Juni 2012 / Ute Lubosch / Schauspielerin / Berlin-Pankow

Coco Berliner - Ute Lubosch - 1

Wo bist du aufgewachsen, und was oder wer hat dich geprägt?
Ich glaube, dass ich das einzige Wunschkind meiner Mutter war. Meine vier Geschwister sind in den zweiten Weltkrieg hinein geboren. Das wünscht man sich eher nicht, vor allem, wenn der Erzeuger sich mehr auf dem Schlachtfeld aufhält, als bei Frau und Kindern. Dort ist er auch geblieben. Meine Geschwister waren zum Teil fast erwachsen, als mein Vater ihre Mutter zu den Weltfestspielen 1952 in Berlin kennen lernte. Ich kam dann 1953 in ihre Welt, und die lag in Erfurt. Mein Vater ist in Thüringen immer unglücklich gewesen. Ich auch! Seit 1976 bin ich eine Berlinerin! Mit Haut und Haaren, Leib und Seele, Mann und Maus...

Du bist mit 16 Jahren an die Schauspielschule gegangen. Was hat dich damals so fasziniert, dass du Schauspielerin werden wolltest? Und wie definierst du heute für dich die Schauspielerei?
"Die steinerne Blume" hieß das erste Theaterstück, das ich mit fünf Jahren im Erfurter Theater erleben durfte. Danach stand mein Berufswunsch fest! Auch wenn das damals noch niemand ernst nahm. Ich sollte Bauingenieurin werden, da das der Berufswunsch meiner Mutter war und in ihrer Biografie dafür kein Platz war. Mit 15 Jahren sprach ich in Leipzig an der Theaterhochschule vor und wurde aufgenommen. Mein Vertrauen in die eigene Persönlichkeit war so gering, dass ich die größte Erfüllung empfand, wenn ich fremden Charakteren durch mich ein Profil verleihen konnte. Heute ist das eher anders. Mein Selbstbewusstsein ist stabiler, und ich kenne die mir zur Verfügung stehenden Mittel ganz gut. Leider reicht das nicht immer. Ohne gute Geschichten sind auf der Bühne und beim Film keine Blumentöpfe zu gewinnen. Und gute Geschichten für ältere Damen sind rar.

Wie würdest du den roten Faden deiner Karriere beschreiben?
Bis 1989 ging meine Karriereleiter ziemlich kontinuierlich bergauf. In der neuen gemeinsamen Welt kommen die Arbeitsangebote spärlicher. Aber hungern muss ich nicht. Seit sechs Jahren verbringe ich z.B. meinen Sommer im schönen Mecklenburg und spiele dort im Freilufttheater. Das Publikum liebt unsere Müritz-Saga, und in jedem Jahr steigt die Fangemeinde. Die Vorstellungen beginnen am 29. Juni täglich außer Mo. u. Di. 19.30 Uhr. Die letzte ist am 1. September. Wer mehr wissen will, sollte www.mueritz-saga.de anklicken. Nach den Vorstellungen fahre ich in mein Häuschen im Grünen. Seit über 30 Jahren sammle ich dort Kraft. Die Mecklenburger Schweiz ist für mich der schönste Fleck in Deutschland; vielleicht sogar der ganzen Welt.

Was würdest du tun, wenn du nichts mehr verdienen müsstest?
Wenn ich kein Geld mehr verdienen müsste, würde ich mit meinem Mann noch ein paar schöne Reisen machen und noch mehr Zeit mit meinen Enkeln verbringen. Vielleicht hätten sie ja Lust, sich von uns die Welt zeigen zu lassen: Andalusien, Finnland, Island, Frankreich, Italien, China und was weiß ich...

An welchen Orten, Plätzen hängt dein Herz in Berlin und warum?
Ich habe Berlin schon immer geliebt! Auch das ach so graue Ostberlin! Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man woanders leben kann. Allerdings verlasse ich morgen (Anm.: Ende Mai 2012) meinen geliebten Kiez nach 35 Jahren und mache Platz für Zugereiste, die sich meine Wohnung ersteigerten und nun das Recht haben, dort hübsche Büros einzurichten. Aber mein Kiez ist schon lange nicht mehr mein Kiez, und da wo ich jetzt wohne, ist auch Berlin! Und wie! Außerdem bin ich mit dem Fahrrad in zehn Minuten in meiner Stammkneipe...

Welcher Kinofilm hat dich zuletzt berührt und warum?
Im Kino war ich schon lang nicht mehr! Keine Zeit! Das letzte mal zur Berlinale. Dort allerdings hole ich alles auf, was ich im Laufe eines Jahres nicht geschafft habe! In diesem Jahr gab es für mich, die sich mehr bei der Festivalsparte "Forum" herumtreibt, sogar bei den Wettbewerbsfilmen ein Muss: Bence Fliegauf – ein Regisseur aus Ungarn, der mir schon lange kein Unbekannter ist. Ich konnte ihm sogar selbst schon einmal den Preis der Berliner Zeitung als Jurymitglied, für seinen – glaube ich – ersten 90-Minuten-Film "Dealer" überreichen. Sein diesjähriger Film "Just the Wind" war ein Geheimtipp. Inspiriert hat ihn eine rechte Mordserie an Roma-Familien in Ungarn. Er zeigt eine Familie, die sich ständigem, alltäglichem Rassismus ausgeliefert sieht. Er zwingt den Zuschauer ihre Angst zu spüren. Man glaubt ihre Schweißperlen berühren zu können. Der Jury der Berlinale sei Dank! Er bekam den Silbernen Bären! Vielleicht hilft es ja, dass man den Film wenigstens hier und da mal im Kino sehen kann.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Ute Lubosch kommt 1953 in Erfurt auf die Welt und genießt ihre Kindheit in Jena. Als Schauspielerin liebt sie die Herausforderung und macht einen großen Bogen um Eintöniges. U.a. ist sie mit von der Partie in "Märkische Chronik", "Die Architekten", "Grüne Hochzeit" und "Einer trage des anderen Last". 2012 feiert sie ihr 40. Bühnenjubiläum und ist so vielseitig wie nie zuvor: Schauspielern im Freien und vor der Kamera, Regie führen hinter der Kamera, unterrichten an der Filmhochschule, Kurzgeschichten schreiben und Festivalfilme bewerten als Jurymitglied. Die wohlverdiente Entspannung findet sie immer wieder bei ihrem Lieblingsitaliener, der Osteria Donath in der Schwedter Str.

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