März 2012 / Hallo Berlin / Illustratorinnen / Berlin-Friedrichshain

Coco Berliner - Hallo Berlin - 1

Wo sind eure Lieblingsplätze in Berlin und warum?
Sabrina: Oh, Berlin ist ja sehr turbulent, daher fahre ich eigentlich gern aus Berlin heraus. Auf der Havel kann man wunderbar Kanu fahren.
Jana: Wenn ich nicht gerade arbeite, gehe ich oft raus ins Grüne, z.B. Plänterwald. Ich schaue mir dort gerne die umgestoßenen Dinosaurier an und genieße den Blick aufs Wasser.

Was war euer allererster Berufswunsch?
Sabrina: In die Poesiealben, die in der Schule so rumgingen, habe ich bei der Frage immer Lehrerin hingeschrieben. Meine Grundschullehrerin fand ich nämlich unheimlich nett.
Jana: Als kleines Kind wollte ich Fallschirmspringer werden, wieso weiß ich nicht mehr. Und auch Flughafendirektor... als Kind hatte ich die irrtümliche Vorstellung, dass man dann viel Reisen kann.

Was gab es für Begebenheiten in eurem Leben, die euch jeweils zu einem kreativen Beruf geführt haben?
Sabrina: Ich habe nach dem Abitur eine Lehre zum Keramiker mit der Fachrichtung Dekoration gemacht. Ein Exotenberuf, wie ihn das Arbeitsamt bezeichnete und meine Mitschüler sagten damals: 'Ach echt, das ist ein Beruf?' Als zweites auf meiner Liste stand Goldschmied. Studieren wollte ich damals auf keinen Fall. Und auch bloß nichts mit Computer.
Jana: Als ich beim zweiten Anlauf an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee angenommen wurde, ging für mich ein großer Traum in Erfüllung! Das war für mich die Bestätigung, dass im kreativen Bereich meine Zukunft liegt, und so ist es auch geblieben. Etwas anderes zu werden, konnte ich mir damals nicht vorstellen.

Was fasziniert euch?
Sabrina: Mich faszinieren clevere schlichte Dinge. Reduced to the max. Das trifft auf Produkte oder auf Mode und auch auf Grafikdesign zu.
Jana: Mich fasziniert alles was aus dem Rahmen fällt. Dinge, die nicht reinpassen. Das trifft auch für Leute zu.

Was für Eigenschaften sollte man für den Beruf der Illustratorin mitbringen?
Sabrina: Puh, das muss Jana beantworten. Ich sehe mich nicht als Illustratorin, auch wenn ich hin und wieder illustrativ arbeite. Aber ich glaube jeder kann zeichnen, man muss es nur üben.
Jana: Ein dickes Fell und Durchhaltevermögen.

Warum habt ihr ein Buch über Berlin gemacht?
Sabrina: Unser erstes gemeinsames Projekt sollte ein Thema haben, das uns leicht fällt und uns großen Spielraum lässt. Warum nicht die Stadt nehmen, in der wir leben.
Jana: Ich habe mich schon vorher illustrativ und thematisch mit Berliner Alltagskultur auseinandergesetzt. Das Buch ist somit die Konsequenz meiner bisherigen Arbeit. Sozusagen eine gebündelte, sortierte Version von allen kleinen Projekten.

Vor dem Buchprojekt ward ihr jeder für sich kreativ tätig. Wie war es für euch als Team zu arbeiten? Was habt ihr gelernt?
Sabrina: Das Ping Pong-Spiel mit den Ideen fand ich als den besten Teil der Zusammenarbeit. Wenn man nur eine grobe Idee hat, sie dann konkretisiert und dabei Bilder im Kopf entstehen, ist das herrlich. Wir haben eine Doppelseite immer gemeinsam besprochen, und zwar bevor auch nur ein Strich gesetzt wurde. Oft hat Jana eine Idee für ein Motiv reingebracht, die mich wiederum zu einem anderen Bild inspirierte, das wiederum Jana aufgreifen konnte und so weiter. Wenn die Idee für die Seite richtig gut war, fielen uns sofort mehrere Dinge ein, und wir konnten dieses Ping Pong-Spiel ewig weiter treiben.
Jana: Ich habe schon länger nach einem Partner für ein Kreativprojekt gesucht und war froh, Sabrina gefunden zu haben. Teamarbeit finde ich prima. Vor allem den Austausch. Ich freue mich schon auf unser nächstes Projekt.

