Dezember 2012 / Astrid Nippoldt / Videokünstlerin / Berlin-Mitte

Coco Berliner - Astrid Nippoldt - 1

Die Schriftstellerin Nelly Sachs hat einmal gesagt: "Alles beginnt mit der Sehnsucht." Wie siehst du das?
Auf jeden Fall kann ich mir kein Leben ohne Sehnsucht vorstellen.

Ist Sehnsucht nicht der eigentliche Antrieb im Leben?
Ja klar, wenn Sehnsucht in Form von Leidenschaft daherkommt. Da hat sie ein enormes Potential. Die Vorstellung, etwas Fernes, Imaginäres zu erreichen, kann einen sehr produktiven Sog auslösen. Das setzt Energien frei, um aus einer Vorstellung etwas Reales zu machen. Selbst wenn dieser Sehnsuchtszustand, der ja immer auch ein wenig ideell bleibt, nie wirklich erreicht wird, ist der Wunsch nach der Annäherung ein starker Antrieb.

Woher kommt die Sehnsucht?
Womöglich ist sie eines dieser Dinge, die uns von anderen Wesen unterscheidet – die Lust an der Vorstellung eines uns fernen Ortes oder Daseinszustandes.

Was ferne Orte angeht, bist du im Laufe deiner Studienzeit und darüber hinaus schon an unzähligen Plätzen rund um den Globus gewesen. Sei es New York, Rom, Vilnius oder Casablanca. Waren da Orte dabei, die du vorher schon herbeigesehnt hattest?
Sicher umgibt New York dieser Mythos, dem sich keiner entziehen kann. Weil die ganze Filmgeschichte diese Stadt immer wieder als Sehnsuchtsort gezeichnet hat. Ich bin da keine Ausnahme, ich bin dem auch erlegen.
Mein Atelier lag nur wenige Meter vom East River entfernt. Von hier aus konnte man beinahe die gesamte Skyline von Manhattan sehen. Hier saß ich oft, denn hier lag diese ganze wahnsinnige Stadt ausgebreitet vor mir. Hier hatte ich das Gefühl, DA zu sein, obwohl ich nur draufschaute. Nur in Manhattan aus der Subway aufzutauchen und durch die Hochhausschluchten zu streunen wie durch eine riesige Filmkulisse, steigert dieses Gefühl nochmal. Das Klischee trifft hier voll zu.
Die Sehnsucht nach Rom zum Beispiel macht sich heute viel mehr an Dingen fest, die ich dort selbst erlebt habe. Hier ist die Sehnsucht sozusagen nachträglich entstanden, in der Erinnerung und dem Wunsch nach dem Wiedererleben und der Wiederholung einer Lebensphase. Sehnsucht als melancholischer Zustand. Kürzlich war ich dagegen für ein Projekt in Peking. Hier liegt das Sehnsüchtige eher im Zustand des Fremd-Seins, im Sich-selbst-anders-Erleben, Herausforderungen gegenüberzustehen, also dem Thrill der Entdeckung.

Also dein persönliches "Lost in Translation" in Peking?
Ein Highlight war sicher die nächtliche Begegnung mit einer Truppe von Arbeitern am Bauzaun einer gigantischen Hochhaus-Baustelle. Erst wollte ich sie nur fotografieren, aber dann entwickelte sich so etwas wie ein Gespräch. Sagen wir, der Versuch eines Gesprächs. Ich wollte wissen, was die Jungs arbeiteten, ob sie bei ihrer Arbeit gesichert seien usw. Nach langem Getippe im Übersetzungsprogramm des Handys gab es immerhin am Ende den Konsens, dass es sich bei unserem Kommunikationsversuch um "Gefahr" handeln sollte. Eine derartige Entschleunigung von sprachlichem Austausch war schon phänomenal.
Das eindrucksvollste in China allerdings war, das mir plötzlich jeder Maßstab zur Bewertung über richtig und falsch, echt oder künstlich, gefährlich oder harmlos usw. fehlte. Ich musste plötzlich komplett ohne bekannte Werte-Koordinaten auskommen. Das hat mich in eine große Verunsicherung gebracht, die mitunter richtig unheimlich war. Der größte Grusel in dieser Hinsicht war das Vermissen von Zivilgesellschaft, Meinungsfreiheit und dem Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit.
Diese Themen waren mir bis dahin als Selbstverständlichkeiten relativ abstrakt geblieben, aber in China hatte ich sofort eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, wenn das in Frage steht. Eines Nachts bin ich in eine TouristenFalle getappt, was mir aber erst später klar wurde. Zwei sehr sympathische junge Frauen hatten mich in ein sehr offenherziges Gespräch verwickelt und dann in eine total unscheinbare Bar abgeschleppt. Als am Ende eine galaktische Rechnung präsentiert wurde, dämmerte mir, dass ich die Situation von Anfang an völlig falsch eingeschätzt hatte, wusste aber nicht, wer wen betrügt, was angemessen, was Fake war. Plötzlich schien alles möglich. Ich sah mich schon von den Sicherheitsbehörden festgenommen in unterirdischen Verliesen im Verhör, wegen Infiltrierung chinesischer Genossinnen mit westlich-freiheitlichem Gedankengut. Nachdem ich überraschend unverhaftet zurück in meinem Apartment war, ging ich zwei Tage nicht vor die Tür.

