Februar 2012 / La Fraise Rouge / Schneider / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - La Fraise Rouge - 1

Was war früher euer Lieblingsspielzeug und warum?
Ariane: Mein Teddy, der hat so gut gerochen, aber eigentlich habe ich ihn immer nur überall mit hingeschleppt. Gespielt habe ich lieber mit Autos, davon hatte ich sehr viele, und wir hatten einen schönen langen Flur. :-) Später waren es dann die langhaarigen Barbie-Puppen, denen haben meine Schwester und ich dann immer hautenge Kleider aus Luftballons gebastelt.
Marcel: Ich habe eigentlich schon als Kind lieber gelesen. Dafür spiele ich heute gerne, am liebsten mit einer Kamera.

Was bekommt ihr gerne geschenkt?
Ariane: Auf jeden Fall etwas, was man verbrauchen kann, denn wir mögen es gerne leer in unserer Wohnung. Ich wünsche mir deshalb meistens einen Badezusatz.
Marcel: Ich bekomme wahnsinnig gerne Whisky geschenkt. Ist aber leider noch nie vorgekommen.

Wie entstand die Idee zum Label "la fraise rouge"?
Ariane: Die Namensfindung für unser Label war nicht einfach. Ich wollte natürlich gerne einen einfachen deutschen Namen, den sich jeder gut merken kann, oder sogar etwas Berlinerisches. Aber schon damals musste man ja schauen, ob zu dem erwählten Namen auch noch eine passende Domain frei war. Es war zum Verzweifeln. Da ich nach dem Abitur als Au-Pair eine Zeit lang in Paris gelebt habe, erinnerte ich mich plötzlich an eine Geschichte über Erdbeeren, die ich dort gehört hatte, und so kam es zu dem Namen “la fraise rouge”.

Es gibt eine große Konkurrenz an Labels, die selbstgenähte und farbenfrohe Kinderbekleidung und Accessoires produzieren. Gerade in Berlin. Wie gewinnt ihr euer Profil?
Ariane: Das stimmt, es gibt sehr viele Kreative in Berlin, und viele Kunden können manche Label kaum unterscheiden. Wenn sie etwas in Vichy Karo sehen, dann ist das für sie alles vom gleichen Hersteller. Aber jeder entwickelt ja so seinen eigenen Stil, und wir legen besonderen Wert auf eine sehr exakte Verarbeitung und ein harmonisches Gesamtbild. Die Auswahl der Stoff ist da ein großes Thema. Vieles wird nur eine Saison aufgelegt und dann ist es toll, wenn man das richtige Gespür hatte und sich mit genügend Material eingedeckt hat.
Marcel: Zudem möchten wir ein positives Gesamtpaket verkaufen – unsere Seite ist klar strukturiert & ansprechend gestaltet. Unser Geschäft ist nicht ganz so aufgeräumt, aber beide laden auf ihre Weise zum Verweilen ein.

Wo begegnen euch Ideen für eure Produktpalette? Was ist dabei die ungewöhnlichste Geschichte?
Ariane: Die Ideen kommen ganz von allein durch alles was ich sehe. Manchmal finde ich einen Stoff und denke dann, daraus könnte man ein bestimmtes Produkt machen, oder ich blättere durch eine Zeitschrift und bekomme irgendeinen Einfall.
Einmal wollte ich unserem Sohn kurz vor einer Tanten-Geburtstagsveranstaltung noch schnell ein Kuscheltier nähen. Da habe ich mir ein Stück Pappe gegriffen, eine Form aufgemalt und das Tier dann schnell aus einem alten Frotteehandtuch genäht. Es war von Anfang an perfekt (oft muss man ja mehrere Versuche machen, weil die Proportionen nicht stimmen). So war der erste Schesel (halb Schaf, halb Esel) geboren. Unser Sohn hat lange gefragt, wie ich es mache, dass aus einem Handtuch ein Schesel kommt. :-) Ich muss unbedingt mal wieder welche machen, denn die galoppieren immer so schnell aus dem Laden.

Welche Eigenschaften müssten für euch das perfekte Spielzeug vereinen?
Ariane: Ich denke alles kann das perfekte Spielzeug sein. Unser Sohn liebt es mit Dübeln oder Papierklebchen zu spielen, damit kann er sich stundenlang beschäftigen. Zusammen mit Masking Tape baut er sich dann Raumschiffe und hat einfach Spaß.
Marcel: Das perfekte Spielzeug ist möglichst vielseitig & offen. Es gibt dir nicht vor, was du mit ihm tust, sondern lässt dich erkunden, was dir Spaß macht.

Welches Handwerk bewundert ihr?
Ariane: Ich finde eigentlich jegliches Handwerk bewundernswert. Wäre es nicht toll, selbst ein Boot bauen zu können?
Marcel: Geht mir genauso – jeder, der mit seinen eigenen Händen etwas erschaffen kann, hat meine uneingeschränkte Bewunderung.

