August 2012 / Menno Aden / Fotokünstler / Berlin-Prenzlauer Berg

Coco Berliner - Menno Aden - 1

Wie oft wurdest du schon auf deinen Vornamen in Berlin angesprochen, der hier als umgangssprachlicher Ausdruck für Enttäuschung gilt?
Sehr häufig, aber ich habe mich daran gewöhnt.

Welche Bedeutung hat der Name?
Menno ist ein ostfriesischer Name und dort nicht ungewöhnlich.

Du bist in einem kleinen Ort in Ostfriesland aufgewachsen. Was hat dich nach Berlin geführt?
Freunde, die dasselbe taten, die Vielfalt an Architektur und an künstlerischen Positionen. Der ständige Wandel der Stadt ist inspirierend. Ich fühle mich hier ganz wohl.

Wie haben deine Großeltern dich geprägt? Hatte einer deiner Großeltern auch eine kreative Ader?
Interessante Frage. Wenn sie mich geprägt haben, dann wohl nur indirekt. Meine Großmütter habe ich kaum kennen gelernt. Der eine Großvater war Pastor, der andere Chirurg. Vielleicht habe ich das Interesse fürs Wahrheit-Suchen vom ersten und das Interesse am Schneiden und Zusammenfügen vom anderen. Ich glaube aber, wenn schon familiär, dann wurde ich wahrscheinlich eher durch meine Mutter geprägt, die Bildhauerin war – allerdings weniger durch ihren künstlerischen Stil als durch ihren ruhigen und konzentrierten Arbeitsstil. Vermutlich haben mich aber mindestens genauso Freunde oder andere Künstler geprägt.

Was ist das Faszinierende an der Fotografie für dich?
Interessant ist an der Fotografie ja, dass sie immer noch mit Abbildung der Wirklichkeit in Verbindung gesetzt wird, dass Fotos für "wahr" genommen, mit "echt" und "authentisch" assoziiert werden. Und das nicht nur von den Konsumenten, sondern auch von den vielen Fotografen, die sich damit rühmen, bewusst nicht Photoshop zu verwenden, um nichts zu verfälschen. Bei meinen Fotoarbeiten verhält es sich ja genau umgekehrt: Erst durch die digitale Bildbearbeitung wird die Abbildung der Wirklichkeit ermöglicht. Wie bei einem Röntgenbild bedarf es manchmal spezieller Techniken, um "hinter die Fassade" zu blicken und der Wahrheit ein Stück weit näher zu kommen.
Schon allein dadurch dass Fotografie ein sehr technisches, analytisches und eher distanziertes Bildmedium ist, unterstreicht sie die Aussage meiner Arbeiten. Die These des kanadischen Medienexperten Marshall McLuhan vom Medium als Botschaft passt hier ganz gut.

Was war das erste Foto, was dich vollkommen in den Bann gezogen hat und warum?
Nicht vollkommen in den Bann gezogen, aber interessiert hat mich als Kind ein schon damals verblichenes Schwarz-Weiß-Foto meiner Urgroßeltern. Die beiden blicken frontal in die Kamera und übertragen uns einen kurzen Moment aus ihrer Vergangenheit. Mittlerweile sind die beiden auf dem Foto nur noch ganz schwach zu sehen. Wie das Verblassen der Erinnerung an die Dargestellten wird das langsame Auflösen der Fotografie zu einem Vanitas*-Symbol.

* Vergänglichkeit alles Irdischen

Was hat dich zu der Serie von Räumen inspiriert?
Anfangs habe ich ja nur Privaträume fotografiert, Räume von Freunden, weil ich sehen wollte, ob sich anhand solcher Raum-"Scans" Bezüge zu den dort lebenden Personen herstellen lassen. Ich habe die Serie letztlich Room Portraits genannt, weil sie die dort lebenden Menschen portraitieren, ohne diese zu zeigen. Später habe ich dann auch öffentliche statt private Räume "portraitiert", um Ordnungssysteme unseres Alltags aufzuzeigen. Mir gefällt bei den Room Portraits, dass sie gleichzeitig an Puppenstuben und an den Blick einer Überwachungskamera erinnern, der wie ein "Gottes"-Blick ist (im Englischen sagt man auch "God's Eye View"). Das hat etwas Voyeuristisches und Erhabenes, gleichzeitig aber auch etwas Haltloses, Schwebendes.