Auf Sehnsucht kann auch ganz leicht Ernüchterung folgen, wenn man sich am geglaubten Ziel sieht und sich die Sehnsucht nicht erfüllt. Was denkst du darüber?
Bei der Sehnsucht, so wie sie mich bzw. meine Arbeit bestimmt, geht es gar nicht so sehr um das Erreichen eines Zieles. Vielmehr ist sie Selbstzweck. Sie erlaubt, sich ideale Orte zu konstruieren, sich einen idealen Menschen vorzustellen, oder eben einfach, dem Zustand des Sehnsüchtigen als solchen genussvoll zu verfallen. Einen Sehnsuchtsort zum Beispiel schiebt man immer vor sich her, die Entfernung bleibt immer gleich groß.

Aber in New York hast du einen deiner Sehnsuchtsorte besucht. Die Entfernung war in dem Moment auf null Kilometer zusammengeschrumpft. Was passiert dann? Verwandelt sich der Ort in ein Nicht-Sehnsuchtsort? Verschwindet die Sehnsucht aus New York?
New York ist tatsächlich eine Stadt, in die man in Nullkommanix hineintauchen und sich vergessen kann. Aber dann tun plötzlich die Füße weh, es wird kalt, man hat Hunger oder muss aufs Klo. Und schwupps, ist's vorbei mit dem schönen Traum, und die Realität schiebt sich wieder zwischen uns und dem Idealbild.

Welche deiner Kunstwerke beschäftigen sich mit Sehnsucht?
Kaum eine Arbeit beschäftigt sich explizit mit der Sehnsucht, gleichwohl mit träumerischen, sehnsuchtsvollen und dabei aber morbiden Zuständen. Da ist zum Beispiel "Getaway Inn", ein mehrteiliges Video, das ich 2006 während meines Stipendienaufenthaltes in Rom gedreht habe. Schon der Titel deutet eine ambivalente Sehnsucht an, nämlich das Entschwinden ("Getaway...) und das Einkehren (... Inn"). Im Park der Villa Massimo, quasi im "Vorgarten" meines Ateliers habe ich während verschiedener Gastveranstaltungen der Haute-Volée Roms, die dort hin und wieder stattfinden – darunter Filmpreisverleihungen, Premierenfeiern, Modeschauen oder mal eine Werbeveranstaltung für einen neuen Sportwagen – Filmaufnahmen dieser fremden Welt gemacht. Mein Blick richtete sich dabei auf miniaturhafte Szenen, die sich am Rande des Scheinwerferlichtes abspielten. Es ging mir um die Brüche dieses oberflächlichen Glanzes und um die Infragestellung der Idealisierung von Schönheit und Reichtum.
Auch in dem früheren Video "The Serendip Stadium" (2003/04) findet eine Verführung durch die Schönheit statt. In diesem Fall versinkt ein Pferderennen in einem kolossalen Schneetreiben, bis hin zum Verschwinden der Bilder. Zurück bleibt ein traumwandlerischer Zustand in Endlosschleife.
Eine andere Arbeit von mir namens "Cape Coral", eine Mehrkanal-Videoarbeit und Fotoserie von 2010/2011 verhandelt das Phänomen paradiesischer Muster, die sich in ihrer Realisierung wie ein Fangnetz zuziehen. Cape Coral ist eine künstliche Planstadt der 50er/60er Jahre in Florida, in dem jeder Bürger seinen Traum vom eigenen Haus am Wasser leben kann. Heraus kam eine dermaßen monotone Stadtstruktur, dass es, zumindest bei mir, neben den Verführungen (freistehendes Haus, Pool, Insektengitter, eigener Bootsanleger, elektrischer Garagentorheber usw.) vor allem klaustrophobische Beklemmungen auslöste.
Sehnsüchte sind eben sehr häufig Stereotypen, die systematisiert und für den Kommerz ausgeschlachtet werden. Das Bescheuerte ist, sie funktionieren trotzdem weiter. Ich sehne mich auch schon wieder nach meiner Villa und dem Pool...

Sind Sehnsuchtsorte und -zustände somit für Künstler ein wichtiges Element um Kunst zu schaffen? Kann man die Frage gar drastischer formulieren und sagen: Ohne Sehnsucht keine Kunst? Würdest du soweit gehen?
Verkürzt ausgedrückt ist das mit der Kunst nicht anders als im Leben: ohne Sehnsucht keine Leidenschaft, ohne Leidenschaft kein Antrieb, ohne Antrieb keine Kunst.
Oder auch: im Entbehren, der Langeweile und der Ereignislosigkeit liegt die Kraft des Imaginären. Klingt zwar weniger dynamisch, trifft es aber vielleicht auch ganz gut.

Wonach sehnst du dich und warum?
Nach allem, was ich nicht hab.
Da bin ich ein träumerischer, sehnsüchtiger, undankbarer Mensch. Fürchterlich!

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Astrid Nippoldt ist 1973 in Gießen geboren und in Kleve, der niederrheinischen Stadt, die unwiderruflich mit Joseph Beuys verbunden ist, aufgewachsen. Mit ihrem Talent fürs Zeichnen entdeckt sie ihre kreative Ader. Mit dem Studium der Visuellen Kommunikation und Bildenden Kunst in Münster und Bremen reift sie zu einer vielversprechenden Künstlerin. Verschiedene Preise und Stipendien, darunter 2007 der ars viva-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft und das Villa Massimo-Stipendium in Rom, zeugen davon.
Erst am Ende des Studiums entdeckt sie ihre Vorliebe für das Medium Video. Die 39-Jährige setzt oft den Fokus auf kleine Details aus dem Alltag. Durch die Fokussierung gewinnen die kleinen Ausschnitte zusätzlichen Kontext. Ihre Videos und Bilder regen ungemein zum Denken an. Ein bloßes Zur-Kenntnis-nehmen ist fast unmöglich. www.astridnippoldt.de

Coco Berliner - Astrid Nippoldt - 2