April 2012 / Tina Zellmer / Illustratorin / Berlin-Kreuzberg

Coco Berliner - Tina Zellmer - 1

Was hat Berlin, was Amsterdam nicht hat?
Es gibt mehrere Gründe, warum ich von Amsterdam nach Berlin gezogen bin. Einer der Hauptgründe waren die bezahlbaren Mieten in Berlin. Mehr Wohnraum für angemessene Mieten. Berlin ist eine wunderbare Stadt zum Leben. Amsterdam ist doch noch eher eine gemütliche "kleine" Stadt im Vergleich. Berlin ist eine echte Großstadt, chaotisch und wild. Das mag ich. Um die nächste Ecke findet man immer was Neues: ein wunderbares Café mit leckerem Frühstück, eine Wiese, einen Flohmarkt. Die Flohmärkte sind hier viel besser – das Essen auch.

Von was lässt du dich zu deinen Illustrationen inspirieren?
Ich bin ein Mensch der mit allen Sinnen aufsaugt. Gesprächsfetzen am Nachbartisch, ein altes Stück Papier auf der Straße, Wolkenformen am Himmel, Gefühlsstimmungen, Collagenmaterial wie alte Fotos oder alte Dokumente, Farben, Stoffe, Gerüche, Texte. All das fließt in meine Arbeit ein – oft auch unbewusst und Tage später. Wenn mir nichts einfällt, blättere ich in meinen Kunstbüchern – das hilft garantiert. Manchmal hat der Kunde genaue Vorstellungen und dann arbeite ich damit. Das Eingrenzen meiner kreativen Möglichkeiten gibt mir auch Inspiration.

Was sind konkret in Berlin für dich Inspirationsquellen?
Ich sitze gerne in Cafés draußen und beobachte Leute. Was sie anhaben, wie sie sich bewegen, worüber sie sich unterhalten. Ich könnte das den ganzen Tag machen und vor mich hinträumen. Ich geh auch gerne auf die Berliner Flohmärkte (z.B. den im Mauerpark oder auf dem Boxhagener Platz) und suche nach Collagenmaterial oder alten Kisten, die ich als Hintergrund gebrauchen kann. Oder ich geh ins Museum – oder zu einer Ausstellung. Im Martin-Gropius-Bau gab es letztens die Ausstellung "Pacific Standard Time: Kunst in Los Angeles 1950-1980" – die war sehr inspirierend. Die Assemblage-Skulpturen haben mir super gefallen, und ich will jetzt bald mal was mit Kunstharz ausprobieren.

Was bekommst du von deinen Kunden für Rückmeldungen auf deine Kunst? Wie beschreiben sie die?
Ich bleibe dicht am Thema, mache gründliche Recherche, lese zwischen den Zeilen und bringe Ideen auf den Tisch, die anders sind, neu, und passen. Meine Illustrationen haben etwas Ruhiges, Grafisches, aber Wildes zugleich – sind handgemacht und "rau", trotzdem aber feminin und tiefsinnig. Eine Rückmeldung ist, dass ich mich gut zwischen "kommerziell" und "Kunst" bewegen kann. Meine Kunden mögen den direkten Kontakt und die enge Zusammenarbeit mit mir.

Wie kommst du an Aufträge heran?
Ich habe das große Glück, dass mittlerweile viele Aufträge über meine zwei ganz tollen Illustratoren-Repräsentanten in England und Kanada laufen. Die kümmern sich um den Kontakt, die Auftragsabwicklung und Vertragliches. Damit habe ich die Möglichkeit, mich mehr auf die Ideenentwicklung und das Zeichnen selber zu konzentrieren. Trotzdem bin ich natürlich ständig in direkter Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber – ohne Zwischenperson. Die meisten Aufträge kommen durchs Internet – über meine Webseite. Vieles kommt über Empfehlung, oder von Leuten, die meine Bilder z.B. in einer Zeitschrift gesehen haben.

Was ist deine Selbstvermarktungsstrategie?
Habe ich denn eine ;-) ? Ich müsste eigentlich mal wieder etwas mehr Energie in die Eigenakquise stecken – ich vermarkte mich selber so ungern.