Was gefällt euch am besten an der Zeit, in der wir leben?
Sabrina: Mit gefällt, dass alles offen ist. Es ist, was du draus machst.
Jana: Hm. Frag mich noch mal in 20 Jahren.

Wann habt ihr eure kreativsten Phasen?
Sabrina: Hm, eigentlich habe ich morgens die produktivste Phase. Aber das muss nicht unbedingt die kreativste sein. Eine Idee kann auch schon mal in der U-Bahn oder an der Kasse kommen.
Jana: Wenn ich nichts zu tun habe. In der S-Bahn, wenn ich aus dem Fenster schaue oder beim Fahrradfahren.

Welche Berliner Orte oder Einrichtungen bräuchten dringend einen neuen Anstrich?
Sabrina: Puh, also ganz ehrlich gehören ramschige, trashige Orte zu Berlin dazu. Ich mag Orte im Umbruch wie das Stadtbad Wedding zum Beispiel. Ich denke, man sollte im öffentlichen Raum nicht allzu viel des Berliner Charmes gegen den Chic tauschen. Natürlich sind der Alexanderplatz oder das Kottbusser Tor nicht hübsch. Aber muss es das?
Jana: Mir wäre es viel lieber, manche Gebäude so zu erhalten, wie sie sind. Zu oft wird in Berlin die Geschichte eines Ortes wegsaniert. Oder einfach abgerissen; siehe der Palast der Republik.

Welche Werke anderer Künstler sind für euch unauslöschlich?
Sabrina: Ich finde die Epochen vom Impressionismus über den Expressionismus zum Kubismus sehr spannend. Genauso spannend finde ich das Produktdesign von Peter Behrens, die Gebäude von Frank Gehry, die Fotografien von Henry Cartier-Bresson, die Bilder von Yves Klein oder Jackson Pollock. Nicht zu vergessen Picasso natürlich. Oder Giacometti. Ich könnte noch mehr nennen, denn leider habe ich keinen Favoriten.
Jana: "Polke als Palme" von Sigmar Polke und "Ever Is Over All" von Pipilotti Rist.

Was habt ihr noch für Träume?
Sabrina: Ich würde gern meine Druckwerkstatt ausbauen. Und mehr reisen. Zu einem Haus am See würde ich auch nicht Nein sagen.
Jana: Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, um jedes Jahr mindestens ein neues Buch zu veröffentlichen. Nach dem Motte "Sag alles ab" (Tocotronic). Ideen hätte ich genug.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Die gebürtige Herforderin Sabrina Sundermann startete nach ihrem Studium Kommunikationsdesign und Typographie im klassischen Agenturbetrieb. Heute betreibt sie eine eigene kleine Druckwerkstatt in Berlin-Mitte. Ihr Lieblingsbuchstabe ist das große Q. Wenn die bekennende Buchstaben-Liebhaberin nicht gerade formschöne Botschaften auf Papier bringt, erwischt man sie in den momentanen Frühlingstagen beim Kauf ihrer Lieblingsblume, der lilafarbenen Zwiebelpracht "Allium".

Jana Muraitis dagegen genießt die längere Vorfreude: Ihre Favoriten sind die üppigen Pfingstrosen. Wie Sabrina Sundermann studierte sie Kommunikationsdesign. Zugezogen ist sie 1998 aus Pretoria/Südafrika. Als Absolventin hat sie sich mit ausgefallenen Bastelbögen ("King of Kebab" und "Berliner Tussen") nicht nur in ihrem Kiez Friedrichshain einen Namen gemacht.

Mit ihrer Vorliebe für Papierkunstwerke und Illustrationen haben die beiden Illustratorinnen im vergangenen Jahr den verrücktesten Reiseführer über Berlin realisiert: ein Buch voller Insider-Tipps, die von DIY-Kapiteln ergänzt werden. "Hallo Berlin" ersch. im Berlin Story Verlag, Preis: 7,80 Euro www.smallcaps-berlin.de und www.janamuraitis.de

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