Warum sind keine Personen in den Room Portraits zu sehen?
Die Dinge und Gegenstände erzählen schon genug. Zusätzliche Personen würden den Blick zu sehr auf sich lenken. Das Stille und Rätselhafte ist mir sehr wichtig.

Deine Room Portraits sind nur möglich mit der Hilfe von Computern und Fotobearbeitungs-Programmen. Wie und was würdest du fotografieren, wenn dir diese modernen Techniken nicht zur Verfügung stehen würden?
Meine Serie Room Portraits, in der ich Räume aus der Höhe aus mehreren Bildern am Computer zu einem Bild zusammenmontiere, ist ja nur ein künstlerischer Ansatz bei mir. Mich interessieren generell Ordnungssysteme, Strukturen und Muster unserer Umwelt, die sich auch ohne Computer realisieren lassen. Meine Serie Grids, Tubes oder Tracks and Fields sind stellenweise ohne oder fast ohne Bildmanipulation entstanden.

Abseits deiner kreativen Arbeit, engagierst du dich sozial oder politisch? Wenn ja, wie?
Nein, zumindest nicht in dem Sinne wie es Leute tun, die von sich behaupten, dass sie sich sozial oder politisch engagieren. Ich zweifle da viel zu sehr und finde auch Menschen eher unangenehm, die zu allem eine Antwort parat haben. Ich stelle auf eine Frage lieber eine Frage und halte es da eher mit Eugène Ionesco: Die einzig mögliche Antwort ist die Frage selbst.

Du hast schon öfter in Bangkok ausgestellt? Die Hauptstadt Thailand ist nicht als Mekka für zeitge-
nössische Kunst bekannt. Wie kam es zu diesen Ausstellungen, wie wurden deine Arbeiten dort aufgenommen, und was bedeutet dir Bangkok?

Ich kenne dort einen Kurator. Thailand und die meisten angrenzenden Staaten sind, anders als die westlich-orientierten Länder Asiens (Japan, Korea), künstlerisch eher traditionalistisch geprägt, zumindest oberflächlich betrachtet. Man darf das aber nicht unterschätzen, und es passiert dort wie überall auf der Welt eine ganze Menge hinter den Kulissen. Ich habe im November eine Gruppenausstellung in Myanmar, und ich glaube, dass dort infolge der derzeitigen politischen Veränderungen in den nächsten Jahren einiges passieren wird. Wäre ich Kurator oder Kunstsammler, ich würde in burmesische Künstler investieren.

Meine Arbeiten werden dort wie hier meist interessiert wahrgenommen. Gut, sie sind jetzt ja auch nicht völlig unverständlich, aber für einige doch "anders". Kaufen tun sie dann aber doch eher Leute aus westlichen Ländern. Interessanterweise bekomme ich derzeit viele Zuschriften aus Lateinamerika.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Menno Aden ist im ostfriesischen Weener aufgewachsen. Er studierte dann in Bremen. 2001 zog es ihn nach Berlin. Was ihn nicht daran hinderte, 2009 den Europäischen Preis für Architekturfotografie in Frankfurt am Main entgegenzunehmen. Seit Beginn seiner Karriere faszinieren den Wahlberliner Muster, Strukturen, und Raster. Dass seine Arbeiten weltweit großes Interesse erzeugen, zeigt sein umfangreicher Ausstellungskompass, der u.a. Miami, Budapest und Mailand einschließt. www.mennoaden.com

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