf aufgewachsen, einem kleinen grünen Ort mit vielen Seen rundherum am östlichen Stadtrand von Berlin. Was bedeutet dir Natur? Hast du gar einen grünen Daumen?
Woltersdorf war für mich ein paradiesischer Ort zum Aufwachsen. Je älter ich werde desto mehr wird mir auch die Natur immer wichtiger. Ich bin jetzt sehr gerne dort. Mit 20 wollte ich nur weg in die "große" Stadt und etwas erleben. Einen kleinen grünen Daumen habe ich schon. Das lässt sich im Moment nur auf meinen kleinen – in den warmen Monaten immer begrünten – Balkon ausleben. Für einen ganzen Garten reicht die Zeit nicht. Doch vielleicht später einmal. Ständig auf dem Dorf mit Haus und Garten zu leben, kann ich mir noch nicht vorstellen.

Welche Orte in Berlin sind dir wichtig und warum?
Meine kleine Stammkneipe "Stiller Don" bei mir um die Ecke. Dort kann ich Freunde und Bekannte treffen. Bei schönem Wetter bin ich gerne draußen, z.B. auf der Museumsinsel. Sie liegt direkt auf meinem Arbeitsweg. Ich mag die historischen Gebäude ganz nah an der Spree. Besonders im Sommer sitze ich dort gerne und schau mir die Leute an. Es sind vorwiegend Touristen dort. So hat es ein wenig von Urlaubsatmosphäre in der eigenen Stadt für mich.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

René Post wollte nach der Schule Theaterwissenschaft oder Dramaturgie studieren. Seine Karriere gestartet hat er dann aber mit einer Friseur-Ausbildung. Nach erfolgreicher Prüfung sollte es zum Studiengang Maskenbild nach Dresden gehen. Dafür brauchte er mindestens ein Praktikum am Theater oder Opernhaus. Die Staatsoper Berlin war von ihm als Praktikanten so begeistert, dass sie ihn gleich dabehielten und bis heute – nach 17 Jahren – nicht losgelassen haben. Besonders hervorstechend ist seine Akkuratesse, die er bei seiner Arbeit an den Tag legt. Die Dinge müssen immer perfekt sein und dafür nimmt er sich dann auch seine Zeit. Hingeschluderte Haarschnitte oder pseudokreatives Zeug sind ihm ein Graus.

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