In welchem Bereich seid ihr völlig untalentiert?
Ariane: Schwierige Frage. Ich bin ziemlich untalentiert im Wegwerfen von noch brauchbaren Sachen. Da bin ich so ein Ressourcenschoner und hebe oft zu viele Dinge auf. Mit all diesen Dingen fällt es mir dann oft schwer Ordnung zu halten. Auch wenn ich die Ordnung bei weitem bevorzuge, schleicht sich immer wieder so ein kreatives Chaos ein.
Marcel: Ich kann leider überhaupt nicht malen oder zeichnen. Selbst meine Strichmännchen sehen irgendwie ... unglaubhaft aus. Außerdem bin ich völlig talentfrei, wenn es darum geht, ein Foto von mir machen zu lassen.

Was gefällt euch am besten an Berlin?
Ariane: Wir sind ja beide echte Berliner, und somit ist hier unsere Heimat mit allen Verwandten und Freunden. Berlin ist einfach wunderbar. Ich wüsste nicht, in welcher Stadt ich sonst wohnen wollen würde. Wenn es noch Berge und ein Meer geben würde, dann wäre es wohl nicht mehr auszuhalten.
Marcel: Mir würden die Berge reichen – sonst habe ich nicht viel zu meckern. Am liebsten mag ich die Mischung aus Weltstadt mit all den Angeboten an Kultur & Kunst und die manchmal schon fast dörfliche Atmosphäre im eigenen Kiez. Berlin ist wunderbar.

Was bewegt euch am meisten am aktuellen Zeitgeschehen und warum?
Ariane: Die Massentierhaltung. Das ist für mich ein sehr ernstes Thema. Ich kann es gar nicht fassen, wie sehr man da auf taube Ohren stößt. Es scheint einfach allen egal zu sein, was sie da essen, wie viele Medikamente in dem Fleisch enthalten sind, wie viel Leid verursacht wird und was für verheerende Folgen es für die Umwelt gibt. Darüber könnte ich jetzt noch sehr viel mehr schreiben, aber dafür ist das Interview wohl nicht lang genug.
Marcel: Bis auf Sport interessiert mich eigentlich fast alles. Ich habe Politik studiert, mit Schwerpunkt auf Rechtsextremismus, und da bietet das Tagesgeschehen ja im Moment leider eine Menge Material. Von Breivik in Norwegen, über die deutsche Terrorzelle, bis zu den jüngsten Entwicklungen der US-amerikanischen Rechtsextremisten-Szene hat man mehr zu lesen, als einem lieb sein kann.

Euer Markenzeichen, die Erdbeere, wird von Näherinnen in Bangladesh gefertigt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit, und wie wirkt sie sich auf die Menschen und ihre Lebensbedingungen aus? Und was wiederum löst diese Hilfe zur Selbsthilfe in euch aus?
Marcel: Die Zusammenarbeit kam über eine befreundete Mutter aus dem Freundeskreis unserer Sohnes zustande. Christiane arbeitet für Shanti (www.shanti.de), einem Verein, dessen Schwerpunkt auf der Entwicklung ländlicher Gebiete in Bangladesch liegt.
In einem der Projektzentren wurden und werden junge Frauen zu Näherinnen ausgebildet ... nur hatten sie nicht besonders viel Arbeit. Ariane hatte ohnehin gerade die Idee, Stoff-Erdbeer-Anhänger zu machen und so sagte sie, dass das doch vielleicht ein nettes Projekt wäre – was es denn auch schnell wurde.
Ich habe das Projekt mittlerweile zweimal besucht – vorher war das für mich eine sehr theoretische Angelegenheit, die in mir, ehrlich gesagt, nicht viel ausgelöst hat. Vor Ort habe ich dann gesehen, wie wichtig diese Geschichte für die Frauen ist. Nicht nur wegen dem offensichtlichen finanziellen Vorteil – das natürlich auch – aber auch für ihr Selbstbewusstsein. Viele von ihnen haben keine oder nur eine rudimentäre Ausbildung und haben ihr Dorf noch nie verlassen. Alleine, dass sie sich zum ersten Mal morgens aufmachen und auf sich gestellt zu dem Projektzentrum müssen, wo die Ausbildung stattfindet, ist schon ein enormer Schritt.
Frauen werden in vielen ländlichen Regionen Bangladeschs leider noch immer als Menschen zweiter Klasse gesehen, aber plötzlich sind sie etwas wert: Sie können etwas und verdienen ihr eigenes Geld. Ich musste schmunzeln, als man mir vor Ort erzählt hat, dass die Näherinnen aus dem Projekt heiß umworbene Heiratskandidatinnen sind.
Das ist etwas ganz Tolles: Und was tun wir schon, außer den Menschen eine winzige Chance zu bieten – mehr braucht es gar nicht. Das ist ganz schön cool.

Bildverweis: Näherin aus Bangladesh (Foto privat)

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Ariane und Marcel Dykiert haben vorher beim Casting für internationale Kinoproduktionen gearbeitet. Ariane ist zudem gelernte Wirtschaftsingenieurin. Marcel hat seine Liebe zu visuellen Medien beibehalten und betätigt sich als vielversprechender Hobby-Fotograf. la fraise rouge haben die beiden im Jahr 2006 aus der Taufe gehoben. Mittlerweile bekommt man ihre Produkte in rund 200 Geschäften in ganz Deutschland. www.lafraiserouge.de

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