Deine Werke sehen sehr kosmopolitisch aus und lassen vermuten, dass du viel in der Welt herumkommst. Reist du viel? Wenn ja, was findest du auf deinen Reisen?
Ja, ich liebe es zu reisen. Ich liebe es andere Welten zu erkunden, Kulturen zu entdecken, über den Tellerrand zu schauen und mich einzulassen auf ein Land und seine Gebräuche, seine Gerüche, seine Kultur. Ich versuche jedes Jahr für eine längere Zeit zu reisen. Ich finde das Suchen.

Hattest du von Kindheit an den Wunsch Illustratorin zu werden?
Ich fand Malen und Basteln schon immer spannend. Aber als Kind wollte ich eigentlich Pilotin oder Meeresbiologin werden. Detektivin wollte ich auch werden – aber als ich als Jugendliche um ein Praktikum bat, scheiterte es an dem nichtvorhandenen Führerschein ;-)

Welcher Beruf wäre für dich mindestens genauso erfüllend und warum?
Ich kann mir ganz vieles als Beruf vorstellen. Es darf nur nicht eintönig werden! Es gibt so vieles, was ich spannend fände. Aber genauso erfüllend?? Nee.

Kreative brauchen oft Zeiten und Räume, in denen ihnen die Betrachtung der Natur entweder auf die Sprünge hilft oder den Akku wieder auflädt. Kennst du das auch? Wenn ja, welche Natur magst du gerne betrachten und warum?
Wolken! Die sind so schön vielfältig und sehen IMMER anders aus... wenn man sich auskennt, kann man an den Wolken auch ablesen, wie das Wetter wird... ist das nicht toll? So ein Buch habe ich auch. Kumuluswolke... schönes Wort, oder? Blätter der Bäume... mit Gegenlicht sind die am besten (dann entsteht dazwischen dieser "Weißraum"); Den Himmel betrachten, wenn Sturm aufzieht; Sonne mit Regen gleichzeitig (in Kombination mit dem Geruch); Regen, der in Pfützen fällt.

Wie kommst du mit unserem heutigen "Sofortness"-Lebensgefühl zurecht, das sowohl die Arbeitswelt als auch das Privatleben prägt? Kannst du dich dem gut entziehen?
Uns wird immer mehr abverlangt und die Leistungslatte steigt immer höher. Nicht nur der Druck von außen, sondern vor allem auch der an sich selbst. Mir hilft es einen Schritt zurückzugehen, ans Meer zu fahren zum Beispiel. Das gibt mir die Möglichkeit, meine Batterien wieder aufzuladen und mich auf das Wichtige zu konzentrieren. Bei Illustrationsaufträgen können kurze Deadlines aber auch Energie geben.

Wenn du deinen Lebensweg visualisieren müsstest, wie sähe der aus? Kannst du ihn uns beschreiben?
Bunt und vielschichtig. Kleine blaue Tropfen rechts oben, rotes Gekrikkel mittendrin und am Rand, Licht von vorn und Wind von hinten, Collage aus alten Briefen über die mit Rosa, Blau, Gelb und Grau rübergemalt ist. Buchstaben und Zahlen, die keinen Sinn zu haben scheinen, ein altes Tapetenmuster, an dem man sich nicht sattsehen kann, die Outline von einem Vogel, und verblichene Songtexte im Hintergrund.

Das Interview führte Katja Mollenhauer. Fotos von Nadja Wehling

Tina Zellmer ist in Leer (Ostfriesland) aufgewachsen. Das Handwerkszeug zur Illustratorin hat sich die Wahlberlinerin im holländischen Groningen geholt. Nach dem Studium ging es für mehrere Monate nach Australien, wo sie nicht nur das Land bereiste, sondern auch ihr Zeichentalent in australische Dollar vergolden konnte. Bevor sie vor neun Jahren nach Berlin kam, tauchte sie in die Kunstszene Amsterdams ein. www.tinazellmer.com

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